Da muss man vielleicht ein wenig ausholen. Die Idee, der gegnerischen Moral mit Flugzeugen zu Leibe zu rücken, entstand im Ersten Weltkrieg. Deutschland kam damals nicht so recht an England heran, besonders, als man auf Druck der USA den U-Boot-Krieg für mehrere Jahre nach Prisenordnung führen musste. Das Reich nutzte daher Zeppeline und später Gotha-Bomber, um England direkt zu bombardieren. Es sollte bewusst die Zivilbevölkerung getroffen werden, um die englische Moral zu brechen, aber die Mittel waren noch zu gering. In der Zwischenkriegszeit gelangten dann aber viele Offiziere und zivile Militärexperten zur Überzeugung, dass man allein mit der Luftwaffe imstande sein könnte, den Gegner zur Aufgabe zu zwingen.
Man unterschied dabei in allen Ländern zwischen der Stimmung und der Moral im Volk. Erstere galt als wechselvoll, letztere als kriegsentscheidend. Wenn man also ein Volk so stark treffen könnte, dass es seine Kampfmoral einbüßte und nicht nur die Stimmung etwas absackte, würden Massendemonstrationen und Streiks der unteren Schichten (die man in der Regel fast überall für besonders anfällig hielt) die Regierung dazu zwingen, den Kampf aufzugeben. Es ist offensichtlich (und wird auch in der Forschung nicht bestritten), dass dies allenfalls in sehr begrenzter Form und dann auch nur im Zusammenhang mit einer rasch vorrückenden Armee geschehen ist, beispielsweise bei der Kapitulation der Niederlande. Und selbst in diesem Fall handelte es sich um eine freie Entscheidung der Regierung, nicht um einen durch Volksproteste erzwungenen Schritt.
Es gab auf alliierter Seite nur wenige Menschen, die eine solche Hoffnung wirklich hegten, und die US-Bombenangriffe sollten ohnehin eher strategischen Zielen und nur in zweiter Linie der deutschen Moral gelten. Diese "reine Lehre" war also eher in der Zwischenkriegszeit verbreitet, weniger im Krieg selbst. Es zeigte sich, dass Bomberflotten hohe Verluste erleiden konnten und gerade die einfachen Leute sich häufig als erstaunlich standhaft und pragmatisch erwiesen. Es wird zwar diskutiert, ob die Niederlage für die Deutschen anders als 1918 bereits spürbar war, bevor das Reich dann unterging und eine neue Dolchstoßlegende mit verhinderte, aber der Erfolg des reinen "Moral Bombing" wird (soweit ich es sehe) fast immer als gering angesehen.
Wie du schon sagtest, lag der Hauptnutzen wohl wirklich darin, die Wehrmacht zur Veränderung ihrer Rüstungsprioritäten zu zwingen und der Sowjetunion und später auch den Westmächten ihre Gegenoffensiven zu erleichtern. Die Luftwaffe verlor ihre Überlegenheit beispielsweise auch im Osten im Lauf der Jahre 1942 und 1943 und konnte das Heer immer weniger mit eigenen Bombern unterstützen. Das war den Verantwortlichen auf englisch-amerikanischer Seite auch bewusst. Churchill und Roosevelt betonten Stalin gegenüber immer wieder, dass mit den Luftangriffen bereits in gewisser Weise eine zweite Front errichtet worden sei, weil man damit erhebliche Kräfte der Wehrmacht binde.


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