
Zitat von
Jon Snow
Es gibt da grob gesagt eine traditionelle und eine revisionistische Deutung, wobei Letztere mittlerweile auch schon einige Jahre alt ist. Lange herrschte ein gewisser Forschungskonsens, wonach das Ziel, die Bevölkerung vom Regime zu trennen, offensichtlich verfehlt wurde. Staat, Partei und Wehrmacht konnten den Krieg bis zum Tod Hitlers fortführen, obwohl er objektiv verloren war. Das "Moral Bombing" wäre damit militärisch nutzlos gewesen, die dabei verwendeten Ressourcen besser in den Schutz der Geleitzüge oder die Unterstützung der Sowjets investiert worden. Vielfach wurde Churchill persönlich für diese Fehlentscheidung verantwortlich gemacht, da er 1941 unbedingt zu einer offensiven Kriegführung habe zurückkehren wollen, die seinem Naturell entsprach, die aber zu Lande aussichtslos gewesen wäre.
Vor etwa 20 Jahren traten dann Kershaw und Overy mit der These hervor, wonach die Bombenangriffe es Deutschland unmöglich gemacht hätten, die Luftwaffe wie bei den ersten erfolgreichen Blitzfeldzügen offensiv einzusetzen. Stattdessen hätten zunehmend Ressourcen in den Bau von Jägern umgelenkt werden müssen, was besonders den Sowjets zugute gekommen sei. 1943/44 hätten sie dann erstmals mit Luftüberlegenheit operieren und so ihre Großoffensiven deutlich besser durchführen können.
Beiden Sichtweisen ist gemein, dass sie die moralische Wirkung zwar anschaulich beschreiben, ihr aber keine kriegsentscheidende Wirkung zusprechen. Das Regime verlor durchaus an Rückhalt und Vertrauen, ohne dass sich deshalb die NS-Ideologie einfach auflöste. Selbst der "Führermythos" scheint bei vielen Menschen lange vorgehalten zu haben. Nur die Parteigliederungen vor Ort und Göring als Hauptverantwortlicher für die Luftwaffe verloren eindeutig an Glaubwürdigkeit und Ansehen.
In den zeitgenössischen Tagebüchern, die seit einigen Jahren als Quellengattung neu entdeckt und ausgewertet werden, gibt es übrigens das ganze Spektrum: Von der Verurteilung der "Luftterroristen" bis hin zur Vorstellung, man habe dieses Inferno mit dem Krieg und der Behandlung der Juden selbst heraufbeschworen.
Im Ruhrgebiet war Anfang 1943 wohl an vielen Hauswänden zu lesen:
"Lieber Tommy, fliege weiter!
Wir sind hier nur Bergarbeiter.
Fliege weiter nach Berlin.
Die ha'm alle ja geschrien!"
Auch die moralische Frage wird durchaus unterschiedlich beantwortet, wobei auch die Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen etwas stärker ins Blickfeld gerückt sind (einerseits, weil sie natürlich ebenso von den Angriffen betroffen waren, andererseits weil das Regime sie zum Beseitigen der Trümmer zwang, selbst wenn die Angriffe noch nicht vorüber waren oder die Umstände sich als gefährlich erwiesen).