Basileia tōn Rhōmaiōn – Wie ein Phönix aus der Asche?
Im Jahre 1337 ist vom einstigen Imperium Romanum nur noch ein Bruchteil übriggeblieben. Erstarrt im Inneren und umgeben von Feinden könnte die knapp 1.000-jährige ruhmreiche Geschichte des Oströmischen Imperiums ein abruptes Ende nehmen. Doch wie konnte es nur dazu kommen?
The Byzantine Empire in 1340 a year before the death of Andronikos III.
Eine tiefgreifende Analyse dieser knapp 1.000-jährigen Geschichte würden komplette Enzyklopädien füllen, demzufolge konzentrieren wir uns hier in dieser kurzen Abhandlung auf die wichtigsten Ereignisse, welche in der jüngeren Vergangenheit vorzufinden sind.
Während das Imperium in der Spätantike und im Frühmittelalter wechselhafte, doch stete Gravitas auf seine Nachbarreiche ausübte, war von diesem Ruhme im Hochmittelalter kaum noch etwas vorzufinden. Im Norden terrorisierten einfallende Petschenegen die Donauregion, Süditalien ging an die Normannen verloren und das einstige Rekrutierungszentrum der imperialen Armee Ostanatolien fiel an das Sultanat der Seldschuken.
A painting depicting the Battle of Manzikert (Istanbul Military Museum)
Diese brisante Ausgangssituation brachte Basileus Alexios I. Komnenos dazu, dem Papst um militärische Unterstützung gegen diese sunnitischen Invasoren aus dem Osten zu bitten. Dieses Hilfegesuch mündete schlussendlich im Ersten Kreuzzug. Das Ende des Ersten Kreuzzuges ist allen nur allzu gut bekannt. In der Levante siedelten sich die Latiner an, die Beziehungen zwischen der katholischen und orthodoxen Welt bekamen weitere Risse und die einstigen formidablen Beziehungen zum Kalifat der Fatimiden wurden irreparabel geschädigt.
Alexios I in a 12th-century Greek manuscript, Vatican library
Medieval manuscript depicting the Capture of Jerusalem during the First Crusade.
Als seien die neuen lateinischen Mächte in der unmittelbaren Nachbarschaft nicht genug Unheil, erschütterten mehrere innenpolitische Krisen die Handlungsfähigkeit des Imperiums. Eine ausufernde sowie lähmende Bürokratie, ausbeuterische Militäradelsfamilien und korrupte lateinische Händler hinterließen gähnende Staatskassen. Der letzte Komnenenkaiser Andronikos I. ging Ende des 12. Jahrhunderts gegen diese Misere vor, jedoch waren seine Methoden äußerst brutal und sorgten für ein abruptes Ende seiner zwei Jahre dauernden Schreckensherrschaft. Dabei zerstörte er die letzte positive Eigenschaft, welche das Imperium noch besaß. Ein schlagkräftiges sowie straff organisiertes Militär. Ab diesem Zeitpunkt verlor das Imperium die Fähigkeit offensiv tätig zu werden und war von nun an von illoyalen Söldnern abhängig.
A medieval depiction of the death of Andronikos
Das nachfolgende Adelsgeschlecht der Angeloi zeichnete sich insbesondere durch ihre Inkompetenz aus. Die inneren Unruhen wurden dadurch noch verstärkt und gipfelten in einem weiteren Hilfsgesuch des Basileus Alexios IV., welcher sich an die Kreuzritter wandte. Gesponsert vom Dogen von Venedig Enrico Dandolo plünderte das Kreuzfahrerheer des Vierten Kreuzzuges die christliche Stadt Zara an der adriatischen Küste und eroberte sowie zerstörte schlussendlich große Teile Konstantinopels. Konstantinopel konnte sich von dieser maßlosen Zerstörung nie wieder erholen. Die Venezianer sowie die Kreuzfahrer beendeten vorläufig die Existenz des Imperiums. Die Kreuzfahrer verwalteten das kurzlebige Lateinische Kaiserreich, das Königreich Thessalonike sowie das Prinzipat von Achaia, während Venedig die Kontrolle über die griechischen Inseln ausübte. Das Imperium existierte als dreigeteilter Rumpfstaat unabhängig voneinander im Despotat von Epirus, im Kaiserreich von Nikaia und im Kaiserreich von Trapezunt.
The partition of the empire following the Fourth Crusade, c. 1204
Eine Ironie des Schicksals war die Zerstörung des Imperiums. Wurden die Kreuzfahrer ursprünglich infolge eines Hilfegesuchs gegen die sunnitischen Invasoren in den Osten gesandt, schwächten sie über hunderte Jahre hinweg die imperiale Wehrfähigkeit und sorgten in einem finalen Akt für ihren vorläufigen Untergang. Jedoch konnte sich das Lateinische Kaiserreich nach seiner Gründung 1204 keine sechs Dekaden behaupten. Ohne wirtschaftlichen Unterbau sowie kriegerische Auseinandersetzungen mit den Bulgaren konnte das Kaiserreich von Nikaia unter dem Adelsgeschlecht der Laskariden zügig Teile Makedoniens sowie Thrakiens zurückerobern. Bereits 1261 wurde Konstantinopel unter dem Basileus Michael VIII. Palaiologos befreit. Sechs Dekaden nach ihrer Eroberung waren noch immer Spuren ihrer Zerstörung vorzufinden, die Bevölkerung stark geschrumpft und von ihrem einstigen Glanze ist kaum noch etwas geblieben. Während Basileus Michael VIII. Palaiologos sich darum bemühte den europäischen Besitzstand zu wahren und insbesondere gegen weitere Kreuzfahrer unter Karl I. von Anjou zu halten, drangen neue sunnitische Invasoren im Osten vor. Diese verschiedenen türkischen Fürstentümer expandierten auf Kosten des Imperiums stark Richtung Westen.
The restored Byzantine Empire in 1265 (William R. Shepherd, Historical Atlas, 1911)
Reproduction of a lost Byzantine miniature in the Peribleptos Monastery, Mystras, portraying Michael VIII alongside Theodora and Constantine
Sieben Dekaden später im Jahre 1337 unter Basileus Andrónikos III. konnte der europäische Besitzstand vom Einfluss der lateinischen Herrschaft endgültig befreit werden. Jedoch ziehen finstere Wolken über den imperialen Horizont. Die orthodoxen Mächte Serbien und Bulgarien sind dem Imperium äußerst feindlich gesonnen, die Attika wird vom Königreich Sizilien okkupiert und im Osten stehen die mächtigen Osmanen vor den Dardanellen. Des Weiteren wurden die innenpolitischen Verwerfungen, welche nun seit Jahrhunderten die Innovationskraft des Imperiums vollständig auslöschen, nicht angegangen. Die Korruption grassiert unentwegt, die Stände kümmern sich nur um ihre Pfründe und die Staatskasse kann sich nur dank kontinuierlichen Schuldenaufbaus übers Wasser halten. Kann sich das Imperium von seinen Altlasten nun schlussendlich befreien oder wird es unter den Ambitionen seiner Nachbarreichen untergehen?
The Byzantine Empire in 1340 a year before the death of Andronikos III.