![]()
Der Kater ist geil....im wahrsten Sinne des Wortes.![]()
Weiter so, Maestro.![]()
![]()
Der Kater ist geil....im wahrsten Sinne des Wortes.![]()
Weiter so, Maestro.![]()
Kapitel 34 – Realität
Ding-Dang-Dong.
Das vertraute Klingeln der Schulglocke ließ den Raum um sie herum in Panik ausbrechen. Es war, als hätten all die jungen Menschen nur darauf gewartet, endlich ihre Sachen einpacken zu dürfen, zu reden und zu wühlen. Es war ein Theater, dass nur junge Menschen veranstalten konnten, die seit über fünf Minuten jede Sekundenzeigerveränderung der Klassenzimmeruhr genau beobachtet hatten, die nur darauf warteten, endlich ins Wochenende entlassen zu werden, heraus aus der Schule zu kommen und hinein in…
‚… in irgendwas’, vervollständigte für sich ein Mädchen, welches in den letzten neunzig Minuten nicht aufgefallen war. Weder hatte sie gestört noch geredet, sie hatte auch nicht auf ihrem Stuhl gekippelt, sondern sich einfach nur mit ihrem Heft beschäftigt. Ihr Name war Marie, sie ging in die zwölfte Klasse, und ihre Lehrerin, Frau Wintergrädt, war davon überzeugt, dass sie eine eifrige, wenn auch schüchterne Schülerin war. Sie selbst aber wusste es besser, sie hatte weder gelauscht noch mitgeschrieben, sondern Wichtel in ihr Heft gemalt. Kleine Kerle mit Schlumpfmützen also. Ihr war einfach danach gewesen.
Was war nur los mit ihr in letzter Zeit? Sie war so abwesend, so verträumt, hatte keine Lust mehr auf gar nichts und wollte nur… irgendwas.
Irgendwas? Etwas Bestimmtes… bestimmt. Aber sie wusste es nicht.
Es war das tiefe Gefühl, dass sie ergriffen hatte, dass da draußen irgendwas auf sie wartete, das sie übersah, etwas, das mehr wert war als ein Leben zwischen langweiligen Büchern. Irgendwas.
Seit Tagen träumte sie noch so vor sich hin. Immer wieder dachte sie an ihre Jungs, die sich auch dieses Wochenende nicht treffen wollten. Sie hatten alle etwas anderes vor, nichts Bestimmtes, einfach… irgendwas.
Jungs… Rollenspiele… Etwas verlegen sah sie sich um, um sicherzugehen, dass ihr niemand zusah. Doch da war niemand mehr. Sie war unsichtbar, wie immer. Gut, da konnte sie ja weiter tagträumen.
Sie hatte Lust, zu spielen, irgendwie. Jetzt gleich und hier. Die ganze Stunde über hatte sie, wenn sie nicht gezeichnet hatte, an ihre beiden Charaktere gedacht, an Freya und Vesta. Zwei schöne Frauen, fand sie, und zwei interessante. Auf beide war sie stolz, auch wenn sie nicht die beste Rollenspielerin war und sich häufig verhaspelte. Aber sie spielte gerne, und gerade störte sie, dass sie an so einem Cliffhanger waren, irgendwie. Richtig mistig, da zu warten.
„Hey, Marie, möchtest du mich vielleicht anrempeln?“
Sie schreckte hoch, um mit der einzigen Antwort zu reagieren, die ihr einfiel. „Was?“
„Na, du bist schon wieder so verträumt.“, begann der Junge, der sich gegen die Wand gelehnt hatte und versuchte, lässig zu wirken, „Und du weißt doch, was in Anime-Serien mit verträumten Mädchen passiert.“ Er zwinkerte und blies eine Kaugummiblase, die aber nicht effektvoll zerplatzen wollte. So typisch für ihn. „Du hättest mich doch gerne aufgefangen“, scherzte Marie zurück, auch wenn ihr gar nicht danach war. „Aber schön, dich zu sehen, Joachim. Hätte nicht gedacht, dass du dich wieder hierher verirrst.“
„Tjaaaaa“, antwortete er und versuchte es erneut mit einem Plopp, „Du weißt schon, warum ich hier bin. Fräulein möchte nicht Bus fahren und wünscht meine Fahrdienste. Sie hat wieder Klavierstunde hier, du verstehst.“ – „Klar“, versuchte Marie zu lachen, „irgendwie…“
Doch dann schwieg sie. Peinliche Stille entstand. Zwei Personen standen beieinander, nicht gegenüber und nicht zu nahe und jeder dachte, was er nicht sagte. „Marie, ich…“, begann Joachim schließlich, doch das Mädchen ließ ihn nicht reden. Sie wusste, was er sagen wollte. „Nein. Sei still. Ist vergessen. Ist gefressen… irgendwie.“ – „Freya, es tut mir leid. Das alles. Ich wollte nicht…“ Er verstummte, als ihm klar wurde, was er eben gesagt hatte. Doch auch ihr war es klar gewesen. ‚Ich heiße Marie.’, wollte sie ihn aufklären. Doch das hätte wenig gebracht.
„Ich möchte spielen.“, sagte sie stattdessen knapp.
„Gleich hier?“
„Ja, warum nicht?“
„Nur wir beide?“
„Reicht doch.“
„Na gut, ich habe noch etwas Zeit. Hast du Würfel?“
Sie nickte.
„Gut. Wo möchtest du weitermachen? Bei Freya oder bei Vesta?“
„Bei der Kaiserin.“
‚Mit dir’, fügte sie in Gedanken hinzu. ‚Trotz allem.’ Sie blickte ihn an, musterte seine Augen, während er vollkommen überfahren wurde und doch versuchte, professionell zu sein.
„Kein Problem“, sagte er schließlich, „Lass uns in den SV-Raum gehen.“
Keep your eyes on me, now we're on the edge of hell.
[Kapitel 35 - Bewegung]
"Hey, Freya, wollen wir tanzen?" Mit diesen Worten hatte Rufus den Auftakt gegeben, der die beiden Jugendlichen durch das Nachtleben der schillernden Stadt Vinsalt geführt hatte. Sie waren endlich da, und das war wirklich ein Grund zum Feiern. Und so waren sie ein wenig durch die Gassen gestreift.
Nun waren sie auf dem Weg zum Palast. Sie beide waren nicht mehr ganz frisch, denn sie waren in Eile. Die Krönung könnte jeden Moment anfangen, und das wollten sie nicht verpassen.
"Warum sind wir eigentlich so ziellos durch die Gegend gereist?", wollte Rufus im Laufen wissen.
"Das liegt an dem fantastischen Realismus, glaube ich."
"Hääää?"
"Na, ist doch klar. Der sorgt dafür, dass zum einen eine Landschaft jahrtausendelang besiedelt ist, aber es andererseits noch unentdeckte Dungeons gibt. Du veränderst ganz einfach die Wahrscheinlichkeit und passt das Ziel der Intention deiner Reise an."
"Das heißt, wenn ich Abenteuer erleben möchte, erlebe ich welche?"
"Genau."
"Und unser Ziel war dann...?"
"Beschäftigt zu sein, bis die Krönung anfängt."
"Und das führt uns durch halb Aventurien?"
"Klar."
"Doch wenn das Ziel der Weg ist, dann ist doch auch klar, wann wir ankommen, oder?"
Sie nickte.
"Und dann müssen wir uns eigentlich nicht beeilen."
Wiederum nickte sie.
"Können wir auch eine Pause machen. Was ist, Freya? Lust auf ein Bier?"
Der Mond war schon aufgegangen, als sie endlich eine Bank fanden. Dey sprang aus Rufus' Rucksack, um sich wieder einmal bemerkbar zu machen, während dieser seine restlichen Vorräte durchkramte. Das schneeweiße Fell des Katers schimmerte im Mondlicht und Freya betrachtete ihn, während er seinen völlig zerzausten Pelz putzte. Ein abgemagerter Kater war das, doch in seinen blutroten Augen leuchteten die Spuren eines seltsamen Charakters. Und seine Krallen waren ziemlich scharf.
"Kleiner.", murmelte sie nach einer Weile. "Komm' doch mal her. Ich habe hier auch etwas zu fressen für dich..." Doch Dey sah keinen Grund, sich zu rühren. Seine Augen trafen Freyas und blieben auf ihnen ruhen. Dann sprang er auf und verschwand im Gesträuch.
"Mach' dir nichts draus.", wandte sich Rufus tröstend an die Magierin und setzte sich neben sie. "Dey ist manchmal etwas seltsam. Aber ich denke, er mag dich." - "Warum das?", fragte sie verwundert, und er lächelte. "Weil er dich nicht angefallen hat."
"Weißt du, Dey ist mein Wachkater. Meine Mutter liebt ihn, und ich mag ihn auch. Aber anderen Menschen gegenüber ist er meist recht aggressiv. Ich weiß auch nicht, warum..."
Freya blieb still sitzen und schaute ins Leere. Eine seltsame, melancholische Stimmung überfiel sie. Es war der Blick des Katers. "Vielleicht haben die anderen Katzen ein Problem damit, dass er anders ist. Vielleicht kommt daher seine Wut..." - "Nein, das glaube ich nicht. Ich denke eher, er mag seine Krallen." Er lächelte, doch das erkannte er, was in Freya vorging. "Magst du deine Krallen nicht?"
Sie schwieg für einen Moment. Dann sprach sie, ohne ihn anzusehen: "Sie haben über mich geredet."
"Wer?"
"Vesta und Carro."
"Häää?"
"Gerade eben. Im Palast."
"Woher weißt du davon?"
"Meine Spielerin spielt auch Vesta."
"Ist das der Grund, warum ihr euch so ähnlich seid?"
"Sind wir das?"
Er nickte nur...
Keep your eyes on me, now we're on the edge of hell.
Kapitel 36 – Neubeginn
Zeit vergeht. Ob Menschen es wünschen oder nicht. Egal, ob sie nach Ewigkeit oder nach Gestrigkeit streben, nichts konnte die Momente aufhalten, die wie an einer endlosen Schnur aufgeknüpft nacheinander abliefen.
Es war Nacht. In diesem Moment, in der Nacht des zweiten Tages, lag Freya mit Rufus auf einer Wiese, spürte den warmen Wind, der durch ihre Haare fuhr und sah hinauf zu den Sternen. In diesen Momenten, das wusste sie, wurde im fernen Vinsalt einer jungen Halbelfe ein goldener Kranz aufs Haupt gelegt, würde eine junge Priesterin, die zuflligerweise auch ihre Cousine war, eine Rede halten und dann das Schicksal einer ganzen Nation in ihre Hände legen. Das Volk würde jubeln, die Elfe würde schüchtern lächeln und anschließend würde es ein Fest geben, bei dem bis zu dem kleinsten Diener jeder so viel Rotwein trinken würde, dass er nicht mehr gerade stehen konnte.
Heute Nacht, im Vinsalter Palast, wurde Geschichte geschrieben. Und sie waren nicht dabei.
Sie konnte sich nicht erklären, warum es sie so beschäftigte. War sie traurig, eine solch einmalige Gelegenheit wie die Krönung einer Kaiserin zu versäumen? Bedrückte es sie, dass Carro so lange ohne sie auskommen musste, dass sie ihn quasi im Stich ließ? Oder war es ihr Herz, dass sie so sehr zu der Kaiserin zog, das sie sich fragte, warum?
Es war schwer. Manchmal ist es nicht leicht, seine Gefühle zu deuten und sich zu verstehen. Manchmal ist es nicht leicht, der Unruhe Herr zu werden, der Angst, etwas zu versäumen.
Ein Seufzen. Sie war nie gut darin gewesen, zu warten.
Rufus machte es keine Probleme. Sie drehte sich zu ihm um und beobachtete ihn eine Weile. Ruhig sah er hinauf in die Sterne, während ein kleines, weißes Fellknäuel zusammengerollt auf seinem Bauch schlief. Seinen Panzer hatte er abgelegt und auch sein Schwert war in der Kutsche verstaut. Und wenn sie ihn sich so anblickte, konnte sie sich nicht vorstellen, dass dieser so zerbrechlich und sympathisch wirkende Junge wirklich ein Krieger sein sollte. In diesem Moment erinnerte er sie eher an einen Dorfjungen, der in zwei Jahren vielleicht in einem Krämerladen arbeiten würde. Sie sah ihn vor sich, wie er sie anlächelte und zu ihr sagte: „Hier haben Sie ihr Messer, dazu Marschproviant für drei Tage. Und Sie sind sicher, dass Sie keine Pechfackeln brauchen? Die Nächte hier können sehr dunkel sein.“
Sie lächelte bei dem Gedanken.
„Sind Sie nicht schön?“, hörte sie schließlich seine Stimme und sie zuckte zusammen, so als hätte er ihren Blick bemerkt. „Die Sterne. Siehst du da oben? Das Sternbild der Schlange, besonders klar in dieser Nacht. Daneben die Eidechse mit dem hellen Stern in ihrem Herz, Sayalana, dem elfischen Stern des Werdenden. Ein erhabener Anblick.“
„Du kennst dich mit Sternkunde aus?“, fragte die Magierin verdutzt. Und der Krieger nickte. „Das hat mir meine Mutter beigebracht. Sie hat mir mal erzählt, dass das da oben die Schatzkammer der Götter ist und dass die Sterne deren wertvollste Stücke seien, die bis hier herunter leuchten. Das hat meine Neugier dann geweckt.“
Freya bewunderte den Klang seiner Stimme. Er sprach ruhig und deutlich, ohne sie dabei anzublicken. „Stimmt es denn?“, fragte sie schließlich. „Das mit den Schätzen?“
„Ich weiß nicht. Als ich es einmal einem Praiosgeweihten erzählte, habe ich eine Tracht Prügel bekommen und seine Wahrheit gehört. Nur habe ich die recht bald wieder vergessen.“ Er lächelte, während er seinen Kopf zu ihr hinüber drehte. Und läge Dey nicht auf seinem Bauch, wäre er wohl auch aufgestanden und zu ihr rübergekommen. Doch wollte er dem Kätzchen seinen Schlaf gönnen. „Hast du dich nie mit den Sternen beschäftigt?“, fragte er schließlich. Und sie schüttelte den Kopf. „Nein. Bisher nicht.“
„Seltsam für eine Magierin“, sagte er schließlich. „In den Sternen liegt eine große Macht… nein, nicht unbedingt Macht. Viel eher Ruhe.“
Sie lächelte. „Ich fürchte, ich habe in meinem Leben bisher mehr Macht als Ruhe gesucht.“
Was für eine Antwort. Sie hatte humorvoll sein wollen, doch als er nun schwieg, erkannte sie, wie wahr dieser Satz doch war. Eine peinliche Situation.
Freya richtete sich auf. So viel zu Ruhe. Sie wollte aufstehen und gehen, nur um diesem Schweigen zu entkommen, und dem Wissen, sich vor ihm blamiert zu haben.
Doch er schien ihr weder enttäuscht noch erschrocken. Und so blieb sie sitzen.
„Möchtest du sie hören?“, fragte sie ihn schließlich. „Dann erzähle ich dir die Geschichte, wie ich zur Magierin wurde.“
Rufus lächelte. „Es wäre mir eine Ehre“, antwortete er ihr, und an dem Funkeln seiner Augen erahnte sie, dass er sie schon wieder durchschaut hatte. Und so begann sie, zu erzählen.
Keep your eyes on me, now we're on the edge of hell.
Das gibts ja auch noch!
Ich glaube ich sollte am besten von Vorn anfagnen![]()
With a crew of drunken pilots, we're the only Airship Pirates!
We're full of hot air and we're starting to rise
We're the terror of the skies, but a danger to ourselves
Abney Park - Airship Pirates
Kapitel 37 – Erster Teil der Andergaster Episode
Man kann sagen, in den Jahren vor 1022 BF haben Aventurien sehr bewegt. Aber das wäre falsch, da es ja eigentlich die Menschen waren, die sich durch Aventurien bewegt hatten. Zunächst war da Borbarad, der Dämonenmeister, dessen Weg aus der Anderswelt nach Osten führte. Dort traf er dann schließlich auf die Truppen des Mittelreiches, die auch nichts Besseres zu tun hatten, als nach Osten zu reisen und eben diesen Borbarad aufzuhalten. Kurzum, es war ein ganzes hektisches Gerenne ganz vieler Leute, das damit endete, dass sich das Mittelreich an der Trollpforte zu Tode siegte. Dann war erstmal Ruhe im Osten.
Und in dem Moment, als Aventurien dachte, dass die Menschen nun endlich genug von dieser ganzen Hektik hatten, ging der Trubel im Westen los. Dummerweise hatte Borbarad nämlich mehr erreicht, als nur eine Wallfahrt in den Osten zu starten: Einige Menschen hatten ihm sogar ihre Herzen geöffnet und waren dadurch auf ganz neue Gedanken zu kommen.
Einer dieser Menschen hieß Wenzeslaus. Eine Nummer hatte er noch nicht, was darauf hindeutete, dass er noch kein König war. Er war nur Kronprinz eines kleinen Königreiches irgendwo im Herz des Waldes. Doch er kannte Borbarad durch seinen Onkel und kam auf die tolle Idee, dessen Marsch nach Osten nachzumachen, oder besser gesagt, ihn in einen Marsch nach oben umzuwandeln.
Wenzeslaus Vater und Bruder hätten die Idee sicher nicht toll gefunden. Doch leider hatten sie keine Zeit, dagegen Beschwerde einzureichen, denn kaum bemerkten sie, dass ihr Essen etwas bitter schmeckte, da waren sie auch schon in Bewegung, nämlich Richtung Borons Hallen. Das war im Herbst 1021, in einer sehr bewegenden Zeit.
Nun war Wenzeslaus eine große Nummer. Das freute ihn und seinen Onkel freute es auch. Doch war die Freude leider nicht so groß, wie gewünscht, denn schließlich hatte das Blut die Krone unangenehm befleckt und Gerüchte wurden laut. Da sahen die beiden Herren, dass ihr Reich kurz vor einer Revolte stand und dass alles, was sie noch hielt, ihre Söldner waren.
In diesem Moment entdeckten die Herren die Kunst des Schreibens für sich. Neffe und Onkel verzogen sich einige Tage von der Bildfläche. Die Bürger wunderten sich. Hatten die beiden schon aufgegeben und arbeiten an ihrern Memoiren? Nein, vielmehr waren sie auf die Idee gekommen, Freude zu schenken. Ihr Schriftstück war nämlich eine Liste, vierhundert Namen standen darauf. Und als sie diese Liste ihren Söldnern übergaben, begann für die Großen des Königreiches eine bewegende Zeit. Währenddessen seufzte Aventurien: Würde dieses Gerenne nie aufhören?
Doch. Kurze Zeit später kam das Waldkönigreich zur Ruhe. Die Leute rannten nicht mehr und waren auch sonst angenehm still. Jeder fürchtete um sein Leben. Außer natürlich den beiden Herren, die waren ganz verknügt und fanden etwas Zeit für ihre Hobbys, wie Tempel schänden und rituelle Opfer durchführen.
Eine schlimme Zeit für das Königreich. Die ganzen armen geopferten Jungfrauen konnten einem wirklich leidtun.
Dann endete der Spuk, wie er begonnen hatte: Schnell, unerwartet und irgendwie glanzlos. Man sagt, einige reisende Helden hätten sich der beiden Herren angenommen. Hinter vorgehaltener Hand munkelt man aber auch von einem Verräter unter den Söldnern. Zumindest einer schien anständig genug zu sein, zu finden, dass auch Wenzelaus’ Name auf die Liste gehörte. Aber das ist nicht gesichert.
Das Ende vom Lied war, das der König erschlagen wurde. Sein Onkel schaffte es schnell genug, den Horasier zu machen und bewegte sich in Richtung Osten, zu seinem großen Vorbild Borbarad. Aventurien stöhnte schon auf, denn es fürchtete ein neues Wallfahrtsgerenne, aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen wurde es seltsam still.
Ein Waldkönigreich stand ohne König da. Die hocherhabenste Familie der Zornbolds, die das Land seit seiner Gründung regiert hatte, war nahezu ausgelöscht. Nur noch einen gab es da:
Sein Name war Efferdan, und er war 32 Sommer alt. Eigentlich stammte er aus Kuslik, doch seit seine Familie einen Staatsstreich versucht hatte, saß er im albernischen Exil. Als er die Nachricht hörte, dass ein Waldkönigreich ihn als König suchte, begann seine Bewegung nach Norden. Und in seinem Gefolge horasischer Exilanten reiste auch seine Nichte, vor der ihn doch nur sechs Jahre trennten. Leider fanden sich die beiden nicht, und das Unheil nahm seinen Lauf.
Geändert von Ghaldak (25. Januar 2007 um 00:10 Uhr)
Keep your eyes on me, now we're on the edge of hell.
Kapitel 38 – Zweiter Teil der Andergaster Episode
Die Geschichte Andergasts um das Jahr 1022 ist die Geschichte eines Duells. Zwei Leute stehen sich gegenüber, ohne dem anderen in die Augen sehen zu können, und doch tun sie alles, um den anderen am Abdrücken zu finden. Der eine Kontrahent ist der bemitleidenswerte Waldkönigsthronanwärter, zu dem wir noch kommen werden. Mit der anderen müssen wir uns genauer befassen:
Amene heißt sie und sie stammt aus dem schönen Städtchen Vinsalt, dass vor rund einem Jahrtausend seinen Namen Bosperan und seine Stellung als Hauptstadt des Alten Reiches verlor. Erlebt hat sie dies aber nicht mehr, denn sie wurde erst 966 Jahre nach deren Fall geboren.
Wir kennen Bilder von ihr aus jener Zeit des Andergaster Abenteuers, doch keine aus ihrer Jugend. Es fällt aber nicht schwer, sich vorzustellen, dass sie einmal eine bezaubernde Frau gewesen sein muss, eine Latina mit funkelnden grünen Augen und langem Haar, gut geformt und gut gekleidet. Vielleicht hat sie, als sie zweinundzwanzig war, das Leben genossen wie so viele schöne Töchter aus gutem Haus, ein wildes Leben aus Festen, Weinn und jungen Männern. Vielleicht lachte sie damals gerne, und vielleicht leuchteten ihre Augen, wenn sie ein schönes Kleid oder ein teures Schmuckstück fand, dass sie gerne tragen würde.
Doch diese Zeiten sind vorbei und ihre leuchtenden Augen und ihr unbeschwertes Lachen sind ebenfalls vergangen. Zu der Zeit unserer Episode ist sie 56 Jahre alt, seit ihrem dreißigsten Lebenjahr trägt sie eine Krone. Sie hat den Umgang mit der Macht schnell begriffen, doch dies hat sie auch geprägt: Aus der jungen Latina ist eine alte Dame geworden, ihre Züge sind hart und ihre Augen kalt. Sie lächelt zwar, aber in ihrem Lächeln liegt keine Wärme. Auch kein Mensch erwärmt mehr ihr Herz, sie sieht nur noch Figuren im Spiel der Macht. Als Herrscherin wacht sie morgens auf und als Herrscherin legt sie sich nieder, sogar in ihren Träumen verschiebt sie Menschen und Fahnen über das Spielfeld.
Macht. Das ist alles in ihrem Leben, darum dreht sich alles, seit sie Herrscherin wurde. Sie hatte gelernt, Gelegenheiten zu nutzen, wenn sie sich ergaben, und so machte es ihr nichts aus, sich zur Horas-Kaiserin auszurufen, als die Orks vor dem feindlichen Gareth standen, und sich in dem Moment gleich auch das Säckel zu füllen: Sie beerbte den gestorbenen König der Zyklopeninseln, ohne vorher gefragt zu werden, und riss sich die Stadt Drôl unter den Nagel. Und auch innenpolitisch griff sie zu, als es eine Gelegenheit gab: Als eine Fürstin namens Kusmina einen Putsch plant, wittert sie ihre Chance: Sie begegnet der Situation mit einer Hexenjagd, in deren Zuge die alte Verfassung des Reiches grundlegend verändert wurde: Außer einem starken Gewinn an Kronland durch die einverleibte Provinz Kuslik errang sie noch die Macht als absolute Herrscherin. Kein Rat und kein Gesetz wog nun schwerer als ihr Wille.
Dieser letzte Vorfall ist nun drei Jahre her. Unter den unterlegenen Anhängern der Fürstin Kusmina, die ins Exil nach Albernia gingen, befand sich auch der Neffe dieser Attentäterin, ein junger Bursche.
Sein Name war Efferdan. Im ganzen Trubel, der durch Kusmina entstand, spielte er keine Rolle; er war ein kleiner Helfer, der tat, was man ihm sagte, ohne zu wissen, worum es überhaupt ging. Etwas sonderlich Außergewöhnliches tat er nicht; kaum hatte er verstanden, dass etwas passierte, war er auch schon im Exil.
Dieses Exil war es schließlich, was ihn prägen sollte, weitaus mehr als die turbolenten Tage der zwei Städte: Denn er hatte die Ohre geöffnet und hörte den anderen Exilanten zu, wie sie ihre Geschichten erzählten.
Sie erzählten ihm eine andere Geschichte, als sie später in den Geschichtsbüchern stand. Sie erzählten von einer Kusmina, die auf jeden Fall aus ihren Würden gedrängt werden sollte, um dem Kaiserhaus eine stärkere Stellung im eigenen Land zu verschaffen. Die Weichen waren schon gestellt und der Umsturzplan, den die Kaiserin angeblich aufgedeckt haben sollte, war nichts weiter als ein letzter, hastiger Versuch, dem Feind zuvorzukommen.
Efferdan war erschrocken. Und er verstand. Er begriff, was Macht bedeutete, und dass man kämpfen musste, um sie zu besitzen, denn sonst würde man nur ein Opfer im Spiel der anderen werden, sonst würde man ihn verheizen wie seine Tante Kusmina, die in diesen Tagen in einem kalten Kerkerloch auf ihre Hinrichtung wartete.
Efferdans Zeit kam, als in dem Waldkönigreich Andergast der Usupator starb. Der exilierte Kusliker war durch seine Frau Varena der letzte Kandidat für den Eichenthron. Er witterte seine Chance. Es war seine Zeit.
So trat Efferdan ins Rennen. Mit zweiunddreißig Jahren, ohne eine Großmacht hinter sich und nur mit einem wackeligen Thronanspruch und dem Rest der kusminischen Kriegskasse in den Händen, mit Frau und fünf Kindern, mit einer Schar Kusliker Exilanten im Rücken, begann seine Reise.
Doch noch kam es nicht dazu. Ehe er abreisen konnte, streckte Amene ihre Hand nach ihm aus. Durch einen Boten bot sie ihm den Frieden an, sie sprach von Vergebung und „alten Geschichten“. Außerdem bot sie Gold und Truppen für dessen Weg auf den Eichenthron.
Und Efferdan verstand. Aber lieber wollte er scheitern, als eine Mirhamionette des Horasthrons zu werden. Er gab dem Boten seine Antwort, indem er ihn um Bedenkzeit bat und mitten in der Nacht zu seinem Weg nach Norden aufbrach.
Sie beide wussten, was das hieß: Der Kampf hatte begonnen.
Geändert von Ghaldak (25. Januar 2007 um 00:12 Uhr)
Keep your eyes on me, now we're on the edge of hell.
![]()
für mich als aventurien-noob stellt sich die frage, ist dies die "richtige" geschichte des kontinents oder eine fiktive?
ich bin begeistert, ich werde einige elemente deine geschichte in meiner einbauen....ich wurde förmlich inspiriert. doch leider bin ich noch voll im stress. ich habe mir aber schon notizen gemacht.
Story des Jahrzehnts
update 05.11.2025
Schreibt endlich weiter...
"Ich habe nach dem Spiel in der Kabine viele verwirrte Menschen getroffen."
Kiel-Trainer Ole Werner am 13.01.21 nach dem Sieg gegen Bayern München
Eine Anmerkung: Ich habe eben die letzten beiden Kapitel editiert und König Efferdan 10 Jahre älter gemacht. Das widerspricht zwar dem offiziellen Aventurien, aber es macht die Geschichte innerlich stabiler.
Es ist etwa so wahr wie ein durchschnittlicher historischer Roman. Soll heißen: Ich habe um einige Fakten eine Geschichte rumgestrickt.
Um es im Einzelnen zu sagen:
- Borbarads Rückkehr bis zur Schlacht an der Trollpforte ist offiziell.
- Der Putsch in Andergast durch Kronprinz und dessen Onkel ist offiziell, aber von mir erweitert und glaubwürdiger gemacht. Im offiziellen Hintergrundbuch stehen dazu kaum drei Zeilen, und diese sind nicht zuende gedacht. (Zwei Borbaradianer herrschen ein halbes Jahr, und weder die Magierakardemie (der der Onkel vorstand) noch die Priesterschaft wird davon in irgendeiner Weise behelligt.) Ich bin hier mit der Frage herangegangen, wie man so eine Herrschaft aufbaut, die eigentlich niemand will, und damit auch erfolgreich bleibt (Die Ermordung durch reisende Helden wird mit keiner Gruppe in Zusammenhang gebracht, sondern ist eher Zufall.)
- Die Taten Königin Amenes sind offiziell, auch mit ihrem jetzigen Charaker werde ich nicht zu weit daneben gegriffen haben. Wie sie in ihrer Jugend war, weiß ich nicht.
- Die Darstellung des Kusmina-Putsches ist eigene Interpretation und widerspricht dem offiziellen Standpunkt vermutlich völlig.
- Ein Zusammenhang zwischen Kusmina und Efferdan ist nicht genannt, sie gehören aber beide zu der Familie der Galahan.
- Die Verbannung Efferdans ist offiziell, ein Grund dafür ist nicht bekannt.
- Efferdans Persönlichkeit ist von mir um 180° gedreht worden. Im offiziellen Aventurien ist er zu dem Zeitpunkt jung, naiv, idealistisch und ohne jedes Gespür für Politik. (Wie dieser Faschingsprinz die ersten Jahre überlebt haben soll, wird nie erzählt.)
- Ich habe eben gerade Efferdan 10 Jahre älter gemacht. Außerdem hat er auch im offiziellen Aventurien Kinder, aber andere.
- Ein Bündnisangebot Amenes an Efferdan hat es nie gegeben. Es wird nur erwähnt, dass er irgendwann "mit dem Reich seinen Frieden schließt".
- Und zuletzt: Gemäß dem offiziellen Aventurien nimmt das Horasreich, das zu dieser Phase von einer extrem machtgierigen Politikerin gelenkt wird und das außerdem die Hegemonie in Westaventurien innehat, keinerlei Notiz von den Andergaster Vorgängen, obgleich es eine Chance zur Machterweiterung ohnesgleichen ist.
So etwa sieht es aus: Im offiziellen Aventurien ist diese Zeit nur ein Übergang zu dem "idealistischer Reformer auf dem Holzfällerthron"-Setting, was irgendeinem Redakteur eingefallen ist. Ich hingegen sehe in dieser Zeit ein sehr interessantes Setting. Sonst würde ich diesen Einschub nicht bringen.
Danke.ich bin begeistert, ich werde einige elemente deine geschichte in meiner einbauen....ich wurde förmlich inspiriert. doch leider bin ich noch voll im stress. ich habe mir aber schon notizen gemacht.
![]()
Ich fühle mich geehrt.![]()
Keep your eyes on me, now we're on the edge of hell.
Kapitel 39 – Dritter Teil der Andergaster Episode
Fremde Länder zeichnen sich ja bekanntlich durch ebenso fremde Sitten aus, und so darf sich ein Reisender glücklich schätzen, wenn er gleich den Sinn hinter fremdartig Erscheinendem erkennt. Der reisende Magier, dessen Geschichte hier beginnt, obwohl er eigentlich schon eine ganze Menge hinter sich hatte, erkannte recht schnell, was es mit der Geste der Frau auf sich hatte, die an der Theke einer schmierigen Kaschemme in Havena saß und sich ein Glas mit Hochprozentigem nach dem anderen hinter die Binde kippte. Nun, man könnte fast sagen, dass sie ein bestimmtes Ritual daraus entwickelt hatte: Sie stierte ihr volles Glas an, als gäbe es nichts anderes, dann murmelte sie etwas vor sich hin, trank in einem Zug und ließ dann das leere Trinkgefäß so fest auf die Theke donnern, dass es den Wirt in blanke Panik versetzte. Diese zeigte er aber nicht offen, sondern gab sich ganz servil und schenkte der Frau immer noch nach, denn er wusste, sie hatte Geld.
Und sie murmelte vor sich hin.
„Dieser verdammte Drecksack.“, schimpfte sie, „Wie kann er es wagen? Wie kann er es bloß? Wenn ich ihn in die Finger bekomme, dann prügele ich ihn so windelweich, das schwöre ich, ich breche ihm jeden Knochen und zerfetze seine Gedärme, bis er…“ Sie unterbrach sich mitten im Satz, um ein weiteres Glas zu leeren. Dann fuhr sie fort, ohne dass ihr jemand zuhörte. „Wie kann er es wagen? Wie? Und das bei mir. Das ist doch… das ist doch…“
Sie nahm ihr Glas, setzte es an und bemerkte erst dann, dass es leer war. Denn reich oder nicht, langsam hatte der Wirt die Ahnung, sie habe genug.
Und so unrecht hatte er nicht.
„Leer.“, rief sie. „Leer. Leer. Leer.“ Immer wütender wurde sie, bis sie schließlich ihr Glas wütend gegen die Wand pfefferte. „Wie kannst du es nur wagen? Wie kannst du nur? Weißt du überhaupt, wen du vor dir hast?“
Der Wirt schüttelte den Kopf. Und das brachte sie richtig in Rage. „Ich bin Tamara. Ich bin Tamara, die Dunkelelfen-Prinzessin. Die größte Heldin Aventuriens. Ich habe Drachen erschlagen, Armeen geschnetzelt, Adelstöchter gerettet und außerdem Kaiserin Rohaja ein Kleid besorgt, das ihren Hintern nicht fett aussehen lässt. Und du wagst es, mich nicht zu kennen? Du… du…“ – „Wie wäre es mit ‚Ungebildetem Dorftrampel’? Oder ‚Provinz-Giftmischer’? Und ohne mich einmischen zu wollen, wir haben 1022. Rohaja ist noch nicht Kaiserin. Wenn mir dieser Einwurf gestattet ist.“
Stille. Betont langsam, um nicht vom Stuhl zu fallen, drehte sich Tamara um. „Halt die Schnauze, Bürschchen“, murmelte die Dunkelelfe dem Fremden zu. „Und überzeuge diesen Kerl besser davon, mir noch einen einzufüllen. Und überhaupt: Kennst du mich eigentlich?“ – „Gewiss“, log der Fremde, „Ihr seid Tamara, die Dunkelelfen-Prinzessin. Eine starke, kühne und wunderschöne Kriegerin, wenn man das so sagen darf. Ich bin wirklich geehrt, Eure Bekanntschaft zu machen.“ Der junge Mann lächelte und deutete eine Verbeugung an, und Tamara nahm sich die Zeit, ihn zu betrachten. Er war verglichen mit ihr wirklich noch ein Kind, vielleicht sechzehn Götterläufe alt. Er hatte lange, schwarze Haare und war in einen unauffälligen braunen Reisemantel gekleidet. Keine Waffen, stellte Tamara bei dem ersten routinemäßigen Blick fest, und bei dem zweiten: Auch keine versteckten.
Wenn dem jungen Mann ihre langen, forschenden Blicke peinlich waren, zeigte er es nicht. Er lächelte, während seine himmelblauen Augen ihre blaugrüne Haut musterten: „Doch ich frage mich: Was führt eine so hohe Dame an diesen Ort? Und vor allem in so reicher Begleitung hochprozentiger Freunde.“
„Hää?“, fragte sie, „ach, naja… Warum ich hier bin, meinst du?“ Er nickte.
Ja, was machte sie eigentlich hier? Das war wirklich eine lange Geschichte. Eine große Kriegerin wie sie und so ein Ort wie dieser, das passt nur unter ganz bestimmten Umständen zusammen. Und, naja, die Umstände waren ganz besonders. Denn Tamara war verzweifelt.
Sie war die größte Heldin Aventuriens. Sie hatte Borbarad vermöbelt, hatte das Eherne Schwert überwundern und eine ganze Horde Drachen nur mit einer Nagelfeile erschlagen. Kurzum: Sie war nicht nur groß, sondern sie war so groß, dass alle anderen klein wurden.
Sie war die Unendlichkeit. Aber niemand erinnerte sich an sie. Es war wie ein Fluch. Kaum hatte sie eine Heldentat vollbracht, da vergaß man ihre Teilnahme daran. Man schob es ihren nichtsnutzigen Gefährten zu, oder irgendwelchen Fremden. Und nun hatte sie Gold und Fähigkeiten und sah außerdem blendend aus, und trotzdem: Es gab keine Lieber über sie. Keine Geschichten. Sie war die größte Heldin Aventuriens, aber absolut unsichtbar.
„Nun“, kamen ihr die Worte aus dem Mund gesprudelt, „Das ist so: Ich habe einen Tipp bekommen, dass er in dieser Taverne den ultimativen Auftrag geben sollte. Du verstehst? Den Eingang zu der ganz großen Unsterblichkeit, zu der Teilnahme an der Legende. Das soll eine Ehre sein, wie sie nur den größten Streitern Aventuriens zukommt. Meine große Chance, endlich allgemein bekannt zu werden. Und so breche ich meine Güldenlandreise ab und komme hierher, und was finde ich? Einen alten Mann, der mir sagt, dass er mich nicht gebrauchen könnte. Ich bin zu alt, sagte er, und falsche Stufe für das Abenteuer, und überhaupt, es gäbe keine Dunkelelfen in Aventurien. Kannst du dir das vorstellen? Wie peinlich…“ Leise begann sie, zu schluchzen, und drückte sich an seinen Mantel. Er versuchte, sie zu trösten. „Sieh’ es nicht zu eng, Tamara. Das zeigt doch nur, wie wenig Ahnung dieser Mann hatte. Und wie blind er ist. Denn natürlich gibt es Dunkelelfen in Aventurien. Du stehst ja vor mir.“ Vorsichtig strich er über ihr schwarzes Haar. „Und wenn du möchtest, kannst du ja auch mit mir Abenteuer erleben. Ich bin nämlich auch unterwegs zu einer großen Sache. Nach Andergast. Der König persönlich hat mich eingeladen.“ Voller Stolz lächelte er.
„Danke, das ist lieb von dir.“, schluchzte sie. „Das mit dem Aufmuntern. Aber ich kann doch nicht bei jedem Fremden mitgehen. Sonst gerate ich doch in den Ruf, billig zu sein. Und überhaupt, wie heißt du eigentlich.“
„Alrik Alrikson“, stellte sich der Fremde vor. „Ihr habt sicher noch nie von mir gehört.“
„Doch, habe ich.“, log sie. „Aber ich habe vergessen, in welchem Zusammenhang.“
„Ich bin Magier“, sagte er stolz, „oder besser gesagt: Ich will mal einer werden. Momentan suche ich noch einen Lehrmeister, musst du wissen.“ – „Ich bin auch Zauberin“, fiel im Tamara ins Wort. „Habe ich von meinem Volk. Richtig böse Kampfmagie. Und andere tolle Zauber. Außer die ganzen Effektzauber, die waren mir die Mühe nicht wert.“
„Du bist Zauberin? Und du hast Zeit? Dann könntest du mich ja begleiten und ausbilden. Und dann hättest du auch charmante Gesellschaft für die nächsten Jahre und müsstest nicht in irgendwelchen billigen Kneipen versacken.“
„Ich versacke nicht.“, stellte die Dunkelelfe fest, „Ich warte. Auf den Auftraggeber. Denn ich bin ganz sicher, dass es dieser alte Mann nicht war. Folglich muss es also eine Fee sein, die sich mir zeigt, wenn ich nur genug getrunken habe. Ganz bestimmt. Glaube mir. Und überhaupt: Dich ausbilden? Und mit dir in den Wald verschwinden? Nein, für solchen Allerweltsmist ist mir meine Zeit zu schade. Dadurch wird man doch nie berühmt. Das kann doch nie gelingen.“
„Bist du sicher?“, fragte der Junge noch einmal nach. „Vielleicht solltest du noch einmal eine Nacht darüber schlafen. Kann dich ja morgen früh noch einmal treffen, wenn du…“ – „Nein“, unterbrach sie ihn. „Nein, du bist ein Nichts. Geh’ du nur allein zu deinem König und versacke im Wald. Ich bin ganz sicher, dass es da schön ist. Und überlasse die Heldentaten und die Unsterblichkeit denen, die sie wirklich verdient haben. Wirst schon sehen. Morgen wird es die ganze Welt wissen, dass es nur eine wahre Heldin gibt, Tamara vom Volke der Dunkelelfen. Und nun geh’ ins Bett und lass’ mich in Ruhe. Pah…“
Mit einem gemurmelten ‚Gute Nacht’ auf den Lippen entfernte sich der Junge. Ja, sie hatte schon Recht. Ein Held war er nicht und würde er niemals sein. Aber ein großer Zauberer, das wollte er werden. Flaiminion, der Großartige. Bekannt auf den Bühnen der Welt.
Zufrieden lächelnd beim Gedanken an diesen Traum verließ er die Taverne. Andergast würde auf ihn warten. Und damit begann die Geschichte.
Keep your eyes on me, now we're on the edge of hell.
Kapitel 40 – Vierter Teil der Andergaster Episode
„Danke, dass du mich mitgenommen hast. Mann…“, sprudelte es aus dem Zwerg wie aus einem Wasserfall, „Ich glaube gar nicht, dass ich sonst so weit gekommen wäre. Bei den ganzen Bäumen hier und dem vielen Wahl. Das ist doch nicht schön, sehe ich aus wie ein Hobbit? Und überhaupt, mit meiner roten Mütze muss ich in dem ganzen Grün und Braun doch auffallen wie ein Elefant in der Khom. Wer weiß, wer so auf mich aufmerksam geworden wäre, welche Hexen oder Waldoger…“ – „Druiden.“, verbesserte Alrik Alrikson ihn, nur um gleich darauf zu bereuen, dem Zwerg neuen Redenstoff geliefert zu haben. „Dann halt Druiden, die sind ja auch nicht ohne. Fast wie unsere Geoden. Da gibt es eine Geschichte, die muss ich dir unbedingt erzählen. Über einen Geoden, der mit Mäusen sprechen konnte. Also, es war Frühling und…“
Alrik schaltete seine Ohren auf Durchzug. Hier saß er nun, mitten in Andergast, der Hauptstadt des Waldkönigreiches Andergast (leicht zu merken), und wartete darauf, dass König Efferdan I. Zeit für sie finden würde. Sie waren zwar erwartet worden, aber der blecherne Buttler hatte ihnen zu verstehen gegeben, dass hohe Herren den Terminplan der niederen bestimmen, und nicht umgekehrt. Und nun saßen sie hier, ließen ihre Füße baumeln und warteten.Und besonders im ‚Füße baumeln lassen’ war der Zwerg richtig gut.
„…Tja, und als das eingerostete Türscharnier dann ausgewechselt war, konnte ich wieder in die Vorratskammer, und was sah ich da? Na? Genau: Nichts. Denn diese Lampe war auch heruntergebrannt, und da musste ich…“ Alrik seufzte. War der Zwerg nervös, oder war er immer so?
Ach, hätte er doch nur die Dunkelelfe mitgenommen. Das war wirklich eine heiße Braut gewesen, mit den richtigen Kurven an den richtigen Stellen und einem heißen Amazonen-Panzer. Nur diese hellblaue Haut störte ein wenig, doch nachts sollte das doch nicht mehr auffallen. Da waren doch eh alle Katzen grau.
Warum hatte er sie dann abgelehnt? Er wusste es nicht mehr genau. Es war so eine innere Stimme, die ihn gewarnt hatte: ‚Die hier nicht. Die weiß dich nicht zu schätzen. Für die bist du nichts.’ Und da hatte er sich eben einen anderen Gefährten gesucht und so einen Zwerg gefunden. Gorn hieß er, er war Staatsdiener aus dem Horasreich und hatte vom Hof die wichtige Mission bekommen: Er sollte für sie die Bäume es in Andergast durchzählen. „Zur besseren Erfassung“ und „wegen Ihren einmaligen Qualitäten“, hatten sie ihm gesagt. Er hatte außerdem noch einen wichtig klingenden Titen bekommen und war sofort auf die Reise geschickt worden. Alrik hatte das Gefühl, dass der Hof ihn lieber später als gleich zurückerwartete.
„Und habe ich dir schon erzählt, dass ich ‚General Commissar Administrario Zur Wald- Und Forststandsbestimmung Potentiell Verbündeter Nationen Des Verwaltungsraumes Nordwestaventurien’ bin? Ich habe hier meine Urkunde. Die habe ich von dem Stellvertretenden Statuenabstauber der Kaiserin persönlich bekommen. Ist ja nicht so, dass ich damit prahlen würde, aber hier. Schau her!“. Der Zwerg zog sie unter seiner Zipfelmütze hervor und wedelte mit ihr vor Alriks Gesicht herum.
„Ach, ich bin so stolz. Meine erste Ehrung nach so vielen langen Jahren der Arbeit. Warte es nur ab, ich werde auch hier großartige Dienste leisten, und dann liegt mir das ganze Horasreich zu Füßen. Sie werden von mir beeindruckt sein, die Zeitungen werden nur noch von mir berichten, man wird mir eine goldene Statue auf dem Vinsalter Marktplatz aufstellen und die Kaiserin wird ihr erstes Kind nach mir benennen. Hach, es wird so überwältigend. Der Traum meines Lebens…“
Der Redeschwall ging weiter und Alrik Alrikson, nach dem ganz bestimmt keine Statue benannt werden würde, blieb ruhig. Innerlich betete er aber, dass Boron demnächst diesen Zwerg besuche. Nicht, um ihn mitzunehmen, sondern um ihn ín die Kunst des Schweigens einzuweisen.
„… Gorn, der Große. Träger des höchsten Ordens, wie auch immer der heißt. In Silberpanzer und mit Lorbeer. Mein Traum…“
Noch eine Zeitlang fragte sich der junge Magier, wie es Zwergen nur möglich war, bei so wenig Wuchs trotzdem nicht auf dem Teppich zu bleiben. Dann verwarf er diesen Gedanken und zählte Schafe. Dann die Bücher in dem königlichen Bücherregal. Und schließlich, kurz bevor der Wächter des Königs kam, war er dazu übergegangen, mögliche Todesarten für den Zwerg zu zählen. Dann schließlich ertönten die langerhofften Sätze. „Majestät Efferdan I. von Andergast wird Sie nun empfangen. Bitte folgen Sie mir.“
Geändert von Ghaldak (03. März 2007 um 13:55 Uhr)
Keep your eyes on me, now we're on the edge of hell.
Kapitel 41 – La Pont
Das Publikum ist unruhig. Schon so lange hat der Autor nichts mehr geschrieben. Er ist in einer Schaffenskrise und zweifelt außerdem daran, dass ihn noch irgendjemand liest.
Stellvertretend für ihn stehen aber Rhian und S'srah auf der Bühne. Sie blicken hinunter auf die Ränge, die mit einer Kolonie Meerschweinchen besetzt wurden, damit sie nicht so leer wirken. Trotzdem herrschte dort unten ein Gemurmel, dass die beiden Priesterinnen nicht übertönen konnten. "Hallo?", begann Rhian, ganz zögerlich. "Hallo? Hört ihr mir zu?" Doch keine Reaktion. Sie seufzte.
"Tja, die hören uns gar nicht zu.", wandte sie sich resignierend an die Echsenfrau. "Es ist zum Verrücktwerden."- "Sssieh' esss posssitiv.", antwortete ihr diese in ihrem zischenden Akzent, "Wir werden immerhin nach Ssstunden beschalt. Und da issst esss doch unerhebliss, ob sssie unsss sssehen oder nisst."
"Naja, trotzdem finde ich es irgendwie traurig. Da hat man mal wieder einen Auftritt nach so vielen Kapiteln, und dann bringt es einen auch nicht weiter. Wie soll ich denn da meinen Traum verwirklichen, Priesterin der Herzen zu werden? Oder gar erster weiblicher Papst?"
"Papssst? Sssso etwasss gibt esss hier doch nisst." - "Hast ja recht. Aber du weißt, was ich meine. Ich will groß rauskommen. Dafür geht man ja zum Theater." - "Theater? Dasss hier issst Theater?" - "Ja, schon, irgendwie..."
"Dann lass' miss...", begann die Echsenfrau und fing an, im Kreis zu laufen. "Dann lass' miss mal überlegen. Wir brauchen etwasss, wasss die Leute weckt. Etwasss Neuesss, Aufregendesss. Dann sssehen sssie auch vielleisst wieder schu." - "Etwas Neues?" Die Priesterin klang hoffnungsvoll. "Das könnte wirklich funktionieren. Hast du auch da eine Idee?"
"Sssisser." S'srah grinste breit. "Nackte Haut. Titten. Und heisse Erotik. Darauf ssstehen die Leute." Die Echsenfrau war begeistert. Rhian weniger.
"Im Ernst? Meinst du, dass..." - "Ja, genau. Du fängssst jetscht an, diss ausschuschiehen, und dann... nisst?" Rhian schüttelte nur den Kopf.
"Na gut", meinte sie dann frustriert. "Dann erssstellen wir halt eine neue Begleitssstory."
Und so kam es dazu...
Keep your eyes on me, now we're on the edge of hell.
Kapitel 42 – Serilla
Ihr Name ist Serilla, und wer sie ist, war bekannt. Nur Alrik Alrikson, der einmal als Flaiminion der Großartige berühmt werden wollte, wusste es noch nicht. Er konnte sich nur denken, dass sie irgendwie wichtig war, als er sah, dass Nerva, der silbergepanzerte Leibwächter des Königs, sie freundlich grüßte. Das geschah, als die beiden nach der Unterredung mit dem König auf Palastbesichtigung waren, doch dazu kommen wir noch. Erst möchten wir uns die Zeit nehmen, sie ebenso interessiert zu mustern, wie Flaim es tat.
Vierzehn Sommer war sie alt, ein kleines, zerbrechliches Ding auf dem Weg vom Kind zur Frau, gesegnet mit dem kastanienbraunen, seidig fließenden Haar, das allen weiblichen Mitgliedern dieser Familie zu eigen war. In dem Moment, in dem die beiden auf sie trafen, kniete sie am Boden und streichelte eine schwarze, etwas mollige Katze, die diese Behandlung sichtlich genoss. Sie hielt inne, als sie die beiden sah, und blickte mit ihren rehbraunen Augen zu Flaim herauf. Einen unendlich erscheinenden Herzschlag lang.
"Hmhm", räusperte sich schließlich Nerva, "Fräulein Serilla? Darf ich Ihnen Alrik Alrikson vorstellen? Er ist unser neuer Hofmagier. Alrik Alrikson, Fräulein Serilla von Hussbek-Galahan, Prinzessin von Andergast."
Alrik schenkte ihr sein freundlichstes Lächeln. "Sehr erfreut, Prinzessin. Und wer...", fragte er dann, "...ist Euer schwarzbepelzter Freund?"
"Das? Das ist Kaiser Hal. Na los, Kleiner,", sagte sie, zur Katze gewandt, "sag' Hallo zu Alrik. Er ist unser neuer Beschützer." Der Katze aber war Flaim sichtlich egal. Sie maunzte nur. 'Kraul' mich weiter.', schien sie zu sagen. Und welche Frau konnte einem solchen Charme widerstehen?
"Ein hübsches Tier", sagte Flaim, ohne wirklich Ahnung zu haben, "Ist es deiner?" - "Nein, eigentlich nicht." Serilla lächelte. "Eigentlich soll der hier die Mäuse fangen. Aber dann traf er aus Answin und Galotta, woraum er sich nur noch in meinem Wäscheschrank versteckte. Das sind die Wachhunde, weißt du? Nun ja, jedenfalls hat er jetzt ein wesentlich bequemeres Leben." - "Das sieht man.", meinte Flaim nur, der mitansah, wie sich Hal von Serilla verwöhnen ließ. "Was ist mit dir, Alrik? Magst du Katzen?" - "Klar. Ich liebe sie.", meinte Flaim, dem eigentlich nichts egaler war als diese aranischen Mäusefänger. Bevor er sie aber fragen konnte, ob er Hal auch einmal streicheln durfte - was zu einer Berührung mit diesem süßen Mädchen geführt hätte -, wurde er von Nerva jäh unterbrochen. "Fräulein Serilla? Bitte entschuldigen Sie uns. Ich muss Herrn Alrikson weiter in seine Pflichten einweisen."
Der schneidende Unterton war offensichtlich. Blöder Anstandswauwau, dachte Flaim, und erhob sich wieder. Das war seine erste Begegnung mit Serilla.
Keep your eyes on me, now we're on the edge of hell.
Kapitel 43 – Firlinas Auftritt.
Es war wieder eine dieser Nächte. Es war wieder einer dieser Träume.
Sie ging allein durch ein leeres, altes Haus. Es war ein riesiger Komplex, alt und verwittert. Es roch nach modrigem, altem Holz und nach Staub. Sie sah Spinnweben, die verriegelte Fensterhöhlen bedeckten, und fragte sich, wie es denn soweit kommen konnte. Dieser Ort war gefährlich, das fühlte sie, auch wenn er seit bestimmt einem Jahrhundert verlassen war; es lag etwas in der Luft. Egal, dachte sie und schluckte ihre Befürchtungen herunter. Sie hatte keine andere Wahl. Wenn sie die hätte, sie wäre nicht hier.
Egal. Der Kaufmann hatte ihr eingeschärft, nach einer besonderen Truhe zu suchen, die hier irgendwo im Keller liegen sollte. Was sie beinhaltete, habe sie nicht zu interessieren, nur bringen. Dafür Geld. Und sie brauchte Geld; sie hatte Hunger.
Knarrende Stufen und ein Meer aus Dunkelheit, nur erhellt durch ihre Fackel. Viel sah sie nicht, aber umso mehr befürchtete sie. Vor ihrem geistigen Auge flohen tausende Spinnen. Vor ihr, oder vor der noch viel größeren Spinne, die plötzlich hinter ihr stand?
Sie drehte sich panisch um. Nein, da war nichts. Nur Dunkelheit.
Spinnen. Sie hasste Spinnen.
Doch nichts zu sehen. Langsam tapste sie voran und hörte doch ihre Schritte lautes Echo schlagen. Hallo?, wollte sie rufen. Ist hier wer? Aber natürlich blieb sie still. Dies war kein Spiel und hier auch kein schöner Ort. Wer weiß, was in dieser alten Stadt noch auf sie lauerte. Magische Kreaturen? Fallen? Oder weitere Plünderer, wie sie?
Sie hatte nur ein Messer. Es lag schwer und metallisch kalt in ihren Händen, und für einen Moment dachte sie daran, es sich einfach in die Brust zu stoßen, dann wäre die Angst vorbei.
Einen Moment später war sie erschreckt über den Gedanken.
Nein, dachte sie. Nicht so leicht. Sie würde Erfolg haben. Sie musste Erfolg haben.
"Das ist doch nur deine Angst", sprach sie leise zu sich selbst. "Hier ist doch nichts. Hier lebt doch nichts mehr, seit die Güldenländer mit Katapultgeschossen aus magischem Metall die Aventurische Westküste versuchten."
Kühle, beruhigende Logik. Genau das, was sie gegen ihre Angst brauchte. "Ich kann es schaffen", murmelte sie, während sie nun wieder weiterging, "Ich kann es schaffen."
Taps. Taps. Taps. Ihre Schritte halten.
"Ich kann es schaffen. Ich kann es schaffen."
Taps. Taps. Taps.
"Ich kann es schaffen. Die Zwölfe stehen mir bei."
Und genau in diesem Moment gab der Boden nach. Sie stürzte vier Schritt, vielleicht sechs, in eine unergründliche Tiefe. Es gab ein widerliches Geräusch, als ihre geschundenen Knochen nachgaben. Die Fackel fiel mit ihr und erstab.
Schmerz. Dunkelheit. Sie wimmerte nur noch, konnte sich nicht mehr bewegen. Und hinter der unendlichen Dunkelheit hörte sie die Wände über sich lachen.
Es war so erniedrigend. Sie hörte noch die Stimme in ihrem Kopf. Sie konnte es schaffen, sie konnte es schaffen. Und die Wände lachten.
Dann zerquetschten sie sie. Und alles war vorbei.
Schweißgebadet erwachte Firlina, die spätere Freya, in ihrem Bett. Einen Moment brauchte sie, um zu realisieren.
Es war wieder einer dieser Träume. Es war wieder eine dieser Nächte.
Keep your eyes on me, now we're on the edge of hell.
Kapitel 44 – Die Chance.
„Wache halten? Wir sollen hier Wache halten?“, ertönte die wohlbekannte Stimme Alriks durch den Palast, und die ebenso wohlbekannte Stimme Belriks antwortete sogleich: „Natürlich. Damit der Chef ganz ungestört ist.“ – „Der Chef ganz ungestört?“ Alrik kratzte sich am Kopf. „Aber dann ist doch uns langweilig. Und was sollen wir dann machen?“ – „Wir könnten Verstecken spielen“, schlug Belrik vor. „Oder wir spielen Strippoker. Das soll auch total angesagt sein.“ – „Neeee, lieber nicht. Immerhin sind wir gemeine Dunkelelfen, und das wollen wir doch unserer männlichen Leserschaft nicht antun. Wenn wir Frauen wären…“ – „Sind wir aber nicht.“ – „Aber unser Chef kann das doch sicher ändern. Joachim? JOACHIM???“
Joachim hörte seine beiden Kumpane aber gar nicht mehr. Er war viel zu aufgeregt. Gerade war er nämlich dabei, seinem neusten Schützling die letzten Anweisungen zu geben, und außerdem sorgte er dafür, dass dessen Haare richtig lagen und dessen Uniform keine Falten hatte. Dafür musste er auch sehr dicht ran, und einem zufälligen Beobachter musste bei dem Ganzen sehr merkwürdige Gedanken haben. Egal, einen solchen zufälligen Beobachter sollte es nicht geben. Dafür würden die beiden Clowns vor der Tür schon sorgen.
„Hast du auch alles verstanden, Sarim?“, begann er nochmal, vollkommen aufgeregt. „Du hast gleich deinen ersten Auftritt. Und du weißt ja, wie wichtig das ist. Wir brauchen nämlich dringend eine neue Figur, um unseren Quoten aus dem tiefsten Kellerloch zu fischen. Und du weißt auch, was du tun musst?“ – „Ja, Joachim, ich…“
Weiter kam er nicht. „Du bist ein Lieblichfeldener, ist das klar? Sarim de Laurec. Ein Name, der auf der Zunge zergeht. Kannst dir auch noch einen schönen Titel für suchen. Jedenfalls…“, er holte kurz Luft, „… jedenfalls hast du im nächsten Kapitel einen großen Auftritt. Da musst du den General einführen, und natürlich musst du selbst gut bei aussehen. Du weißt doch, du bist höflich, zivilisiert, gebildet, gepflegt, charmant und außerdem Linkshänder. Du musst also das Herz der Leute erobern. Das ist wichtig. Hast du das auch verstanden, Sarim?“
„Jaaaaaa, Joachim“, quetschte Sarim zwischen den zusammengebissenen Zähnen heraus. Doch das schien diesen Freak auf Speed gar nicht zu interessieren. „Damit das klar ist, du musst auch etwas französisch wirken. Das lieben die Leute. Sage also Mademoiselle statt Fräulein. Sage Parfum statt Duftwasser. Und ‚prolongation du pénis’ statt…“ – „Genug. Danke. Er reicht.“ Ungeduldig und mehr als peinlich berührt unterbrach Sarim de Laurec seinen Spielleiter. Was hatte dieser Kerl denn für Probleme? War doch nur ein kleiner Gastauftritt.
„Achduherrje, hast du denn auch die ganzen Requisiten? Die ich dir für viel Geld gekauft habe. Die Satinhandschuhe? Den Taschenspiegel? Den Käfig mit den Zuchtfröschen für den Froschschenkel-Happen für zwischendurch?“ Sarims Blick sprach mehr als tausend Worte.
„Zuschauer. Zuschauer. Zuschauer. Sie müssen einfach kommen.“ Joachim wurde langsam wirklich hysterisch. „Vielleicht hilft es ja, wenn ich singe und tanze.“ Er stand auf, schwang sein Bein und begann mit schiefer Stimme, „Irgendwo, irgendwie, irgendwann“ zu trällern.
Sarim reichte es. Er wollte weg. Weiter als zur Toilette kam er aber nicht.
Doch was er da erlebte, bietet wohl Stoff für ein nächstes Kapitel.
Keep your eyes on me, now we're on the edge of hell.