Ein Blick in die Gegenwart: Wie ist die genetische Vielfalt bei heute lebenden Menschen verteilt?
Krause: Wenn man beginnen möchte, Großgruppen zu definieren, dann müsste man sagen: Südafrikaner, Westafrikaner und Ostafrikaner. Wobei Europäer und alle Menschen außerhalb Afrikas zu den Ostafrikanern zu zählen sind. Wir sind nämlich näher mit Ostafrikanern verwandt als etwa Ostafrikaner mit Westafrikanern. Genetisch sind also alle Menschen Afrikaner. Was wir in der Alltagssprache sagen: die Afrikaner, die Europäer, die Asiaten – also diese Kontinentalpopulationen – die machen aus biologischer Sicht nicht so viel Sinn. Was Menschen für die Einteilung auch verwenden, ist die Hautfarbe. Das eignet sich aus biologischer Sicht nicht, weil die Hautfarbe nahe dem Äquator sehr ähnlich ist, egal ob Menschen im Hochland von Peru, in Papua-Neuguinea oder im äquatorialen Afrika leben. Und: Das kann sich auch relativ schnell ändern. Die Europäer waren vor 6.000 bis 7.000 Jahren selbst noch dunkel.
Solche Gene für dunkle Haut haben Sie vor drei Jahren auch im Erbgut von „Ötzi“ entdeckt.
Krause: Wir haben das Genom von „Ötzi“ rekonstruiert und konnten zeigen, dass er dunkler war als alle heutigen Europäer. Also auch dunkler als Menschen aus Sizilien oder Andalusien. Die Rekonstruktion „Ötzis“ im Museum in Bozen – da sieht er ja aus wie der Großvater von Heidi. In Wirklichkeit muss man sich den viel dunkler vorstellen. Davon abgesehen hatte er wahrscheinlich keine Haare auf dem Kopf, denn er hatte ein Gen für frühe Glatzenbildung.
Warum wurden „Ötzis“ Nachfahren dann deutlich heller?
Krause: Wir sehen, dass sich die Gene für helle Haut zur gleichen Zeit ausbreiten wie der Ackerbau. Mit dem Ackerbau kommt eine neue Ernährungsweise, die Menschen nehmen wenig Fisch und Fleisch zu sich und relativ viel pflanzliche Nahrung. In Pflanzen fehlt aber eines der lebenswichtigen Vitamine, nämlich Vitamin D. Man kann das Vitamin D auch über das Sonnenlicht selbst produzieren, am Äquator ist das kein Problem, aber im Hohen Norden wird nur sehr wenig Vitamin D in der Haut produziert. Die helle Haut der Europäer war also eine direkte Anpassung an den Ackerbau.
Die Menschen in Nordeuropa sind die hellsten Menschen auf der Welt – und das ist auch mit Abstand der nördlichste Punkt auf der Welt, wo Ackerbau betrieben wird. Nehmen sie einmal eine Weltkugel und fahren Sie mit dem Finger auf dem Breitengrad von Helsinki oder Stockholm um die Welt. Da landen Sie im Permafrost von Sibirien oder in Fairbanks, Alaska. Nur in Europa ist es relativ warm, durch den Golfstrom kann man auch da oben Ackerbau betreiben. Nur mit dem Nachteil, dass es drei Monate im Jahr dunkel ist. Deswegen mussten die Menschen da oben hell werden.