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Thema: [CK2/EU4] Schwer ruht das Haupt, das eine Krone drückt

  1. #436
    The passion of lovers Avatar von Mark
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    Die Reichserzschlafmütze

    Eleonore dagegen war temperamentvoll und lebenslustig, zum Beispiel tanzte sie gerne. Friedrich hielt von solcher Lustbarkeit nichts, er wollte lieber fieberkrank werden, als seinen Leib zu betörenden Klängen zu verrenken. Eleonore dürfte sich in Wien kaum heimisch gefühlt haben, es war oft kalt und sie sprach kein Deutsch. Ihre einzige Vertraute aus Portugal, eine Hausdame, die sie nach Wien begleitet hatte, starb schon bald. Eleonore ging die Gemütlichkeit ihres Mannes ziemlich auf den Wecker, besonders regte sie auf, wie die Untertanen oft mit ihm umsprangen. Friedrich gab sich dann meistens mit einem seiner hausbackenen Sprüche zufrieden, und die Angelegenheit war für ihn erledigt. Der Reisewagen Eleonores wurde auf dem Rückweg von einer Andacht in der Nähe von Wiener Neustadt überfallen, und sie forderte die Bestrafung der Schuldigen. Friedrich winkte lethargisch ab. Es sei eben nicht möglich, einer jeden Hure Kind zu erziehen. Aber die Kaiserin ließ nicht locker, bis die Burg der Raubritter gebrochen war und die Räuber zur Verantwortung gezogen wurden. Die Kaiserin fuhr ihren Mann an, er sei es nicht wert, seine Scham mit einem Schurz zu bedecken, wenn er sich so auf der Nase herumtanzen lasse. In Portugal habe man andere Vorstellungen von Königswürde! Friedrich zog sich mit dem Hinweis aus der Affäre, die Rache sei die Wirtschafterin der Zeit. Dazu soll er gelacht haben, wie überliefert wird. Der Habsburger war ein kontaktarmer Einzelgänger, dem eine kühle Atmosphäre am angenehmsten war. Das fehlende Gemüt konnte er gut einweben in seine Vorstellung für die Würde und den Stolz auf das Amt des Kaisers, das ihn über seine Umgebung erhob. Zu seiner Politik passt wohl der Vergleich mit einer Spinne, die lange Zeit regungslos in ihrem Netz sitzen kann, bis sich die Beute von selbst darin verfängt.

    Trotz alledem, Eleonore hatte ein gutartiges Gemüt, arrangierte sich der Umgebung und mit ihrem Gemahl, und schenkte ihm insgesamt fünf Kinder. Von diesen überlebten nur zwei das Kindesalter, Maximilian (*1459) und Kunigunde (*1465).



    Nach den ersten Ehejahren lebten die Gatten getrennt, Eleonora weiterhin in Wiener Neustadt, Friedrich in Graz. Die Kaiserin starb im 31. Lebensjahr, im September 1467. Friedrich hat die schöne Portugiesin bei aller Sprödigkeit seines Wesens nie vergessen. Er hat sich kein zweites Mal um eine Heirat bemüht, auch von Verhältnissen mit Hofdamen oder Mädchen niederen Standes ist nichts Genaues bekannt.

    Zurück zur Politik und das Jahr 1453, als Eleonore noch mit Friedrich III. in Wiener Neustadt weilte, denn da geschah Umwälzendes. Gerade als Sultan Mehmed II. seinen Würdenträgern eröffnete, dass er entschlossen sei, Konstantinopel endgültig für den Islam zu erobern, schrieb ihm Kaiser Friedrich III. einen Brief, in dem er ihn aufforderte, von einem solchen Vorhaben Abstand zu nehmen. Angesichts des osmanischen Heeres war das eine kraftlose Lächerlichkeit. Ein halbes Jahr später ging in Wien ein Brief des Dogen von Venedig ein, in dem die am 29. Mai 1453 vollendete Eroberung Konstantinopels durch die Türken gemeldet und in ihren blutigen Einzelheiten geschildert wurde. Das zweite Rom am Bosporus war gefallen, eine existenzielle Säule der Christenheit! Es beruhigte niemanden, dass die Osmanen keine rohen Schlächter waren, sondern mit großer Staatsweisheit ein Reich mit festem Bestand zu schaffen wussten. Im Gegenteil, man musste es fürchten, dass der Sultan ankündigte, er wolle nun von Osten nach Westen marschieren, so wie einst die Abendländer von Westen nach Osten vorgedrungen seien.



    Friedrichs Berater Aeneas Sylvius war klar, dass man Ungarn nun helfend beistehen musste. Obwohl die Osmanen durch das Zerschlagen und Besetzen des Byzantinischen Reiches einen erheblichen Aggressionswert gesammelt hatten, schien Sylvius die Bildung einer christlichen Koalition als schwierig. Sylvius wusste, wie tatenscheu Friedrich III. war, lediglich dessen gute Beziehungen zum Papst waren vielleicht eine gute Voraussetzung. Hätten die beiden Universalmächte Kaiser und Papst noch die frühere Machtfülle besessen, hätten sie das Abendland wohl um sich gesammelt und zurückschlagen können. Aber der Kreuzzugsgedanke war tot, die Herrscher Europas hoffnungslos in ihre eigenen lokalen Probleme und Eifersüchteleien verstrickt. Aeneas Sylvius machte aus der abendländischen Zerstrittenheit auch noch ein Verdienst, indem er erklärte, Zwist im Inneren mache tüchtig für den Krieg nach außen, der im übrigen aussöhnend wirken werde. Das war nur eine ermahnende Phrase: Der Krieg gegen die Türken würde die Europäer nicht aussöhnen, er setzte vielmehr die allgemeine Versöhnung voraus.

    Der Kaiser musste sich auf jeden Fall angesprochen fühlen, auch weil ihn Hunyadi von Belgrad aus dringend aufforderte. Auf den 24. April 1454 berief er einen Reichstag nach Regensburg ein, zu dem sogar Herzog Philippe von Burgund erschien. Dieser sah in der Führerschaft eines Kreuzzugs ein probates Mittel, um sein Ansehen zu steigern, so dass ihm die Königskrone am Ende von Friedrich nicht mehr vorenthalten werden konnte. Der hatte keine Lust, dem Burgunder eine derartige Gelegenheit zur Profilierung zu gönnen. Also erschien Friedrich in Regensburg nicht selber, sondern schickte Aeneas Sylvius als Abgesandten. Außer Laberei ergab sich auf dem Reichstag somit nichts Konkretes. Ende September 1454 tagten die Reichsstände in Frankfurt ein zweites Mal, ohne Anwesenheit des Kaisers und ohne Ergebnis in der Türkenfrage. Die Fürsten boten zwar das Aufstellen von Truppen an, allerdings blieb die Finanzierung ungeklärt. Ohne Geld keine Reichsarmee, es gab ja kein stehendes Heer. Angesichts von Friedrichs Untätigkeit musste vorher mit ihm Rücksprache gehalten werden. Die Fürsten bestimmten: zu Pfingsten 1455. Endlich gab es dann eine Stellungnahme des Kaisers: Okay, es soll ein halber Zehnt im ganzen Reich ausgeschrieben werden, um das Reichsheer aufzustellen. Treffpunkt, um das Ergebnis dieser Sondersteuer zu beraten: Daheim in Wiener Neustadt, im Frühjahr 1456. Was ist mit der Reform des Landfriedens?, gaben die Fürsten zu bedenken. Wenn sie in den Krieg ziehen sollten, musste in ihrer Abwesenheit die Sicherheit daheim gewährleistet sein. Wie gesagt, antwortete der Kaiser, nächstes Jahr in Wien, dann schauen wir weiter. Er hatte nicht genügend Autoritätspunkte für eine Reichsreform, woher auch bei seiner Untätigkeit. Derweil handelten die Türken und marschierten auf Belgrad zu, das unbedingt von dem militärisch versierten Ungarn Hunyadi verteidigt werden musste.

    Hunyadi saß zu dieser Zeit in Ungarn fest im Sattel, nachdem er eine Hofintrige um die Österreicher Eizinger und Cilli abgewehrt hatte: Es hatte das Gerücht gegeben, Hunyadi strebe den Tod des jungen Ladislaus an, um weiter alleine in Ungarn herrschen zu können. Doch Hunyadi konterte, er bewirkte die Entlassung der beiden Intriganten (die sich auch untereinander bekämpften) und bot im Sommer 1455 auf einem Landtag in Ofen den Verzicht auf alle seine Ämter an. Doch die große Mehrheit verlangte stürmisch sein Bleiben, worauf Hunyadi sicherlich spekuliert hatte. Im Ergebnis stand er gefestigt da, während Eizinger und Cilli desavouiert waren.

    Die Verteidigung von Belgrad 1456 gegen die Türken glückte entgegen aller Wahrscheinlichkeit tatsächlich, weil sich unter einem Prediger ein fanatisches Volksheer mit 60.000 Mann gebildet hatte. Man kann sich vorstellen, welches Blutbad sich an den Mauern Belgrads ereignet haben muss. Die erfolggewohnten Türken wurden von den vereinten Kräften dieses Mobs sowie den Heeressoldaten des Hunyadi zurückgeschlagen und mussten bei ihrer Flucht ihre besten Kanonen zurücklassen. Sowohl Hunyadi als auch der Prediger schrieben sich den glänzenden Sieg zu, aber beide starben bald darauf. Der große Feldherr und ungarische Regent Hunyadi fiel im August 1456 einer Lagerseuche zum Opfer. Der Tod dieser beiden charismatischen Anführer war für den Sultan beinahe so viel wert, als wenn er die Schlacht von Belgrad gewonnen hätte.

    Wer sollte nach dem Tod Hunyadis nun die Regentschaft für Ladislaus in Ungarn übernehmen? Es war die Stunde seiner Widersacher, Ulrich von Cilli sicherte sich dieses wichtige Amt. Er benutzte seine Vollmachten unter anderem dazu, die hemmungslose Bereicherung des Hauses Hunyadi während der Jahre ihrer Regierung in einem Prozess zu untersuchen. Als Vertreter der Hunyadi wurden die beiden Söhne Laszlo und Matthias vorgeladen, die sich vor Gericht so glänzend verteidigten, dass Cilli gezwungen war, sich öffentlich mit ihnen zu versöhnen.



    Freispruch mit einer Bedingung: Laszlo Hunyadi hatte einige königliche Burgen unter seiner Kontrolle, die mussten an den neuen Regenten übergeben werden. Man fing mit der Festung von Belgrad an, deren Kommandant Laszlo war. Cilli hatte die Absicht, König Ladislaus mit sich nach Belgrad zu nehmen und Hunyadi in der Festung ermorden zu lassen, aber Hunyadi wurde beizeiten gewarnt und ließ nur Ladislaus und Cilli hinein, nicht aber deren Söldner. Am nächsten Morgen (dem 9. November 1456) griff Cilli während einer privaten Unterredung plötzlich Laszlo Hunyadi an. Die Freunde des Kommandanten hörten aber das Klirren der Waffen, griffen ein und streckten Cilli nieder. Der junge König, der in die Pläne eingeweiht war, verzieh daraufhin Hunyadi und schwor, dass er die Familie beschützen werde. Zum Zeichen seiner Aufrichtigkeit ernannte er Laszlo Hunyadi zum Schatzmeister und Generalkapitän des Königreichs. Hunyadi, der nichts Böses vermutete, begleitete den König nach Buda. Aber als er dort ankam, wurde er mit der Begründung festgenommen, dass er Ladislaus' Untergang plane. Ohne Einhaltung jeglicher legaler Formalitäten wurde Laszlo zum Tode verurteilt und am 16. März 1457 enthauptet. Dem jüngeren Hunyadi-Sohn Matthias, nun das neue Oberhaupt der Familie, erging es besser: Der 14jährige wurde im Kerker gehalten.

    König Ladislaus stand kurz vor seinem 18. Geburtstag und erwartete sicher ungeduldig seine offizielle Regierungsfähigkeit.



    Wie es sich für seinen Stand gehörte, war es für ihn auch an der Zeit zu Heiraten. Ladislaus reiste nach Böhmen, wo er ja auch König war, um in Prag eine Tochter des französischen Königs Charles VII. an den Altar zu führen. Doch kurz vor der Hochzeit erkrankte Ladislaus schwer und starb unvermittelt am 23. November 1457. Das war für das Haus Habsburg eine Katastrophe! Der Versuch, eine Gesamtherrschaft über Österreich, Böhmen und Ungarn zu schaffen, war gescheitert. Natürlich kamen direkt Gerüchte auf, Podiebrad habe etwas mit dem Tod des Königs zu tun gehabt (moderne Untersuchungen des Skeletts haben ergeben, dass Ladislaus nicht vergiftet wurde, er hatte Leukämie).

    Jetzt ging es nämlich um die Frage, wer in Böhmen und Ungarn jeweils die Krone erben würde. Großes juristisches Kino: Friedrich III. argumentierte, Böhmen sei jetzt als herrenloses Königreich ans Reich gefallen, da Ladislaus nach seiner Krönung bei ihm als Kaiser nicht offiziell um seine Belehnung angefragt habe. So ein Quatsch, antworteten die Böhmen: Der Kaiser solle mal einen Blick in die Bestimmungen der Goldenen Bulle werfen. Darin sei doch klar geregelt, dass in einem solchen Fall den Böhmen selbst die Thronfolge anheim gestellt werde. Außerdem habe Karl IV. im Jahre 1348 für Böhmen die agnatisch-kognatische Erbfolge bestätigt. Man müsse also mal gucken, was mit den beiden Schwestern des verstorbenen Ladislaus wäre: Anna war mit dem Wettiner Herzog Wilhelm III. von Sachsen verheiratet. Damit kamen die Wettiner eher ins Spiel als die Habsburger. Und Elisabeth war mit König Kasimir IV. von Polen verheiratet, das berechtigte die Jagellonen zur Nachfolge.

    Gegen die Sache mit der weiblichen Erbfolge konnte Friedrich III. schlecht angehen. Selbst die vertragliche Erbverbrüderung, die das Haus Habsburg und das Haus Luxemburg damals geschlossen hatten, sah ausdrücklich die Möglichkeit auch weiblicher Erbfolge vor. König Albrecht II. hatte sich das seinerzeit extra von den Böhmen bestätigen lassen. Daran war Friedrich III. nun auch zu seinem Nachteil gebunden. Er versuchte es mit einem neuen Argument: Für Böhmen sei das Habsburger Hausrecht anzuwenden (das die rein männliche Erbfolge vorschrieb), seitdem der Habsburger Albrecht II. 1438 die Krone Böhmens übernommen hatte. Also bestünde auch jetzt eine Art Anwartschaft der Habsburger auf den böhmischen Thron. Das war mal wieder eine der juristischen Spitzfindigkeiten, mit denen Friedrich III. so gerne und langatmig hantierte. Die Böhmen setzten der Laberei entschlossen ein Ende: Sie selber waren nach ihrer Ansicht berechtigt, über die Besetzung ihres Königsthrons zu bestimmen, und zwar durch Wahl. In Prag brachen regelrechte Tumulte aus, die Utraquisten gingen auf die Straße. Sie wollten ihren Mann durchsetzen, nämlich Georg Podiebrad. Es gab auch Unterstützer für die Kandidaten der Habsburger, der Wettiner und der Jagellonen, aber die wurden eingeschüchtert bzw. bestochen. Podiebrad sorgte für vollendete Tatsachen, ließ sich von den böhmischen Fürsten wählen und durch „seinen“ Erzbischof Rokycan krönen. Zack.

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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  2. #437
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    Die Reichserzschlafmütze

    Noch schneller als in Böhmen sah sich Friedrich III. in Ungarn vor vollendete Tatsachen gestellt. Am Tage nach Ladislaus' Tod war Matthias, der Bruder des enthaupteten Laszlo Hunyadi, in Prag eingetroffen. Sofort behandelte Podiebrad den Knaben äußerst zuvorkommend, bot ihm sogar eine Tochter zur Ehe. Der gewiefte Politiker Podiebrad hatte ein Interesse daran, dass die nationalistischen Hunyadi in Ungarn am Ruder blieben – dann konnte dort nämlich kein Habsburger die Macht ergreifen, was ihn wieder in Böhmen bedroht hätte. Nach Möglichkeit sollte Matthias Hunyadi sogar ungarischer König werden, dann wäre das Thema „Habsburg in Ungarn“ endgültig abgehakt. In Ungarn roch es zunächst nach Erbfolgekrieg, denn neben Matthias Hunyadi beanspruchten die Habsburger und die Jagellonen den Thron für sich. Innerhalb Ungarn gab es jene, die für die Hunyadi waren und jene, die Grund dazu hatten, ihre Macht zu fürchten. Das waren jene ungarischen Adeligen, die die Hunyadis als traditionslose Emporkömmlinge verachteten, denen sie ihre persönliche Bereicherung neideten, und die Ladislaus als Garanten ihrer eigenen Zukunft bevorzugt hätten. Truppen wurden zusammengezogen, während parallel diplomatische Beratungen liefen. Da sollen die Truppen, die auf dem Eis der Donau zu frieren begannen, dem Hin und Her der Verhandlungen mit dem plötzlichen Aufschrei „Es lebe König Matthias“ ein Ende gemacht haben.



    Entgegen aller dynastischer Rechte und Gewohnheiten siegte ein urwüchsiges ungarisches Nationalgefühl, das unter dem Druck der Türken entstanden war. Man merkt an solchen Ereignissen wie denen des Jahres 1457 in Böhmen und Ungarn, wie das Mittelalter allmählich endet und eine neue Zeit anbricht. Am 24. Januar 1458 wurde Matthias zum König gewählt und bestieg den ungarischen Thron. Die mittelalterlichen Traditionalisten in Ungarn reagierten darauf, indem sie Friedrich III. die Krone anboten. Praktischerweise war der noch im Besitz der Stephanskrone, so dass er sie sich in Wiener Neustadt gleich aufs Haupt setzen lassen konnte. Da war wieder das alte Problem: Der eine saß mit der rechten Krone am falschen Ort, der andere mit der falschen Krone am rechten Ort.



    Blieb als letzter Teil aus Ladislaus' Erbe noch das Herzogtum Österreich. Nach dem Habsburger Hausrecht musste Friedrich III. das Prinzip der Gesamtherrschaft beachten, also mit seinen Verwandten teilen, namentlich mit seinem Bruder Albrecht und seinem Cousin Siegmund. Die zähen Verhandlungen darüber zogen sich bis Mitte 1458 hin. Siegmund erhielt die Vorlande, Albrecht einen Anteil an den Einkünften aus Gesamtösterreich und einen Posten im Rat. Wen wundert es bei all diesen Angelegenheiten, dass Friedrich III. als Kaiser weiterhin leider keine Zeit dafür fand, die Reichsreform voranzubringen? Ohne Landfrieden keine Bereitschaft der Fürsten, Teil eines Reichsheeres zu werden, von der Finanzierung ganz zu schweigen.

    Um es vorneweg zu nehmen: Die Unfähigkeit zur Reichsreform zog die Unfähigkeit zur äußeren Verteidigung nach sich. Das war der Nenner, unter dem man die Kreuzzugsberatungen auch der folgenden Reichstage in den 1460ern zusammenfassen konnte. Nur wurde die Türkennot in der Zwischenzeit immer drängender. Ungarn allein hielt die Osmanen nicht mehr auf, nachdem sich der Sultan 1463 Bosnien unterworfen hatte. Von dort aus war der Weg durch Kroatien nach Krain, Kärnten und in die Steiermark nicht mehr weit, die ungarische Tiefebene konnte umgangen werden. Im Jahre 1469 fielen leichte Überfall-Einheiten zum ersten Mal in die innerösterreichischen Gebiete ein. Sie drangen von Möttling an der Kulpa aus bis in die Gegend von Cilli vor, töteten viele Einwohner, verbrannten die Felder und Weinberge, schleppten 20.000 Menschen in die Sklaverei. In den 1470ern kamen die Mordbrenner jeden Frühling wieder. Sie waren auf ihren flinken Pferden viel zu beweglich, um von der schlecht organisierten Landwehr ernsthaft gehindert werden zu können. Auf eine Belagerung verstanden diese Banden sich nicht, da das Mitführen von Artillerie und Belagerungsgerät sie ihrer Schnelligkeit beraubt hätte. Aber was außerhalb der Befestigungen von Laibach, Klagenfurt etc. verblieb, war ihnen gnadenlos ausgeliefert. Selbst ein Phlegmatiker wie Friedrich III. konnte nicht tatenlos zusehen, wie die Türken bis an die Krain rückten und immer wieder seine Ländereien verwüsteten. Schutz dagegen konnte dem Kaiser nur ein großer, siegreicher Feldzug nach Bosnien und Serbien hinein geben. Es geschah etwas „Unerhörtes“, der Kaiser begab sich höchstpersönlich zu dem nächsten Reichstag im Frühjahr 1471 in Regensburg. Im Reich machte sich Erleichterung breit, endlich nahm der Habsburger sich der Sache an. Aber jetzt, da es konkreter wurde, ging der Streit um die Erhebung der Reichssteuer erst richtig los. Fürsten, Ritter und Städte zankten wochenlang um die Lastenverteilung. Und selbst als die Steuererhebung leidlich skizziert war, musste das Geld ja auch noch tatsächlich eingetrieben werden. Am Ende kam konkret die Zusage zustande, gerade einmal gut 10.000 Mann zur bedrohten Südostgrenze des Reiches zu schicken. Da hatten Kaiser und Reichsfürsten nach jahrelanger Beratung nicht sonderlich viel realisiert. Von einer Koalition mit Frankreich, Burgund und Italien ganz zu schweigen.



    Einer, der es wissen musste, sah dieses magere Ergebnis schon 1458 voraus, als Friedrich III. noch mit dem Nachlass des Ladislaus beschäftigt war: Aeneas Sylvius, der Berater des Kaisers. Der Bischof hatte in diesem Jahr einen bedeutenden Karrieresprung gemacht, er wurde nach dem Tod von Calixt III. zu dessen Nachfolger gewählt und nannte sich fortan Pius II. (1458-1464). Als Papst berief er für 1459 sogleich einen Fürstenkongress nach Mantua ein, um neuen Schwung in die Türkenfrage zu bringen. Dass sein früherer Arbeitgeber Friedrich III. lediglich eine nicht standesgemäße Delegation schickte, bestätigte Pius II. in seiner langjährigen Kenntnis von dessen geizigem und phlegmatischem Charakter, und er gab sich keinen Illusionen hin, den Kaiser aufrütteln zu können. Mit England sah es nicht besser aus, hier saß der depressive Henry VI. auf dem Thron und das Land versank gerade im Bürgerkrieg. Wirklich enttäuschend war, dass selbst der Herzog von Burgund nicht persönlich erschien, obwohl Philippe doch so lauthals die Führung gegen die Türken für sich beansprucht hatte. Doch der Burgunder musste gerade vor Frankreich auf der Hut sein und konnte es sich nicht erlauben, in so einer Situation außer Landes zu gehen. Frankreich stellte für seine Teilnahme an dem Kongress die Vorbedingung, dass der Papst den französischen Anspruch auf Neapel voranbringt. Die französischen Ambitionen veranlassten wiederum den neuen König von Neapel, Ferdinand I. (1458-1494), dazu, lieber zu Hause zu bleiben. Weil die Großen alle absagten, zeigten sich auch Florenz und Mailand nicht bereit, im Alleingang zu handeln. Nur Venedig war zum Handeln bereit – was kein Wunder war, waren es doch ihre Handelsposten im östlichen Mittelmeer, die die Türken unter ihre Kontrolle brachten. Jahrelang strampelte sich Pius II. bis zu seinem Tod 1464 redlich ab, die christliche Koalition doch noch auf die Beine zu stellen. Vergeblich.

    In Deutschland war man inzwischen ebenfalls unzufrieden mit der Untätigkeit des Kaisers in Sachen Reichsreform. Die Kurfürsten dachten darüber nach, Friedrich III. abzusetzen, grundsätzlich hatten sie ja die Befugnis dazu. Das Problem war, dass der Habsburger bereits vom Papst zum Kaiser gekrönt worden war, und deshalb hätte der einer Absetzung mit zustimmen müssen. Wenn sich Friedrich III. aber mit jemandem gut verstand, dann war das der Papst. Eine bloße Absetzung war rechtlich also nicht machbar. Es musste ein anderer Weg gefunden werden. Die Kurfürsten kamen auf die Idee, man könne doch unterhalb des Kaisers einen „geschäftsführenden“ König ernennen, der anstelle des faulen Friedrich III. die Sachen in die Hand nimmt. Die Position des Römischen Königs parallel zum Römischen Kaisers war nicht neu, das war in der Vergangenheit aber die Bezeichnung für den Sohn und designierten Nachfolger des amtierenden Kaisers gewesen. Es wurde also ein bewährter Name mit einem neuen Verständnis gefüllt. Okay, fragten sich die Kurfürsten, wer soll diesen Job machen? Philippe von Burgund – zu mächtig, zu heikel. Der Habsburger Albrecht – der war Brandenburg und Sachsen nicht recht. Wie wäre es dann mit dem Wittelsbacher Friedrich I. von der Pfalz?


    Friedrich I. „der Arrogator“ von der Pfalz

    Der führte seit 1451 die Herrschaft über die Pfalz, nachdem sein Bruder Ludwig IV. gestorben und dessen Sohn mit einem Jahr Alter natürlich noch zu jung für die Nachfolge war. Um die Pfalz mit Zustimmung der Kurfürsten und des Papstes übernehmen zu können, adoptierte Friedrich seinen Neffen und verzichtete für sich auf den Abschluss einer Ehe und somit auf das Zeugen eigener legitimer Erben. Dieser Vorgang heißt Arrogation, Friedrich I. wurde deshalb auch als „der Arrogator“ bezeichnet. Der Arrogator war damals 27 Jahre alt, ein glänzender Ritter, tüchtiger Politiker und zupackender Administrator – die Pfalz war zu klein für seinen Ehrgeiz. Das war der Typ eines Fürsten, mit dem Friedrich III. am wenigsten zu tun haben wollte, die beiden unterschieden sich wie Feuer und Eis. Man kann sich also vorstellen, was Friedrich III. von dem Vorschlag hielt, den Arrogator zum geschäftsführenden König zu krönen. Der Habsburger erkannte richtig, dass er dann zu einem bloßen Zeremonienmeister degradiert worden wäre, zuständig nur noch für repräsentative Aufgaben. Verbündete gegen den Plan der Fürsten hatte Friedrich schnell gefunden: Albrecht Achilles von Ansbach war ebenfalls gegen den Arrogator, denn der Wittelsbacher wäre dann zum dominierenden Herrscher in Süddeutschland geworden. Und dem Papst schmeckte diese Abwertung des Kaisertums schon grundsätzlich nicht.

    Friedrich III. musste mal wieder keinen Finger rühren, um im Reich präsent zu sein. Das erledigte Ansbachs Albrecht Achilles für ihn, der war ein exzellenter Politiker und Feldherr. Die Wittelsbacher reagierten, indem Bayern und Pfalz 1458 vorsorglich ein Bündnis schlossen. Da musste Albrecht Achilles natürlich nachziehen, Ansbach schloss sich mit Hessen, Sachsen, Württemberg, Baden und Mainz zusammen. Es roch mal wieder nach Krieg in Süddeutschland. Albrecht Achilles zögerte, das Schwert gegen Bayern zu ziehen. Sein Verbündeter Wilhelm von Sachsen mahnte, die Dinge wegen der ungeklärten Haltung Böhmens in seinem Rücken nicht zu übereilen. Albrecht Achilles schaltete sich ein und klärte die Sache: Die Wettiner in Sachsen verzichteten auf ihren Anspruch auf die böhmische Krone. Der Krieg gegen Bayern und die Pfalz konnte losgehen.

    Podiebrad durfte zufrieden sein. Da er gerade so umworben wurde, fragte er gleich mal bei Friedrich III. nach, ob der ihn nicht endlich als böhmischen König anerkennen könne. Böhmen würde dann nicht nur die Reichsacht gegen Bayern unterstützen, sondern auch dem Kaiser dabei helfen, in Ungarn Matthias Hunyadi vom Thron zu stoßen. Zwischen Österreich und Ungarn lief bald der Waffenstillstand ab. Und da der Krieg in Süddeutschland für Albrecht Achilles sich gerade schlecht entwickelte, konnte Podiebrad dem Kaiser noch zu bedenken geben, dass die Kurfürsten sich auch ihn durchaus für die Position des Römischen Königs vorstellen konnten. Immerhin schrien die Verwüstungen des laufenden Krieges sowie die Missernte von 1460 dringend nach einer entschlossenen Führung des Reiches. Friedrich III. reagierte so wie gewohnt: Er reagierte nicht darauf – und kam damit durch. Podiebrad hatte sich mit dem Ausgreifen auf den Römischen Königstitel überschätzt, denn bei den Kurfürsten besann man sich darauf, dass Podiebrad nicht nur böhmischer König, sondern auch Anführer der ketzerischen Utraquisten war. Das machte ihn für die römische Krone unmöglich, sie konnte nur an lupenreine Katholiken gehen. Podiebrad wäre wohl bereit gewesen, sein Fähnlein nach dem Wind zu drehen. Doch zuhause stellten sich drohend die Utraquisten vor ihm auf und ermahnten ihn, in Glaubensfragen nicht umzukippen. Podiebrad musste klein beigeben, er hatte zu hoch gepokert.

    Zurücklehnen konnte sich der Kaiser eigentlich nicht. Ungarn war weiter in der Hand von König Matthias Hunyadi. Der wird übrigens auch Matthias Corvinus genannt, wegen des Raben in seinem Wappen.

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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

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    Die Reichserzschlafmütze

    Die Kurfürsten waren immer noch sauer wegen der Untätigkeit des Kaisers, der Krieg in Süddeutschland tobte, und in Österreich hatte man auch die Faxen dicke, weil die Türken und marodierende Raubritterbanden das Land unsicher machten, ohne das Friedrich III. etwas dagegen unternahm. Der Kaiser beschäftigte sich zu dieser Zeit lieber mit der Prägung einer neuen Münze, was seiner Neigung zur Betrachtung von Edelmetallen zweifellos entgegenkam. Die Probleme allerorts ignorierte er. Jetzt reicht es, beschlossen die Österreicher, und fragten 1461 Erzherzog Albrecht, ob der nicht mit Waffengewalt für Ordnung im Land sorgen könne. Notfalls auch gegen den Willen und gegen die Truppen seines Bruders.

    Albrecht zögerte zunächst, aber als Matthias von Ungarn ihm Unterstützung zusagte, fasste er Mut und erklärte seinem Bruder Friedrich III. den Krieg. Bald darauf wurde Wien von Truppen aus Österreich, Ungarn und Bayern belagert. Weil Ansbach im Krieg gegen Bayern einen klar negativen Warscore hatte, musste der Kaiser jemand anders um Vermittlung bitten. Das konnte nach Lage der Dinge ausgerechnet nur der Böhme Podiebrad sein, den Friedrich III. kurz zuvor noch düpiert hatte. Podiebrad verpflichtete den Kaiser, sich wegen dieser Utraquisten-Geschichte für ihn positiv beim Papst zu verwenden. Anschließend reichte die Drohung Böhmens, in Österreich einzumarschieren: Albrecht musste mit seinem Bruder einen Waffenstillstand schließen und die Belagerung von Wien abbrechen. Der Erzherzog verzieh dem Böhmen den erzwungenen Frieden nicht mehr. Podiebrad setzte noch einen drauf und erklärte Böhmens Kriegseintritt auf Seiten Bayerns und der Pfalz gegen Ansbach. Der Kaiser versuchte noch, das Ruder zu wenden und forderte die ihm unterstehenden Reichsstädte (Nürnberg, Ulm, Frankfurt etc.) zum Eingreifen auf. Die verhielten sich wie sonst der Kaiser: Gemach, wir müssen mal gucken. Da blieb dem bereits angeschlagenen Albrecht Achilles nur noch übrig, 1462 einem Frieden mit den Wittelsbachern zuzustimmen.

    Der Krieg war aus, jetzt konnte es endlich weitergehen mit der Reichsreform und der Türkenfrage? Nein, konnte es nicht. Der Reichsmarschall musste im Oktober 1462 vor die versammelten Fürsten in Regensburg treten und sie auffordern, seinem Herrn Hilfe zu bringen: der Kaiser werde von seinen eigenen Untertanen, den Bürgern von Wien, in Wien selbst belagert, sein Schloss werde beschossen, sogar sein Leben sei in Gefahr. Bald war die Lage wie zuvor: Erzherzog Albrecht verbündete sich mit den Bürgern und schickte Verstärkung für die Belagerung. Wieder war der Kaiser in solcher Not, dass er jetzt befahl, die Wiener Stadtteile um seiner Burg in Brand zu schießen. Und wieder sollte Böhmen ihn raushauen. Podiebrad schickte seinen Sohn mit einem Entsatzheer, das sich im November 1462 mit Albrechts Truppen vor Wien eine Schlacht lieferte, die unentschieden ausging. Trotzdem musste der Erzherzog wieder Frieden schließen: Böhmen hatte Reserven im Rekrutenpool, er nicht. Ohne Beteiligung des Kaisers bestimmte Podiebrad im Friedensvertrag, dass Albrecht für die Dauer von acht Jahren Niederösterreich vom Kaiser übernimmt und diesem aus den Einkünften jährlich 4.000 Gulden abgibt. Also eine Art Frieden mit „Kriegsreparationen 10% der Einnahmen“, die Friedrich III. akzeptieren sollte. Der Kaiser nahm den Vertrag widerspruchslos an, die Wiener Bürger stimmten aus Kriegsmüdigkeit zu.

    Für seinen Einsatz ließ sich Podiebrad jetzt wahrhaftig „fürstlich“ vom Kaiser entlohnen: Die Söhne Podiebrads wurden in den Reichsfürstenstand erhoben, falls Friedrich III. vor der Volljährigkeit seines Sohnes Maximilian stürbe, sollte der Böhme dessen Vormund mit einer jährlichen Zahlung von 100.000 Dukaten werden, und falls sowohl Friedrich III. als auch Maximilian ohne Erben stürben, sollte Podiebrad ihre Hauslande erben!

    So dankbar, wie der Kaiser dem Böhmen für seine Rettung war, so sehr war das Verhältnis zu seinem Bruder Albrecht nun zerrüttet. Das sollte nicht lange andauern, Friedrich wurde von seinem Bruder durch dessen Tod am 2. Dezember 1463 befreit. Wahrscheinlich starb der Erzherzog an den Spätfolgen einer Seuche. Das Verhältnis zwischen Friedrich III. und seinem Cousin Siegmund dagegen war vielleicht, beim Aufteilen von Albrechts Besitz wurden sie sich durchaus einig. Wenn es ums Geld ging, griffen beide gerne zu – der eine aus Raffsucht, der andere aus Verschwendungssucht. Die Verhältnisse in Österreich waren wieder geklärt, Friedrich III. war nun selber der Erzherzog und rechnete genüsslich mit den Anführern des Bürgeraufstands ab. Sie wurden vom Scharfrichter geköpft, mit Ausnahme des Bürgermeisters – für den war das zu milde. Er wurde erst gefoltert und dann gevierteilt.

    Es ging wieder aufwärts für den Habsburger. In Ungarn stand Matthias Corvinus so unter dem Druck der Türken, dass er den Kaiser als Fürsprecher einer christlichen Koalition benötigte. Der Deal war, dass Friedrich III. ihn als König anerkannte, der kinderlose Matthias auf das Gründen einer Dynastie verzichtete und Friedrich III. bzw. dessen Sohn Maximilian als seine Nachfolger akzeptierte. Über Ungarns Zukunft würde also weiterhin der kaiserlich-habsburgische Doppeladler schweben. Weil also gerade Ausgleichspolitik angesagt war, kam Friedrich III. auch mit den Wittelsbachern zu einem Weißen Frieden überein: Bayern verzichtete auf seine Eroberungen aus dem Krieg gegen Ansbach, dafür nahm der Kaiser Bayern und die Pfalz aus der Reichsacht. Schwamm drüber über den Krieg, der Süddeutschland verwüstet hatte.

    Also dann, ein neuerlicher Anlauf, genügend Reichsautorität für die Reichsreform zu sammeln. Aber den torpedierte der Kaiser versehentlich selbst, es ging in diesem Fall um den Norden des Reiches. Dazu muss ich kurz ausholen: Nach dem Tod des Grafen von Holstein und Herzog von Schleswig Adolf VIII. im Jahre 1459 war seine Linie ausgestorben. Holstein war ein Lehen des Reichs, Schleswig ein Lehen vom Königreich Dänemark. Als Lehensmann des dänischen Königs war Adolf Mitglied des Kopenhagener Reichsrats gewesen. 1444 hatten ihm die dänischen Stände sogar die freigewordene Königskrone angeboten, aber er hatte abgelehnt und auf seinen Neffen verwiesen: Christian, Graf von Oldenburg und Delmenhorst, ein Halbdäne. Der bestieg als Christian VI. den Thron und erfreute sich des besten Einvernehmens mit seinem Onkel, zum Beispiel beim Niederschlagen der freiheitsbewussten Bauern in Dithmarschen, aber auch wegen seiner Bereitschaft, die Trennung Schleswigs vom Königreich Dänemark anzuerkennen. Das dänische Reichsgesetz sah nämlich vor, dass eine Personalunion als König von Dänemark und Herzog von Schleswig nicht gestattet war. Christian VI. wäre in Schleswig aber der Erbe seines Onkels gewesen, also sollte das Herzogtum beim Reich bleiben und durch einen der Brüder von Christian geerbt werden.



    Als Adolf VIII. dann 1459 starb, hatte Christian VI. das dänische Recht inzwischen ändern lassen und ließ sich doch zum Herzog von Schleswig und Graf von Holstein wählen. Seine Brüder schob er zur Seite, wohl gegen Geld erklärten sie artig ihren Verzicht. Nach deutschem Reichsrecht war es zulässig, dass ein außerhalb des Reiches stehender Herrscher auch Lehensträger innerhalb des Reiches sein konnte (ein solches Verbot kommt in EU4 erst mit einer der späteren Reichsreformen). Es war nicht einmal verboten, dass sich ein solcher Herrscher gar die Kaiserkrone aufsetzte, wenn ihn die Kurfürsten nur wählten. Christian VI. unterließ es lediglich, sich ordnungsgemäß vom Kaiser belehnen zu lassen, und das konnte man ihm formal ankreiden.

    Kurfürst Friedrich von Brandenburg machte es dem Kaiser gegenüber geltend, weil er gerne selber Graf von Holstein werden wollte. Aber die Situation im Reich war damals nicht danach, Dänemark zu etwas zwingen zu können, es lief gerade der Streit um die Position des neuartigen Römischen Königs. Friedrich III. entschloss sich auch hier wieder dazu, gar nichts zu unternehmen. Christian VI. hatte ihn nicht um Belehnung gebeten, also erkannte er ihn stillschweigend auch nicht an. Im Norden hatte er als Kaiser eh nichts zu melden, hier war stattdessen die Hanse der Konkurrent Dänemarks. Aber selbst für die Hanse interessierte sich Friedrich III. nicht, obwohl er sie vielleicht hätte nutzen können, denn der Bund der Kaufleute roch ihm zu sehr nach Republik. Das war nichts für den erklärten Aristokraten Friedrich.



    Noch so eine republikanische Veranstaltung war das erwähnte Dithmarschen. Schlimmer noch als die Hanse, denn hier hatten sich Bauern 75% Autonomie von ihrem Lehnsherrn, dem Erzbischof von Bremen, erstritten. Nach guter feudaler Art sah Friedrich III. die renitente Bauernrepublik als „herrenlos“ an. Die Lehnspyramide hatte lückenlos zu sein – kein Land ohne einen Herren, war das entsprechende Prinzip. Widerborstige Landbewohner mochten derzeit die tatsächliche Macht ausüben, das zählte nach seiner Rechtsauffassung aber nicht als feudale Herrschaft. Der Nutznießer von Friedrichs Haltung war Dänemark: Christian VI. erhielt die Erlaubnis, sich Dithmarschen zu unterwerfen und es mit Holstein zu einem neuen Herzogtum des Reiches zu verbinden. Sicher freute sich der dänische König darüber. Nur: Die Dithmarscher und die Hansestädte sorgten bald dafür, dass der Kaiser seinen Rechtsirrtum bemerkte, und Christian VI. sah sich bei schlechtem Wetter in einem unangenehmen Unterwerfungsfeldzug gegen kampfbereite Friesenbauern.

    Der Kaiser musste sich vom Bremer Erzbischof belehren lassen, dass die Argumente der Bauern in Dithmarschen rechtlich in Ordnung waren, und nahm 1481 die Belehnung Christians mit diesem Land zurück. Der aber war gestorben, kurz bevor die Nachricht Kopenhagen erreichte, und seine Nachfolger scherten sich nicht um das kaiserliche Machtwort. Friedrich III. zuckte mit den Schultern und suchte nach dem nächsten Fettnäpfchen. Damit wären wir bei dem Rundblick beim Deutschen Orden.



    Der Deutsche Orden ist in EU4 keine leichte Wahl für eine Partie. Schon 1395 hatte König Wenzel ihm den Heidenkrieg verboten, da sich kurz zuvor Litauen als katholisch erklärt hatte. Jedenfalls offiziell, und das genügte. Damit war dem Orden seine Daseinsberechtigung entzogen, die Polen konnten ihn auf dem Konstanzer Konzil von 1415 sogar als ketzerische Organisation hinzustellen versuchen. Das zeigte, dass die Polen unablässig daran dachten, dem Deutschen Orden nach ihrem Sieg von Tannenberg (1410) irgendwann einmal den Fangstoß zu geben. Der Druck musste gut dosiert gegeben werden, denn Papst und Kaiser waren von Amts wegen dem Schutz des Ordens verpflichtet. Doch das Ordensland war kein monolithischer Block, den Ordensmitgliedern mit ihren Bischöfen und Domkapiteln standen eine Bürgerschaft in den Städten sowie ein nicht an den Orden gebundener Landadel gegenüber. Klerus, Bürger, Adel – da sind sie wieder, die drei Stände. Diese Bürger und der Landadel schlossen sich unter der Führung von Danzig zum „Preußischen Bund“ zusammen, um ihre rechtlichen Interessen gegenüber dem Orden zu wahren. Für die Ordensleute war die angestrebte Minderung ihrer Privilegien eine Zumutung, über die sie sich beim Kaiser beschwerten.

    Der Hochmeister Konrad von Erlichshausen wandte sich im Jahre 1453 an den Kaiser, um den Preußischen Bund für illegal erklären zu lassen. Es hätte der 14.000 Gulden Handsalbe, die dabei flossen, nicht bedurft, denn selbstverständlich war der Preußische Bund illegal. Die Kirche besaß in inneren Angelegenheiten eine von den Kaisern oft genug garantierte Freiheit: Die Ordensleute waren Kleriker, folglich durch Sonderbünde in ihrem Kirchenland nicht einschränkbar. Der Bund hatte sich aufzulösen. Er unterstellte sich aber sofort dem Schutz Polens, das 1454 das Ordensland zu polnischem Territorium erklärte. In Deutschland herrschte Empörung über das polnische Vorgehen, hier verlangte man ein militärisches Vorgehen gegen Polen. Friedrich III. reagierte 1455 mit der Reichsacht über den Preußischen Bund, ein Feldzug gegen Polen kam aber nicht auf die Beine. Erst musste die Türkengefahr abgewendet werden – doch dieser Kreuzzug kam nicht zustande, weil die polnische Angelegenheit nicht erledigt war. Die Wahrheit war, dass Friedrich III. es sich nicht mit seinem Schwager, dem polnischen König Kasimir IV., verscherzen wollte. Er brauchte ihn vielleicht noch gegen den Böhmen Podiebrad. Mit der Acht gegen den Preußischen Bund hatte Friedrich III. seine kaiserliche Pflicht getan, das musste genügen.

    Nachdem dem Orden 1466 das Geld ausgegangen war, seine Söldner zu bezahlen, musste er in Thorn einen demütigenden Frieden schließen, der ihn von seiner Landbrücke zum Reich abschnitt. Kasimir IV. übernahm Westpreußen, das Gebiet um die Weichsel, Marienburg, das Kulmer Land sowie das Ermland. Das waren jene wirtschaftlich starken Gebiete, in denen der Preußische Bund gut organisiert war. Jetzt war nach Holstein also auch noch weiteres Reichsgebiet aus dem Verband ausgeschieden, weiterer Abzug bei den kaiserlichen Autoritätspunkten. Friedrich III. fand das offenbar nicht so schlimm, die Polen waren nach allem doch keine Türken. Es rührte ihn daher auch nicht, wenn Kasimir anschließend die Neumark ins Visier nahm, die der Deutsche Orden im Jahre 1402 an Brandenburg verpfändet hatte.

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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

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