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Thema: [CK2/EU4] Schwer ruht das Haupt, das eine Krone drückt

  1. #481
    Benutzter Registrierter Avatar von jeru
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    Sehr schön geschrieben und auch sehr gut nachvollziehbar dargestellt.
    Ich bin schon gespannt auf das nächste Kapitel!

  2. #482
    The passion of lovers Avatar von Mark
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    Der unheimliche Papst



    Der unheimliche Papst

    Alexander VI.
    Papst und Oberhaupt der katholischen Kirche von 1492 bis 1503, lebte 1431-1503
    Startdatum: 11. November 1444


    Als die gelungenste Inkarnation des Teufels auf Erden wurde Rodrigo Borgia bezeichnet. In der Tat ist es schwierig, ein Verbrechen oder Laster zu finden, das nicht mit Alexander VI., so sein Name als Papst, oder seinen Kindern Cesare und Lucrezia in Verbindung gebracht worden ist. Der Name Borgia steht gleichermaßen für hemmungslose Macht und Geldgier, Mordlust, Korruption und sexuelle Ausschweifungen. Dieser Papst Alexander war ein Prototyp des modernen Mafia-Paten, Cesare ein Vorbild für Machiavellis perfekten Fürsten der Renaissance, dem die Staatsräson mehr zu gelten hatte als die Moral.

    Dass sie über die Jahrhunderte eine solche Berühmtheit erlangen würde, war den Borgia gar nicht in die Wiege gelegt worden. Die Borgia gehörten Anfang des 15. Jahrhunderts lediglich zum mittleren Adel Kataloniens, ihre spanische Schreibweise ist Borja. Man munkelte später, die Borja seien ursprünglich Juden gewesen, die zum Christentum übergetreten waren. Welches Blut auch immer in den Adern der Borgia geflossen sein mag, sie fühlten sich jedenfalls als Spanier. Begonnen hatte der historische Aufstieg der Familie im Sommer 1429 auf Peniscola, einer gewaltigen, von den Templern errichteten Festung bei Valencia. Hier sollte der 50jährige Alonso Borgia im Auftrag des Königs von Aragon den letzten Gegenpapst des Avignon-Schismas zum Rücktritt bewegen. Dieser Gegenpapst nannte sich Clemens, der Milde, was der Realität überhaupt nicht entsprach. Eher zeichneten Grausamkeit und Stolz den Charakter von Clemens aus. Wir kennen die Situation mit dem spanischen Gegenpapst aus dem Kapitel über Sigismund und dessen Konstanzer Konzil von 1415: Einer der drei konkurrierenden Päpste (Benedikt XIII.) hatte sich geweigert, sein Amt niederzulegen und sich nach Peniscola zurückgezogen. Der Kaiser und die christliche Welt hatten den halsstarrigen Alten schließlich ignoriert, und Benedikt tat bis zu seinem Tod 1423 einsam weiter so, als sei er der rechtmäßige Papst. Sein Nachfolger wurde eben jener Clemens, den nun Alonso Borgia bequatschen sollte. Und er hatte Erfolg, Clemens erklärte 1429 seinen Rücktritt als Papst. Die letzte Fußnote des Abendländischen Schisma hatte ein Ende gefunden.

    Der amtierende Papst Martin V. dankte es Alonso Borgia mit dem Amt des Bischofs von Valencia. Das war das Sprungbrett für den Aufstieg. Alonso übte das Amt 15 Jahre lang vorbildlich aus, bis er 1444 zum Kardinal ernannt und an den päpstlichen Hof gerufen wurde. Dies wiederum war die Belohnung des Borgia für eine erfolgreiche Vermittlung in einem Streit zwischen Papst Eugen IV. und dem König von Aragon.



    Wir sind also bereits in dem Jahr, in dem EU4 beginnt: Eugen IV. ist Papst, Alonso Borgia einer jener namenlosen Kardinäle im Menüfenster des Heiligen Stuhls. In Rom machte Alonso einen ordentlichen Job und trat bescheiden auf. Das war auch klug so: Wirklich Macht hatte er als Katalane in Rom nicht, die alten römischen Familien der Colonna und Orsini bestimmten über Wohl und Wehe in der Stadt.

    Diese beiden Familien wollten natürlich auch den Heiligen Stuhl mit einem ihrer Angehörigen besetzen. Die Wahl eines neuen Papstes wurde im März 1455 notwendig, weil Papst Nikolaus V. verstarb. Doch bei den Wahlgängen konnte sich keine der beiden Seiten mit ihren Kandidaten durchsetzen. Man einigte sich schließlich auf einen Kompromisskandidaten: auf Alonso Borgia, den rechtschaffenden Kardinal von Valencia ohne Hausmacht und – angesichts seines Alters von 76 Jahren – mutmaßlich überschaubar langen Amtszeit. So mancher Römer argwöhnte, dass ein Ausländer auf dem Heiligen Stuhl Platz nahm. So unrecht hatten sie nicht, denn Calixt III. (so nannte sich Alonso Borgia nun) besorgte hunderten Familienmitgliedern und Anhängern Posten an der Kurie, auf einmal mehrten sich hier die katalanischen Namen.



    Natürlich vergaß Calixt nicht, seine beiden Neffen zu berücksichtigen: Don Pedro Luiz wurde Präfekt sowie Herzog von Spoleto, Rodrigo Borgia erhielt 1457 den einflussreichen Posten des Vizekanzlers an der Kurie. Die Amtszeit von Calixt fiel in die Zeit unmittelbar nach dem Fall von Konstantinopel an die Osmanen, man kann sich also vorstellen, was seine Politik bestimmte. Sein Pontifikat war wie erwartet nicht von langer Dauer, schon 1458 lag er im Sterben.

    Für die Borgia, darunter Rodrigo, eine gefährliche Situation, denn es hatte schon Tradition, dass nach dem Tod eines Papstes die Karten in Rom neu gemischt und mit den Günstlingen des alten Papstes aufgeräumt wurde. Die Orsini organisierten in Rom schwere Unruhen, die Pedro Luiz zur Flucht aus der Stadt veranlassten (natürlich mit prall gefüllten Schatztruhen). Rodrigo hingegen beschritt den entgegengesetzten Weg: Er kam zurück nach Rom, um seinem Onkel bei dessen Agonie persönlich beizustehen. Eine mutige Entscheidung, die einiges von Rodrigos ausgeprägtem Familiensinn zeigt, hier im positiven Sinn. Das Schicksal bestrafte den geflohenen Pedro Luiz prompt: Während Rodrigo die Unruhen ohne Schaden an Leib und Leben überstand, kam Pedro Luiz um. Es ist nicht sicher, ob es die Malaria oder der lange Arm der Orsini gewesen ist.

    Rodrigo Borgia musste nach dem Tod von Calixt III. zusehen, was aus ihm werden würde. Wie gesagt, noch immer hatten neue Päpste auch einen neuen Kanzler ernannt. Das forderten natürlich auch jetzt die Gegner der Borgia, doch sie fanden keine Mehrheit im Kollegium der Kardinäle: So mancher fürchtete, dass dieselben Korruptionsvorwürfe, die man gegen den Borgia erhob, anschließend auch gegen einen selber verwendet werden könnten. In der anschließenden Papstwahl gab es harte Auseinandersetzungen zwischen dem italienischen Kandidaten Piccolomini und dem Franzosen Estouteville, es herrschte ein Patt zwischen den rivalisierenden Lagern. Mit demselben kaltblütigen Mut, durch den sich Borgia nach dem Tode von Calixt in Rom behauptet hatte, erklärte er in dieser Situation, für Piccolomini zu stimmen. Das war die Entscheidung, die zur Wahl des Italieners zu Papst Pius II. führte. Man kann sich vorstellen, dass Piccolomini dem Borgia dafür ziemlich dankbar war und ihm erneut den Verbleib auf dem Posten des Vizekanzlers antrug. Die Amtsenthebung, die noch wenige Tage zuvor diskutiert worden war, war damit vom Tisch. Der 26jährige Borgia hatte mit Abstand am höchsten gespielt und dabei alles gewonnen, er überstand den Wechsel an der Kirchenspitze politisch ohne Schaden.

    Pius II. war anschließend von 1458 bis 1464 Papst, ein bedeutender Humanist, Poet und Gelehrter. Die Wahl seines Namens war eine Reminiszenz an „pio Enea“ des antiken Schriftstellers Vergil. In CK2 wäre er wohl einer mit den grünen Eigenschaften (Tugenden) und einem hohen Frömmigkeitswert. Politisch versuchte er, dem Papsttum die alte Geltung zu verschaffen, sorgte sich um die Türkengefahr (einen Kreuzzug vermochte auch er nicht auf die Beine zu stellen) und stritt sich mit dem böhmischen König Georg von Podiebrad, der seiner Meinung nach den hussitischen Kräften in Böhmen allzu nahe stand. Pius II. interessierte sich auch für Baumaßnahmen, wie sie typisch war für die Mäzen der Renaissance. Hier konnte ihm sein Vizekanzler Rodrigo Borgia gerne behilflich sein. Borgia nutzte die Jahre natürlich, um seine Position an der Kurie abzusichern. Nur einmal geriet er mit seinem Vorgesetzten, dem Heiligen Vater, aneinander, der Grund sollte typisch sein für das Naturell Rodrigos: Es ging um eine luxuriöse Feier, die Borgia in Siena abhielt, als er dort zu Gast war. Die Nacht über vergnügte er sich gemeinsam mit anderen ausgiebig mit den Sieneser Damen, für deren Anwesenheit Borgia gesorgt hatte. Die ausgesperrten Männer aus Siena kochten vor Wut, es waren ihre Frauen, Schwestern und Töchter, die auf der Lustparty benutzt wurden. Bei Gott, wenn alle diejenigen, welche innerhalb eines Jahres in Siena geboren werden, in den Kleidern ihrer Väter zur Welt kämen, müssten sie alle Priester oder Kardinäle sein“, schimpften sie.

    Gegenüber Pius II. war das Verhalten Borgias und der anderen Geistlichen schlicht eine Frechheit, er schrieb dem Vizekanzler eine zornige Rüge. Pius war zwar selber eine Lebemann, aber er stammte aus keinem anderen Ort als Siena. Kein Wunder also, dass die Beschwerden aus seiner Heimatstadt in persönlich betrafen. Innerhalb Italiens war das Bündnisgeflecht schon so kompliziert genug. Wie bei einem Schachbrett waren die Städte kreuzweise untereinander verbündet, um sich jeweils gegen ihre verhassten Nachbarn abzusichern. Der Papst hielt es zu dieser Zeit mit Mailand und Urbino gegen Neapel und der Romagna.

    Zu der Zeit, als Pius II. 1468 starb, war auch Borgias Leben in Gefahr. Er hatte sich offenbar eine Geschlechtskrankheit zugezogen, ein ungünstiger Zeitpunkt für das bevorstehende Konklave, auf dem der neue Papst gewählt werden musste. Mit der ihm eigenen Zähigkeit überwand er die Krankheit und platzierte einen Kandidaten zur Wahl und hatte wieder Erfolg: Am 30. August 1464 wurde es der Venezianer Barbo, der den Borgia in der schweren Zeit nach dem Tod „ihres“ Calixt III. geholfen hatte. Selbst der Wahlakt an sich war ein Erfolg, denn er musste unter den berüchtigten Unruhen in Rom vonstatten gehen, wie sie wieder einmal im Anschluss an den Tod eines Papstes ausbrachen. Barbo war 48 Jahre jung und bei guter Gesundheit, und er zeigte bald nach der Wahl, dass er nicht das willfährige Instrument sein sollte, wie man sich das vorgestellt hatte. Barbo nahm nach einigen Diskussionen den Namen Paul II. an und war in gewisser Weise das Gegenteil seines Vorgängers Pius, denn er konnte kein Latein, war überhaupt kein Freund der Bildung, und lehnte die Renaissance ab. Trotz seines eher jungen Alters regierte Paul II. nur sieben Jahre lang, das mag an seiner Leidenschaft für Prunk liegen. Das fanden die Römer nicht weiter schlimm, mehr irritierte sie, dass Paul sich weigerte, Todesurteile zu unterzeichnen: „Das Leben ist eine zu herrliche Sache, als dass es der Mensch selbst vernichten dürfte.“ Selbst Franz von Assisi hätte dies nicht schöner sagen können. Politisch interessierte Paul II. sich für administrative Fragen, da war er fähig, streng und gerecht. Mit den Osmanen dagegen mochte er sich nicht beschäftigen. Er müsste in EU4 also als 4-2-1 Herrscher oder ähnliches auftreten.
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  3. #483
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    Der unheimliche Papst

    Nachdem Paul II. im Jahre 1471 überraschend an einem Schlaganfall starb, erlebte Borgia bereits die dritte Papstwahl seines Lebens, und immer noch hielt er sich auf dem Posten des Vizekanzlers. Auf den vornehmen und verschwenderischen Venezianer Barbo folgte nun mit Francesco della Rovere ein aus bescheidenen Verhältnissen stammender Fischersohn aus Savona als Sixtus IV. auf den Papstthron. Der neue Papst galt als hochintelligent, tatkräftig und charaktervoll. Vielen erschien er als der geeignete Mann, um mit den Missständen in der Kirche aufzuräumen. Auch die Römer hatten derartige Befürchtungen, und so flogen bei dem Umzug nach der Papstkrönung, die Rodrigo Borgia vorgenommen hatte, Steine nach der päpstlichen Sänfte. Auch Borgia war über die Wahl von Sixtus wenig erfreut, aber er hatte in der Konklave mit Gespür rechtzeitig die Kräfteverhältnisse durchschaut und war in das Lager der della Rovere gewechselt. Natürlich gegen die Zusicherung des Kandidaten, ihn im einträglichen Amt des Vizekanzlers zu bestätigen.

    Sehr bald sollte sich zeigen, dass della Rovere zwar über die ihm nachgesagte Intelligenz und Tatkraft verfügte, mit den charakterlichen Fähigkeiten entwickelte sich sein Pontifikat dagegen anders. Mehr als je einer seiner Vorgänger widmete er sich der Familienpolitik, hievte zahlreiche Verwandte in wichtige Ämter, sechs von ihnen wurden Kardinäle. Die weiblichen Angehörigen seiner Familie verheiratete Sixtus IV. mit den Fürstenfamilien von Mailand, Urbino, Neapel sowie den Orsini. An Verwandte gingen auch die Ämter des römischen Stadtpräfekten und des Kommandanten der Engelsburg, der Festung des Vatikans. Die Sippschaft verstand es, die Gunst der Stunde zu nutzen. Einer von ihnen, Kardinal Pietro Riario, der als leiblicher Sohn des Papstes galt, soll bis zu seinem frühzeitigen Tod im Alter von 28 Jahren 200.000 Goldgulden verprasst haben.



    Sixtus' Nepotismus führte auch zu einer blutigen Verschwörung gegen die Medici in Florenz. Die waren zunächst seine Hausbankiers, er überwarf sich aber mit ihnen, als er seinem Neffen Girolamo die Romagna als Herzogtum zuschanzen wollte. Einen so stark protegierten und mächtigen Herzog mochten Florenz, Mailand und Venedig aber nicht hinnehmen. Der Papst tat sich 1474 seinerseits mit Neapel gegen die drei nördlichen Städte zusammen. Das reichte aber nicht, um die Medici in die Knie zu zwingen, und so kam es ausgerechnet im Dom von Florenz zu einem Mordanschlag auf die Medici. Den Attentätern gelang es während der Messe lediglich, den Bruder des Lorenzo Medici zu erstechen, Lorenzo selbst konnte in die Sakristei entkommen. Die Bevölkerung von Florenz hielt zu den Medici und räumte mit den papstfreundlichen Familie Pazzi auf, so mancher von ihnen wurde neben dem verhassten Erzbischof in den Fenstern des Palastes der Signoria aufgehängt. Nachdem Sixtus IV. Lorenzo mit Mordwaffen offenbar nicht aus dem Wege räumen konnte, besann sich der Papst auf seine geistlichen Waffen. Er belegte Lorenzo und die Florentiner Signoria mit dem Bann und drohte der gesamten Bevölkerung von Florenz mit dieser Maßnahme, wenn sie die Medici nicht binnen eines Monats aus der Stadt verjagen würde.



    Als auch das nichts half, rief Sixtus die gefürchteten Schweizer Söldner ins Land und bewog seinen Verbündeten Ferrante von Neapel zu einen Kriegszug gegen Florenz. Daraufhin hielt auch der Mailänder Regent Ludovico il Moro den Zeitpunkt für gekommen, das Bündnis mit Florenz und Venedig aufzugeben und in das Lager des Papstes überzuwechseln. Florenz schien militärisch verloren.

    Doch da entschloss sich Lorenzo di Medici zu einer mutigen Tat: Mit nur wenigen Begleitern ritt er im Dezember 1479 an den Hof Ferrantes nach Neapel. Um diesen Schritt zu würdigen, muss man wissen, dass Ferrante in seiner Zeit als einer der grausamsten und verschlagensten Herrscher galt. Zu Galeerenstrafen verurteilte Gegner pflegte er persönlich anzuschmieden. Auch wurde ihm nachgesagt, dass er gerne zwischen den Kerkern seiner Gefangenen spazieren ging, um sich an deren Leid zu erfreuen. Selbst nach dem Tod seiner Feinde soll sich Ferrante ungern von diesen getrennt haben. Angeblich bewahrte er ihre Leichen einbalsamiert auf, um sie besichtigen zu können. In Italien staunte man daher nicht schlecht, als Lorenzo Neapel nach drei Monaten Aufenthalt in Ehren und als Verbündeter Ferrantes verließ. Lorenzo war es gelungen, den Herrscher Neapels davon zu überzeugen, dass der durch einen Sieg über Florenz gestärkte Kirchenstaat seinem Königreich sehr viel gefährlicher werden konnte, als das Fortbestehen eines unabhängigen Florenz. Damit war der Kampf mit einem Schlag entschieden, denn die vor Florenz stehenden Truppen Neapels wurden plötzlich zur Schutzmacht der Stadt. Dass die Medici nach Lorenzos mutigen Kunststück fest im Sattel saßen, versteht sich von selbst. Sixtus konnte das Vorhaben, seinen Neffen Girolamo als Herzog der Romagna zu installieren, vergessen. Lediglich die kleineren Städte Imola und Forli blieb in der Hand von Girolamo.

    Was tat Sixtus IV. sonst so als Papst? Er förderte die Kunst und die Wissenschaft, sowie die Inquisition in Spanien. Ungefähr in dieser Reihenfolge. Als theologischer Denker oder Reformer trat er jedenfalls nicht hervor. Mit seinem Tod 1484 brachen in Rom die üblichen Unruhen aus, Orsini und Colonna wollten beide die Nase vorn haben, wenn die Karten neu gemischt wurden. Auf Seiten der Colonna wollte der erwähnte Neffe Girolamo mitmischen, er ritt nach Erhalt der Nachricht vom Tode des Papstes direkt nach Rom. Dort aber hielten die Kardinäle die Tore vor Leuten wie ihn verschlossen, um die bürgerkriegsähnlichen Unruhen in der Stadt nicht noch mehr zu befeuern. Niemand von den Kardinälen hatte jedoch an Girolamos ungestüme Ehefrau Caterina Sforza gedacht. Obwohl sie im siebten Monat schwanger war, stürmte sie mit einigen Leuten kurzerhand die Engelsburg und versetzte diese unter den Augen der verblüfften Römer in Verteidigungsbereitschaft. Als es ihr auch noch gelang, im Schutze der Nacht 150 Mann in die Burg einzuschleusen, blieb den Kardinälen nichts anderes übrig, als Girolamo und Caterina gegen die Zusicherung einer weiteren Belehnung mit Imola und Forli sowie der Zahlung einer erheblichen Geldsumme zum Abzug in ihre Besitzungen in der Romagna zu bewegen. Erst danach konnte am 26. August 1484 das Konklave beginnen.



    An dem Wahlakt nahmen 21 Kardinäle teil, von denen lediglich vier nicht aus Italien stammten: Die Spanier Borgia und Moles sowie der Portugiese da Costa und der Franzose Hugonet. Gleichwohl hielt Borgia seine Stunde für gekommen und geizte nicht mit Versprechungen für den Fall seiner Wahl. Auf seine Seite konnte er seinen Landsmann Moles und Giovanno d'Aragona, einen Sohn Ferrantes von Neapel, sowie Ascanio Sforza, den Bruder des mailändischen Regenten Ludovico Sforza und den Kardinal Orsini ziehen. Sein Hauptgegner war Giuliano della Rovere, der seinerseits zwei seiner Verwandten sowie den Genuesen Cibo und den Kardinal Colonna auf seiner Seite hatte.

    Die Zusammensetzung der beiden Lager muss auf den ersten Blick überraschen. Vor allem hätte man nicht die Unterstützung von della Rovere durch den Kardinal Colonna erwartet, nachdem dessen Geschlecht nicht nur Sixtus bekämpft hatte, sondern nach dessen Tode eben noch an der Spitze der gegen die Rovere gerichteten Ausschreitungen in Rom gestanden hatte. Ebenso erstaunlich ist es aber, den Kardinal Orsini plötzlich an der Seite von Borgia zu sehen. Es ist nicht erwiesen, aber hier zeichnete sich bereits die Fraktionsbildung ab, wie sie später dem Einfluss der Herrscherhäuser von Spanien und Frankreich entsprach. Im Konklave von 1484 wollte allerdings die Mehrheit der Kardinäle weder für Borgia noch für della Rovere Partei ergreifen. Vielmehr schnitt im ersten Wahlgang Kardinal Barbo, der Nepot Pauls II., mit fast der Hälfte aller Stimmen am besten ab. Trotzdem hatte Barbo keine wirkliche Chance, zum Papst gewählt zu werden, weil man ihm zutraute, ernsthaft die Kirche reformieren und von der Korruption säubern zu wollen.

    In Anbetracht der Aussichtslosigkeit ihrer eigenen Kandidatur versuchte nun jeder die Mehrheit für einen Kandidaten aus dem eigenen Lager zu erlangen. Borgia versuchte es mit seinem Landsmann Moles, während della Rovere den Genuesen Battista Cibo vorschlug. Della Rovere war in diesem mit reichlichen Bestechungsgeldern geführten Kampf der Erfolgreichere. Am 12. September 1484 wurde Cibo als Innozenz VIII. zum Papst gekrönt. Für Borgia bedeutete das einen Machtverlust an der Kurie, wenngleich er nicht völlig beiseite geschoben werden konnte. Dazu hatte er die fast 30 Jahre, die er als Kardinal und Vizekanzler an den Schalthebeln der katholischen Kirche verbracht hatte, zu gut genutzt. Die Mächte, die hinter Borgia standen, waren zu stark, als dass es della Rovere oder gar Innozenz gewagt hätten, ihm das Amt des Vizekanzlers zu nehmen.

    Innozenz VIII. widmete sich in den acht Jahren seiner Amtszeit mit Leidenschaft der Förderung der Inquisition und Hexenverfolgung. Zu dem Thema veröffentlichte er eigens eine Bulle, die vor allem in Deutschland die Hexenprozesse zunehmen ließ. Begleitend kam 1487 der Hexenhammer heraus, in dem Heinrich Institoris und Jakob Sprenger erklärten, welche Machenschaften der Teufel und seine Jünger treiben, wie man sie erkennen kann und wie ihnen der Prozess zu machen ist. Weniger folgenschwer, aber nicht weniger kleingeistig war die Exkommunikation des Philosophen Mirandola, der in seiner Schrift mit 900 Thesen den Versuch unternahm, die Gemeinsamkeiten von Christentum, Heidentum und der Philosophie des Orients herauszustellen. Die geistige Kraft, sich mit diesen Thesen auseinanderzusetzen, hatte die Kirche offenbar nicht, so dass man es vorzog, sie kurzerhand zu verbieten.

    Ansonsten war Innozenz ein wenig selbständiger Papst. Das lag daran, dass er ständig pleite war. Unter anderen Geldquellen hatte er eine besonders pikante aufgetan, nämlich die Hohe Pforte. Aus dem Osmanischen Reich erhielt der Papst jährliche Zahlungen und Geschenke, im Gegenzug sorgte Innozenz dafür, dass seine Geisel Cem, der Bruder des Sultans, im Vatikan blieb und Bayezid II. nicht zur Gefahr wurde. Als Gegner guckte sich Innozenz den weitaus mächtigeren König Ferrante von Neapel aus, als er dem vorwarf, den Lehnszins nicht pünktlich bezahlt zu haben. Pech nur für Innozenz, dass der französische König Charles VIII. ihm nicht wie versprochen gegen Neapel zur Hilfe kam. Ruhe in die Angelegenheit kam erst durch die politischen Hochzeiten, die der Papst mittels einem seiner Söhne und einer Enkelin mit Mailand und Neapel schloss. Diese Entwicklung war ein Dämpfer für della Rovere an der Kurie.

    Aus Florenz wetterte der charismatische Bußprediger Girolamo Savonarola gegen den Sittenverfall der Kirche, und sagte das Todesdatum von Papst Innozenz VIII. voraus – übrigens korrekt, was Savonarola enormen Zulauf in Florenz einbrachte. Dort in Florenz starb zunächst am 7. April 1492 Lorenzo di Medici, was sogar König Ferrante zu anerkennenden Worten über den Verstorbenen veranlasste. Über Innozenz VIII. sind keine Worte überliefert, die seinen Tod beklagen. Es war der 25. Juli 1492, der 60jährige Papst lag bereits im Sterben. Man versuchte noch einmal alles, um das Leben des Heiligen Vaters zu retten: Da wurde ein jüdischer Arzt in den Vatikan gebeten – beherrschten denn die Juden nicht geheime Zauber, die hier helfen konnten? Man holte drei junge Männer herbei, denen man jeweils einen Dukaten reichte, auf dass sie dem Papst mit ihrem Blut auch ihre Lebenskraft spenden mögen. Die Jünglinge wussten nicht, dass sie ihr gesamtes Blut zur Verfügung stellen mussten. Den drei Toten entnahm man darauf ihre Bezahlung aus den leblosen Händen. Geholfen hat ihr Opfer nichts: Kurz nachdem der Heilige Vater das noch warme Blut getrunken hatte, starb auch er.


    Innozenz VIII. stirbt im Jahre 1492, sein bisheriger Vizekanzler, der Kardinal Borgia, schickt sich an, sein Nachfolger zu werden

    Am 6. August 1492 war es mal wieder soweit, das Konklave hatte einen neuen Papst zu wählen. Jetzt unternahm Borgia den nächsten ernsthaften Anlauf, selber auf den Heiligen Stuhl zu gelangen, obwohl im keine große Chancen eingeräumt wurden. Favoriten waren eigentlich der Portugiese da Costa sowie die Italiener della Porta, Ascanio Sforza und della Rovere. Gezielt für die Wahl von della Rovere stellten Frankreich und Genua 100.000 Dukaten zur Verfügung, auf dass der Heilige Geist das Votum der Kardinäle lenken möge. Borgia hatte sein langjähriges Amt als Vizekanzler und Kardinal aber auch genutzt, um sich eine spezielle Kasse anzulegen. Im Verlauf von vier Wahlgängen schaffte er es, sich die notwendige Mehrheit zu beschaffen. Der dickste Brocken waren die Stimmen von Ascanio Sforza nebst seiner „anhängigen“ Kardinalsstimmen. Sforza bekam von Borgia dafür das Amt des Vizekanzlers angeboten und griff zu. In der Nacht vom 10. auf den 11. August 1492 wurde Borgia somit mit der Mehrheit der Stimmen zum neuen Papst Alexander VI. gewählt. Della Rovere kochte vor Wut, ein Kardinal stöhnte, nun habe man selbst einem Wolf das Amt des Heiligen Vaters verschafft. Borgia hatte mit hohem Einsatz gespielt und wohl sein gesamtes Vermögen in die Waagschale geworfen – und gewonnen.




    Wahlakt Alexander VI.
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  4. #484
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    Die römischen Bürger waren zufrieden mit der Ernennung von Borgia, denn er galt als lebensfroher Mann. Den Leuten war ein großzügiger Papst, der Partys zugeneigt war, lieber, als einer, der von ihnen strenge Frömmigkeit einforderte oder kostspielige Kriege führt. Von Alexander VI. waren solche Zumutungen nicht zu erwarten. Man kannte seine Neigung zu Frauen und seine Fürsorge für seine Familie, aber das hielt man für lässlich. Es war ja nicht ungewöhnlich, dass auch er nun seine Kinder und andere Verwandte mit Posten versorgte. Alexander VI. hatte eine junge Geliebte namens Giulia Farnese, außerdem hatte er mit seiner früheren Geliebten Vanozza de Catanei vier gemeinsame Kinder. Diese vier Kinder erkannte Alexander sogar als seine eigenen an, sie waren ausnahmsweise nicht die üblichen „Neffen und Nichten des Papstes“.



    Die vier Kinder hießen Cesare (1475), Juan (1476), Lucrezia (1480) und Joffre (1481). Der erstgeborene Sohn Perdo Luiz (1460) war bereits tot, er war ursprünglich als Erbe vorgesehen gewesen. So ist es zu erklären, dass Cesare bereits in eine kirchliche Laufbahn geschickt worden war, und – nach dem Tod von Perdo Luiz – nun der jüngere Juan der Erbe des spanischen Borgia-Herzogtums Gandia war. Cesare erhielt zügig einen Kardinalsposten (obwohl er erst 17 Jahre alt war), Juan wurde Oberbefehlshaber der päpstlichen Armee. Die ganze Richtung passte dem ehrgeizigen Cesare gar nicht, er hatte keine Lust auf die kirchliche Karriere und neidete dem arroganten Juan dessen vorzüglichen Perspektiven auf weltlichen und militärischen Ruhm. Mit wem man Lucrezia gewinnbringend verheiratet, konnte der Papst sich noch in Ruhe überlegen. Charakterlich auffällig in dem Reigen der temperamentvollen Borgia war das jüngste der vier Kinder, Joffre. Er war (auch sexuell) wohl so phlegmatisch, dass man nicht recht glauben mochte, dass er wirklich ein Borgia sei. Auch für Joffre war noch auszumachen, wohin er politisch klug verheiratet werden konnte. Neben zahlreichen anderen Verwandten, die Alexander VI. mit Posten an der Kurie versorgte, dachte er auch an seine Geliebte Giulia, indem er deren Bruder Alessandro einen Kardinalshut verlieh. In Rom spottete man über den Farnese, er sei der „Unterrock-Kardinal Farmöse“. Aber er sollte später einmal ordentlich Karriere machen, er wurde nämlich 1534 unter dem Namen Paul III. selber Papst.

    Um es vorneweg zu nehmen: Alexander VI. hatte eine Strategie, ein langfristiges Ziel. Zum einen wollte er eine eigene Borgia-Dynastie, ein eigenes, vererbliches Fürstentum in Italien schaffen. Denn für seine Nachkommen sollte gesorgt sein, wenn er einmal stirbt und das Amt des Papstes dann durch Wahlakt an jemand anderes wandern würde. Andauernde Sicherheit konnte da nur ein erblicher Besitz bieten. Das zweite Ziel (das mit dem ersten zusammenhing) war, dass die fremden Großmächte aus der italienischen Politik rausgehalten werden mussten, namentlich Spanien und Frankreich, damit Italien nicht weiter ein Spielball dieser Kräfte bleibt. Eines war klar, Alexander VI. musste dazu eine umsichtige Schaukelpolitik im In- und Ausland betreiben.



    Los ging es mit der Vermählung von Lucrezia. Die Wahl des Borgia zum Papst hatte bei Frankreich und Spanien, aber auch bei Neapel und Venedig Argwohn erregt. Mailand mit seinen Sforza war aber gut gelaunt, immerhin war ein Sforza nun zum Vizekanzler bei Alexander aufgestiegen. Also ging Lucrezia an einen Sforza, auch wenn für die Tochter eines Papstes nur ein illegitimer Spross der Familie drin war, der hieß Giovanni Sforza. Die Ehebindung zu Mailand verärgerte Neapel und die römischen Orsini zusätzlich. Das war nicht ungefährlich, weil die Orsini wichtige Festungen im Norden von Rom hielten und Neapel von Süden militärisch dazustoßen konnte – Rom konnte so in die Zange genommen werden. König Ferrante von Neapel wurde aber geschmeidiger, als Mailand ein Bündnis mit dem Kirchenstaat und Venedig auf die Beine stellte und beim französischen König Charles VIII. anklopfte, ob der sich nicht um den alten französischen Anspruch auf Neapel kümmern wolle.



    Ratzfatz wurde eine Ehe zwischen Alexanders Sohn Joffre mit einer Angehörigen des neapolitanischen Hauses diskutiert. Für Juan wurde bei dieser Gelegenheit eine spanische Partie ausgesucht, denn Spanien hielt es mit Neapel und wollte die Franzosen nicht Richtung Neapel marschieren sehen. Damit sich jede Macht beteiligt fand, verteilte der Papst einige Kardinalshüte in jede Richtung. Lediglich Neapel und Florenz kamen bei dieser Vergabe nicht vor, das konnte sich Alexander VI. erlauben.

    Della Rovere, Alexanders größter Rivale an der Kurie, stöhnte mal wieder vor Wut. Der neue Papst war offenbar kein Leichtmatrose. In die Karten von Alexander VI. spielte dann noch der Tod von Neapels König Ferrante am 25. Januar 1494, ein gefährlicher Politiker war damit vom Spielfeld. Jetzt stieg aber ein weitaus mächtigerer Akteur in den Ring: Frankreichs König Charles VIII. beanspruchte den freien Thron von Neapel für sich und vergaß dabei nicht, dem Papst Konsequenzen anzudrohen, wenn der nicht seinen Segen dazu geben würde.



    Der Sohn von Ferrante, Alfonso, beeilte sich, die Vermählung von Joffre mit seinem Haus anzubieten, wenn ihm dafür die Rechtmäßigkeit auf die Krone bestätigt werden würde. Hinter Alfonso stand die Macht von Spanien. Alexander VI. hatte als Papst die Aufgabe zu entscheiden, und er musste entweder Frankreich oder Spanien verprellen. Nur: Auf Drohungen, von wem auch immer, pflegte Alexander VI. nicht zu reagieren, vielmehr wollte er wissen, was denn jeweils für ihn herausspringen würde. Neapel versprach also, neben der Hochzeit, auch ordentliche Tributzahlungen zu leisten sowie die Orsini an die Leine zu nehmen. Frankreich hingegen gab in keiner Frage nach, Charles wollte die Krone von Neapel und fertig. Wie der Papst sich entschied, dürfte der Leser bereits ahnen.

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    Der unheimliche Papst

    Della Rovere setzte folgerichtig auf die französische Karte und verließ Rom, um mit Charles VIII. Kontakt aufzunehmen. Roveres Plan war, dass König Charles nach Neapel einmarschiert und auf dem Weg dorthin in Rom, quasi auf der Wegstrecke, Alexander VI. absetzen lässt. Irgendein Anklagepunkt wegen Simonie und Korruption würde sich schon verwenden lassen. Als Nachfolger auf dem Heiligen Stuhl sah sich della Rovere natürlich selbst, er würde Charles dann die Krone von Neapel aufsetzen. Alexander VI. musste also zusehen, was er der überlegenden Militärmacht von Frankreich entgegensetzen konnte. Spanien musste Neapel und den Papst beschützen, die waren mächtig genug.



    Es stand sowieso eine anderweitige Entscheidung an, bei der Spanien auf den Papst angewiesen war. Es ging um den Streit zwischen Spanien und Portugal, wer von den beiden Anspruch hatte auf die ganzen neuentdeckten Ländereien in Afrika und Amerika. Denn Portugal hatte als erstes Land seine Expeditionen nach Süd und West (in den Atlantik) gestartet und beanspruchte nun auch die Entdeckungen des Kolumbus für seine Krone. Zur Untermauerung dieser Ansprüche hatte Portugal bereits seine Kriegsflotte startklar gemacht, es musste also eine Lösung her, um eine blutige Krise zu verhindern. Hier sollte Alexander VI. als Schiedsrichter fungieren, eine Gelegenheit, Spanien eine Nettigkeit zukommen zu lassen.

    Obwohl man an der Kurie gar keine Ahnung von Geographie hatte, besaß Alexander VI. das Selbstbewusstsein, kurzentschlossen auf einer Weltkarte zwei getrennte Interessensphären zu definieren. Buchstäblich mit einem Federstrich vom Nordpol zum Südpol teilte der Papst die Welt auf. Die Linie verlief rund einhundert Meilen westlich der Kapverdischen Inseln. Alle überseeischen Gebiete westlich davon sollten Spanien, die östlichen Portugal zufallen. Der spanische König war über diese Aufteilung hocherfreut, sein portugiesischer Kollege entschieden weniger. Alexander VI. war nicht kleinlich und verschob die Linie noch einmal zu Gunsten Portugals um 900 Kilometer nach Westen. Aus diesem Grund geriet die südamerikanische Ostküste (die erst sechs Jahre nach dieser Einteilung überhaupt erst entdeckt wurde!) in Portugals Bereich – das heutige Brasilien. Das war der Vertrag von Tordesillas von 1494. Mit seinem beherzten Auftreten hatte der Papst einen Krieg zwischen den beiden Kolonialmächten verhindert. In EU4 taucht das Motiv immer wieder auf, wenn der Papst eine Kolonialregion einer konkreten Nation zuspricht, sobald diese Nation dort erst einmal einige Besiedlungen vorgenommen hat. Verstöße dagegen werden mit empfindlichen Meinungsabzügen beim Papst bestraft.



    Spaniens König Fernando war also am Start, um für Neapel und den Papst einzuspringen. Die Antwort des französischen Königs ließ nicht lange auf sich warten. Charles VIII. hatte das hässliche Äußere, aber nicht das staatsmännische Format seines genialen Vaters Louis XI. geerbt, er wollte wegen Neapel mit dem Kopf durch die Wand. Vermutlich litt Charles an einer degenerativen Krankheit, derer er sich bewusst war. Das versuchte er, durch eine verträumte Hinwendung zum Rittertum des Mittelalters wettzumachen, Eroberungen und ein eigener Kreuzzug nach Jerusalem, das waren seine Ideale.



    Neapel sollte das Sprungbrett in das Heilige Land darstellen, und darin bestärkte ihn Mailand, um den lästigen Konkurrenten Neapel aus dem Weg zu räumen. Dass sich der dümmliche Charles VIII. auf Dauer in Neapel würde halten können, davon gingen die Sforza nicht aus. Mailand bot Frankreich also Geld für eine französische Invasion, das schob die warnenden Stimmen in Paris, die vor einem solchen italienischen Abenteuer abrieten, zur Seite. Charles VIII. rüstete ein Heer aus und machte sich im August 1494 auf den Weg.



    In Italien merkte man schnell, was da auf die zukam, denn die Söldner in französischen Diensten machten bei der ersten Eroberung, der von Rapallo, kurzen Prozess sowohl mit der Garnison als auch der gesamten Zivilbevölkerung. Zum Widerstand gegen dieses riesige Heer war trotzdem keiner bereit, mit Ausnahme von Neapel und dem Papst. Mailand begrüßte die Invasoren, Venedig erklärte sich wieder einmal neutral, der Rest sah zu, dass die Franzosen rasch südwärts durchmarschierten.



    In Florenz hieß der Bußprediger Savonarola die Franzosen als prophezeite Befreier vom päpstlichen Übel willkommen, die Machthaber der Medici konnten nur noch versuchen zu verhandeln. Als Charles VIII. die Forderungen kühl abblitzen ließ, blieb Florenz nur noch die Kapitulation. Diese Schmach kostete die Medici die Macht, die Florentiner jagten sie aus der Stadt und öffneten den Franzosen die Tore und zahlten Charles 120.000 Gulden.
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

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