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Thema: [CK2/EU4] Schwer ruht das Haupt, das eine Krone drückt

  1. #76
    The passion of lovers Avatar von Mark
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    Schöne Idee mit dem MII-Bild (auch wenn die Panzerreiter ohne Schabracken und bunte Lanzen noch besser gepasst hätten ). Fesselnd erzählt wie immer
    Das Medieval-Bild hatte ich in einer früheren Story verwendet (da ging es seinerzeit um einen Feldzug des Kaisers gegen einen Aufstand in Reichsitalien, Barbarossa). Die Beschreibung des Panzerreiter-Angriffs am Rhein erinnerte mich an eben dieses Bild, also habe ich es mangels historischer Darstellungen herausgekramt.
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  2. #77
    The passion of lovers Avatar von Mark
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    Die ersten deutschen Könige

    Für Feinheiten der Reichspolitik sollte Heinrich I. Anfang der 950er vorläufig keine Zeit haben, denn er musste in Italien den Anspruch von Berengar II. auf die lombardische Krone niederschlagen. Einmal vor Ort, ließ der König durch seinen Mainzer Erzbischof Friedrich in Rom bezüglich der Kaiserkrönung verhandeln. Der Papst war aber eine Marionette in den Händen eines mächtigen Stadtsenators, der sich alles andere wünschte als den Deutschen zum Kaiser. Heinrich war über die gescheiterten Verhandlungen so verärgert, dass er Friedrich als Leiter der Mission in Ungnade fallen ließ. Womit er sich einen neuen Feind verschaffte.

    Erzbischof Friedrich, nie ein besonderer Freund der Krone, nahm grußlos seinen Abschied hin und zog nach Deutschland, ins thüringische Saalfeld, wo er andere Unzufriedene und Zukurzgekommene um sich versammelte. Darunter einen höchst Prominenten: Georg, des Königs Sohn. Der fühlte sich von seinem Vater zurückgesetzt und in seiner Rolle als Thronfolger angegriffen.

    Um das korrekt wiederzugeben, muss ich eingestehen, dass ich ohne Not und versehentlich einen historischen Zug nicht gemacht hatte: Der König hatte nämlich erneut geheiratet, und zwar die Witwe des verstorbenen Königs Lothar von Italien. Adelheid hieß sie, und Berengar II. war es, der Lothars Tod nutzte und sie gefangen hielt, um sich selber auf den Thron zu schwingen. Historisch befreite sie der deutsche König im Zuge der Bekämpfung Berengars – und heiratete sie, um seinen eigenen Anspruch auf Italien zu untermauern. Eine echte „Prinzessin-gefangen-im Turm-Story“. Für den Sohn des Königs aus erster Ehe war das keine gute Nachricht, denn er konnte sich ausrechnen, was kommen würde, wenn Adelheid dem König einen Sohn schenken würde. Die Dame war nämlich ziemlich resolut und politisch klug. Dass ihr Verhältnis zueinander „schwierig“ war, war nur konsequent.

    Außerdem hatte der Kronprinz keinen großen Kredit mehr bei seinem Vater, weil er in seiner Funktion als Herzog von Schwaben ohne Befehl nach Italien gegen Berengar vorausgeeilt war, was zu einem Fiasko geführt hatte. Auch Konrad, der Bruder des Königs, war als Herzog von Baiern eigenwillig nach Verona und Aquileia gezogen. Der König maßregelte Georg für sein Vorpreschen, nicht jedoch das Verhalten von Konrad. Es erschien opportun, wenn der Herzog von Baiern die Alpenpässe Richtung Verona und Aquileia hielt, damit diese für künftige Feldzüge gesichert blieben.

    Zu Georg stieß noch ein anderer Enttäuschter, Herzog Konrad von Lothringen, wegen seiner Haarpracht „der Rote“ genannt. Den hatte der König brüskiert, weil er dessen Verhandlungsergebnisse zur Isolierung von Berengar nicht gewürdigt hatte. In dieser Koalition erhoben sie sich gegen den König. Im Grunde ging es um Familienquereleien, die jedoch tödliche Folgen für tausende Opfer mit sich führten. Alle drei – Erzbischof Friedrich, Sohn Georg und Konrad der Rote – betonten, dass ihr Aufbegehren sich nicht gegen den König richte, sondern gegen den unseligen Einfluss von dessen Bruder Konrad, der wiederum bei Adelheid gut gelitten war. Konrad verstand sich deshalb gut mit seiner neuen Schwägerin Adelheid, weil er sich wohl ausmalte, dass ein aus der zweiten Ehe des Königs hervorgegangener Thronfolger nach dem Tod des Königs eines Regenten bedurfte – und das würde dann Konrad selbst sein.

    Am Ende setzte sich trotz schwieriger Lage wieder Heinrich I. durch, weil ihm von unerwarteter Seite Schützenhilfe zukam: ausgerechnet von den Ungarn. Die nutzten nämlich den Krieg der Deutschen, um 955 erneut die Grenzen nach Baiern, Schwaben, Franken und Lothringen zu überschreiten und machten sich ans Plündern. Georg, Friedrich von Mainz und Konrad der Rote machten den Fehler, mit den Ungarn gegen den König zu paktieren – und das kostete sie bei den übrigen Reichsfürsten nachhaltig ihr Ansehen.

    Der talentierte, doch glücklose Georg sollte 957 bei einem Feldzug in Italien sein Leben verlieren. Der Tod Georgs enthob Heinrich I. von der schweren Entscheidung, ob ein Rebell, auch wenn man ihm verziehen hatte, noch als Thronprätendent taugte.

    Heinrich I. gelang es angesichts des neuen Ungarnüberfalls, ein „gesamtdeutsches“ Aufgebot zu formieren, lediglich die Sachsen mussten wegen eines drohenden Slawenaufstands zu Hause bleiben. Dafür waren die Böhmen mit einem Kontingent beteiligt. Die alten Quellen schildern die Zahl der Ungarn mit 120.000 Reitern, moderne Historiker gehen von zehn- bis zwölftausend aus. Meine eigenen Recherchen ergeben eine Anzahl von 1.308 Ungarn:



    Wie mein Bild beweist, fand die Schlacht zudem nicht auf dem Lechfeld bei Augsburg statt, sondern bei Nyitra. Ich spreche im weiteren Text aber trotzdem von dem Lechfeld bei Augsburg. Datiert ist die Schlacht auf den 10. August 955, aber sie fand in drei Phasen über mehrere Tage statt. Beginnen wir mit dem Bericht des Augsburger Domprobstes Gerhard:

    „Die Ungarn kamen in so gewaltiger Zahl, wie sie von keinem der damals lebenden Menschen je zuvor an irgendeinem Orte gesehen worden sein sollen. Sie durchstreiften alles verwüstend , setzten über den Lech und drangen in Schwaben ein, um den größten Teil des Landes bis zur Iller niederzubrennen. Augsburg aber belagerten sie. Diese Stadt, damals nur mit niedrigen Mauern ohne Türme umgeben, war an sich nicht stark. Doch verfügte der Bischof Ulrich innerhalb der Mauern über eine große Zahl hervorragender Ritter, und deren Beweglichkeit und Kühnheit machte die Stadt mit Gottes Hilfe fest und stark. Als nun die Ritter sahen, wie das Heer der Ungarn die Stadt zum Sturm umzingelte, wollten sie hinausgehen und ihnen draußen entgegentreten. Doch das erlaubte ihnen der Bischof nicht. Am 8. August wurde das Tor im Osten der Stadt hart umkämpft. In der Stunde des Kampfes aber saß der Bischof auf seinem Ross, angetan von der Stola, ohne durch Schild, Harnisch und Helm geschützt zu sein, und blieb unversehrt und unverwundet von den Pfeilen und Steinen, die ihn umschwirrten.“

    In der Nacht nach diesem ersten Tag des Kampfes ließ der Bischof die Wehrhäuser und Tore ausbessern sowie weitere Palisaden aufrichten. Als das Ringen um Augsburg am Morgen des zweiten Tages fortgesetzt werden sollte, „da“, so fuhr Gerhard fort, „wurden die Ungarn von Gott in Furcht versetzt und wagten sich nicht an die Mauern heran.“ Es nahte das Heer König Heinrichs, und mit ihm waren die Truppen der deutschen Stämme. „Als der König das Heer der Ungarn erblickte, dünkte ihn, es könne von Menschen nicht bezwungen werden, es sei denn, Gott erbarme sich und töte sie.“

    Am Morgen des 10. August 955, dem Gedenktag des heiligen Laurentius, versicherten sich die deutschen Soldaten in einer Heerfriedenszeremonie ihrer gegenseitigen Treue und machten sich auf den Weg zum Schlachtfeld. Obwohl die Marschroute durch Bäume gedeckt war, um sich vor den Pfeilen der Ungarn zu schützen, schafften es diese, den Heerzug zu umgehen und von hinten aufzurollen; dabei schlugen sie Böhmen und Schwaben in die Flucht und eroberten den Tross. Da sie jedoch unmittelbar nach ihrem Erfolg zum Plündern übergingen, konnte Konrad der Rote mit den jungen Kriegern aus dem fünften Haufen seinerseits die Ungarn zurückschlagen.

    Widukind von Corvey schilderte den folgenden Teil der Ereignisse genauer als Gerhard: „Als der König erkannte, dass jetzt der Kampf unter ungünstigen Umständen mit seinem ganzen Gewicht bevorstehe, redete er seine Genossen zur Aufmunterung an und schloss: „An Menge, ich weiß es, übertreffen sie uns, aber nicht an Tapferkeit, nicht an Rüstung. Lieber wollen wir im Kampfe, wenn unser Ende bevorsteht, ruhmvoll sterben, meine Krieger, als den Feinden untertan in Knechtschaft leben oder gar wie böse Tiere durch den Strick enden. Ich würde mehr sagen, wenn ich wüsste, dass Worte die Tapferkeit oder Kühnheit in euren Gemütern erhöhen. Jetzt lasst uns lieber mit den Schwertern als mit Worten die Verhandlung beginnen“. Und nachdem er so geredet, ergriff er den Schild und die heilige Lanze und wandte zuerst selbst sein Ross gegen die Feinde, zugleich die Aufgabe des tapfersten Kriegers und des trefflichsten Feldherrn erfüllend.“

    Von dem Verlauf der eigentlichen Feldschlacht ist wenig bekannt. Wider ihre Gewohnheit nahmen die Ungarn die offene Feldschlacht an. Die Quellen sprechen davon, dass Konrad der Rote von einem Pfeil tödlich in den Hals getroffen wurde, als er die Bänder des Panzers löste und Luft schöpfte. Unter seiner Rüstung entdeckte man das Hemd des Büßers als ein Zeichen der Reue darüber, dass er gegen seinen König rebelliert hatte.



    Schlachtentscheidend könnte ein Sommergewitter gewesen sein, sodass durch die heftigen Regenfälle die Wunderwaffe der Ungarn, der Kompositbogen, im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Leim ging, wodurch das Reiterheer der Ungarn deutlich an Schlagkraft eingebüßte. Allerdings wird dieses Ereignis nicht bei Widukind erwähnt, bei dem man vermuten könnte, dass er es als Gotteseingriff in das Kriegsgeschehen nicht unterschlagen hätte, und so bleibt der Einfluss der Witterung auf die Schlacht fraglich. Insgesamt scheint es wahrscheinlich, dass Heinrich I. eine ähnliche Taktik wie sein Vater Ludwig III. 933 in der Schlacht bei Riade verfolgte, um die magyarischen Reiter in Reichweite seiner Panzerreiter zu bekommen.

    Am Ende der Feldschlacht befanden sich die Ungarn auf dem Rückzug – und zwar so zahlreich, dass die Augsburger zunächst von einem erneuten Angriff auf ihre Mauern ausgingen. Sie vermuteten, dass es einigen ungarischen Heerführern gelungen war, die Schlacht abzubrechen, um der vollständigen Vernichtung zu entgehen, oder dass der Rückzug nur vorgetäuscht war, um Heinrichs Krieger aus ihrer Schlachtordnung zu bewegen, wie es für das ungarische Heer inzwischen bekannt war. Tatsächlich versuchten sie jedoch, an Augsburg vorbei über einen Fluss zu ihrem Lager zu gelangen, denn ein Melder hatte dem ungarischen Befehlshaber berichtet, dass ein böhmisches Kontingent ihr Lager mit der Beute und ihren Familien bedrohte. So ist das merkwürdige Verhalten der bis dahin im Vorteil liegenden Ungarn wohl zu erklären. Sie wurden nicht in die Flucht geschlagen – sonst hätten auch die Augsburger kaum an einen erneuten Angriff auf ihre Stadt geglaubt, es muss sich um ein geordnet vorrückendes Heer gehandelt haben.

    Aber auch hier wirkten sich die Regenfälle der vorangegangenen Tage verhängnisvoll aus. Die Flüsse der Gegend waren derart angeschwollen, dass ein Hinübersetzen in kurzer Zeit unter der Bedrohung des Feindes nicht möglich war. Und erst jetzt wurde das Manöver zum Desaster, denn die Ungarn gerieten zwischen das königliche und das böhmische Heer, die von beiden Seiten des Flusses nachsetzten.

    Daher versuchten einige versprengte Einheiten, in den umliegenden Dörfern Schutz zu finden. Den wenigen Kriegern, die diesen Massakern entkommen konnten, wurde im Hinterland an besetzten Fähren und Furten aufgelauert. Sie wurden erschlagen oder ertränkt, Gnade wurde nicht gewährt. Auf der Flucht wurden unter anderem die Anführer gefangen genommen und zusammen mit anderen Adeligen zu Konrad von Baiern gebracht. Dieser ließ sie hängen: „Drei Anführer des Ungarnvolkes wurden gefangen und vor den Herzog geführt und büßten mit einem schmählichen Tode, sie wurden nämlich durch den Strang zum Tode gebracht. Glorreich durch den herrlichen Sieg wurde der König von seinem Heere als Vater des Vaterlandes und Kaiser begrüßt“.



    Das Massengrab, in das man die zahllosen Erdrosselten warf, diente als besondere Attraktion: Man zeigte es den fremden Reisenden mit wohligem Schauer, wie auch die Altarkelche und Kreuze, die aus den silbernen Schellen gegossen waren, mit denen die Ungarn ihre Gewänder schmückten.

    Die Ungarn erholten sich von der Katastrophe von 955 nicht wieder. Sie, die über ein halbes Jahrhundert der Alptraum Europas gewesen waren, wurden zu einem sesshaften Volk. Die Heiden wandelten sich bald zu Christen (der Arpadenfürst selbst bat den deutschen König um Entsendung von Missionaren, um sich gegen innenpolitische Gegner einen Vorteil zu verschaffen). Selten hat die Geschichte eine derartige Wirkung einer einzigen Schlacht gesehen. Im Jahr 1000 wurde Ungarn unter dem Arpaden Istvan (Stephan) vom Papst als Königreich anerkannt. Gerne hätte ich die Bildung des Ungarnreichs auch hier vorgestellt, doch darauf scheint der aktuelle Partie-Verlauf nicht hinauszulaufen.

    Die Begeisterung der Deutschen über den Sieg kannte keine Grenzen. Noch auf dem Schlachtfeld riefen die Krieger ihren Feldherrn zum Imperator, zum Kaiser, aus. Eine aus dem Überschwang des Triumphs geborene Akklamation nach antikem Vorbild. Die Schreiber verschwiegen den entscheidenden Beitrag der Böhmen am Sieg auf dem Lechfeld weitgehend. Der Ruhm sollte dem König, genauer Gott, der dem König und dem Deutschen Reich das Heil gewährte, zufallen.

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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  3. #78
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    Die ersten deutschen Könige

    Im Kirchenstaat hatte derweil ein Wechsel an der Spitze stattgefunden. Nach dem Tod von Agapet II. (946-955) bestieg Octavian den Heiligen Stuhl. Der war der Sohn des erwähnten römischen Stadtherren Alberich, der in seinem Leben fünf Päpste nacheinander gesteuert hatte und nun 954 gestorben war. Octavian änderte als erster Papst seinen Namen und regierte als Johannes XII. (955-964). Bei ihm handelte es sich um einen dunklen Ehrenmann - selbst für römische Verhältnisse ziemlich verderbt, korrupt und skrupellos. Er bediente sich aus dem Kirchenschatz und ließ die Peterskirche verkommen. Den Lateran funktionierte Johannes XII. zum Bordell um, in das er neben einheimischen Schönen auch Rompilgerinnen verschleppen ließ.

    König Heinrich I. durfte in diesem Moment nicht das Privatleben des Papstes interessieren, sondern lediglich dessen Amt. Im Herbst 961 überschritt Heinrich an der Spitze eines aus allen Stämmen bestehenden Heeres den Brenner, selbst eine Abteilung Wenden war dabei. In Norditalien wurde er freundlich begrüßt, denn es war vierzig Jahre her, dass ein Herrscher die Kaiserkrone beanspruchte. Von Pavia aus betrieb Heinrich I. die Wiederherstellung seiner Macht in Italien, bestrafte Schuldige, belohnte Treugebliebene, setzte Vertriebene wieder ein. Von hier aus führte er die Verhandlungen mit dem Papst und zog schließlich gen Rom.

    Hier leistete Heinrich dem Papst einen Sicherheitseid zum Schutz seiner Person und seines Besitzes. Diese schon traditionelle Schutz- und Oberherrschaft des „fränkischen“ Königs stand im Gegensatz zu den Rechten, wie sie der Papst durch die Konstantinische Schenkung beanspruchte, z.B. die Einsetzung des Kaisers. Das angebliche Original der Konstantinischen Schenkung wurde Heinrich I. überreicht. Heinrich blieb zwei Wochen vor Rom, bis das Vertragswerk für seine Krönung fertig gestellt war. Dem Heiligen Stuhl wurden die Gebiete bestätigt, die aus den Schenkungen von Pippin und Karl stammten, und dem Papst wurde das Recht zugebilligt, aus Königen Kaiser zu machen – vorausgesetzt, es handelte sich um deutsche Könige. Papst werden durfte nur der, der dem Kaiser zuvor die Treue schwor.

    Die Kaiserkrönung wurde am 2. Februar 962 vom Papst in der Peterskirche vorgenommen. Am 12. Februar erließ Johannes XII. eine Enzyklika, in der die Erhebung von Magdeburg zum Erzbistum bestimmt wurde. Das galt aber nicht viel, denn dadurch fühlte sich der Bischof von Halberstadt in seiner Stellung bedroht – er blockierte die Ausführung der Enzyklika schlicht, das kanonische Recht erlaubte ihm das. Dies ist ein typisches Beispiel für mittelalterliche Politik. Ein Gesetz oder eine Verfügung sagte noch nichts über die erfolgreiche Durchführung. Dazu gehörte die entsprechende Rechts- und vor allem Machtgrundlage.

    Die einhellige Stimmung hielt nicht lange an. Heinrich I. erlebte die Untiefen römischer Politik und verstrickte sich über vier Jahre in ihre Kämpfe. Es begann mit dem erneuten Emporkommen von Berengar II., Heinrichs Konkurrent um die lombardische Krone. Selbst Johannes XII. unterstützte ihn. Dafür wurde Johannes XII. vom Kaiser aus Rom verjagt. In Rom saß nun eine Synode im Beisein des Kaisers über den Papst zu Gericht. Papst Johannes XII. antwortete brieflich mit der Androhung des Bannes gegen alle, die es wagen sollten, ihn abzusetzen. Als Reaktion ließ die Synode Johannes tatsächlich absetzen und erhob Leo VIII. zum neuen Papst, was nie zuvor ein Kaiser gewagt hatte, da nach päpstlichem Selbstverständnis nur Gott über den Nachfolger des Apostels Petrus richten durfte. Johannes XII. nutzte aber die Gelegenheit zur Rückkehr, als Heinrich I. gegen Berengar im Kampf lag, und stürzte den an seiner Stelle inthronisierten Papst Leo VIII. Nur der plötzliche Tod Johannes XII. am 4. Mai 964 beendete die gefährliche Situation: „Und er wurde in einer Nacht außerhalb Roms, als er sich mit der Frau eines gewissen Mannes ergötzte, vom Teufel derart an der Schläfe getroffen, dass er im Laufe von acht Tagen an dieser Wunde starb“.

    Während seines Aufenthalts in Italien hatte Heinrich im April 965 eine Gesandtschaft des Byzantiners Basileus II. Kolokynthis empfangen. Dieser war beunruhigt über Heinrichs Vorstoß nach Brendesion, da dies als Einbruch in die Hoheitssphäre des byzantinischen Reiches angesehen wurde.



    Heinrich erneuerte den Wunsch nach einer Heiratsverbindung für seinen Bruder Otto (historisch: für seinen Sohn Otto), der übrigens zu Weihnachten 965 nach dem Vorbild von Ludwig dem Frommen zum Mitkaiser gekrönt wurde, um ihn damit einer Braut aus Byzanz ebenbürtig zu machen.

    Doch Byzanz mochte solchen Gedanken nicht folgen. Der Kaiser Kolokynthis hatte in Makedonien ein starkes Heer zusammengezogen und stand zu einer Intervention in Unteritalien bereit. Heinrich I. wollte dem Byzantiner bei einer Ehe zwischen Otto und einer byzantinischen Prinzessin die Grenzen des byzantinischen Reiches respektieren. Dem Deutschen schwebte ziemlich selbstbewusst vor, dass diese Prinzessin die umstrittenen süditalienischen Güter dann einfach als Morgengabe mit in die Ehe bringen solle.

    Um nun Argumente durch militärischen Druck zu ersetzen, wurde der Kampf um Süditalien trotz der Verhandlungen eröffnet. Eine Gebiete wurden eingenommen. Aber vor Bari konnte Heinrichs Heer nicht viel bewegen. Es fehlte an der Flotte, um den starken Seehafen erfolgreich belagern zu können. Auch Heinrichs Gesandtschaft konnte in Konstantinopel nicht viel bewegen. Als dann die Kunde kam, dass Kolokynthis vor Antiochia einen glänzenden Sieg errungen hatte, schien der Tag der von ihm angedrohten Invasion Süditaliens nicht mehr fern.

    Dann aber wurde Kolokynthis durch eine Palastrevolte beseitigt, Haupt der Verschwörung war sein Vetter Johannes Tzimiskes. Der hatte Kolokynthis einst den Weg zum Thron geebnet und ihn zu Kaisertum und Herrschaft gebracht. Dank war ihm nicht geworden, vielmehr wurde ihm der Oberbefehl über die byzantinischen Heere im Osten genommen, so dass der verbitterte Mann auf Rache sann. Der Kaiser Kolokynthis starb also eines grausamen Todes, und Johannes Tzimiskes bestieg den Thron.

    Seine Lage war nicht ohne Probleme. Innenpolitisch standen ihm die Verwandten und Anhänger des gemordeten Kolokynthis gegenüber, außenpolitisch waren die Russen und Bulgaren auf dem Balkan einmarschiert und eine Bedrohung für Byzanz geworden. Zwar schlugen die Byzantiner die Koalition in offener Feldschlacht und vertrieben sie vom Balkan. Dennoch schien es dem neuen byzantinischen Kaiser Johannes ratsam, in Süditalien das Verhältnis zu entspannen und nicht dem Konfrontationskurs seines Vorgängers zu folgen.



    Kaiser Johannes billigte wohl stillschweigend die Vorherrschaft des deutschen Kaisers in Capua und Benevent und dessen Verzicht auf den byzantinischen Süden. Dafür erhielt Heinrich I. für seinen Bruder eine byzantinische Prinzessin. So konnte Erzbischof Gero von Köln mit Theophanu, der Nichte des Kaisers, erfolgreich zurückkehren. Es war zwar keine purpurgeborene, aber immerhin die Nichte des regierenden byzantinischen Kaisers Johannes Tzimiskes. Im April 966 wurde Theophanu mit Otto durch den Papst in der Peterskirche vermählt und zur Mitkaiserin gekrönt. Später mehr zu ihr.



    Für Heinrich I. war das der Höhepunkt seiner Macht. Er hatte das Reich befriedet, war in Rom zum Kaiser gekrönt, hatte die Nachfolge zugunsten Ottos geregelt und war - durch Theophanus Verheiratung mit Otto - durch den byzantinischen Kaiser selbst als Kaiser anerkannt worden. Das Zweikaiserproblem war damit gelöst. 967 endlich kehrte Heinrich I. nach sechs Jahren in Italien nach Deutschland zurück und hier setzte er sein letztes großes persönliches Ziel in die Tat um: Die Gründung des Erzbistums Magdeburg, das Heinrich zu einer Art Rom des Nordens machen wollte. Heinrich spürte sein Ende nahen, immerhin war er über 60 Jahre alt und hatte in den langen Jahren in Italien viele Strapazen mitmachen müssen. Noch einmal empfing er an seinem Hof – zum Weihnachtsfest 967 – Abgesandte aus aller Herren Länder, deren Erscheinen die große Reputation des Kaisers im Ausland bewies.



    Plötzlich erkrankte der Kaiser an einem schweren Fieber und starb wie sein Vater in der Pfalz Memleben am 31. Januar 968. Seinem Wunsch gemäß wurde er im Magdeburger Dom bei seiner Frau begraben.




    Zwei Videos zu diesem Abschnitt:

    Kaiser Otto I. - Kampf um die Krone
    https://www.youtube.com/watch?v=6jg6DZ2wOeA

    Video: Kaiserin Adelheid – Die mächtigste Frau der Ottonen
    https://www.youtube.com/watch?v=5qplikEk15I
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  4. #79
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    Die ersten deutschen Könige

    Hundert Jahre: Von Otto II. zu Heinrich IV.

    Otto II. (973 bis 983)

    Der neue Kaiser Otto übernahm ein wohl bestelltes Reich. Trotzdem hatte er mit Herausforderern seiner Macht zu kämpfen, deren Auftreten für Zeiten eines Regierungswechsels typisch sind. Zunächst einmal hatte Otto mit seinem Cousin Heinrich zu tun. Der war der Herzog von Baiern und war der Sohn und Nachfolger von Prinz Konrad. Wir erinnern uns: Konrad war der Thronprätendent und Rivale von Heinrich I. gewesen, der sich zu Weihnachten 941 dem König im Büßergewand unterworfen hatte. Dessen Sohn Heinrich, genannt der Zänker, konnte nun darauf verweisen, dass er der Nachkomme eines in purpur Geborenen sei, mit einem Anspruch auf die Königswürde.



    Otto entzog ihm das Herzogtum Baiern und übergab auch dieses an den Herzog von Schwaben. Das abgetrennte Kärnten wurde zum Herzogtum erhoben und dem Luitpoldinger Heinrich zugesprochen.



    Parallel zu den Schwierigkeiten im Südosten waren wieder in Lothringen Probleme aufgetreten. Otto setzte den Karolinger Karl, den Bruder des französischen Königs Lothar, als Herzog von Niederlothringen in der neuen Residenz Brüssel ein. Dies führte zu einer plötzlichen Invasion durch Lothar, der sogar Aachen einnehmen konnte, aus dem Otto nur knapp entkam. Die Franzosen drehten in einer spitzen Geste die Adlerfigur auf der Pfalz, die seit jeher nach Westen geblickt hatte, nach Osten um. Die Blitzaktion der Franzosen blieb aber ohne weitere Auswirkungen, Lothringen blieb beim Reich.

    Anschließend musste Otto die Reichsgrenzen im Osten und im Norden sichern. Ein Aufstand der Elbslawen war so derart eruptiv, dass in dieser Gegend die Missionsarbeit von Jahrzehnten zunichte gemacht wurde. Auseinandersetzungen gab es auch mit dem dänischen König Harald Blauzahn, der dem Christentum entsagte und in Holstein für Unruhe sorgte.



    Erst nachdem die Expansionsabsichten Harald Blauzahns gebändigt waren, fand Otto die Zeit, seinen Zug nach Italien zu unternehmen, um dort seine kaiserliche Herrschaft zu Geltung zu bringen. In Rom war Papst Benedikt VI. (973-974) von den Anhängern der Crescentier nicht nur abgelöst, sondern auch ermordet worden. An seiner Stelle bestieg der Kandidat der Crescentier, Bonifaz VII. (974-985) den Heiligen Stuhl. Mit kaiserlicher Zustimmung gewählt wurde dagegen Benedikt VII. (974-983), der nach Ottos Hilfe rief, um sich gegen Bonifaz in Rom durchsetzen zu können.



    Nachdem Kaiser Otto seinen Papst nach Rom geführt hatte, zog er weiter nach Süditalien, um dort die Sarazenen zu bekämpfen. Zu dieser Zeit war Byzanz in Thronwirren gelähmt, Otto konnte auf ihrem Gebiet in Süditalien also frei operieren. Doch Otto erlitt eine vollständige militärische Niederlage und konnte nur mit Mühe einer Gefangen- bzw. Geiselnahme entgehen und sich nach Norden retten.

    Otto kehrte zurück nach Rom, wo Benedikt VII. am 10. Juli 983 gestorben war. Er ließ seinen italienischen Erzkanzler Bischof Petrus von Pavia zu Papst Johannes XIII. erheben ließ. Da starb der Kaiser plötzlich an einem Fieber, vermutlich war es Malaria. Er wurde als einziger Kaiser in St. Peter in Rom begraben.

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  5. #80
    Im Auftrag ihrer Majestät Avatar von Fimi
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    Zitat Zitat von Mark Beitrag anzeigen
    Die alten Quellen schildern die Zahl der Ungarn mit 120.000 Reitern, moderne Historiker gehen von zehn- bis zwölftausend aus. Meine eigenen Recherchen ergeben eine Anzahl von 1.308 Ungarn
    Zitat Zitat von Goethe
    Wenn das Gewölbe widerschallt,
    fühlt man erst recht des Basses Grundgewalt.
    Zitat Zitat von Markus1978 Beitrag anzeigen
    Ich schreibe keinen Blödsinn

  6. #81
    Rebellenschreck Avatar von Großadmiral Thrawn
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  7. #82
    The passion of lovers Avatar von Mark
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  8. #83
    The passion of lovers Avatar von Mark
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    Die ersten deutschen Könige

    Otto III. (983 bis 1002)

    Der Sohn des verstorbenen Kaisers war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal drei Jahre alt. Das stellte die Verantwortlichen vor eine große Aufgabe, es gab keine festen Rechtsgrundsätze für den Fall von Vormundschaft und Regentschaft. Der Junge galt formell als regierungsfähig und unterschrieb Urkunden mit einem Vollziehungsstrich, hielt Gericht und zog in den Krieg. Um die Vormundschaft für ihn entbrannte ein Kampf. Gleich nach dem Tod Ottos II. war Heinrich der Zänker aus der Verbannung gekommen und hatte sich des kleinen Königs samt der Reichsinsignien bemächtigt. Der Zänker hatte schon versucht, den Vater des kleinen Königs zu stürzen. Jetzt forderte er wieder sein Recht auf den Thron.



    Zu Ostern 984 forderte Heinrich der Zänker seine Anhänger auf einer Versammlung in Quedlinburg auf, ihn zum König zu wählen. Sie akklamierten ihm, allerdings schrumpfte seine Anhängerschaft in der Folge. Denn jetzt ging es um einen Thronstreit, da hatten einige einen Loyalitätskonflikt. Die beiden Kaiserinnen Theophanu und Adelheid nämlich nahmen entschlossen den Kampf gegen den Zänker auf. Die beiden Frauen waren ziemlich verschieden und mochten sich nicht. Adelheid war fromm bis zum Fanatismus, Theophanu jung und aufwendig in ihrem Lebensstil. Die Gefahr brachte die beiden aber zusammen. Sie konnten auf die Hilfe des Mainzer Erzbischofs Willigis setzen und spannten ein politisches Netz um den Thronräuber.

    Heinrich der Zänker musste sich nach Baiern zurückziehen und nach harten Verhandlungen schließlich den kleinen König ausliefern. Das Volk sang wie zum Spott „König sein wollt' Herzog Heinrich, doch Gott im Himmel wollt' es nicht“. An jenem Tag der Übergabe des kleinen Königs sah man, so hieß es, am Tageshimmel einen weithin leuchtenden Stern und die Muttergottes im Strahlenkranz der Sonne.

    Quasi zur Auslöschung der Königserhebung des Zänkers fand Ostern 986 in Quedlinburg eine Festkrönung Ottos III. statt. Die Regentschaft übernahm seine Mutter Theophanu - jene Prinzessin, die als Braut für Otto II. aus Byzanz gekommen war. Energisch führte sie Politik und legte sich dabei den weiblichen Titel der imperatix augusta zu. Zunächst stellte sie Adelheid kalt. Persönlich war das durchtrieben, politisch war es vernünftig. Denn die allzu fromme Adelheid drohte das Reichsgut an die Kirche auszuliefern, und das wäre später schlecht für den König gewesen. Bis zu ihrem Tod 991 war Thephanu dabei ziemlich erfolgreich und verhinderte, dass die Herrschaft eines Kindes auf dem Thron wie sonst zu einer Phase des Niedergangs für die Krone geriet.



    Nachdem Otto III. die Regierung übernehmen konnte, disziplinierte er zunächst seine Gegner im Osten und stutzte die Macht des Herzogs Heinrich des Zänkers zurecht. Im März 996 zog Otto III. nach Rom und besetzte den Stuhl des Papstes mit seinem Vetter Brun von Kärnten. Er wurde als erster Deutscher zu Papst Gregor V. (996-999) erhoben. Von diesem ließ sich Otto III. am 21. Mai 996 zum Kaiser krönen. Das war ein unerhörter Triumph, der sich über alle Traditionen hinwegsetzte, schließlich duldeten die Römer sonst nur einen der ihren auf dem Papstthron.

    Schon 997 wurde Gregor V. gestürzt, und zwar ausgerechnet von Ottos früherem Lehrer Johannes Philagathos, der als Gegenpapst Johannes XVI. (997-998) regierte. Gregor rief den Kaiser um Hilfe. Anfang 998 tauchte das Heer des Kaisers vor Rom auf. In einem Turm wurde der Philagathos entdeckt, nach kurzem Verhör gestand er, der Gegenpapst zu sein. Daraufhin rief man den Henkersknecht herein, der ihm mit einem glühenden Eisen die Augäpfel ausbrannte, dann mit einem gebogenen Messer Ohren und Nase abschnitt, um ihm schließlich mit einer Zange die Zunge herauszureißen. Am selben Abend wurde der so grauenhaft Verstümmelte nach Rom geschafft und vor den Kaiser geführt, der ihn mit den Worten anredete: „Sehe ich dich so wieder, Grieche“.

    Vor ihm stand blutend, Unverständliches lallend, aus leeren Augenhöhlen starrend sein Taufpate, der zärtlich geliebte Lehrer seiner Kindheit, stand Philagathos, der jetzt Johannes XVI. hieß, weil er die Tiara trug. Eine mehr als traurige Gestalt, dieser Grieche, den Theophanu einst in ihre Dienste genommen und zu einer raschen Karriere verholfen hatte. Der einstige Günstling der Kaiserin, eventuell sogar ihr Liebhaber, war damals auch der Vertraute ihres Sohnes Otto III. geworden. Für das Geld der Crescentier war Philagathos zum Verräter an seinem Herrn geworden und konnte nach damaligen Recht mit Blendung bestraft werden. Otto III. schien die unmäßige Misshandlung des Mannes ein wenig zu bereuen, nicht so sein Vetter Gregor V., der wieder auf dem Heiligen Stuhl Platz genommen hatte.

    Kaiser und Papst ließen den früheren Lehrer ohne Augen, Ohren, Nase und Zunge, aber in päpstliche Gewänder gehüllt verkehrt herum auf einem Esel sitzend mit einem ausgehöhlten Kuheuter als Mütze in einer Schandprozession durch Rom und auf Befehl Papst Gregors vor eine Synode führen. Dort wurde Johannes XVI. formell abgesetzt. Nach der Absetzung führte man den Unglücklichen wieder auf dem Esel reitend durch die johlende Menge. Anschließend wurde der Verstümmelte in ein Kloster abgeschoben, in dem er nach 15 Jahren starb.

    Anschließend wurde die Engelsburg, in der sich die Crescentier verschanzt hatten, erstürmt. In den blutigen Nahkämpfen, die tage- und nächtelang im Labyrinth der Gänge, Treppen und Verliese tobten, erlosch der letzte Widerstand. Auf den Zinnen schlugen die Soldaten den Aufständischen die Köpfe ab und stürzten deren Leichen die Mauer hinab. Die zerschmetterten Körper wurden am Galgen zur Schau gestellt. Der Kaiser hatte „seinen“ Papst gegen den Willen der Römer durchgesetzt.



    Auch als Gregor V. im März 999 starb, konnte der Kaiser seinen Kandidaten Gerbert für die Papstwahl durchsetzen. Der legte sich den Namen Silvester II. (999-1003) zu. Der Name war Programm. Denn an Silvester sollte Konstantin der Große bekanntlich das Imperium übergeben haben. Das enge Zusammengehen des Philosophenpapstes und des Kaisers an der Spitze der Christenheit war in dieser Form einmalig.
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  9. #84
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    Nach dem Weihnachtsfest 1000 zog Otto III. zurück in das Reich. Erwähnenswert ist vor allem, dass der Kaiser seine östlichen Kirchenrechte dem Herrscher in Polen übertrug, womit Polen seine eigene Kirchenorganisation erhielt. Mit Boleslaw schloss Otto III. einen Freundschaftspakt und setzte ihm eine eigene Krone auf den Kopf.



    Unter Begleitung von Boleslaw und dreihundert polnischen Lanzenreitern zog der Kaiser nach Magdeburg und weiter nach Aachen. Dort kam es zu einer denkwürdigen Begegnung Ottos III. mit dem toten Karl dem Großen. Er ließ das Grab vor dem Altar nächtens öffnen: „Karl lag nicht im Grabe wie andere Verstorbene, sondern er saß aufrecht auf einem Thron, als lebe er. Auf dem Haupt trug er die goldene Krone und hielt das Zepter in den mit Handschuhen bedeckten Händen, durch die die Fingernägel hindurchgewachsen waren. Wir spürten den Hauch des Todes, einen starken Geruch, und warfen uns vor ihm nieder zum Gebet. Otto ließ ihn in weiße Gewänder hüllen, schnitt ihm die Nägel und erneuerte alles, was verfallen schien. Von den Gliedern war noch keines durch Verwesung zerstört mit Ausnahme der Nasenspitze, die der Kaiser mit Hilfe von Gold ergänzte. Aus dem Mund des Toten zog er einen Zahn, auch das goldene Halskreuz und einen Teil der Gewänder nahm er an sich, entfernte sich dann und ließ die Gruft wieder schließen“.

    Otto III. zog erneut nach Italien, wo die Römer wieder einmal ihren Papst aus der Stadt verjagt hatten. In Ravenna empfingen der Kaiser und Silvester II. gemeinsam den König Stephan von Ungarn. Dieser unterstellte sein Reich dem heiligen Petrus und erhielt von Kaiser und Papst die Bestätigung einer eigenen Kirchenprovinz für Ungarn, deren Metropole Gran sein sollte. Stephan sollte von dem neuen Erzbischof von Gran mit einer eigens dafür gedachten Krone zum König geweiht werden.



    Einige Zeit danach, im Januar 1002, ergriff Otto III. wie seinen Vater die Malaria, er starb noch im selben Monat daran. Man glaubte, dass aus den Sümpfen aufsteigende Gase (Miasma) jene Krankheit verursachen, die das Blut verdünnen, die Milz anschwellen lassen, höllisches Fieber und eisigen Schüttelfrost erzeugen, schließlich den Tod herbeiführen oder ein langes Siechtum. Doch nicht irgendwelche Bodendünste waren schuld an der Pestilenz, sondern eine kleine unscheinbare Mücke, die durch ihren Stich die todbringenden Parasiten überträgt. Die Umgebung Roms zählte jahrhundertelang zu den klassischen Malariagebieten, weil überschwemmende Flussufer, Sümpfe, Teiche, Tümpel ideale Brutstätten boten. Mitte Juni bis Mitte September galt als die gefährlichste Zeit, da begaben sich die alten Adelsfamilien aus Rom in die gesunde Luft der bergigen Umgebung. Bei Sommerbelagerungen, so wusste man in Rom, bot die Pestilenz besseren Schutz als dicke Mauern.

    Seinem Wunsch gemäß wurde er, da sich die Römer verweigerten, in Aachen beigesetzt. Ironie des Schicksals war es, dass zu dieser Zeit eine deutsche Delegation mit einer byzantinischen (purpurgeborenen) Braut namens Zoe für den Kaiser eintraf und nach der Todesnachricht gleich wieder zurückfuhr.



    Video: Kaiserin Theophanu – Die mächtigste Frau des Abendlandes
    https://www.youtube.com/watch?v=KViEmvoEYqE

    Video: Otto III. - Erneuerer des Reiches
    https://www.youtube.com/watch?v=UweE-VShcQU
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  10. #85
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    Heinrich II. (1002 bis 1024)

    Im Gegensatz zu seinem Vater, der bei seinem plötzlichen Tod einen gewählten und gekrönten Nachfolger hinterlassen hatte, war dies bei dem kinderlosen Otto III. nicht der Fall. Die Lage war völlig unklar und forderte einen Überraschungscoup geradezu heraus. Ihn führte der Baiernherzog Heinrich IV. (*973) durch, der Sohn Heinrichs des Zänkers. Er nahm den Erzbischof Heribert von Köln zur Geisel und brachte sich dabei in den Besitz der Reichsinsignien.



    Heinrichs Konkurrenten um die Krone waren Herzog Hermann II. von Schwaben und Herzog Ekkehard von Meißen, den man den Schrecken der Slawen nannte. Alle drei hatten ihre Anhängerschaft unter den Großen des Reiches. Am 30. April 1002 wurde Ekkehard dann aber von Graf Siegfried dem Jüngeren von Northeim getötet.



    In der Auseinandersetzung mit dem verbliebenen Konkurrenten Hermann II. neigte sich die Sache zugunsten Heinrich zu. Nicht militärische Tüchtigkeit, sondern diplomatisches Verhandlungsgeschick mit den deutschen Stämmen brachten Heinrich nach vorne. Schließlich war es dann der Sohn des Zänkers, der allgemein anerkannt wurde, auch Hermann versöhnte sich und huldigte ihm. Erst jetzt konnte Heinrich II. seine Königsherrschaft antreten, für die er gar nicht vorgesehen war (er war fast wie ein Geistlicher erzogen worden). Im Vergleich zu seinen beiden Vorgängern war er mit 29 Jahren relativ alt.



    In den ersten Jahren verschaffte Heinrich II. den Reichsinteressen in Böhmen und Polen durch mehrere Feldzüge mehr oder weniger Geltung. In Polen war es Boleslaw I. „Chobry“ (der Tapfere), der als erster den Deutschen die Stirn zu zeigen vermochte. Gegen Boleslaw verbündete sich Heinrich II. sogar mit den heidnischen Liutizen. Die hassten die Deutschen, doch wenn es jemanden gab, den sie noch mehr verabscheuten, dann waren es die bereits christlich gewordenen Polen. Letztlich behielt Heinrich II. mit diesem unseligen Bündnis recht, die deutschen Grenzen blieben gesichert. Ähnlich modern im heutigen Sinn, wobei der Zweck die Mittel zu heiligen pflegt, mutete ein weiteres Bündnis an, das Heinrich schloss: Mit dem russischen Großfürsten Jaroslaw von Kiew. In der Weltgeschichte die erste Waffenbrüderschaft zwischen Deutschen und Russen, um die Polen in die Zange zu nehmen.

    Zwischen 1007 und 1012 musste er auch im Westen einige Aufstände unterdrücken. Flandern, Lothringen und Burgund waren die Zentren dieser Unruhen. Erst danach fand Heinrich II. im Herbst 1013 die Zeit, nach Rom zu ziehen. Dort wurde er am 14. Februar 1014 von Benedikt VIII. (1012-1024) zum Kaiser gekrönt. Der Papst schenkte ihm eine kostbare goldene Weltkugel mit aufgesetztem Kreuz, Symbol der Universalherrschaft des Kaisers.



    Die Kirche konnte sich zu dieser Zeit einiges leisten, denn sie unermesslich reich. Die Gläubigen zahlten den Zehnten an sie, dazu kamen um die Jahrtausendwende viele Testamente, in denen die Menschen der Kirche ihr Vermögen vermachten. Denn zu dieser Zeit glaubten viele, das Ende der Welt sei nahe - „adventante mundi verspero“, „da der Weltenabend nahe ist“, lautete die Eingansgformel in diesen Verfügungen. Von den Steuern befreit, gesichert vor Weiterveräußerung und Vererbung ihres Besitzes, wurde die Kirche zu einem Grußgrundbesitzer in ganz Europa. Später war es Heinrich II., der diesen Reichtum anzapfte. Er reformierte die Klöster im Reich, führte sie von der Last der Güterfülle zurück zu ihrem eigentlichen Auftrag, wenn man es so bezeichnen möchte: „Es ist nötig, dass die Kirchen viele Güter besitzen, denn wem viel gegeben wird, dem kann auch viel genommen werden“.

    Papst Benedikt VIII. hatte kriegerische Ambitionen. Er führte mit Pisa und Genua einen Seekrieg gegen die Araber und eroberte 1016 Sardinien von ihnen zurück. Einen Vorstoß nach Apulien ins byzantinisch dominierte Gebiet endete im Oktober 1018 mit einer schweren Niederlage. Daraufhin entschloss sich der Papst, den Kaiser um Hilfe zu bitten. Sie trafen sich zu Ostern 1020 in Bamberg. Heinrich II. brach zu einem weiteren Italienzug auf, erreichte Verona im Dezember 1021 und beginnt das Weihnachtsfest in Ravenna. In drei Truppenkontingenten marschierten die Heere nach Süden. Salerno konnte erobert werden, aber auf eine Eroberung Apuliens verzichtete Heinrich. Die Malaria wütete in seinem Heer.

    Nach diesem Feldzug unternahm Heinrich II. eine Wallfahrt nach Cluny und erneuerte im August 1023 den Freundschaftsvertrag mit König Robert von Frankreich, wobei er einen Streit zwischen dem König und dem mächtigen Grafen Odo von der Champagne schlichtete. Auf dem Höhepunkt der Macht angekommen erkrankte Heinrich II. schwer und starb am 13. Juli 1024 in Göttingen im Alter von 52 Jahren. Wunschgemäß wurde er im Bamberger Dom begraben.
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  11. #86
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    Konrad II. (1024 bis 1039)

    Das Jahr 1024 markiert den Wechsel der Dynastien, es begann der Aufstieg der Salier (abgeleitet von dem althochdeutschen Wort sal - Herrschaft). Diese Familie stammte offenbar aus der Führungsschicht zu Zeiten Karl Martells im achten Jahrhundert. Erwähnt wurde bereits Konrad der Rote, der ab 941 als Graf von Worms im Gefolge Ottos I. in Erscheinung trat und 947 dessen Tochter Liutgard heiratete. Als Herzog von Lothringen spielte er seit 944 eine Schlüsselrolle in der Reichspolitik.



    Konrads Sohn Otto erweiterte den Familienbesitz am Rhein und wurde 978 Herzog von Kärnten, musste sich nach seinem innenpolitisch notwendigen Verzicht 985 wieder an den Rhein zurückziehen und erhielt Kärnten mit der Markgrafschaft Verona 995 wieder zurück. Den vorläufigen Höhepunkt im Aufstieg der Familie erlebte Ottos Sohn Brun, der 996 von Otto III. zu Papst Gregor V. erhoben wurde.

    Ottos Sohn Konrad hatte sich dem Gegenkandidaten Hermann II. von Schwaben angeschlossen, mit dessen Tochter Mathilde er verheiratet war. Trotzdem konnte er nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1000 mit Zustimmung Heinrichs II. die Nachfolge in Kärnten antreten. Bei seinem Tod im Jahre 1011 wurde allerdings sein Sohn Konrad der Jüngere übergangen, der noch ein Kind war. Somit verlor die Familie die Herzogswürde. In der weiteren Regierungszeit Heinrichs II. wurde die Wormser Linie der Familie durch Konrad den Jüngeren und die Speyerer Linie durch Konrad den Älteren repräsentiert. Beide stritten sich um das Erbe des Schwabenherzogs mit dem Herzog von Kärnten. Heinrich war darüber verärgert und schickte Konrad den Älteren ins Exil, aus dem er aber bald zurückkehren durfte. Mit dem Tod des Kaisers trat die Familie in den Mittelpunkt der Debatte um die Nachfolge.

    Da Heinrich II. keine Kinder hatte, war das Haus der regierungsfähigen Liudolfinger mit seinem Tod im Mannesstamm erloschen. Natürlich gab es im Ausland einige weitläufige Verwandte, die erbrechtlich in Betracht kamen. Als Favoriten entpuppten sich aber die beiden Salier Konrad der Ältere und Konrad der Jüngere, ein Ururenkel Ottos des Großen. Die Wahl der Großen fiel (wohl auch, weil sich die beiden Kandidaten zuvor abgesprochen so hatten) auf Konrad den Älteren, der zum König erhoben und gesalbt wurde.



    Konrad II. war etwa 35 Jahre alt, als er sein Amt antrat. Verheiratet war er seit 1016 mit Gisela Konradiner, der Witwe Herzog Ernst I. von Schwaben. Lesen und Schreiben konnte Konrad nicht, er war ein idiota literarum. Man hatte es in seiner Kindheit nicht für nötig gehalten, an einen Niemand irgendwelche Ausbildung zu verschwenden. Dem König Konrad verdankten es die Ritter, dass ihre Lehen erblich wurden, Geliehenes sich in Eigentum verwandelte. Kein Wunder, dass sie in unabdingbarer Treue zu ihrem König hielten. Ein neuer Dienstadel entstand auf diese Weise, der dem Staat nicht wie bisher nur im Kriege diente, sondern auch im Frieden: Er stellte die ersten weltlichen Beamten, die Ministerialen.

    Ihre Treue wurde wichtig bei der folgenden Rebellion, die der Stiefsohn des Königs anzettelte: Wie gewohnt mussten zu Beginn einige Aufstandsversuche unterdrückt werden. Konrad II. stritt mit Herzog Ernst II. von Schwaben (sowie den Lothringern und Polen). Die Ministerialen versagten ihrem Lehnsherrn Ernst die Gefolgschaft gegen den König. Vor seinem Italienzug 1026 ließ Konrad II. seinen neunjährigen Sohn Heinrich zum Nachfolger wählen, dem er im Jahr darauf das ledige Herzogtum Baiern vergab.

    Konrad II. erwies sich trotz seiner fehlenden Ausbildung als fleißiger Rechtsprecher. In Norditalien hielt der König Gericht über Bürger von Pavia, die nach dem Tod Heinrichs II. hier die Pfalz zerstört hatten. Sie entschuldigten sich vor Konrad II. für diese Tat, indem sie ihm vorbrachten: „Als wir dies taten, gab es noch keinen neuen König, also konnten wir auch uns nicht gegen Euch, o Herr, vergangen haben“. Konrad gab ihnen zur Antwort: „Wenn der König stirbt, bleibt doch das Reich – so wie das Schiff bleibt, wenn der Steuermann gefallen ist“. In Mittelitalien brachte er den brandschatzenden Grafen Thasselgard zur Strecke, der dort geplündert und gemordet hatte. Als man den adeligen Räuber zum Galgen führte, sagte der König: „Das also ist der Löwe, der meine Herde verschlingen wollte. Beim Himmel, diese Bestie wird von meinem Brot nicht mehr zehren“. Und als einmal die Wenden vor seinen Augen ein Kruzifix verschandelten, indem sie dem Gekreuzigten Arme und Beine ausrissen, setzte der König sich an die Spitze eines Kommandounternehmens, und die Gefangenen, die er machte, ließ er auf ähnliche Weise verstümmeln. So sah Rechtsprechung aus.

    In Rom wurde Konrad II. von Papst Johannes XIX. (1024-1032) zum Kaiser gekrönt. Den schätzte der Salier eigentlich gar nicht, denn er hatte sich den Stuhl Petri von seiner Familie kaufen lassen. Später spielte Johannes sogar mit dem Gedanken, das Papsttum an den griechischen Patriarchen von Konstantinopel zu verschachern. Dessen Nachfolger fand auch keine Gnade in den Augen des Kaisers: Benedikt XI. war zum Zeitpunkt seiner Wahl wohl vierzehn Jahre alt (das ist nicht sicher) und so lasterhaft und korrupt, dass er gegen eine Abfindung von 2.000 Pfund Gold wieder zurücktrat. Obwohl: Der Charakter eines Papstes war Konrad solange egal, wie der tat, was er von ihm verlangte.

    Konrad II. beteiligte sich selbst am Ausverkauf der Kirche. Bistümer und Reichsabteien wurden regelrecht vermarktet. Wer am meisten bezahlte, bekam bei der Investitur den Zuschlag. Das war nicht neu, nur war Konrad II. noch nicht einmal bemüht, sein Tun zu bemänteln. Auf den Vorwurf, sich fortwährend der Simonie schuldig zu machen, gab er die entwaffnende Antwort: „Wie anders soll dieses Reich denn zu regieren sein?“ Zum Teil hatten sich feste Sätze eingebürgert, die ein geistliches Amt kostete. Wem die Kaufsumme zu hoch war, der konnte sich ruhig verschulden. Die Pfründe aus dem Amt warf in der Regel so viel ab, dass sich die Schulden bald tilgen ließen. Wenn nicht, ließ sich ja immer noch Kircheneigentum verkaufen. Marmorsäulen zum Beispiel, Bücher, Altarsilber oder die Ziegel vom Dach eines Gotteshauses. Es wäre unsinnig, den Geistlichen einen Strick drehen zu wollen. Sie taten das, was alle taten, vom kleinen Landpfarrer bis zum großen Erzbischof.

    1027 und 1028 gelang es dem Salier, das Königreich Burgund näher an das Reich zu ziehen und Frankreich so den Weg nach Italien zu erschweren. Im Osten hatte Konrad II. wieder mit den Polen sowie den Liutizen zu kämpfen. In den Jahren 1036 und 1037 musste der Kaiser in Mailand eingreifen, um die tumultartigen politischen Zustände zu schlichten. Als Konrad II. 1038 nach Deutschland zurückkehrte, übertrug er (nach Baiern) auch das Herzogtum Schwaben an seinen Sohn Heinrich.

    Beim Pfingstfest, das der Kaiser 1039 in Utrecht beging, erlitt Konrad II. einen Gichtanfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Er starb am 4. Juni 1039 und wurde im Dom zu Speyer begraben.
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  12. #87
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    Heinrich III. (1039 bis 1056)

    Heinrich III. wurde 1017 geboren und war sechs Jahre alt, als sein Vater König wurde. Schon früh bezog ihn Konrad II. aktiv in die Politik ein. Immerhin wurde Heinrich nicht nur 1026 formell als Nachfolger anerkannt, er bekam auch die Herzogtümer Baiern und Schwaben zur eigenen Regierung. Im Jahr 1036 heiratete Heinrich die dänische Prinzessin Gunhilde, die ihm die Tochter Beatrix (die spätere Äbtissin von Quedlinburg) gebar. Gunhilde starb aber bereits 1038.

    Als auch Heinrichs Vater 1039 starb, war er bestens auf die Herrschaft vorbereitet. Innenpolitisch von großer Bedeutung war für ihn war die Kirchenpolitik. Bei der Investitur der Bischöfe verwandte Heinrich III. als erster Herrscher neben dem Stab auch den Ring. Der Ring war ein christliches Symbol, das die geistliche Verbindung des Bischofs mit der Kirche darstellte. Somit wurde Heinrichs theokratisches Denken umgesetzt und diese Investitur nun als selbstverständlicher Akt durchgeführt. Im Gegensatz zu seinem der Welt zugewandten Vater Konrad waren Heinrich III. die Simonie und die Priesterehe ein Gräuel. Der neue Herrscher war tief religiös und fromm bis zur Askese. Bei der Investitur verzichtete er auf die Annahme von Schmiergeldern. Die Reformer in der Kirche lobten ihn dafür, die für den Staatshaushalt zuständigen Räte runzelten sie Stirn. Denn die Finanzierungslücke musste Heinrich III. nun durch den Adel schließen lassen, die er verstärkt zur Kasse bat. Es hätte keine wirksamere Methode geben können, sich neue Feinde zu schaffen.



    Noch in selben Jahr 1039 zog er mit Kärnten das dritte Herzogtum an sich (Baiern und Schwaben hatte er bereits zu Zeiten seines Vaters bekommen). Es war dabei klar, dass er nicht alle drei Herzogtümer nicht für sich behalten wollte, ebenso klar war, dass die Herzogtümer nach seiner Ansicht nicht erblich waren. Im Jahre 1042 verlieh Heinrich III. Baiern an den Lützelburger Heinrich, Schwaben ging 1045 an den lothringischen Pfalzgrafen Otto von den Ezzonen, Kärnten wurde 1047 an den Grafen Welf III. vergeben. Allen drei neuen Herzögen war gemeinsam, dass sie als Landfremde auf die enge Zusammenarbeit mit dem König angewiesen waren, um sich in ihren Gebieten behaupten zu können.

    Anders in Sachsen, dort führten die Billunger das Zepter, das Herzogtum war quasi erblich. Für Missstimmung der Sachsen sorgte Heinrichs Schritt, Goslar zu seiner Pfalz zu machen und das Reichsgut in Sachsen auf ihre Kosten zu mehren. Heinrich III. setzte gegen die sächsischen Adeligen auf die dortigen Bischöfe. Im Jahre 1043 erhob der König den Dompropst zu Halberstadt zum Erzbischof von Bremen. Der hieß Adalbert, hatte ehrgeizige Pläne von einem eigenen Patriarchat des europäischen Nordens und war ein Gegner der Billunger.



    Während es in Sachsen nicht zum offenen Ausbruch der Spannungen kam, war dies in Lothringen anders. Dort war 1040 Herzog Gozelo gestorben, sein Sohn Gottfried III. der Bärtige war noch zu dessen Lebzeiten als Mitherzog aufgetreten. Gozelo hatte aber eine Teilung vorgesehen und Niederlothringen dem jüngeren Sohn Gozelo II. gegeben. Heinrich unterstützte die Entscheidung, um die Macht des Herzogtums zu schwächen. Er ließ den aufbegehrenden Gottfried von einem Hofgericht im September 1044 absetzen. Gottfried suchte sein Heil in der Fehde, bis es im Juli 1045 zu einem Ausgleich kam.



    Gegen Stellung seines Sohnes als Geisel durfte er in das Herzogtum Oberlothringen zurückkehren, Niederlothringen ging dagegen an den Lützelburger Friedrich. Es kam noch einmal zu einem Aufstand des Lothringers, bei dem aber erneut Heinrich III. die Oberhand behielt. Lothringen als einst starkes Herzogtum blieb geschwächt, die Zentralmacht war gestärkt. Dies konnte aber auch negative Folgen haben, denn das geteilte Herzogtum bedeutete weniger Schutz an der Westgrenze des Reiches.

    Als Teil seiner Außenpolitik musste seine Heirat 1043 angesehen werden. Er entschied sich, Agnes von Poitou zur Frau zu nehmen. Sie war eine Enkelin des Grafen Otto-Wilhelm (Guilhem V.) von Burgund. Heinrich III. war ein Idealist reinsten Wassers, und von den Idealisten heißt es, dass Gott uns vor ihnen beschützen möge, wenn sie in der Politik auftreten. Weil sie immer versuchen werden, die Welt nach ihrem – weltfernen – Bilde zu gestalten. Seine Zeitgenossen schildern Heinrich III. als düster, verschlossen, und kein Name passte besser zu ihm als der des „Schwarzen Heinrich“. Als die Spielleute zu seiner Hochzeit mit Agnes herbeiströmten, um ihn auf ihre Art zu feiern, ließ er die fortjagen – in tiefer Verachtung ihrer eitlen Künste. Das war nicht nur unklug – die Fahrenden waren die „Presse“ und bestimmten auch die öffentliche Meinung – sondern auch der Sitte der Zeit zuwider, denn die Gaukler waren außerordentlich beliebt. Agnes gebar Heinrich III. fünf Kinder: zunächst drei Töchter, dann zwei Söhne.

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    Die ersten deutschen Könige

    Einige Jahre verbrachte Heinrich III. damit, die deutsche Oberhoheit im Osten gegen die Polen durchzusetzen. Danach konnte er den Zug nach Italien antreten. Im Rom setzte man große Hoffnung auf den Salier, denn die Situation um den Papst musste dringend geklärt werden. Im Jahr 1032 war wieder ein Tuskulaner zu Benedikt IX. (1) gewählt worden. Er wurde im Sommer 1044 von den Römern vertrieben und aus der Familie der Crescentier Silvester III. (2) erhoben. Benedikt verdrängte Silvester wieder aus Rom (3), musste aber einsehen, dass er sich nicht halten würde können. Als trat er seine Würde am 1. Mai 1045 an seinen Taufpaten Johannes Gratianus ab. Sicher ist, dass Benedikt IX. freiwillig zurücktrat und dass Geld im Spiel war, als Gregor VI. (4) von den Römern gewählt wurde.



    Ende 1046 traf Heinrich III. in Piacenza auf Gregor VI. und war zunächst beeindruckt von ihm. In Sutri kam es dann auf Veranlassung des Königs zu der Synode, auf der die Rechtmäßigkeit des Papstes bzw. seiner Gegenspieler erörtert werden sollte. Denn Heinrich III. war es wichtig, dass er sich von einem legitimen Papst zum Kaiser krönen lassen würde. Die Päpste Gregor VI. und Silvester III. waren anwesend, Benedikt IX. war auf der Flucht. Silvester verlor sein Amt und Gregor wurde wegen Simonie abgesetzt und dem Erzbischof von Köln in die Verbannung übergeben. Auch über Benedikt erging ein Absetzungsurteil. Dann fand in Rom eine Neuwahl statt. Und um die Macht der römischen Familien zu brechen, war es ein Reichsbischof, der eingesetzt wurde. Heinrichs Wunschkandidat Adalbert von Bremen weigerte sich, daher wurde der Bamberger Bischof Suidger als Clemens II. (5) inthronisiert. Prompt krönte er zu Weihnachten 1046 Heinrich III. und seine Frau Agnes zu Kaiser und Kaiserin.

    Der Kaiser war erst einige Monate zurück in Deutschland, als Clemens II. im Oktober 1047 starb – vielleicht Gift oder Malaria – und die Römer Benedikt IX. (6) auf den Thron zurückholten. Auch Gregor VI. versuchte wieder mitzumischen. Heinrich III. setzte mit einiger Mühe seinen neuen Kandidaten Damasus II. (7) auf den Heiligen Stuhl, aber der starb im August 1048 schon wieder. Der nächste Papst von Heinrichs Gnaden war dann Leo IX. (8), der im Februar 1049 erhoben wurde. Er war der erste bedeutende Reformpapst, der sich für seine rastlose Arbeit Mitarbeiter aus Lothringen holte, darunter den Reformer Hildebrand....



    Leo IX. hielt noch 1049 eine Synode mit dem Kaiser in Mainz ab. Im gemeinsamen Kampf gegen Missstände im Klerus dokumentierte sich das Miteinander von regnum und sacerdotium. Es ging bei den Synoden besonders um die Simonie und die damit verbundene Frage, ob ein Kleriker, der auf diese Weise ins Amt kam, die Sakramente spenden konnte. Leo neigte erst der radikalen Ansicht zu, schloss sich dann der gemäßigten von Petrus Damiani an, der das Sakrament in der richtigen Form verabreicht unabhängig von der Würde der Priester sah.

    In Süditalien versuchte Leo IX. den Einfluss der mächtiger gewordenen Normannen einzudämmen und zog mit freiwilligen Truppen aus dem Reich und byzantinischer Unterstützung gegen sie. Doch Leo unterlag 1053 und musste fortan als Gefangener in Benevent residieren. Von dort führte der Papst mit Byzanz Verhandlungen über die Kircheneinheit. Doch die beiderseitigen Vorstellungen von katholischer und orthodoxer Kirchenführung waren so konträr, dass sie im Juli 1054 zur gegenseitigen Bannung führten. Das Schisma zwischen West- und Ostkirche wurde besiegelt. Leo IX. erlebte dies nicht mehr, denn er war am 19. April 1054 gestorben. Besonders erfolgreich war Leo IX. in seiner Amtszeit nicht, doch er hatte durch seinen leidenschaftlichen Einsatz verloren gegangenes Vertrauen in den Stellvertreter Christi zurück gewonnen, dem Papsttum neuen Glanz verliehen. Auf ihn folgte Viktor II. (9), und in dem Geist der Reformen ging der Kampf weiter. Später sollte sich zeigen, dass das durch Heinrich III. moralisch gestärkte Papsttum zum stärksten Gegner seines Sohnes Heinrich IV. werden würde...

    Heinrich III. hatte den Papst Leo IX. zuletzt nicht mehr persönlich so intensiv unterstützen können, weil er im Reich Probleme hatte. Schon 1050 war es in Lothringen und Flandern wieder zu Schwierigkeiten gekommen. Im Juli 1054 heiratete Gottfried III. von Lothringen Beatrix, die Witwe des Markgrafen Bonifaz von Tuszien. Bei Heinrich III. schellten die Alarmglocken, denn Tuszien war strategisch sehr wichtig, hier kontrollierte man die Wege nach Rom. Deshalb reagierte der Kaiser massiv auf diese Machtkonzentration in der Hand Gottfrieds: Er nahm Beatrix und ihre Tochter Mathilde als Gefangene mit ins Reich.



    Es blieb unruhig. Das vernachlässigte Sachsen mit den Billungern an der Spitze beobachtete misstrauisch die Schritte des Saliers und sicherten mit zunehmender Mühe die Grenzen. In Baiern lag Herzog Konrad in offener Fehde mit dem Regensburger Bischof Gebhard, dem Onkel des Kaisers. Weil Konrad immer mehr Verbündete fand, drohte der Aufstand zu einem Sturz des Kaisers zu werden. Nur der plötzliche Tod des möglichen Nachfolgers Konrad (im Dezember 1055) sowie seines Verbündeten Welf III. (im November 1055) verhinderten dies.

    In diesen unsicheren Zeiten war es wichtig, die Nachfolge rechtzeitig zu regeln. Am 11. November 1050 war endlich der Thronfolger Heinrich geboren. Es gelang dem Kaiser, Heinrich im November 1053 auf einer Reichsversammlung in Tribur zum König wählen zu lassen. zu Weihnachten 1055 wurde der Sohn mit Bertha, der Tochter des Markgrafen Otto von Turin, verlobt. Dieses Haus kontrollierte die wichtigsten Alpenpässe von Savoyen. Die Fürsten hatten in Tribur die Bedingung gestellt, dass man dem Sohn gehorchen werde, wenn er sich als gerechter Herrscher erweise. Dies war ein bis dahin einmaliger Vorgang, dass die Wähler sich eine Tür offen hielten. Damit drückten sie handfest die Missstimmung aus, die inzwischen im Reich herrschte, wo die Zentralmacht oft ohne oder sogar gegen die weltlichen Partikularkräfte Entscheidungen getroffen hatte.

    Angesichts der zunehmenden Spannungen hatte sich der Kaiser mit Gottfried III. dem Bärtigen ausgesöhnt. Er übergab ihm Beatrix und ihre Tochter Mathilde von Canossa und bat um Unterstützung für seinen Sohn. Ob Heinrich III. Gottfried auch die Wiedereinsetzung in sein Herzogtum versprochen hat, ist nicht nachweisbar.

    In der Pfalz Bodfeld im Harz wurde Heinrich III. sterbenskrank und ließ die versammelten Fürsten die Wahl seines Sohnes erneuern. Den anwesenden Papst Viktor II. forderte er zum Schutz für seinen Sohn auf. Im Alter von 39 Jahren starb Heinrich III. am 5. Oktober 1056, nachdem er um Verzeihung gebeten und entfremdetes Gut zurückgegeben hatte. Seine Leiche wurde im Dom von Speyer beigesetzt, sein Herz und seine Eingeweide wurden in Goslar bestattet. Somit ruhte er in den beiden Kirchen, die er zu seinen Lebzeiten am meisten gefördert hatte.


    Verwendete Literatur:
    • Mühlbacher: Deutsche Geschichte unter den Karolingern
    • Diwald: Heinrich der Erste
    • Fischer-Fabian: Die deutschen Kaiserkrone
    • Knefelkamp: Das Mittelalter
    • Wies: Otto der Große
    • Gable: Das Haupt der Welt (Roman)


    Das war es mit diesem Kapitel, der Bogen von Ludwig dem Deutschen bis zu Heinrich IV. ist gezogen. Bevor es mit diesem interessanten Charakter weitergeht, machen wir im nächsten Kapitel zunächst wieder einen Abstecher.
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  14. #89
    The passion of lovers Avatar von Mark
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    Wilhelm der Eroberer

    Neues Kapitel, neue Epoche!

    Achtung Spoiler:
    1. Frühmittelalter (ab 769)
    Karl der Große (ab 769)
    1. Wie man einen König macht
    2. Bruderzwist
    3. De bello saxonici
    4. Eine Schlappe wird zum Heldenlied
    5. Die Krönung zum Kaiser
    6. Die Nachfolgeregelung
    Das byzantinische Kaiserreich (ab 769)
    1. Konstantin V. (769-780)
    2. Leo IV. (780-797)
    3. Romylia (797-801)
    4. Konstantin VI. (801-810)

    2. Das Zeitalter der Wikinger (ab 867)
    Alfred der Große (ab 867)
    1. Ethelred (867-884)
    2. Alfred (884-918)
    Die ersten deutschen Könige (ab 867)
    1. Prolog: Was geschah von 814 bis 867?
    2. Ludwig der Deutsche (840-873)
    3. Karlmann von Baiern (873-886)
    4. Arnulf von Kärnten (886-898)
    5. Ludwig III. (898-937)
    6. Heinrich I. (937-968)
    7. Hundert Jahre: Von Otto II. zu Heinrich IV.


    3. Das Hochmittelalter (ab 1066)
    Wilhelm der Eroberer (ab 1066)
    1. Vorgeschichte



    Wilhelm/William der Eroberer
    Herzog der Normandie, König von England
    lebte ca. 1027-1087
    Startdatum 15. September 1066


    Vorgeschichte

    Rouen, im Jahre 1064

    Seit kurzem erst stand der junge Mann in Diensten des Herzogs der Normandie. Caedmon hieß er, der junge Mann, William II. der Herzog. Caedmon hatte einen angelsächsischen Vater, dem einige bescheidene Ländereien im Osten Englands gehörten. Und er hatte eine normannische Mutter, die ihrem Sohn auch ihre Sprache beigebracht hatte. Wegen seiner Fähigkeit, vom Angelsächsischen ins Normannische und zurück übersetzen zu können, hatte Herzog William II. den jungen Caedmon an seinem Hof in Rouen einstellen lassen. Es gab auch andere, Geistliche, die diese Übersetzungen leisten konnten, aber der Herzog war misstrauisch und mochte sich nicht allein auf die Kirchenleute verlassen.

    Am heutigen Tag im Jahre 1064 sollten die Dienste von Caedmon in Anspruch genommen werden. Das Eintreffen des angelsächsischen Besuchers in Rouen, der normannischen Burg, war bereits angekündigt worden. Caedmon stand am Fenster seiner Kammer, von wo aus er von der Innenseite der Festung das Tor im Blick hatte. Es stand geöffnet, um die eintreffende Reiterschar durchzulassen. An ihrer Spitze zog der Earl of Wessex auf der Burg von Rouen ein. Er ritt ein großes, stämmiges Schlachtross. An seiner Seite trug er ein großes Schwert, und er wirkte so stattlich, nahezu königlich, dass Guy de Ponthieu neben ihm völlig verblasste. Ihnen folgten einige Ritter aus ihrem jeweiligen Gefolge. Caedmon, der Dolmetscher, eilte hinunter in den Hof und trat zu der Gruppe des inzwischen vom Pferd abgesessenen Harold hinzu. Er wurde von einigen Höflingen des Herzogs William förmlich begrüßt. Schließlich wandte sich Harold um und blickte Caedmon direkt an. Der junge Mann war nervös im Angesicht des Grafen von Wessex.

    Nach dem, was er über Harold wusste, war er der mächtigste Adelige von England. Seit dem mysteriösen Tod seines Vaters Godwin war Harold der Herr über Wessex und anderer Grafschaften. Vielleicht war es nur ein Unfall gewesen, der Godwin von dieser Welt abberufen hatte – er war bei einem Mahl vielleicht wirklich nur an einer Fischgräte erstickt. Eventuell war es auch Godwins Lehnsherr gewesen, der englische König Edward, der aus Furcht vor diesem mächtigen Vasallen zu unchristlichen Mitteln gegriffen hatte. Caedmon glaubte jedoch nicht, dass der König etwas damit zu tun gehabt hatte: Edward wurde wegen seiner großen Frömmigkeit „Der Bekenner“ genannt.

    Mit Harold hatte Edward aber einen nicht minder entschlossenen Vasallen, der über eine große Anhängerschaft unter den Angelsachsen verfügte. Er war ein Kandidat für den englischen Thron, denn er war ein starker Anführer, hatte für Ruhe an der Grenze zu Wales gesorgt und war zur Hälfte Däne. Das konnte ein wichtiger Umstand sein, wenn Harold König werden sollte, denn der dänische König Harald Harderade erhob Anspruch auf den englischen Thron (unter König Knut waren die Königreiche der Engländer und der Dänen von 1018 bis 1035 vereint). Ein König Harold könnte mit dem Dänen einen friedlichen Ausgleich finden, hofften einige mächtige Angelsachsen. Selbst jene, die nicht Anhänger Harolds waren, zogen seine Tapferkeit nicht in Frage – aber sie empfanden ihn als machthungrig.

    Und nun hatte der englische König Edward gerade diesen mächtigen Vasallen ins Ausland zu William dem Bastard geschickt. Freundlich begrüßte Harold den jungen Caedmon, nachdem dieser ihm vorgestellt worden war. Der Graf war erleichtert, und das aus gutem Grund. Auf seiner Überfahrt war sein Schiff an der Küste der Normandie im Sturm gesunken und die Überlebenden, darunter Harold selbst, in die Hände des mit William streitenden Guy de Poithieu gefallen. Nur auf Druck des Herzogs William hatte Guy gehorchen müssen und musste seine prominente Geisel nun nach Rouen überstellen. Der Kapitän der Wache führte die Gruppe in die Halle, wo die Tische beiseite geräumt worden waren.



    Herzog William saß auf seinem thronartigen Sessel, gekleidet in kostbaren Gewändern. Ernst sah er den Ankömmlingen entgegen. Harold und Guy traten vor ihn und verneigten sich, Guy wesentlich ehrerbietiger als der englische Earl. William wandte sich trotzdem zuerst an diesen. „Seid mir willkommen, Monseigneur.“ Harold bedankte sich. „Ich bringe Euch freundschaftliche Grüße von Eurem Vetter, König Edward.“ Der Anflug eines höflichen Lächelns lag in Williams Mundwinkeln, aber sein Ausdruck zeigte Unverständnis. Er sah Caedmon an: „Wenn Ihr so gut sein wollt...“

    Caedmon trat einen Schritt vor und übersetzte den förmlichen Gruß. William nickte bedächtig und wandte sich ernst an Guy de Ponthieu. Drohend sprach er: „Seid auch Ihr willkommen, Guy. Und ich bin Euch dankbar, dass Ihr den Gesandten meines Vetters nach seinem Schiffbruch mit Gastfreundschaft aufgenommen und hergeleitet habt. Ihr habt Euch als treuer Vasall erwiesen.“ An die versammelte Runde gerichtet fügte William hinzu: „Trinken wir auf das Wohl meines Vetters, des Königs von England.“ Alle nahmen einen tiefen Zug aus den gereichten Bechern.

    „Und nun nennt mir die Botschaft, die König Edward mir sendet, Monseigneur. Der Junge soll übersetzen, was Ihr zu sagen habt.“ Harold nickte nach der Übersetzung zustimmend. „Der König, Euer Vetter, ist nicht wohl. Die Jahre der Verbannung lasten ebenso schwer auf ihm wie die Bürde seiner Königswürde und sein entsagungsvolles Leben. Und er hat mich Euch geschickt, solange er noch gesund genug ist, wie er sagt, um Euch zu versichern, dass er zu dem Versprechen steht, das er Euch gab, als Ihr ihn vor gut einem Dutzend Jahren in England aufgesucht habt.“

    „Und Ihr wisst, worum es sich bei diesem Versprechen handelt?“, fragte William nach der Übersetzung zurück. Harold nickte. „Ja, Mylord. Er hat es mir gesagt. Edward wünscht, dass Ihr nach ihm König von England werdet.“ Der Übersetzer konnte seinen Unglauben über das Gesagte nicht verbergen, was William nicht entging. „Ihr seid überrascht, ja? Ich nehme an, viele Engländer werden überrascht sein.“ Ein Blick auf Harolds Gefolge reichte aus, um zu erkennen, dass sie nicht nur überrascht, sondern unglücklich darüber waren.

    „Und was ist mit Euch, Harold Godwinson?“, wollte William wissen. Harold hob leicht die Schultern. „Die Ehe des Königs mit meiner Schwester ist kinderlos. Es gibt niemanden in England, der einen unangefochtenen Anspruch auf den Thron hätte. Ich werde die Entscheidung meines Königs nicht in Frage stellen, sein Wort bindet auch mich.“ William lauschte aufmerksam, als versuche er, die Wahrheit aus der Betonung der Worte herauslesen. Dann verschränkte er die Arme. „Das heißt, Ihr erkennt an, dass ich einen rechtmäßigen Anspruch auf England habe, wenn die Zeit kommt, einen Nachfolger für meinen Cousin Edward zu finden?“

    „Das erkenne ich an, Mylord. Ihr habt meine Unterstützung. Und der König hat mich gebeten, gemeinsam mit Euch Schritte zu erwägen, die das Band zwischen England und der Normandie noch fester knüpfen.“ William schaute zufrieden, leerte den Becher und stand auf. „Haltet mich nicht für unhöflich, aber ich bin im Begriff aufzubrechen, um eine unselige Streitigkeit mit einem meiner Nachbarn auszutragen. Morgen bei Tagesanbruch müssen wir ausrücken, wenn wir ihn erreichen wollen, ehe er seine Stellung ausbaut. Wenn Ihr mich mit Euren Männern auf diesem Feldzug begleiten würdet, wäre uns der Sieg schon gewiss.“ William legte Harold leicht die Hand auf den Arm. Der Earl nickte anerkennend.

    Das war ein diplomatischer Besuch, der von großer Tragweite war. Es ging um nicht weniger als die Frage, wer später dem kinderlosen Edward auf den englischen Thron folgen sollte. Harold war der Schwager des Königs und der mächtigste Fürst auf der Insel. Die Angelsachsen favorisierten Harold: Er war einer der ihren und sie trauten ihm zu, den Anspruch des Dänen Harald – sprich: eine erneute Invasion der Dänen auf der Insel – politisch bzw. militärisch abzuwehren. Es war also damit zu rechnen, dass Harold sich nach Edwards Tod die Krone sichern würde.

    König Edward dagegen wollte William, den ausländischen Herzog der Normandie, als seinen Nachfolger. Der war sein Cousin und hatte ihm in früheren Jahren des Exils Schutz in der Normandie geboten. So war Edward der Bekenner im Jahre 1064 auf die Idee gekommen, Harold zu dem Besuch in Rouen zu verpflichten, wo er William seine Unterstützung für die Thronfolge zu schwören hatte. Einem Mann, der zwar ein Herzog war, seiner Herkunft nach jedoch ein unehelicher Bastard. Welchen Weg hatte dieser William bis hierhin hinter sich gebracht?
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

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    Wilhelm der Eroberer

    Der Herzog in seinem Herzogtum – Williams Herkunft

    William der Eroberer wurde im Jahre 1027 oder 1028 in Falaise geboren. Er war der uneheliche Sohn von Robert I. (dem sechsten Herzog der Normandie) und Hervele, einem Mädchen aus jener Stadt (im folgenden Bild oben). Seine Herkunft war also bemerkenswert. Über seine Mutter wissen wir wenig, ihr Vater hieß wohl Fulbert und war ein Gerber. Williams Mutter wurde kurz nach seiner Geburt mit Herluin, Vicomte von Conteville, vermählt, dem sie zwei bedeutende Söhne gebar: nämlich Odo (Mitte), den berühmten Bischof von Bayeux und späteren Grafen von Kent, und Robert (rechts), den Grafen von Mortain, später einer der größten Landbesitzer im England des 11. Jahrhunderts. Die gesamte weitere Geschichte Westeuropas wurde also von den Nachkommen dieser unbekannten Frau beeinflusst, die vermutlich um 1050 starb.



    Zwar war Williams Mutter einfacher Herkunft, sein Vater jedoch gehörte einer der interessantesten Familien Europas an. Er stammte in direkter Linie von Rolf dem Wiking ab, der nach einer Laufbahn als Plünderer etwa 911 von Kaiser Karl III. (genannt Carolus Simplex, Karl der Einfältige) als rechtmäßiger Herrscher über Neustrien anerkannt wurde. Rolf (auch bekannt als Rollo) war wohl norwegischer Abstammung und ein Sohn des Grafen von Möre. Vor seiner endgültigen Niederlassung in Gallien war er lange Zeit ein Wikinger gewesen, der seine Raubzüge nicht nur auf Frankreich, sondern wohl auch auf Schottland und Irland ausgedehnt hatte. Im Jahre 911 war er (durch das Loire-Tal?) wieder nach Frankreich gekommen und wurde vor den Mauern von Chartres besiegt. Der Kaiser verlieh ihm und seinen Gefolgsleuten Land im Tal der unteren Seine. Im Gegenzug ließ sich Rolf vom Erzbischof von Rouen taufen. In den Jahren bis 925 erweiterte Rolf seinen Landbesitz.

    Seine Macht ging direkt auf seinen Sohn Wilhelm „Langschwert“ über, der 942 starb, gelangte dann an seinen Enkel Richard I. (943-966), darauf an seinen Urenkel Richard II. (dem Großvater des Eroberers), der drei Jahre vor der Geburt Williams starb. Zwischen der Gründung der gallischen Provinz durch Rolf dem Wikinger und der Geburt seines berühmtesten Nachkommen lag kaum mehr als ein Jahrhundert.



    Als Williams Großvater - Herzog Richard II. - am 23. August 1026 starb, hinterließ er drei Töchter und drei Söhne, von denen Richard der älteste und Robert (der Vater des Eroberers) der zweite waren. Der ältere wurde als Richard III. der Nachfolger im Herzogtum, während Robert wohl Graf von Hiemois wurde. Die beiden Brüder stritten sich über das Erbe, und als Richard III. Anfang August 1027 – nur ein Jahr nach seinem Vater – starb, machten Gerüchte die Runde, er sei durch ein Komplott seines Bruders Robert ums Leben gekommen. Das war nicht bewiesen, sicher war jedoch, dass Robert von dieser Entwicklung großen Gewinn davontrug. Zwar hatte Richard III. einen ehelichen Sohn namens Nicholas hinterlassen, doch wurde dieses Kind sofort dem Kloster übergeben.

    Robert wurde jetzt der sechste Herzog der Normandie. Seine Herrschaft währte neun Jahre und blieb überschattet von Gewalttätigkeiten, der regionale Adel und die Kirche wollten ihren Nutzen aus dem Zwist ziehen. Als Robert den Erbischof von Rouen aus dem Land jagte, belegte dieser ihn mit dem Kirchenbann. Auch gegen die Bretagne musste sich Robert zur Wehr setzen, hier hoffte Alan III. aufgrund verwandtschaftlicher Nähe darauf, die Normandie selber beanspruchen zu können.

    Erst 1030 konnte der Erzbischof nach Rouen zurückkehren und Robert söhnte sich mit ihm aus. Auf Betreiben eben jenes Bischofs kam dann auch ein Waffenstillstand mit Alan von der Bretagne zustande. Es folgten vier Jahre, in denen Robert I. seine herzogliche Stellung in der Normandie festigen konnte. Lediglich gegen Hugo, den damaligen Bischof von Bayeux, musste er einmal zu den Waffen greifen. Die Herrscher der anderen Länder waren darauf bedacht, seine Unterstützung zu erhalten oder vermieden zumindest seine Feindschaft.

    Unter diesen Umständen fasste Herzog Robert I. gegen Ende 1034 den erstaunlichen Entschluss, auf Pilgerfahrt nach Jerusalem zu ziehen. Er berief eine Versammlung der normannischen Feudalherren ein. Die waren gegen seine Pilgerreise und kritisierten, dass es während der Abwesenheit des Herzogs keinen geeigneten Regenten geben würde. Zudem hatte Robert keinen Erben für den Fall der Fälle. Roberts Entschluss zur Reise stand jedoch fest, er verwies auf seinen unehelichen Sohn mit der Gerberstochter Hervele und brachte die versammelten Herren dazu, ihn als seinen Nachfolger anzuerkennen. Kurz darauf verließ Robert die Normandie, er kehrte nie zurück. Anfang Juli 1035 starb er im byzantinischen Nicäa, mehr weiß man nicht. Die normannische Herrschaft Williams hatte begonnen.

    Weniger glückverheißende Umstände sind wohl kaum denkbar. Abgesehen von der Tatsache, dass der neue Herzog ein ungefähr siebenjähriges Kind war, musste seine uneheliche Abstammung unvermeidlich zu einer Bedrohung seiner Nachfolge führen. Dass er das Jahr 1035 überleben konnte, war in erster Linie jenen Männern zuzuschreiben, die schon zuvor seinem Vater loyal gedient hatten: Der alternde Erzbischof von Rouen, Graf Alan von der Bretagne und der mächtige Haushofmeister Osbern. Die Lage des jungen Herzogs William war trotz der Unterstützung des Erzbischofs und der Anerkennung durch den französischen König Heinrich ungewiss. Williams Glück war, dass sein Cousin Nicholas keine Neigung hatte, ihm den Titel streitig zu machen. Er blieb seinem Kloster treu und wurde 1042 dessen Abt. Weitere Cousins strengten Revolten an, waren dabei aber nicht entschlossen genug.

    Die Umstände während Williams Minderjährigkeit blieben schrecklich genug. Die Feudalfamilien verstrickten sich untereinander immer auswegloser in mörderische Fehden, das einfache Volk litt darunter sehr. Im Jahre 1042 wurde die Rechtsunsicherheit so schlimm, dass in der Normandie energische Maßnahmen zur Durchsetzung eines Gottesfriedens ergriffen wurden. Diese Einrichtung war ein ziemlich neues Rechtsinstrument: Man versuchte, mit bischöflicher Genehmigung persönliche Kriege zu gewissen Wochentagen oder Zeitspannen des christlichen Jahres zu verbieten.

    Einige Jahre später sah sich William im Herbst 1046 der nächsten ernsten Krise gegenüber. Ein breiter Aufstand mit dem Ziel seiner Absetzung brach aus, geführt von zwei wichtigen Vicomtes. Die stärkste Triebfeder dieser Revolte war Guy von Burgund, der im Jahre 1035 einer der möglichen Erben des Herzogtums gewesen war. Es begann mit dem Versuch, den Herzog während seines Aufenthalts in Valogne, dem Kern des feindlichen Gebiets, gefangen zu nehmen und zu ermorden. Da William jedoch vor dieser Gefahr gewarnt worden war, gelang es ihm, nachts in aller Eile zu fliehen und die weite Flussmündung der Vire bei Ebbe und Dunkelheit zu durchreiten. William eilte zu seinem König Heinrich I. und flehte diesen auf Knien um Beistand an. Als sein Lehnsherr konnte Heinrich den Aufstand gegen seinen Vasallen William gewissermaßen gegen sich selber gerichtet betrachten. Und tatsächlich marschierte der König Anfang 1047 an der Spitze eines Heeres in die Normandie. Eine große Schlacht fiel zugunsten des Königs und seines jungen Herzogs aus.



    Im Oktober 1047 versammelte sich in außerhalb von Caen ein Konzil in der Nähe des Schlachtfeldes, dem außer dem Herzog die meisten hohen Prälaten der Normandie beiwohnten, vor allem Erzbischof Mauger und Abt Nicholas – beide Angehörige des herzoglichen Hauses. Feierlich wurde der Gottesfrieden erneuert. Persönliche Kriege waren von Mittwochabend bis Montagmorgen und zur Advents- und Fastenzeit, sowie zu Ostern und zu Pfingsten verboten. Bei Zuwiderhandeln drohte die Exkommunikation. Ausgenommen davon waren: Der König und der Herzog, sie durften auch während der verbotenen Zeitabschnitte Krieg führen und Streitkräfte halten. Die Periode der Minderjährigkeit des Herzogs war vorüber, sein Kampf ums Überleben jedoch nicht.
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