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Thema: [CK2/EU4] Schwer ruht das Haupt, das eine Krone drückt

  1. #61
    The passion of lovers Avatar von Mark
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    Die ersten deutschen Könige

    Es ging sogar das Gerücht um, dass durch die Niederlage bei Augsburg die Deutschen den Ungarn jahrelang tributpflichtig geworden seien. Angesichts der wiederholten Raubzüge der Ungarn darf man das in das Reich der Fabeln verorten. Für lange Zeit war Augsburg ein letzter Versuch, mit gemeinsamer Kraft den gemeinsamen Feind abzuwehren. Unter der Regierung Ludwigs III. erlahmte die Zentralgewalt, unfähig die Aufgaben des Reichs zu erfüllen, die Macht des Reiches dafür einzusetzen. Was einst die Römer zur Sicherung der eroberten Gebiete, zum Schutz gegen den Einbruch der Barbaren geleistet hatten, das zu leisten war das mittelalterliche Staatswesen außerstande. So war nach der Zertrümmerung des Awarenreichs von Staats wegen nicht geschehen jene weiten und fruchtbaren Gebiete der mittleren Donau und Theiß, das Dakien der Römer, für die Zukunft und das Reich zu wahren, die Ungarn konnte die herrenlose Awarenwüste in Besitz nehmen und sich ungestört an den Reichsgrenzen festsetzen. Die einst unter den Römern starken Verteidigungswerke entlang der Donau waren verfallen. Die Reichsregierung überließ die Abwehr der Feinde dem einzelnen Stamm, dem Lande, das angegriffen wurde. Die zersplitterten Kräfte mussten einzeln unterliegen. Und wenn bei einem Angriff dann doch das Reichsheer zusammengerufen wurde, waren die Ungarn militärisch viel zu schnell unterwegs, als dass der schwerfällige Heerbann sie stellen konnte. Auf sich allein gestellt, suchten die Angegriffenen ihr Heil in der Flucht. Wer sich retten konnte, versteckte sich in den Wäldern oder auf unzugängliche Felsen. Jedes Jahr tauchten die Ungarn im Osten des Reiches auf und machten Beute. 902 plünderten sie Baiern und Schwaben, 903 verheerten die Fulda und drangen bis Thüringen und Sachsen vor, 904 tauchten sie in Franken auf, 905 zogen sie bis Basel. Schwer wog für den König der Verlust seines Parteigängers Konrad von Franken, der 905 an den Folgen einer Verwundung verstarb, die er sich in einem Gefecht mit den Ungarn zugezogen hatte. Historisch wäre diesem Charakter übrigens bestimmt gewesen, als Konrad I. der Nachfolger des amtierenden Ludwigs zu werden.



    Ludwig III. konnte in dieser Zeit nur in eigener Sache einmal mit Macht auftreten, und zwar im August 903, als er das Erzbistum Trier im Handstreich besetzte und seinem westfränkischen Verwandten König Jourdain entriss. Da konnte Ludwig im Herbst des Jahres 903 mit einem großen Gefolge nach Westen, zur Maas reiten. In seiner Begleitung befanden sich die wichtigsten Würdenträger des Reiches, Bischöfe und Grafen, unter anderem der Mainzer Erzbischof Hatto (ein zwielichter Charakter und Machtmensch). Die Maas bildete die Grenze zwischen dem Deutschen Reich und Westfranken. Gegenüber am linken Ufer lagerte der französische König Jourdain.



    Am 7. November des Jahres 903 begab sich Ludwig III. auf ein Schiff, auch der westfränkische König auf der anderen Seite ging an Deck seines eigenen Schiffes, die beiden Herrscher fuhren bis zur Mitte des Stroms und legten dort an einem dritten, fest verankerten Schiff an. Ihr stattliches Gefolge von geistlichen und weltlichen Fürsten begleitete sie zu den Verhandlungen. Die Könige begrüßten sich mit Umarmung und Kuss, das war feste Tradition bei den Herrscherbegegnungen, sie tauschten kostbare Geschenke aus. Die Mitte von Grenzflüssen war von jeher ein besonders beliebter Ort für Verhandlungen. Ursprünglich wurde er aus Sicherheitsgründen bevorzugt, weil er sich exakt in derselben Entfernung von den an den Ufern lagernden Heeren befand. Dieser Grund wurde auch in der Urkunde vom November 903 genannt, denn beide Könige führten miteinander Krieg.

    Ludwig und Jourdain trafen sich, um den Streit und die Kämpfe, die wegen Trier ausgebrochen waren, beizulegen. Der westfränkische König hatte in den vergangenen Jahren versucht, Lothringen für sich zurück zu gewinnen. Doch der lothringische Adel betrachtete seine Zugehörigkeit zum Deutschen Reich nur als ersten Schritt zur eigenen Unabhängigkeit. Mit Waffengewalt war nun um die Neubesetzung des Erzbistums Trier gestritten worden, beide Könige beanspruchten das Recht der Kandidatenkür für sich. Die Tatsache, dass sie sich in der Mitte der Maas trafen, lässt bereits darauf schließen, dass sie sich in Vorverhandlungen auf eine Einigung verständigt hatten. Jourdain akzeptierte die De-jure-Zugehörigkeit von Trier zum Deutschen Reich und erhielt von Ludwig dafür eine Garantie der bestehenden Maas-Grenze.

    An diesem Tag kam es zur Unterzeichnung eines Vertrags der Einmündigkeit und der gemeinschaftlichen Freundschaft (amicitia). Beide Könige legten einen Eid ab, gefolgt von ihren Großen im Gefolge. Mit dem Abkommen war Lothringen im Osten eingegliedert. Jourdain akzeptierte diese Situation vorläufig. Der Vertrag vom 7. November besiegelte die Trennung des karolingischen Regnum Francorum in zwei eigene Reiche und bedeutete rückblickend den Auftakt zur Entwicklung zweier selbstständiger Staaten, des deutschen und des französischen.

    Innerhalb des Deutschen Reiches sah Ludwigs Situation viel düsterer aus. Je mehr die Zentralmacht erschlaffte, je unfähiger sie sich erwies, das Reich nach außen zu schirmen, im Inneren Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, desto mehr mussten im Reich die Sondergewalten erstarken. Die Notwendigkeit der Selbsthilfe, des stärksten Hebel der Selbstständigkeit, stellte Männer an die Spitze der einzelnen Stämme, welche, den edelsten Familien ihres Landes entstammend, durch ihre amtliche Stellung hervorragend oder mit reichem Besitz ausgestattet, die Tatkraft und Macht hatten, dem wehrlosen Volk Schutz zu gewähren, den die Reichsregierung nicht zu geben vermochte. In den deutschen Stämmen lebte immer ein starkes Sondergefühl. Es erstanden wieder die Stammesherzöge, die sich ihr Anrecht selbst schafften. Je mehr sie ihre Befugnisse ausdehnten, desto mehr drängten sie die Zentralmacht zurück. Die Krone suchte als Reaktion eine Stütze in der Geistlichkeit.

    In Sachsen hatten die Liudolfinger längst eine wahrhaft herzogliche Stellung inne und sie unter der Regierung der letzten Karolinger, die den Sachsen fremd blieben und das Land kaum noch betraten, mehr und mehr befestigt. In Franken waren die Konradiner an die Macht gelangt und führten den Herzogtitel. In Lothringen führten die Welfen die Regierungsgewalt usw. - im Inneren wurde es für den König ein steter und erfolgloser Kampf gegen die territorialen Herren, deren Macht sich nicht mehr zurückdrängen ließ.

    Unter diesen Umständen wird klar, dass die Herzöge nicht mehr die Auffassung der Karolinger teilten, die das Reich als ihr Privateigentum betrachteten, das unter den ehelichen Söhnen vererbt wurde. Oder, wenn diese fehlten, unter den erbberechtigten Verwandten gleichmäßig aufgeteilt wurde. Dieses Teilungsprinzip, dessen unselige Wirkung das Frankenreich schon unter den Merowingern zur Genüge erfahren hatte, führte auch dessen Zersplitterung und Auflösung unter den Karolingern herbei. In der Einheit des Kaisertums war ein mächtiger Anstoß auch zur Wahrung der Einheit des Reiches gegeben. Die Karolinger selbst waren nicht dazu in der Lage, diese Einheit durch ein Staatsgrundgesetz sicherzustellen.

    Das Erbrecht der Karolinger wurde 886 durch die Erhebung Arnulfs durchbrochen, aber nur zum Teil. Er selbst betrachtete sich trotz der Illegitimität seiner Geburt als den berechtigten Erben. Den Mangel seines Anrechts hatte die Wahl ergänzt. Sein ehelich geborener Cousin wurde wieder der Erbe des Reichs. Da er der einzig verbliebene Karolinger war, konnte eine Teilung nicht in Frage kommen. Aber auch Ludwig III. wurde durch einen Wahlakt auf den Thron erhoben, dafür sorgte die gewachsene Macht der Fürsten. So trat das Wahlrecht an die Stelle des Erbrechts – es wurde eine Persönlichkeit, nicht auch dessen Geschlecht auf den Thron gehoben. War früher die Person des Herrschers, nicht das Reich und sein Interesse sein Angelpunkt gewesen, so war jetzt das Reich das Feststehende, das Wechselnde der Herrscher, wenn auch durch die Wahl das Reich bei derselben Familie blieb. Der Gewählte war nicht mehr Erbherr des Reichs, das Reich nicht mehr sein teilbarer persönlicher Besitz, in der Wahl lag auch die Unteilbarkeit des ihm nur zur Regierung übertragenen Reichs.

    Dadurch wurde auch das Kaisertum von der Höhe seiner Idee herabgedrückt. Es repräsentierte nicht mehr die Universalmonarchie, die Kaiserkrone fiel nur einem Teilreich zu, ohne die anderen gleichberechtigten Teilreiche ihm unterzuordnen. Die Verleihung der Kaiserwürde war nicht mehr Sache zwischen Vorgänger und Nachfolger innerhalb der Familie, die Verleihung wurde ein päpstliches Recht, die Krönung in Rom zu einer Notwendigkeit.

    In der Konsequenz vollzog sich eine bedeutsame Entwicklung in der Stellung der Grafen. Die Grafschaft, früher nur ein persönliches Amt, begann zum vererbbaren Lehen zu werden. Hatte noch Karl der Große ein uneingeschränktes Ernennungsrecht geübt, so war es schon unter seinen Nachfolgern Regel geworden, nur Männer aus den angesehensten und reich begüterten Familien zu Grafen zu bestellen. Das Grafenamt mit seinen ergiebigen Einkünften und bedeutenden Machtbefugnissen wurde für den Adel und durch den Adel monopolisiert. Die Grafen trachteten danach, die Grafschaft für ihre Familien zu erhalten. Schon wurden die Bezeichnungen für Amt (honor) und Lehen (beneficium) als gleichbedeutend nebeneinander gebraucht. An die eher geographische Bezeichnung des Gaues trat die Verwaltungseinheit der Grafschaft. Nicht selten wurden mehrere Grafschaften in einer Hand geführt, zunächst aus militärischen Gründen zur besseren Überwachung der Grenzen in den Marken. Durch die Vererblichkeit der Grafschaft bildete sich in der Folge eine fest geschlossene Aristokratie, die Besitz und Ämter an sich zog. Es begann die Zeit der Dynastien des Hochadels.

    Die schwache Zentralmacht des Königs und der äußere Druck durch die Ungarn zwangen die deutschen Fürsten dazu, selbstständig Maßnahmen zum Schutz ihrer Ländereien zu ergreifen. Als Baiern im Frühjahr 912 zum wiederholten Male das Ziel eines ungarischen Raubzugs wurde, suchte Herzog Arnulf von Baiern den Ausgleich mit ihnen.



    Er vereinbarte mit dem Fürst Arpad, dass seine Horden jederzeit ungehindert durch Baiern ziehen dürften, solange sie sich hier friedlich verhielten wie in ihrem eigenen Land, sich keinerlei Übergriffe zuschulden kommen ließen und insbesondere nicht plünderten. Dass sich Arnulf mit dieser Politik den Ungarn fast freundschaftlich annäherte, betrachteten die anderen Herzöge als Verrat. Unter dem Gesichtspunkt der Sorge um sein Herzogtum und seine Untertanen waren Arnulfs Bemühungen verständlich, die Baiern quittierten es mit Genugtuung, dass für ihr Land die unmittelbare Ungarngefahr gebannt war. Doch ebenso offenkundig war, dass Arnulfs Vereinbarungen fast ausschließlich zu Lasten der anderen deutschen Stämme gingen, denn Baiern bildete nunmehr kein Bollwerk mehr gegen die Ungarn. Der magyarische Staatsverband besaß aufgrund des Rechts auf freien Durchzug seiner Reiterheere durch Baiern seit 912 militärisch eine gemeinsame Grenze mit den Schwaben und Sachsen – und sie setzten es darauf an, die Fähigkeit zur Selbstverteidigung dieser Stämme auszutesten. Die Ungarn zogen den richtigen Schluss, dass sie gerade jetzt ihre Unternehmungen in deutsches Gebiet nicht einstellen durften, sondern sie intensivieren mussten, um den Zerfall des deutschen Reiches zu fördern. Den Tiefpunkt der Zwietracht folgte 916, als König Ludwig gegen das bairische Regensburg zog und Arnulf sich mit seiner Familie und einem größeren Gefolge zu den Ungarn absetzte.

    Die Ungarn hätten sich keine bessere Entwicklung wünschen können. Herzog Arnulf war aufgrund seiner Feindschaft mit dem König nunmehr geradezu ihr Verbündeter, Süddeutschland für sie ein offenes Feld für ihre Unternehmungen. König Ludwig III. hatte viel zu viel zu tun, die innere Zerrissenheit in seinen Gebieten zu bändigen, um den Magyaren entgegen zu treten. Sie konnten folgern, dass sie es in absehbarer Zeit nicht mehr mit einem Reichsheer aus den Aufgeboten aller deutschen Fürsten zu tun haben würden. Getrennt voneinander waren diese aber nicht in der Lage, den Ungarn die Stirn zu bieten. Herzog Arnulf stand auf magyarischer Seite, die Schwaben befanden sich in Aufruhr, Lothringen war aus dem Reichsverband quasi abgesprungen. Der einzige Fürst mit Gewicht herrschte in Sachsen, das war auch den Ungarn bekannt. Und genau dorthin zogen sie durch Thüringen, um die Machtprobe zu suchen. Der sächsische Herzog Heinrich war zwischen ihnen und den Normannen aus Dänemark eingeklemmt. Die Schnelligkeit und Wucht der Ungarn wirkte in Sachsen wie ein Schock. Die deutsche Kriegsführung mit leichten Fußsoldaten erwies sich als weit unterlegen gegen die Reiterheere der Magyaren. Heinrich hatte kein Zutrauen zu seinen Kriegern, denn sie waren wenig geübt und an eine offene Feldschlacht mit einem so wilden Volk nicht gewöhnt. Es schien, dass das deutsche Königreich vor dem Zerfall stand.
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  2. #62
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    Die ersten deutschen Könige

    König Ludwig III. war inzwischen über 50 Jahre alt und 27 Jahre auf dem deutschen Thron, als er 924 eine spektakuläre Wende in seiner Politik vollzog. Es waren acht Schritte, die er zu unternehmen hatte, um das ungarische Joch abzuschütteln. Acht Schritte -

    1. Zeit gewinnen

    Ludwig III. spielte für den ersten Schritt das Glück in die Hände. Im Zuge eines überraschenden Überfalls gelang es Herzog Heinrich von Sachsen, einen der namhaftesten ungarischen Fürsten und Heerführer gefangen zu nehmen. Zweifellos handelte es sich um einen Angehörigen des regierenden Arpadenhauses. Sein Name war wohl Zolta, der jüngste Sohn von Fürst Arpad. Zolta hatte im Jahre 904 eine mährische Fürstentochter geheiratet und wurde 906 der erste ungarische Statthalter in Mähren. Der Fürst wurde vor den Herzog gebracht. Hier drohte er in dem Verhör: „Wir sind die Rache des großen Gottes, von ihm über euch zur Geißel erkoren. Und alle, die wir von den eurigen töten, werden uns im Jenseits dienen“. Nach einem kurzen Gespräch ließ Ludwig den Gefangenen einkerkern. Die Ungarn ließen nicht lange auf sich warten und boten Lösegeld für seine Befreiung an. Heinrich lehnte den Tausch ab und verhandelte lange, bis tief in das Jahr 925. Er war entschlossen, die Geisel, an der den Magyaren so viel lag, nur gegen ein Lösegeld einzutauschen, dessen Wert alles übertraf, was sich mit Gold aufwiegen ließ. Schließlich sicherten die Ungarn für die Freilassung ihres Fürsten in einem Vertrag zu, dass in den kommenden neun Jahren zwischen ihnen Frieden herrschen würde. Die Waffenruhe bezog sich nicht nur auf das Herzogtum Sachsen, sondern auf alle Länder des Deutschen Reiches. Schwaben und Baiern waren also in diesen Vertrag einbezogen. Dies musste Heinrich in Rücksprache mit dem König abgeschlossen haben, denn Ludwig III. denn der erklärte als Unterpfand und Garantie, den Ungarn einen jährlichen Tribut zu leisten. Die Laufzeit des Tributvertrags begann 926. Damit gewann der König die wichtigste Vorbedingung überhaupt, die es für eine langgeplante Sicherung des Reiches überhaupt gab.

    Beide Seiten waren durch diese Vereinbarung zufriedengestellt. Die Ungarn hatten keineswegs das Empfinden, übervorteilt worden zu sein. Unter dem Gesichtspunkt der Qualität waren Beutezüge nach Italien oder Frankreich erheblich lohnender als Einbrüche in das ärmliche deutsche Gebiet. Die dichten Wälder und das härtere Klima machten das Reich auch weniger attraktiv für Feldzüge samt Pferde. Die Ungarn befanden sich zu dieser Zeit zudem sowieso in einer Phase, da sie ihre militärischen Kräfte überspannt hatten.

    Der deutsche König ging eine Verpflichtung ein, die eigentlich einen erheblichen Schatten auf seine Reputation werfen musste: Er war dem Großfürsten des Ungarnreichs tributpflichtig. Mehr noch: Die Last, die in Goldmünzen zu leisten war, war so groß, dass Ludwig III. bei allen deutschen Fürsten Sondersteuern eintreiben musste, um sie stemmen zu können. Trotzdem verübelten die Großen des Deutschen Reichs diesen Schritt ihres Königs nicht. Das klingt ungewöhnlich, denn man verurteilte noch immer das frühere, ähnliche Handeln von Kaiser Arnulf und Herzog Arnulf von Baiern. Der Unterschied war: Der Kaiser hatte seinerzeit mit Tribut an die Ungarn die Flanke freigehalten für einen Feldzug gegen die Mähren, es galt also einem taktischen Vorteil. Arnulf von Baiern hatte durch Tribut Ruhe für sein Herzogtum erkauft, jedoch auf Kosten der anderen deutschen Fürsten, bei denen die Ungarn nun ungehindert einfallen konnten. Ludwig III. hingegen zahlte Tribut zur Sicherung des gesamten Reiches, und dafür zollten die Fürsten ihm Zustimmung. Der Vertrag mit den Ungarn war der erste, der sich auf das gesamte Reich bezog.

    2. Einigkeit herstellen

    Heinrich von Sachsen verlangte für sein Verhalten bei den Verhandlungen über seine prominente Geisel vom König eine Gegenleistung – und erhielt sie. Den Anlass bot der Streit zwischen Heinrich, dem Herzog von Sachsen, mit Hatto, dem Erzbischof von Mainz. Heinrich hatte es geschafft, alle wichtigen sächsischen Ländereien in seiner Hand zu vereinen. Reich geworden war er durch die Mitgift seiner ersten Frau Hatheburg. Die war eine reiche, junge Witwe, die nach dem Tod ihres ersten Mannes bereits den Schleier genommen, also ein Leben im Kloster beschlossen hatte. Heinrichs Werben um die Hatheburg hatte Erfolg und sie brachte wichtige Territorien in die Ehe ein. Nur zwei Jahre später starb sie 924 im Kindbett, ihre Güter aber verblieben bei Heinrich.



    Hinweis: Bei dem erwähnten Heinrich handelt es sich um den historischen Sachsen Heinrich I. Liudolfinger. Ich erlaube mir zu ignorieren, dass er im Spiel ein Karolinger ist. Historisch ließ sich Heinrich übrigens nach kurzer Ehe von Hatheburg scheiden. Angeblich drückte ihn das Gewissen, Hatheburg durch die gemeinsame Hochzeit von ihrem Gang ins Kloster abgehalten zu haben. Ihre wertvollen Güter verblieben natürlich bei ihm.

    Der Mainzer Erzbischof war zu dieser Zeit der bedeutendste Kirchenfürst des Reiches, seine Ländereien (Klöster und Abteien) reichten in einem Bogen von Mainz Richtung Osten bis in das Gebiet der Sachsen hinein. Sowohl Hatto wie Heinrich mussten ein Interesse haben, ihr Territorialgebiet auf Kosten des jeweils anderen zusammenzuführen. Feindschaft war also vorprogrammiert. König Ludwig III. unterstützte über die Jahre hinweg den Erzbischof, überhaupt stand der König an der Seite der kirchlichen Fürsten und gegen die Stammesherzöge. Die Reichskirche bildete das Fundament der (geringen) Macht des Königs.

    Als Erzbischof Hatto von Mainz gestorben war, wurde Bischof Heriger sein Nachfolger. König Ludwig III. vollzog nun die spektakuläre Wende, die man wohl als einen der Momente bezeichnen kann, in denen Deutschland als Einheit entstand. Ludwig III. empfahl den Sachsenherzog Heinrich bei seinen Fürsten als seinen Nachfolger. Damit verließ der König die Erbfolge und betonte ausdrücklich die Wahlmonarchie. Schon bei den Germanen war das Königtum nicht erblich, sondern an eine Wahl gebunden. Die ältere Volkswahl wurde bald abgelöst von der Wahl durch die Großen der verschiedenen Stämme. Die Wahl hatte allerdings keinen Beliebigkeitscharakter, sie hatte nichts zu tun mit einem demokratischen Recht jedes Staatsbürgers und seiner Freiheit, sich einer Wahl zu stellen oder sich darum zu bewerben. Nach dem Geblütsrecht stand nur die Wahl eines Angehörigen der Königssippe frei, der Kreis der Wählbaren war eingeschränkt. Dieses an Grenzen gebundene Erbrecht wurde abgelöst durch das freiere Wahlrecht, bei dem allerdings nur eine kleine Zahl von Fürsten die Berechtigung besaß, einen von sich zu wählen oder selbst gewählt zu werden, ebenso dadurch, dass der Herrscher noch zu Lebzeiten seinen Nachfolger benannte, also durch die Designation, die als bindender Wahlvorschlag betrachtet wurde.

    Ludwig III. seine kirchenfreundliche Politik fallen und näherte sich den Herzögen an. Nur gemeinsam mit Heinrich von Sachsen schien der König in der Lage, die Fürsten hinter sich zu sammeln und die Reichseinheit wiederherzustellen. Die Designation Heinrichs war der Preis dafür.

    Selbst Arnulf von Baiern – der sich zwischenzeitlich sogar zum König von Baiern ausgerufen hatte - näherte sich nun wieder dem König an. Die Ungarn hatten in den vergangenen Jahren trotz der Vereinbarung mit Arnulf nicht darauf verzichtet, hier und da in Baiern zu plündern. Arnulf konnte zudem Ludwigs Wechsel in der Kirchenpolitik gefallen, denn er war bei den geistlichen Fürsten verhasst. Arnulf hatte so manches Kirchengut in Baiern der Kirche entzogen und damit seine Vasallen zufriedengestellt, was dem Herzog bei geistlichen Chronisten den unschönen Beinamen „der Böse“ eingebracht hatte. Arnulf trat beim Reichstag vor den König, unterwarf sich und huldigte ihm. Ludwig III. gestand dem Baiernherzog in kirchlichen Angelegenheiten außerordentliche Rechte zu, allen voran das Recht zur Bischofsernennung. Seit dem Jahr 925 gab es keine Konflikte mehr zwischen dem bairischen Herzogtum und dem deutschen Königtum.

    Ludwig III. vollzog die Kehrtwende, das Deutsche Reich nicht als einen uniformen Staat zu betrachten, der von Gnaden einer Zentraldirektion und ihren Erlassen existierte, sondern als einen Organismus, dessen Stärke sich in erster Linie durch die Kraft seiner Glieder ergab. Auf dieser Grundlage bildete sich zügig das deutsche Volksbewusstsein. Im Unterschied zur bisherigen Karolingerzeit verankerte er seine Herrschaft in den Stämmen. Der König führte die Herzöge von nun an mit fester Hand und losem Zügel. Erstmals arbeiteten die Herzöge untereinander und mit dem König zusammen.
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  3. #63
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    3. Die Verteidigung verbessern

    Bewusst rief der König nun einen Reichstag nach Worms ein, der im November 926 stattfand. Der Ort sollte Programm sein: Worms gehörte zu den Römerstädten, die seit alters durch eine starke ringförmige Mauer befestigt waren. Worms besaß damit den Rang einer Burg, denn bis zum Hochmittelalter galt jede ummauerte Stadt als eine Burg. Der hier gefasste Beschluss war von großer Tragweite: Die Burgenordnung.



    Im gesamten Reich sollte ein Netz von ummauerten Orten und Befestigungen angelegt werden. Auch alle bereits bestehenden Versammlungsstätten außerhalb der Siedlungen hatten nicht nur Wall und Graben, sondern feste Mauern zu erhalten. Begründet wurde der Erlass, dem sämtliche Teilnehmer des Reichstags zustimmten, mit der schweren Heimsuchung durch die Heiden in jüngster Zeit. Die betreffenden Plätze sollten durch die steinernen Mauern auch ernsthafteren Belagerungen standhalten können. Denn man hatte bei den Raubzügen der Ungarn beobachtet, dass sie zu professionellen Belagerungen nicht in der Lage oder willens waren und Befestigungen fast immer umgingen. Die Burgen waren also ein probates Mittel der Verteidigung. Die Burgenordnung von 926 hatte ein jeder Fürst in den kommenden neun Jahren in seinem Land umzusetzen, jeder war für sein Herzogtum selber verantwortlich. Ein rege Bautätigkeit begann.



    4. Eine solide Wirtschaft

    Um militärisch aufrüsten zu können, musste das Deutsche Reich auf eine gesunde ökonomische Basis gestellt werden. Das schien doppelt schwierig angesichts der gleichzeitig zu leistenden Tributzahlungen an die Ungarn. Doch der Burgenbau beförderte die Entwicklung der Städte, die Bildung eines ersten Bürgertums. Der „Bürger“ ist nicht von ungefähr abgeleitet vom Wort „Burg“. In und um die entstehenden Burgen siedelten sich die Menschen an und förderten das Handwerk und den Handel. Bald wurde das liberalere Burgrecht dem restriktiveren Landrecht entgegengesetzt. Eine ganze Reihe von gesicherten Orten entstand in dieser Zeit des Burgenbaus und lieferten Wirtschaftsimpulse.

    5. Militärische Aufrüstung

    Die solide Wirtschaft bildete die Voraussetzung für die militärische Aufrüstung. Denn mit Burgen allein waren die Ungarn nicht zu besiegen, das war klar. Die Ausrüstung eines gepanzerten Kriegers kostete aber die Arbeitskraft eines Mannes von einem ganzen Jahr. Das Züchten robuster Pferde, das Herstellen der Waffen, vor allem das Fertigen von Kettenhemden, waren zeitaufwendig und teuer. Keine Frage, neun Jahre waren nicht übertrieben viel Zeit, um diese Aufrüstung in großem Stil zu bewältigen. Andererseits: Ein Aufgebot von eintausend gepanzerten Reitern war eine beachtliche Streitmacht, die einen Krieg entscheiden konnte.

    6. Die taktische Gefechtsführung

    Mit der Ummauerung aller wichtigen Orte war ein Defensivprogramm erfüllt. Denn Männern wurden Ausrüstung und Waffen an die Hand gegeben. Der Blick musste sich auf den Gegner richten: Die Reiternomaden der Ungarn hatten in den vergangenen 15 Jahren in allen Gegenden des Abendlandes ihre überlegene Kriegskunst bewiesen, sowohl in kleineren Gefechten als auch in der offenen Feldschlacht. Dass sie auf ihrem letzten Zug durch die Champagne bis an den Atlantik vorstießen, war ein Schock, und zwar nicht nur für das unmittelbar betroffene Westfrankenreich. Fremden Heeren ist ein solches Unterfangen erst wieder im 19. Jahrhundert gelungen, am Ende der Herrschaft Napoleons.

    Die militärischen Fähigkeiten der Ungarn lagen offen zutage und es war überaus schwer, ihnen etwas Gleiches entgegen zu stellen. Bei der magyarischen Reiterei handelte es sich um eine ausnehmend gut geschulte Kriegstruppe, sie kämpfte ebenso verwegen wie diszipliniert, in Feldschlachten wurde sie taktisch überlegen geführt. Außerdem waren die Reiternomaden Krieger aus angeborener Neigung, die vor keinen Strapazen zurückschreckten und deren Kampfmoral auch im Verlauf monatelanger Feldzüge nicht brüchig wurde. Ihre Aufgebote besaßen alle Vorzüge eines stehenden Heeres. Entscheidend aber für die damaligen Verhältnisse war ihr Charakter als einer ausschließlichen Reitertruppe mit sämtlichen schlagkräftigen Eigenschaften: Wendigkeit, Schnelligkeit sowie die Fähigkeit, veränderten Gefechtslagen die eigenen Operationen rasch anzupassen. Verstärkt wurde dieser Zug durch die großen Vorteile ihrer wichtigsten Waffen, dem Bogen aus Horn, der Schleuder und den Fokoschen, den Streithämmern.

    Jeder Nomadenkrieger war dank der Steigbügel in der Lage, auch aus dem vollen Galopp heraus zu schießen, er verfehlte auch aus große Entfernungen kaum jemals das Ziel. Bogen und Schleuder waren deshalb dem Schwert und der Lanze erheblich überlegen. Aufgrund der Wirkung war der Pfeilregen, der sich gewöhnlich zu Beginn eines Kampfes über die feindlichen Krieger ergoss, fast schon ein Vorgriff auf den Effekt des neuzeitlichen Maschinengewehrfeuers – jedenfalls dort, wo die Panzerung der Krieger und ihrer Pferde zu wünschen übrig ließ oder überhaupt fehlte.

    Eine Schlacht verlief zumeist stets nach demselben Grundmuster. Der Gegner wurde mit einem dichten Pfeilregen, mit einem Gewitter von Schleudersteinen überschüttet. Anschließend galoppierten die Ungarn in geschlossenen Hundert- oder gar Tausendschaften, zwischen denen ein schmaler Raum für die taktischen Wendungen offenblieb, gegen den Feind. Auch für den nahkampf waren die Ungarn zweckmäßig bewaffnet, kurze Krummsäbel eigneten sich da besser als sperrige Schwerter. Im völlig distanzlosen Nahkampf griffen die Ungarn zu Streithämmern. Stand ihnen Reiterei entgegen, so setzten sie ihre Kurzspieße ein, mit denen sie die Feinde aus dem Sattel zu stoßen versuchten. Da die Überlegenheit der Ungarn auf ihren disziplinierten Operationen beruhte, vermieden sie das Handgemenge, weil dabei der Überblick verloren ging. Das größte Ärgernis für die ungarischen Truppenführer bestand in der jählings ausbrechenden Disziplinlosigkeit der Reiternomaden nach einer gewonnenen Schlacht. Die Ungarn verfolgten selten einen geschlagenen Feind bis zur völligen Vernichtung, denn ihre Krieger wendeten sich bevorzugt dem Plündern zu. Dies geschah oft gegen den Willen der Anführer. Die Abgrenzung zwischen Beuterecht, genehmigter Plünderung und hemmungsloser Räuberei existierte in dieser Zeit nur in schwachen Ansätzen.

    Bei den deutschen Heeren handelte es sich im zehnten Jahrhundert nicht mehr um die Bauernheere früherer Zeit. Der Kriegsdienst betraf zwar noch immer alle waffenfähigen Männer, aber er war inzwischen zur Hauptaufgabe des adligen Standes geworden. Die Adeligen waren keine Berufskrieger in einem neuzeitlichen Sinne, aber sie waren auf jeden Fall Qualitätskrieger. Die Größe des militärischen Aufgebots eines Fürsten bestimmte der König, gewöhnlich nach dem Umfang dessen Landbesitzes. Die Dauer eines Kriegseinsatzes konnte im Voraus nur schlecht festgelegt werden. Die Vasallen hatten für Pferde, Ausrüstung, Waffen und Verpflegung zu sorgen. Das Kriegsmaterial kostete außerordentlich viel, Helme und Panzerhemden waren für einfache Leute unerschwinglich. Auch für den zu ständiger Waffenbereitschaft verpflichteten Kriegsmann reichte die Entlohnung durch Lehen auf die Dauer nicht aus. Der König und die Fürsten waren deshalb zunehmend stärker auf Geld angewiesen, und gemünztes Edelmetall ließ sich nur über die Wirtschaft, den Handel, die Zölle gewinnen. Folglich war nur ein Staat, dessen Wirtschaft florierte, auch ein wehrfähiger, ein militärisch starker Staat.

    Eine geregelte Truppenausbildung wie bei den Römern oder später in der Landsknechtszeit fehlte bei den Deutschen. Der Krieger war in erster Linie Einzelkämpfer, auch wenn er in geschlossenen Kontingenten angriff. Die Schlacht war eine Abfolge persönlicher Duelle und hing vom persönlichen Können und der Tapferkeit ab. Das war der Hauptgrund für die Erfolge der ungarischen Reiterkrieger und ihrer Massentaktik. Andererseits: Auch die Deutschen und zuvor die Franken führten Reiter in die Schlacht. Der springende Punkt lag in der Form der Gefechtsführung, hier musste etwas passieren und zwar jenseits der reinen Steigerung der Soldatenzahlen und ihrer Ausrüstung. König Ludwig III. benötigte als offensives Instrument eine taktisch einsatzfähige, leichte Reiterei. Jeder Herzog musste nach einheitlicher Vorgabe seinen Truppen eine neue Form der Gefechtsdisziplin beibringen. Diese Ausbildung begann mit einer frühen Form des Exerzierens und des Drills. Die Truppengattungen sollten lernen, auf dem Felde Teilaufgaben in koordinierter Form zu übernehmen und so wie ein Ganzes zu agieren.
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  4. #64
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    7. Einfluss eindämmen

    In der zweiten Jahreshälfte 929 - das historisch korrekte Jahr, im Spiel lege ich irrtümlich schon 925 damit los – zog König Ludwig III. mit einem starken Heeresaufgebot über die Bode und die Elbe nach Osten ins Gebiet der Heveller. Den Elbübergang bei Magdeburg hatte schon Karl der Große im Jahr 780 benutzt. Der Name dieses Grenzvolkes leitete sich von der Havel ab. Die deutschen Streitkräfte bestanden hauptsächlich aus dem Aufgebot des sächsischen Heerbanns. Den Kern bildeten die gut geschulten königlichen milites. Dass sich bei den Heeren dieser Kriegszüge von 929 auch starke Kontingente der Franken und Baiern befanden, darf als sicher angenommen werden. Die Truppe selbst war gemischt, den Fußsoldaten waren starke Einheiten der Reiterei beigegeben.

    Ob ein Aufstand der unmittelbare Anlass für den Kriegszug gewesen war, ist nicht zu klären. Mit Rücksicht auf den späteren Kampf gegen die Ungarn und aufgrund der intensiv betriebenen Rüstungen und der Ausbildung der Reiterei ließe sich auch denken, dass eine Art militärische Generalprobe beabsichtigt war. Ein ausgreifender Plan lag zweifellos zugrunde, denn innerhalb der folgenden Monate gelang es dem König, die gesamten Grenzvölker zu unterwerfen und sie unter die Oberhoheit des Reiches zu stellen. Seine Übermacht und die Siege seiner Krieger waren so eindrucksvoll, dass es ab 929 bis zum Ende von Ludwigs Regierung keine weiteren Aufstände mehr gab. Die Chronisten berichten nicht einmal mehr von Unruhen.

    Mit den Hevellern kam es zunächst wiederholt zu schweren Kämpfen. Die Hauptmasse ihrer Krieger zog sich schließlich in die starke Zentralfestung Brennaburg zurück, der späteren Stadt Brandenburg. Diese Sumpfburg und Sperrfeste an der wichtigen Straße, die von der Elbe zur Oder führte, lag außerordentlich geschützt inmitten der vielen Wasserarme der Havel. Die Heveller konnten sie ohne Übertreibung als uneinnehmbar bezeichnen, denn ihre Insellage und die Umgebung der Seen, Moore und Sümpfe sonderten sie fast vollständig vom festen Land ab. Zusätzlich geschützt wurde die Brennaburg durch mächtige Ringwälle, die wenigen Zugänge über festes Land waren dadruch hervorragend blockiert. Die Festung war zugleich der Hauptsitz des Hevellerstammes und seines Fürstengeschlechts. Die Brennaburg besaß eine Schlüsselstellung für die Sicherung des ganzen Gebiets im Süden.



    König Ludwig III. hatte zwar im Verlauf von kaum acht Wochen das ganze Gebiet zwischen Elbe und Havel erobert und besetzt, aber wenn er das Gebiet auch halten wollte, musste er die Brennaburg erobern. Doch schon aufgrund ihrer Lage im Fluss und inmitten der Sumpflandschaft schien eine Eroberung völlig ausgeschlossen zu sein. Dass sich der König im Herbst zu diesem Kriegszug entschloss, war für die Heveller mehr als überraschend gewesen. Bis weit über das Mittelalter hinaus, ja noch im 17. Jahrhundert galt es als Regel, dass in der Zeit des Regens und des Frostes das Kriegshandwerk ruhte, die Truppen in den Winterquartieren lagen. Davon wurde nur in überaus seltenen Fällen abgewichen. Die Sachsen hatten zwar auf ihrem Kriegszug große Erfolge verbucht, doch einer Belagerung der Brennaburg ausgerechnet in dieser Jahreszeit konnten die Heveller mit Ruhe entgegen sehen.

    Die Heveller begriffen zu spät, warum die sächsischen Truppen trotz des Regens, der Kälte, des rauhen Windes um die Brennaburg einen außerordentlich weiten Belagerungsring zogen. Noch niemals war die Festung berannt worden. Ihre Vorräte waren beträchtlich, denn an dem Siedlungsplatz fanden sich über das ganze Jahr hinweg große Volksmengen ein. Dass die Sachsen ohne viel Belagerungsgerät inmitten des Morastes und der Sümpfe kampierten und die Brennaburg von allen Außenverbindungen abschnürten, nötigte den Verteidigern in der ersten Zeit nur ein Achselzucken ab. Bei den Sachsen wiederum war es erstaunlich, dass es dem König gelang, seine Überzeugung vom Erfolg dieser Belagerung bei den Truppenführern und den Kriegern durchzusetzen und ihre Zustimmung zu seinem Plan zu erhalten. Anders ist das geduldige Warten und das klaglose Ertragen der ungewohnten Strapazen dieses Winterfeldzugs nicht zu erklären.

    König Ludwig III. und die Sachsen warteten auf den Frost. Die Kälte hatte erwartungsgemäß zeitig eingesetzt und war hinreichend streng. Jetzt kam es auf die Standfestigkeit der Sachsen an. Inzwischen freilich arbeitete auch die Zeit gegen die Verteidiger, denn aufgrund der vielen Flüchtlinge, die sich in die Burg gerettet hatten, waren die Vorräte der Heveller schneller verbraucht als die Geduld der Belagerer. Schließlich wurde die Kälte schneidend, Eis begann sich auf den Seen und Sümpfen zu bilden. Auch auf der Havel entstand eine feste Decke, eine Woche nach dem Kälteeinbruch war die Brennaburg nicht mehr die durch Wasser geschützte, sichere Feste, sondern sie lag inmitten eines flachen Landes, das zwar aus Eis bestand, aber den Belagerern den Angriff und den Sturm ermöglichte. Der König ließ Tag für Tag die Tragfähigkeit des Eises prüfen. Die Gesichter der Sachsen waren vermummt, der Atem gefror an den Bärten und im Haar, die Pferde schnaubten weiße Wolken. Als zum ersten Mal bei einer der Proben, bei denen ein Pferd vorsichtig auf das Eis geführt wurde, kein verräterisches Knacken der Eisdecke mehr zu hören war, gab der König den Befehl, den Ring um die Burg enger zu ziehen.


    Brandenburg, im Januar 929



    „Ihr habt nach mir geschickt, Vater?“

    König Ludwig III. wandte den Kopf. „Komm rein, mein Junge.“ Prinz Heinrich betrat das Zelt. Sobald das Bärenfell, welches als Tür diente, hinter ihm zurück vor die Öffnung glitt, war der mörderische Winde abgeschnitten, aber trotzdem herrschte auch hier im Inneren eisige Kälte. Die Felle, die den Boden bedeckten, lagen direkt auf dem Eis der Havel, und nur eine einzige Kohlepfanne stand auf dem Schemel neben der Pritsche. Das Glimmen der Holzkohle erweckte den Anschein von Behaglichkeit, aber Heinrich spürte keinen Hauch von Wärme.

    Er zog den bibergefütterten Mantel fester um sich. „Wo sind Thietmar und Gero?“ Heinrich hatte angenommen, dass die beiden Kommandanten, die das Reiterheer und die Fußsoldaten befehligten, bei der Lagebesprechung zugegen sein würden. „Sie kommen gleich“, sagte der König und reichte seinem Sohn einen dampfenden Becher. „Wir werden heute Nacht stürmen, Heinrich. Das hier muss ein Ende nehmen. Wir verlieren zu viele Männer in dieser gottverfluchten Kälte.“

    „Ich weiß.“ Heinrich sog den Dampf ein, der seinem Becher entstieg, und trank vorsichtig einen Schluck. Es war ein heißer Würzwein, und er schmeckte himmlisch. „Aber vorgestern habt Ihr gesagt, die Verteidigung sei zu stark. Was hat sich geändert?“ Der König ging vor seiner Pritsche auf und ab. Das Zelt bot eigentlich nicht genug Platz dafür, aber Ludwig war ein rastloser Mensch, immer gern in Bewegung. Statt auf die Frage einzugehen, forderte er seinen Sohn auf: „Erinnere mich noch einmal, warum wir hier sind.“ Heinrich runzelte die Stirn, um die Ironie seiner Antwort zu verdeutlichen: „Um diesen heidnischen Slawen hier den rechten Glauben zu bringen.“ Ludwig III. nickte. „Ein guter Grund, aber nicht der wahre.“

    „Um unsere Ostgrenze zu sichern, die sie ständig mit ihren Raubzügen verletzen?“ Der König schüttelte den Kopf: „Ein guter Grund, aber auch nicht der wahre.“ Sein Sohn antwortete zum dritten: „Dann um sie dafür zu bestrafen, dass sie die Ungarn gegen uns zu Hilfe geholt haben?“ Der König brummte mit einem gefährlichen Unterton. „Ja, das werden sie noch bitter bereuen. Aber auch nicht der wahre Grund.“ Heinrich zuckte die Schultern. „Dann nennt Ihr ihn mir.“

    „Es gibt drei: Erstens, um uns die slawischen Völker zu unterwerfen und tributpflichtig zu machen, denn wir müssen den Ungarn jedes Jahr Unsummen bezahlen, damit sie den vereinbarten neunjährigen Frieden halten. Zweitens, um ihre Pferde zu erbeuten, denn die Slawen züchten großartige Pferde, die wir für unsere neuen Panzerreiter brauchen. Und drittens, um eben diese Panzerreiter zu erproben. Damit wir wissen, wo wir stehen, bevor die Ungarn wiederkommen.“

    Heinrich nickte und sagte nichts. „Was?“ schnauzte der König. „Gar nichts. Ich sehe ein, dass Ihr recht habt. Aber wohl ist mir nicht bei Euren Prioritäten. Mir wäre lieber, Ihr hättet gesagt, die Bekehrung der Heiden sei der wichtigste Grund für diesen Feldzug.“ Ludwig III. hob einen seiner kurzen, breiten Finger und wedelte seinem Sohn damit vor der Nase herum. „Aber leider sind die noblen Gründe nur selten die wahren. Du musst die Welt so sehen, wie sie ist, Heinrich, sonst wirst Du einen lausigen Herrscher abgeben. Du musst Dich ihr stellen, auch wenn sie Dir ihr hässliches Gesicht zeigt.“

    „Aber muss ein Herrscher nicht das Ziel verfolgen, die Welt besser zu machen?“, wandte der Prinz ein. Der König sah ihn an, stiert ihm regelrecht ins Gesicht, dass Heinrich unbehaglich wurde. Unvermittelt knackte das Eis unter ihren Füßen. Die Eisdecke war zwar mindestens zwei Spann dick, das Geräusch brachte Heinrich aber den Umstand in Erinnerung, dass sie mitten auf dem Fluss lagerten. Schließlich schüttelte Ludwig III. den Kopf. „Vielleicht. Aber vorher muss er die Welt sicher machen. Du bist ein Träumer, Heinrich, und das gefällt mir nicht. Du willst immer von jedem das Beste und verschließt die Augen vor den Dingen. Das kann Dich teuer zu stehen kommen, also hör auf damit. Großmut ist eine schöne Gabe, aber wenn sie nicht mit Strenge gepaart ist, macht sie Dich schwach. Und darum will ich, dass Du heute Nacht den Sturm auf die Brandenburg anführst.“ Heinrich stockte beinahe der Atem. „Ich? Ihr denkt... Ihr traut mir das wirklich zu?“

    „Warum denn nicht?“ knurrte Ludwig. „Du bist inzwischen ein erwachsener Mann und hast mindestens so viel Erfahrung im Kampf wie ich in Deinem Alter. Du kannst und Du weißt alles, was Du brauchst. Also geh und tu es.“ Der Prinz war stolz und so glücklich über diesen Vertrauensbeweis und ging daran, den Wunsch seines Vaters umzusetzen.
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

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    Die ersten deutschen Könige

    Zu Beginn des Jahres 929 erstürmten Heinrich und seine Krieger die Wälle der Brennaburg, bahnten sich den Weg mit den Schwertern und eroberten im Sturmlauf die stärkste Festung des ganzen Gebiets. Die Eroberung der Brennaburg erfolgte „fame ferro frigore“ - durch Hunger, Schwert und Kälte. Mit diesem Sieg hatte Ludwig das ganze Land in seine Gewalt bekommen und unterwarf sich den gesamten Gau der Heveller. Sie leisteten ihm von diesem Tag an Tribut, der erste Schritt zur Bildung der Marken an der Nord- und Ostgrenze des Reiches war damit vollzogen.



    Aufgrund des Winterfeldzugs von 929 schien die weitere Entwicklung vorgezeichnet zu sein. Die Sachsen griffen aus in den Raum zwischen Elbe und Oder, brachten das ganze Gebiet in ihre Hand, der Kessel Böhmens wurde im Norden umfasst. Es handelte sich bei dem Feldzug nicht nur um eine Sicherung der Reichsgrenzen im Osten, sondern um eine Neutralisierung des Einflusses, den die Ungarn bis zu dieser Zeit in Daleminzien besessen hatten. Ohne dass der Waffenstillstand mit den Magyaren vom König auch nur angetastet wurde, betrieb er eine aktive Vorsorge- und Eindämmungspolitik. In Böhmen hielt sich der König, im Unterschied zur Brennaburg, an das gebräuchliche Kriegsrecht. Widukind von Corvey berichtet, dass Ludwig die gesamte „Beute in der Burg den Kriegern überließ, die Erwachsenen wurden niedergemacht, nur die Knaben und Mädchen behielten ihr Leben für die Gefangenschaft“.



    In den Jahren 805 und 806 hatte Karl der Große Böhmen dem Frankenreich tributpflichtig gemacht. Über diese Tatsache hinaus besitzen wir für die engere böhmische Geschichte im neunten Jahrhundert keinerlei Belege in Urkunden. Um 845 nahm mehr als ein Dutzend Gefolgsherren des Landes in Regensburg das Christentum an. Einen Durchbruch brachte das Jahr 872, als sich der damals regierende Herzog nach einer Niederlage zusammen mit seiner Gemahlin in der alten Markkomannen-Siedlung Prag (Parhag) ebenfalls taufen ließ. Die Bindung an das Ostfränkische Reich riss nach dem großen Sieg der Ungarn im Jahr 907 ab. In der Folgezeit wurde Böhmen von anhaltenden Unruhen und Kämpfen der Adelsparteien erschüttert, deren Gruppierungen wesentlich durch den Gegensatz von Christentum und Heidentum geprägt waren.

    Nun, nach dem Sieg des deutschen Königs Ludwig, leistete der christliche Böhmenherzog Rotislav II. (im Spiel, historisch: Wenzel) den Vasalleneid. Seit dieser Zeit datierte die Bindung Böhmens an das Deutsche Reich. Später wurde der Herzog unter Mitwirkung seines Bruders oder möglicherweise auch durch ihn selbst ermordet. Da Rotislav eifrig bemüht war, das Christentum durchzusetzen, und diese Aktivität bei seiner Ermordung eine Rolle spielte, wurde er heiliggesprochen und rückte zum Landespatron Böhmens auf.

    Der Feldzug des Königs aber wurde fortgesetzt, wie Widukind von Corvey beschreibt: „Als nun die Nachbarvölker von König Ludwig tributpflichtig gemacht worden waren – die Abodriten, Wilzen, Heveller, Daleminzier, Böhmen und Redarier – und Friede war, da brachen die Kroaten den Vertrag. Sie brachten ein großes Heer zusammen, unternahmen einen Angriff auf die Burg der Steiermark, eroberten sie und töteten all seine Bewohner, deren eine zahllose Menge war. Hierdurch wurden alle anderen heidnischen Völkerschaften der Umgebung ermutigt und wagten sich zu empören. Um ihre Wildheit zu unterdrücken, belagerte ein Heer nebst einer Reitertruppe die Burg Cakovec und unterwarf ihren Fürsten Bojan“.



    Von Kroatien aus zog der König weiter nach Süden und belagerte die Festung Senj, zwang die Einwohner zum Rückzug in eine tiefer gelegene Kleinburg und nötigte sie schließlich zur Übergabe. Seit dem Tage, als sie durch Feuer zerstört wurde, lag sie lange Zeit wüst und leer und ward nicht mehr bewohnt. Mit der Eroberung von Senj endete ein entscheidender Abschnitt der Regierung Ludwigs III., denn in dieser Zeit wurde von ihm das Fundament der gesamten Ostpolitik des Deutschen Reichs in den folgenden Jahrhunderten gelegt.



    Die Völkerschaften des Raumes waren vollständig befriedet. Die Daleminzier, Ludwigs älteste Gegner, wandten sich sogar ostentativ von den Ungarn ab. Auch bei den Ostvölkern hielt der König an seinem Prinzip fest: eine machtvolle Königsherrschaft zu errichten, die Oberhoheit des Reiches durchzusetzen, unnachsichtig auf dem Tribut zu beharren, im gleichen Atemzug aber möglichst wenig in die inneren Verhältnisse einzugreifen. So blieben sämtliche Völkerschaften unter der Herrschaft ihrer Fürsten.

    8. Die Moral der Truppen stärken

    Die ungarischen Truppen waren nicht nur taktisch versiert im Kampf, gefürchtet wurden sie auch für ihren Todesmut. Ihr heidnischer Glaube war ein mit den Sinnen greifbarer. Wenn ein Priester vor einer Schlacht auf einen über ihnen kreisenden Falken deutete, flößte er mit seinen Worten den Kriegern ein solches Maß an Mut ein, dass sich ihre Kampfmoral derjenigen ihrer christlichen Gegner als überlegen erwies. Das lag wohl daran, dass der Gott der Christen unsichtbar, nicht zu Greifen war. Mag Gott sich auch im Wort der Heiligen Schrift zeigen – in einer Zeit, in der die Menschen zumeist weder Lesen noch Schreiben konnten, war das nur abstrakt. König Ludwig III. ahnte, dass er seine Truppen mit etwas Offensichtlicherem zum Kampf anspornen musste. Er war elektrisiert, als er davon erfuhr, dass der burgundische König Rudolf in den Besitz der Heiligen Lanze gekommen war. Die Heilige Lanze gehörte der Legende nach Longinus, jenem römischen Hauptmann, der mit ihr den Tod Jesu überprüfte, so dass sie auch mit dessen Blut getränkt sein soll. In der Bibel heißt es im Johannes-Evangelium dazu: „Einer der Kriegsleute öffnete seine Seite mit einem Speer, und alsbald floss Blut und Wasser heraus“.

    König Ludwig nun, als gottesfürchtiger Mann und jedes Heiligtums Liebhaber, sandte – als er erfuhr, dass Rudolf ein so unschätzbares Geschenk des Himmels besitze – umgehend Boten an ihn ab und versuchte, ob er es um irgendwelchen Preis erwerben und sich so die unüberwindlichen Waffen und damit beständigen Sieg über sichtbare und unsichtbare Feinde verschaffen könne. Rudolf zeigte sich in dieser Frage spröde, doch Drohungen und Lockungen führten ihn schließlich zur Herausgabe der Reliquie. Im Gegenzug erhielt er ein Stück des Herzogtums Schwaben.

    Einmal im Besitz der deutschen Könige, wurde im Gehalt der Heiligen Lanze auch die magische Bedeutung des Speeres eingeschmolzen, des Herrschaftssymbols der germanischen Könige, dessen Macht auf den Speer des Kriegsgottes Wotan zurückgeht. Diese Tradition blieb trotz der Christianisierung lebendig. Die Lanze gehörte von nun an zu den so genannten Reichsinsignien, die die die rechtmäßige Herrschaft über das Reich verkörperten. Die Heilige Lanze zeichnete sich folglich nicht nur durch ihren Reliquiencharakter aus, sondern auch durch ihren politisch-weltlichen Bezug. Unter dem Schutz der Heiligen Lanze zu kämpfen, war der Ansporn, der den christlichen Soldaten bislang gefehlt hatte. Ein Herrscher, der diese Lanze besaß, galt als unbesiegbar. Sie war das sichtbare Zeichen dafür, dass seine Macht von Gott ausging und er der Stellvertreter Christi war.
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

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    Die ersten deutschen Könige



    Ein feister Hund für die Ungarn

    „Die Boten der Ungarn wurden herbeigeholt und der König übersandte durch sie dem Ungarn einen kurzen und langsamen Hund, dem die Ohren und der Schwanz gekürzt waren, und verpflichteten sie durch Eidschwur, denselben abzugeben, und dann erst entließ er sie, mit leeren Händen und ohne Ehre“. Annales Palidenses


    Der Pater hob den Kopf, seine Rechte mit der feinen Feder ließ er auf dem Pergament liegen. Er drehte sich um. In der Tür der Klosterzelle stand der Bote, eine große, kraftvolle Gestalt, er musste sich leicht nach vorn beugen, um nicht oben am Türrahmen anzustoßen. Der Pater lächelte, und der Bote lächelte ebenfalls. Im Gegenlicht der Sonne, die durch das schmale Fenster fiel, schimmerte der Haarkranz um die große Tonsur.

    „Ich habe dich nicht erwartet.“
    „Störe ich?“
    „Warum solltest Du stören? Nimm Platz!“

    Der Bote schloss die Türe, trat in die Zelle, legte das Halbschwert nieder auf den Dielenboden und ließ sich nieder auf den Schemel neben dem Schreibpult, an dem der Pater vor dem aufgeschlagenem Folianten saß. Der Pater blickte auf die gebräunten Hände des Boten, an denen die Adern hervortraten, Hände, die es gewohnt waren, zuzugreifen und nicht mehr loszulassen. Er hob den Kopf, betrachtete das vertraute Gesicht.

    „Du siehst müde aus, deine Lider sind rot, entzündet. Du kommst vom Königshof?“
    „Ja. Die Gesandtschaft ist gestern fortgeritten. Bruder Pater, du siehst ebenfalls müde aus.“

    „Meinst du. Ich bin aber nicht müde. Ich sehe immer so aus in meiner Kutte, vermute ich zumindest. Vielleicht lese ich zu viel, schreibe zu viel, zu lange, lege mich des Nachts zu spät auf mein Reisiglager, und dann wache ich ächzend auf zu den Vigilien nach Mitternacht und wanke ins Oratorium, um mit den Brüdern zu beten. Ja, vielleicht bin ich müde, vielleicht sind meine Augen schwach geworden. Doch für die Buchstaben reicht es. Glaub nur nicht, dass ich über irgend etwas klage. Als guter Mönch, der ich sein möchte, habe ich meine Regeln auswendig gelernt, wie es das Mönchskapitular vorschreibt, und so ist es uns auch verordnet. Bei der Arbeit sollen Mönche nicht murren, und ich murre nicht einmal im Herzen.“

    „Hat euch denn Sankt Benedikt in seiner Regula monachorum nicht die Stunden für das Gebet, die Arbeit, den Schlaf vorgeschrieben?“

    „Sicher hat er das getan, die Stunden sind für die Brüder festgelegt. Doch allen ist es auch erlaubt, sich der Askese hinzugeben über das vorgeschriebene Maß hinaus. Ich kann also wach bleiben, wenn es mir beliebt. Doch das Alter hält nicht Schritt mit meinem Eifer. Also ich bete und arbeite des Tags und schlafe und schnarche des Nachts. Und ich esse und trinke gern, du siehst es an meiner Korpulenz, die wenig mit Kasteiung und viel mit der Küche zu tun hat. Gott sei es geklagt, ich habe ihm mein Leben überschrieben in allem, ob ich wach bin oder nicht, müde oder eifrig. Doch nun berichte mir.“

    Der Bote lächelte. „Wenn du dem Herrn dein Leben überschrieben hast, so hat er dir auch vorgeschrieben, durch den Mund des heiligen Benedikt, was du mit deinem Leben machen sollst. Er hat nichts von Ermattung oder übermäßigem Eifer gesagt. Über allem steht das Gebot des Herrn: Der Abt ist der Stellvertreter Christi im Kloster. Deshalb darf der Abt nichts lehren, anordnen oder befehlen, als das Gebot des Herrn.“

    Der Pater brummte Unverständliches und verzog belustigt den Mund. „Wenn du unsere Regula so gut kennst, dann weißt du auch, dass dem Mönch im vierten Kapitel geboten wird: Das Tun und Lassen seines Lebens zu jeder Stunde überwachen. Selbstkontrolle also, und ich befolge sie. Du warst nie im Kloster, du besuchst mich einmal im Jahr, höchstens zweimal, wenn der König nach Quedlinburg kommt. Woher also willst Du wissen, was der Herr von uns Benediktinern verlangt? Ich verlange jedenfalls jetzt von dir, dass du mir endlich berichtest! Das ist Aufgabe der Boten.“

    „Bruder Pater, bist du schon einmal als Bote geritten, im Regen, Hagel, durch die riesigen Urwälder des Reiches, in Schnee und Eis, zitternd vor Frost, dass deine Hand den Zügel nicht mehr spürt? Du warst nie ein Bote, so wenig wie ich jemals ein Mönch war. Nun gut, der König Ludwig hat die Ungarn beschieden, so wie es im Jahr zuvor von ihm beschlossen wurde. Die Vertrauten in seiner Umgebung wissen schon seit der Synode von Erfurt, was uns dieses Jahr bringen wird, weil es der König so beschlossen hat. Damals hatte der König uns Boten ins Reich geschickt, in unser Land Sachsen, zu den Franken, den Schwaben, den Baiern, auch nach Lothringen. Die Fürsten sind gekommen, der wehrhafte hohe Klerus, die Grafen, die Freien, die Bauernkrieger, ja, es war das ganze Volk, das kann ich sagen. Der König hat vor dem Volk gesprochen, ich habe kein Wort davon vergessen. Er hat so vor ihm gesprochen:

    „Ihr wisst, von welchen Gefahren euer Reich, das früher vollständig und überall in Verwirrung war, jetzt befreit ist. Das wisst ihr selbst nur allzu gut, ihr, die ihr durch die Fehden im Inneren und durch auswärtige Kämpfe so oft und schwer gelitten habt und geschwächt worden seid. Doch nun seht ihr das Reich durch die Gnade des Höchsten, durch unser Mühen und durch eure Tapferkeit befriedet und geeint. Die Barbaren sind besiegt und unterworfen. Nur eins müssen wir jetzt noch tun, und es ist notwendiger als alles andere: Wir müssen uns gegen unsere gemeinsamen Feinde, die Ungarn, allesamt erheben. Bis zu dem heutigen Tag habe ich euch, eure Söhne und Töchter ausgeplündert, um die Schatzkammer der Ungarn zu füllen. Ich müsste jetzt damit beginnen, die Kirchen und die Diener der Kirchen auszurauben, denn uns ist kein Geld mehr geblieben, sondern nur noch das nackte Leben. Geht deshalb mit euch selbst zu Rate und entscheidet euch, was wir in dieser Sache tun wollen. Soll ich also den Schatz, der dem Dienste Gottes geweiht ist, nehmen und als Lösegeld für uns den Feinden Gottes geben? Oder soll ich nicht lieber mit dem Geld die Würde des Dienstes Gottes erhöhen, damit wir selbst erlöst werden von demjenigen, der wahrhaft sowohl unser Schöpfer als auch unser Erlöser ist? Soll ich euch mit der Hilfe Gottes gegen die räuberischen Ungarn führen?“

    „So hat der König vor den Großen und dem Volk gesprochen, und dann hat er geschwiegen. Und dann rief das Volk, und es war wie eine einzige Stimme, es rief brausend: - Ja, König Ludwig, wir wollen von dem lebendigen und wahren Gott erlöst werden, denn er ist treu und gerecht in allen seinen Wegen und heilig in allen seinen Werken. Wir werden dir folgen in den Kampf gegen das wilde Volk. Wir geloben es! - Und alle, wir alle, die Bischöfe und Grafen, die Krieger und Bauern reckten die Rechte zum Himmel, und so wurde der Vertrag zwischen uns und dem König besiegelt.“

    Die Augen des Paters waren weit geöffnet, sein rundes Gesicht hatte die jovialen Züge verloren, es schien plötzlich von innen heraus gefestigt, als wäre eine Maske des Wohllebens abgenommen worden. „Und was hat der König Ludwig der ungarischen Gesandtschaft übermitteln lassen?“

    „Er hat sie beschieden, so wie er wenige Monate vorher seinen Entschluss gefasst hatte. Ludwig weigerte sich, den Ungarn von diesem Augenblick an den Tribut weiter zu entrichten. Pater, wie soll ich dir diese Szene in der Königshalle schildern, damit du spürst, was geschehen ist? Wir, die wir seit langem um den König sind und seine Pläne, seine Sorgen kennen, wir alle vergessen nie, wie hochfahrend die Ungarn sind, wie sie sich rühmen, Gott sei es geklagt, sie haben ja recht: Niemand, der ihnen gleichkommt, zahlreich wie die Sterne am Himmel. Wenn sich die Erde nicht öffnet, um sie zu verschlingen, wenn der Himmel nicht einstürzt, um sie zu zerschmettern, dann kann sie niemand aufhalten. Und nun stell dir das vor, Herr Ludwig auf dem Hochsitz, um ihn die Heerführer und Grafen, die beiden Tore öffnen sich, die Gesandtschaft der Magyaren wird in die Halle geleitet. Jeder einzelne von ihnen ist ein erfahrener Krieger, das ist sofort zu erkennen. Sie gehen stolz und festen kleinen Schritten auf den König zu, einer ihrer Vornehmen führt die Gruppe. Höflich und bestimmt begibt er sich vor den Hochsitz, bleibt in der vorgeschriebenen Entfernung stehen, verbeugt sich. König Ludwig erwidert den Gruß mit einer Handbewegung, dann winkt er mit der Linken, und während der junge Gevehard durch die Seitentür die Halle verlässt, sagt der König:

    „Berichtet eurem Großfürsten, dass der König des Deutschen Reiches den Tribut, zu dem wir uns verpflichtet haben, von jetzt an verweigert. Doch ihr sollt nicht ohne Geschenk heimkehren. Das ziemt sich nicht.“ Der König blickt nach links, im gleichen Augenblick tritt der junge Dienstmann durch die Seitentür, in der Faust einen toten Hund, klein, fett, die Ohren und der Schwanz sind abgeschnitten, ein räudiger stinkender Kadaver. Gevehard tritt schnurstracks auf den Magyarenfürsten zu und wirft ihm den Köter vor die Füße. In der Halle ist es totenstill, du hörst nur das schwere Atmen der Ungarn. Ihre braunen Gesichter sind jetzt fahl, fast grau, einer der Jüngeren fasst nach seinem Schwert, zieht es halb heraus, stößt es wieder zurück. Es ist der erste Ton, der in der Halle zu hören ist, und jetzt verziehen sich die Gesichter all unserer Krieger langsam zu einem höhnischen Grinsen. Es ist noch immer ruhig, keiner spricht ein Wort, aber jeder meint, dass dieses Hohnlächeln allmählich zu hören ist und die Beleidigung der Ungarn durch König Ludwig noch zu einem Gipfel steigert. Der Anführer gibt sich einen Ruck, dreht sich um, geht wortlos zum Tor zur Halle, die anderen hinter ihm“.

    „Das hat der König wahr und wahrhaftig den Ungarn angetan? Einen toten Hund hingeworfen?“
    „Wahr und wahrhaftig. Bruder Pater, die Halle hat fast geknistert, eine schreckliche Szene, aber jeder von uns ist trotzdem von Herzen froh gewesen. Ein feister Hund als Tribut anstatt des Goldes. Es war, als hätte der König dem Gyula ins Gesicht gespuckt. Denn bei den Ungarn ist es eine uralte Sitte aus den Zeiten ihrer Vorväter, dass sie nach Verträgen über den halbierten Teilen eines Hundes feierlich schwören, die Vereinbarungen zu halten.“

    „König Ludwig hat sich also zur stärksten aller denkbaren Beleidigungen entschlossen.“ Der Pater sah den Boten besorgt an, in seiner Stimme lag etwas Schmerzliches, ein Hauch von Angst. „Der König hat den Ungarn damit einen Kampf um alles, um die ganze Existenz angesagt. Du bist Bote und Krieger, du musst wissen, was uns jetzt erwartet.“

    „Ich weiß es“, sagte der Bote und stand auf. „Gott mit dir, Bruder Pater. Und überlege, ob auch die Ungarn wissen, was sie erwartet. Ich bin sicher, sie wissen es nicht.“ An der Türschwelle blickte er nochmals zurück. Die Sonne stand tief, diffuses Licht füllte die Zelle. Bald würde es dunkeln. Der Pater hob die Rechte, als wolle er segnen.
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

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    Die ersten deutschen Könige

    Am fünfzehnten Tag des dritten Mondes

    „Durch die Gnade der göttlichen Barmherzigkeit begab es sich, dass die Ungarn mehr Freude an der Flucht erfüllte als am Kampf. Allein der allmächtige Gott, der ihnen den Mut zum Kampf genommen, versagte ihnen auch gänzlich die Möglichkeit, zu entfliehen. So wurden sämtliche Ungarn teils niedergemetzelt, teils versprengt.“ Liutprandi antapodosis


    Das alte Wappen von Quedlinburg zeigt unter den Zinnen der Ummauerung das Stadttor mit offenen Flügeln, rechts und links flankiert von einem Turm. Im Tor sitzt ein Hund. Das Wahrzeichen erinnert an den Tag, an dem König Ludwig der ungarischen Gesandtschaft den Tribut aufkündigte. Der Schimpf, den der König den Ungarn auf den Weg mitgegeben hatte, war die schärfste Form der Kriegserklärung, die den Reiternomaden gegenüber überhaupt möglich war. Schon die einfache Verweigerung des Tributs musste mit absoluter Sicherheit als Antwort einen Kriegszug der Ungarn heraufbeschwören. Sie würden mit einem Höchstaufwand an Truppen ins Reich einfallen. Wenn die Gesandtschaft aber am Fürstenhof von dem schändlichen Gastgeschenk berichtete und wenn die Beleidigung im ganzen Ungarnland die Runde machte, dann würde sich selbst der älteste und gebrechlichste Krieger nicht daran hindern lassen, dem Aufgebot des Großfürsten zu folgen.

    Der König hätte noch ein Jahr Zeit gehabt. Der Tributvertrag lief erst nach neun Jahren aus. Doch Ludwig wusste sich gerüstet. Die Truppen und die Reiterei befanden sich in einem vorzüglichen Zustand, und deshalb hielt er nichts davon, den Kampf, der auf jeden Fall und unweigerlich kommen musste, noch hinauszuschieben. Bei den Langobarden und den Franken gab es den campus Martius, den Märztag, an dem jedes Jahr alle Krieger auf dem Märzfeld zusammenkamen. Diesen alten Brauch griff Ludwig auf, als er von der Volksversammlung die Zustimmung zum Ungarnkrieg einholte. Die Bestätigung wurde ihm ebenfalls nach altem Brauch durch Zuruf und Erheben der Rechten zum Himmel gegeben. Damit stand bereits vor Beginn der Kämpfe fest, dass es sich zum ersten Mal in der Geschichte um einen deutschen Reichstag handeln würde.

    Die Ungarn begannen schon direkt im Winter für ihren Feldzug zu rüsten. Die Größe ihrer Armee übertraf die meisten der Heere, mit denen sie bis dahin das Abendland heimgesucht hatten. Als die ersten Vortrupps in dem Gebiet der Daleminzier, ihren alten Verbündeten, eintrafen, wurden sie schroff zurückgewiesen. Die Ungarn ließen sich um ihres strategischen Zieles willen mit den Daleminziern in keine Auseinandersetzungen ein, sie hielten sich auch nicht mit Belagerungen auf, sondern strebten ohne Verzögerungen an die Grenzen des Reiches zu. Die Hauptmacht brach Anfang März in Thüringen ein. Hier trennte sie sich in zwei gleich starke Heeressäulen. Das eine Kontingent marschierte von dort in Österreich ein. In den Gebieten, durch die sie zogen, verfuhren die Nomaden brutaler denn je. Jeder Mann und jeder Knabe, der älter war als zehn Jahre, wurde niedergemetzelt, sämtliche Frauen und Kinder, die sie in ihre Gewalt brachten, schleppten sie als Beute mit.

    Durch Kundschafter und Späher und die Aussagen von Gefangenen hatten sich die Ungarn vergewissert, dass König Ludwig mit seinen Truppen zum Angriff auf das Nomadenheer entschlossen war. Trotzdem wurde die ungarische Armee, die nach Westen gezogen war, überrascht, als sie von einem Reichsheer angegriffen wurde, das sich aus Truppen sämtlicher deutscher Stämme zusammensetzte. Die deutschen Truppen griffen sofort an, die Schlacht verlief für die Ungarn katastrophal, sie wurden vernichtend geschlagen, alle ihre Heerführer verloren in dem Kampf ihr Leben. Die Sieger zersprengten den Rest des westlichen Heeres über die ganze Gegend. Von ihnen starb ein Teil Hungers, ein anderer durch Erfrierungen, noch andere starben niedergehauen oder gefangen, allesamt eines jämmerlichen Todes.

    Bald erreichten Boten das zweite Ungarnheer mit der Nachricht, dass die Westarmee in einer Schlacht völlig vernichtet wurde, auch die flüchtenden Reste seien völlig aufgerieben worden. König Ludwig sei auf dem Weg und rücke heran. Daraufhin brachen die Ungarn schleunigst ihre laufende Belagerung der Jechaburg ab. Durch Feuerzeichen und Boten riefen die Heerführer sämtliche Einheiten, die in der Gegend verstreut waren, zusammen. Die Ungarn bereiteten sich auf den Kampf mit den deutschen Reichstruppen am nächsten Tag vor.

    König Ludwig hatte sein Lager bei Riade aufgeschlagen. Am 15. März des Jahres 933 führte er das Heer frühmorgens aus dem Lager. Es war der Gedenktag des Longinus, des römischen Hauptmanns unter dem Kreuz Christi. Einige Chronisten vermerken, der König sei zu dieser Zeit sehr krank gewesen, doch habe er sich davon nicht abhalten lassen, sein Ross zu besteigen. Vor die versammelte Armee geritten, richtete er das Wort an die Krieger. „Wenn ihr jetzt voranstürmt, um das Kampfspiel des Kriegsgottes Mars zu beginnen, so achtet unbedingt darauf, dass niemand dem anderen vorauseilt, nur weil er vielleicht ein rascheres Pferd besitzt. Sondern deckt Euch gegenseitig mit den Schilden und wehrt auf diese Weise den ersten Pfeilregen ab. Danach aber stürzt euch in vollen Lauf und macht euch mit aller Gewalt und Kraft über sie her, damit sie die Hiebe eurer Schwerter erreichen und sie eure Schläge zu spüren bekommen, noch bevor sie den zweiten Pfeilregen gegen euch abschießen können.“

    Unmittelbar danach begann die Schlacht, am frühen Morgen eines kühlen Märztags in der Saale-Niederung bei Riade. Aus dem Heere der Christen ertönte der gottgefällige und wunderkräftige Ruf Kyrie eleison, von der feindlichen Seite aber vernahm man das kehlige Hu! Hu!. Die deutschen Krieger befolgten strikt den Rat des Königs, sie blieben eisern in einer lückenlosen Schlachtlinie, die besser Berittenen zügelten ihre Pferde und hielten sie in der Front. Die gegenseitige Deckung der Krieger mit den Schilden – zweifellos wiederholt geübt – war so vorzüglich, dass kaum einer durch den ersten Pfeilregen getötet wurde. Die Geschosse prallten wirkungslos ab. Dann aber brachen die Deutschen mit ungeheurer, unwiderstehlicher Wucht gegen die Ungarn vor, sie waren kaum noch Einzelkämpfer, sondern jeder Krieger verkörperte nahezu ein Stück der unpersönlichen Gewalt des Heeres. Im Vorwärtsstürmen sahen die Krieger ihren König bald unter den Vordersten, bald in der Mitte und bei den Letzten und vor ihm der Erzengel Michael – mit dem Namen und dem Bildnis desselben war nämlich das Feldzeichen kenntlich gemacht. Die deutschen Krieger waren so schnell, dass es den Reiternomaden, so wie es Ludwig vorausgesehen hatte, tatsächlich unmöglich war, den Pfeilangriff zu wiederholen. Während das Zentrum der Reichstruppen die Masse der Ungarn buchstäblich überrollte, umfasste die leichte Reiterei den Gegner in einer beidseitigen Flankenbewegung.

    Da die Magyaren nicht mit einem derart machtvollen und rasanten Angriff gerechnet hatten und von der neuen Kampfweise völlig überrascht waren, zögerte ihre Führung. Die Folgen waren verheerend, denn Skrupel, die den Aufschub von Entschlüssen bewirken, sind waren allenfalls in der Kirche eine Tugend. Innerhalb kurzer Zeit brach bei den Ungarn vollständige Verwirrung aus, die Feldherrn verloren die Übersicht, die ersten, die ihre Pferde herumrissen, lösten eine Kettenreaktion der Verzweiflung aus. In der überstürzten Flucht warfen die Geschlagenen ihre Waffen fort, um nicht behindert zu sein, Schwerter, Pfeile, Bogen, um die Chance des Entkommens zu erhöhen. Diesmal aber halfen ihnen auch ihre schnellen, wendigen Pferde nicht viel, denn die Deutschen hatten sich darauf eingestellt, schnitten größeren Gruppen den Weg ab und metzelten sie erbarmungslos nieder. Als besonderes Glück empfanden die Sieger, dass alle Gefangenen, die im Ungarntross angekettet mitgeschleppt worden waren, unversehrt befreit wurden. Das Heer begrüßte den König als Vater des Vaterlandes, als Herrn, Gebieter und Imperator. Der Ruf seiner Macht und Tapferkeit drang über die Grenzen und verbreitete sich über die Völker und erreichte alle Könige.

    Mehr als zwei Jahrzehnte lang hüteten sich die Ungarn nach dieser Niederlage, aus eigenem Entschluss weitere Kriegszüge ins Deutsche Reich zu unternehmen. Mit dem fünfzehnten März des Jahres 933 verbanden sich über die Jahrhunderte hinweg Mythen und Verklärungen der Tapferkeit, des Opfermuts, der bedingungslosen Selbstwehr. Bis zu diesem Tag verkörperten die Ungarn schlechthin den Schrecken des christlichen Abendlandes, ein Alptraum und Nachtmahr. Am quälendsten wurde ihre Unbesiegbarkeit empfunden. Mit diesem Spukbild und dem Trauma von der Unbeholfenheit des eigenen Heeres hatte Ludwig in Riade aufgeräumt. Sollten die Reiternomaden auch weiterhin die Grenzen des Reiches bedrohen: Die panische Furcht vor ihnen existierte nicht mehr.

    Dem König war es aufgrund des Tributvertrages gelungen, nicht nur in den der Vereinbarung folgenden Jahren Vorsorge über die Zeit des Waffenstillstands hinaus zu treffen, sondern auch jene seiner Pläne zu verwirklichen, die zur eigentlichen Grundlage der Außenpolitik des Reiches im Mittelalter werden sollten: Die durchgesetzten deutschen Ansprüche in Trier, gegenüber den Slawen an der Elbe in Brandenburg, in Kroatien und in Böhmen. Mit der Schlacht von Riade erhielten diese Pläne Brief und Siegel.



    Aus all diesen Gründen ist die Bedeutung von Riade für den damaligen Zustand des Deutschen Reiches und die deutsche Geschichte in den folgenden Jahrhunderten kaum zu überschätzen. Sie ist ein Faktum der Sicherung des Reiches vor den äußeren Gefahren und deshalb Symbol für seine vollzogene Einheit.

    In den letzten Jahren seines Lebens wendete sich König Ludwig, wieder im Bund mit Heinrich, dem Herzog der Sachsen, den dänischen Normannen zu, der zweiten Geisel des christlichen Abendlandes im neunten und zehnten Jahrhundert. Früher waren die heidnischen Sachsen und Dänen Alliierte im Kampf gegen Karl den Großen gewesen. Das änderte sich nach der Christianisierung der Sachsen, die ihren neuen Glauben nach Norden tragen wollten. Die Normannen, voller Kampfeslust, fielen in der Folgezeit immer wieder in das Land der Sachsen ein. Die ständigen Angriffe der Dänen in Sachsen und an der Nordseeküste ließen dieses Gebiet des Reiches wie eine offene Wunde bluten. Ausgangspunkt der normannischen Aktivitäten war Haithabu, das dominierende Drehkreuz des Handels über die Nordsee zur Ostsee, von Skandinavien zum Niederrhein. Die Kaufmannssiedlung hatte sich zu einer regelrechten Stadt und Festung entwickelt. Von dort brachen die Dänen in das sächsische Gebiet ein, plünderten, brandschatzten und verwüsteten das Land beiderseits der Elbe.



    Im Sommer des Jahres 934 zog König Ludwig mit einem Heer nach Norden, eroberte nach schweren Kämpfen Haithabu und das Gebiet der karolingischen Mark, das bis zum Jahr 880 Sachsen gehört hatte. Der König warf die Dänen so machtvoll nieder, dass sie sich zur Tributpflicht bereit erklärten. Durch diesen Sieg wurde der Druck auf die Friesen, die Handelskonkurrenten der Dänen in den Nordseegewässern, gemindert und die Friesen enger an das Reich gebunden.



    Die Normannen, bekannt für ihre wilde Grausamkeit, waren zu einer Unterwerfung gezwungen worden. Sie, die mit ihren Flotten schon so lange Zeit und so oft den Rheinstrom aufwärts fuhren und mit Feuer und Schwert die ansehnlichsten Städte plünderten: Köln, das weitab vom Rhein gelegene Trier, selbst in Aachen legten sie Paläste und Bäder in Schutt und Asche. Ludwigs Gegner im Kampf um Haithabu war König Arnfast. Er unterwarf sich dem deutschen König, lehnte allerdings die Taufe ab.

    Damit stand Ludwig auf dem Höhepunkt seiner Macht. Die faktische Vormachtstellung des Reiches wurde von allen Staaten des Abendlandes anerkannt. Ludwig trug nie den Titel eines Kaisers, er strebte ihn auch nicht an. Trotzdem bezeichneten die damaligen geistlichen Schreiber bewusst als solchen, denn so empfanden sie ihn: „Kaiser ist, wessen Reich hervorragt im ganzen Erdkreis, und unter ihm gibt es die Könige anderer Reiche, die nicht Kaiser, sondern Könige heißen“.

    Angesichts seines Alters ging Ludwig III. bereits 929 daran, sein Haus für die Nachfolge zu bestellen. In seiner „Hausordnung“ zeigte er sich als weiser Fürst und Politiker: Er brach mit der karolingischen Tradition der Erbteilung des Reichs unter die Söhne des Königs. Der Gedanke der Reichseinheit, von Ludwig dem Frommen 817 proklamiert und später von ihm verraten, lebte wieder auf und zwar in einem noch entschiedeneren Sinne.



    Denn Ludwig III. schloss alle jüngeren Söhne von der Teilhabe am Königtum aus und dekretierte seinen ältesten Sohn Heinrich (historisch: Otto) zum alleinigen Thronfolger. Damit fand das Gesetz der Primogenitur seinen Durchbruch im Deutschen Reich. Ludwigs jüngster Sohn Otto (historisch: Brun) wurde der Kirche übergeben und erfüllte als Erzbischof von Köln und Erzherzog von Lotharingen seinen geschichtlichen Auftrag für Krone und Reich. Der zweitgeborene Sohn Konrad (historisch: Heinrich), ein Liebling seiner Mutter Mathilde, verblieb am Königshofe als Ersatzmann oder Nachfolger, falls dem Thronfolger ein früher Tod beschieden sein sollte. Aber war eben die Rede vom Erstgeborenen? Es gab noch einen weiteren Erstgeborenen, nämlich Thankmar, des Königs Sohn aus seiner ersten Ehe. Schon bald zeigte sich, dass der Begriff des Erstgeborenen nicht so eindeutig ist wie man denken mag. War Thankmar nicht der Älteste der Brüder? Heinrich der älteste Sohn des königlichen Herrscherpaares? Oder war vielmehr Konrad der legitime Erbe, weil er der erstgeborene Sohn war, den der König NACH seiner Krönung bekommen hatte?
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

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    Die ersten deutschen Könige

    Quedlinburg, im September 929

    Alle bedeutenden Familienmitglieder hatte der König in der großen Halle seiner Pfalz versammelt. Seine Söhne und Schwiegertöchter, seine Ehefrau, auch seine Mutter waren zugegen. Ludwig III. sah sie der Reihe nach an. Die Königin Mathilde nickte ihm zu. Sie wusste bereits, was der König ihnen zu sagen hatte.

    „Ich habe den Hoftag in Quedlinburg einberufen, um mit den Fürsten unser weiteres Vorgehen gegen die Slawen und auch die Ungarn zu beraten“, begann der König und legte die Hände um seinen Becher. „Aber der eigentliche Grund ist ein anderer. Ich werde alt. Jeden Tag kann es passieren, dass Gott mich abberuft. Und darum ist es wichtig, dass meine Nachfolge geregelt wird, und zwar im Einvernehmen mit den Herzögen, den Grafen und den Pfaffen. Ich will mein Haus ordnen.“

    Er sah seine drei Söhne der Reihe nach an. „Ich weiß, dass es im fränkischen Reich üblich war und ist, den Besitz des Vaters auf alle Söhne aufzuteilen. Aber ich gedenke nicht, das zu tun, denn unser Reich würde zerfallen. Ich weiß ebenso, dass andere es für richtig erachten, den erstgeborenen Sohn als Erben einzusetzen. Aber auch das werde ich nicht tun.“ Der König machte eine Pause, um dem Gesagten und dem folgenden Nachdruck zu verleihen. „Ich werde meinen zweiten Sohn Heinrich zu meinem Nachfolger bestimmen. Die Königin ist anderer Meinung. Sie glaubt, Konrad sollte es werde. weil er in Purpur geboren ist. Nach meiner Ansicht werden die Fürsten aber Heinrich einhelliger als meinen Nachfolger akzeptieren als Konrad. Für ihn werde ich ein schönes Herzogtum finden, wenn die Zeit kommt.“

    „Und wer genau soll es sein, der sein Herzogtum für Konrad räumt?“, erkundigte sich Mathilde. „Arnulf von Baiern vielleicht, der so gerne an Deiner statt König geworden wäre, mein Gemahl? Oder der Eberhard von Franken, dieser Ränkeschmied?“ Der König fiel ihr unwirsch ins Wort. „Konrad ist erst zehn, die Frage drängt noch nicht.“ Etwas in seinem Ausdruck bewog alle an der Tafel Versammelten, den Mund zu halten. Ein paar Herzschläge lang war nichts zu hören bis auf das Zischen der Fackeln in den schmiedeisernen Ständern und das unvermeidliche Geträller der königlichen Vögel.

    Thankmar nahm einen Schluck Wein aus seinem Becher. Obwohl er der Älteste war, hatte er nie ernsthaft damit gerechnet, dass ihr Vater ihm sein Reich vererben würde. Und das lag nicht einmal daran, dass die Gültigkeit der Ehe seiner Eltern nicht ohne Zweifel war. Solche Bedenken ließen sich ausräumen – notfalls mit einem Heer aus Panzerreitern. Thankmar wusste, dass ihm einfach etwas fehlte, um ein guter Herrscher zu sein. Die Aussicht, beim Tod des Königs die weitreichenden und einträglichen Ländereien seiner Mutter zu erben, erfüllte ihn schon mit Zufriedenheit. Vielleicht war er einfach zu bequem, um ein König zu sein. Und auch Konrad fehlte etwas, das konnte man schon heute an dem Zehnjährigen erkennen. Er war verzagt und leicht kränkbar, er schmeichelte ständig jenen, die er fürchtete. Und weil er sich dafür schämte, drangsalierte er die Sklaven, um sich stark zu fühlen. Kurz, Konrad war ein Mistkerl und würde es bleiben. Und der jüngste der Brüder, Otto, war der Kirche versprochen. Blieb nur Heinrich.

    Der Hoftag in Quedlinburg im September 929 stand also im Zeichen der Nachfolgeregelung. In der großen Halle herrschte Hochbetrieb. Wegen des anhaltenden Spätsommerwetters waren die Fenster noch nicht mit Läden verschlossen worden, so dass helles Sonnenlicht hereinströmte, in welchem Staubteilchen tanzten wie winzige Goldflocken. Schwere Eichenplatten auf Holzböcken waren zu drei langen Tischen zusammengefügt worden. Der an der Stirnwand stand auf einem leicht erhöhtem Podest, und dort saß König Ludwig III. in kostbareren Gewändern, als man ihn sonst sah. Mathilde an seiner Seite erstrahlte ebenfalls in feierlichem Brokat. Ein Mann kniete vor den beiden nieder und sagte bedeutungsvoll: „Ich bin Eurem Ruf gefolgt und nach Quedlinburg geeilt, um Euch meiner unverbrüchlichen Treue zu versichern, mein König.“

    „Habt Dank, Arnulf.“ Ludwig III. gestattete ihm mit einer Geste, sich zu erheben. „Eure Treue wissen wir ganz besonders zu schätzen.“ Man konnte meine, es läge ein Hauch Spott in den Worten des Königs. Immerhin war es der Herzog von Baiern, der hier vor ihm stand. Arnulf hatte sich nur ein gutes Jahr nach Ludwigs Königswahl zum Gegenkönig erheben lassen, und auch wenn Ludwig ihn schließlich unterworfen hatte, hieß das vermutlich noch lange nicht, dass Arnulf von Baiern seine Träume begraben hatte.

    Während der Herzog auf Mathildes Einladung an der hohen Tafel Platz nahm, betrat Giselbert von Lothringen die Halle. Er kam in Begleitung von Ludwigs Tochter Gerberga, die der König dem Herzog zur Frau gegeben hatte. Giselbert war ein Mann um die vierzig mit einem auffälligen schulterlangen Silberschopf, der ihn auf den ersten Blick weibisch erschienen ließ. Der Herzog von Lothringen mochte eitel sein, aber er war gewiss ein harter Mann und ein kluger Herrscher. Auch er beugte vor dem Königspaar das Knie und begrüßte sie förmlich. Ludwig III. sprach Giselbert herzlicher an als Arnulf von Baiern. Er stand auf, hob Giselbert an den Schultern auf und schloss erst ihn, dann seine Gemahlin in die Arme.

    Und so kamen sie einer nach dem anderen: die Herzöge Eberhard von Franken und Hermann von Schwaben hatten die prächtigsten Gewänder und das größte Gefolge, übertroffen vielleicht nur von den drei Erzbischöfen des Reiches, die genau wie die Herzöge an die hohe Tafel gebeten wurden. Grafen kamen und Bischöfe und Äbte und als einer der letzten betrat ein junger Mann ohne Gefolge die königliche Halle zu Quedlinburg.

    Er war schlicht gekleidet und trug ein als Schmuck nur ein großes Silberkreuz auf der Brust. Wenzel von Böhmen entbot dem König einen ehrerbietigen und höflichen Gruß, kniete aber nicht nieder. Das musste er auch nicht - er war dem König gegenüber tributpflichtig, sein Vasall war er aber nicht. Sein Erscheinen nahm Ludwig III. zum Anlass, der versammelten Menge seinen neuen Gast vorzustellen: Jenen slawischen Fürstensohn, den er nach der Eroberung der Brennaburg als Geisel mitgenommen hatte, damit die Treue der Unterworfenen nicht wanken möge. Der adelige Slawe war gemeinsam mit seiner Schwester nach Sachsen gebracht worden. Heinrich, der Sohn des Königs, hatte offenbar rasch Gefallen an dieser Prinzessin gefunden, denn sie hatte bald einen Sohn von ihm bekommen. Dieser hatte den Namen Wilhelm bekommen und sollte später einmal eine kirchliche Karriere machen. Eine Legitimierung des Jungen durch eine Ehe Heinrichs mit der slawischen Geisel war politisch undenkbar, auch wenn Heinrich der Dame persönlich tatsächlich zugeneigt war. Sie verschwand bald in einem sächsischen Frauenstift.

    Der Hoftag in Quedlinburg, die Adeligen und Kirchenfürsten, trommelten mit ihren Bechern auf die Tische, um ihren Beifall zu bekunden. Ihr König Ludwig hatte die Aufstände im Osten niedergeschlagen, Wenzel von Böhmen hatte sich zum Herrn Jesus Christus bekannt. „Wir sind mehr als nur der Fuß im Nacken der slawischen Völker! Wir haben feste Wurzeln geschlagen jenseits der Elbe und treue Gefolgsleute gefunden.“, betonte der König. Arnulf von Baiern entgegnete ihm rufend: „Wenn die Ungarn das nächste mal kommen, werden wir sie schon vor Prag schlagen!“ Das kam besonders gut an.

    Nun folgte nach der Zurschaustellung der prominenten Geisel die nächste Demütigung, nämlich für Thankmar. Der König hatte diesen Hoftag ganz genau geplant und durchdacht. Mit den Herzögen, den Erzbischöfen, den wichtigen Grafen, Bischöfen und Äbten hatte er längst unter vier Augen gesprochen. Dieses prunkvolle Spektakel, zu welchem auch das Vorführen der slawischen Fürsten gehörte, war nur ein Mummenschanz. Zunächst begann das Festmahl mit allem im Überfluss. Bevor der Abend zu dunkel und die Gäste zu betrunken wurden, erhob sich der König von seinem Sessel an der hohen Tafel. Augenblicklich verstummten die Spielleute, und nach und nach versiegten auch Geplauder und Gelächter, bis es still in der Halle war.

    „Edle Herren. Weggefährten, Freunde und Vasallen. Es gibt noch etwas Erfreuliches, das ich Euch mitzuteilen habe. Heinrich?“ Der Prinz nickte seiner Begleiterin zu, beide standen auf und traten vor. Ludwig stellte sich zwischen das junge Paar und nahm es bei den Händen. „Wie manche von Euch bereits wissen, habe ich mit dem König von Wessex eine Heirat für seine Schwester und meinem Sohn Heinrich ausgehandelt. Dies ist Editha von Wessex, und Ihr alle sollt bezeugen, wie ich ihre Hand an die meines Sohnes lege.“ Er führte ihre Hände zusammen, und wieder brach der Saal in Jubel aus.

    „In die Hand meines Nachfolgers“, fuhr der König fort. „Ich habe mich dazu entschlossen, mein Haus zu ordnen und meine Nachfolge zu regeln. Wisset, dass ich entschieden habe, mein Reich Prinz Heinrich zu vermachen, und zwar ungeteilt. Und wenn Ihr morgen vor mich tretet, um Eure Treuegelöbnisse zu erneuern, wünsche ich, dass Ihr auch Heinrich huldigt, Eurem zukünftigem König.“ Der so übergangene Thankmar erblickte in der applaudierenden Menge keine Kritik an der Entscheidung des Königs. Nach all den Jahren unter der Herrschaft Ludwigs akzeptierten sie es wie ein zugerittener Gaul, dem die Widerspenstigkeit ausgetrieben worden war.

    Durch die Ausschließung der anderen Söhne vom Königtum und Teilkönigtum wurde die Stellung der Herzöge im Reich gesichert. Teilkönige und Herzöge wären im Streit um ihre Stellung im Reich in grimmige Machtkämpfe verwickelt worden. So aber sollten, das war Ludwigs Absicht, die Herzöge im Gleichklang mit dem König zu Verteidigern der Reichseinheit werden.

    Es war im September des Jahres 937, da alle Söhne noch einmal in der Pfalz ihres königlichen Vaters zusammenkamen. Die Atemzüge des Königs waren mühsamer geworden, die Abstände länger, und die Augen schienen tiefer in die Höhle zurückgesunken zu sein als vorher. Seit vier Nächten wachte Ludwigs designierter Nachfolger Heinrich am Bett des Königs. Thankmar, der uneheliche Sohn Ludwigs, trat vor die Türe des Schlafgemachs und murmelte den Wachen ein paar Anweisungen zu und ging dann zu der Königin, um sie persönlich zu benachrichtigen. Heinrich setzte sich auf die Bettkante, strich seinem Vater das brüchig gewordene Haar glatt und küsste ihm die Stirn.

    Die Familie versammelte sich rasch. Als letzte der Geschwister traf Hadwig ein, das Kleid zerknittert und nachlässig geschnürt. Offenbar hatte sie darin geschlafen. Heinrich überließ den Platz an der rechten Seite des Königs seiner Mutter, die die abgemagerte Hand ihres Gemahls ergriff. Der Prinz spürte seine eigene Ehefrau Editha an seiner Seite und legte ihr den Arm die Schultern. Und dann atmete der König ein, aber nicht mehr aus.

    Vielleicht zwanzig, dreißig Herzschläge lang herrschte vollkommene Stille. Schließlich sagte Bischof Bernhard von Halberstadt mit tiefer, tragender Stimme: „So starb König Ludwig, Sohn Karls von Schwaben, Vater des Vaterlandes und Bezwinger der Ungarn, am Tage des Heiligen Mauritius, dem zweiundzwanzigsten September im Jahre unseres Herrn neunhundertundsiebenunddreißig. Möge er in Frieden ruhen.“

    „Amen“, sagten sie und bekreuzigten sich weinend. Nur Heinrichs Augen blieben trocken. Er sah auf die stille Gestalt in dem breiten Bett und dachte: „Sie werden wie Wölfe über mich herfallen. Ich soll der Löwe sein, der die Wölfe bändigt, aber Du hast mir nicht gesagt, wie man das macht.“ Heinrichs Gedanken wurden durch die Stimme des Bischofs Bernhard unterbrochen:“Gott schütze den König“, sagte er. Und dann knieten sie vor Heinrich nieder. Seine Frau Editha zuerst, was kein Zufall war, denn sie misstraute Thankmar genauso wie der Königin und wollte mit dieser Geste unwiderruflich klarstellen, wen der Bischof gemeint hatte. Die noch immer schluchzende Hadwig folgte, dann die drei anwesenden Geistlichen, zwei Bischöfe und ein Abt. Thankmar wandte sich zu Heinrich und zögerte nicht, sich neben Hadwig niederzuknien und dabei vor sich in das staubige Bodenstroh zu starren. Und schließlich Königin Mathildis, die ihren Lieblingssohn Konrad beim Ellenbogen nahm und an ihrer Seite auf die Knie zog. Reglos sah der König auf sie alle herab und dachte: „Gott steh mir bei.“

    Als Ludwig III. am 22. September 937 zu Memleben einem Schlaganfall erlag, hatte der 63jährige in fast vierzig Jahren Regierungszeit ein bedeutendes Königswerk vollbracht. Die deutschen Stämme waren geeint und der Staatsraum geschaffen, in dem sich das Schicksal der Deutschen in den kommenden Jahrhunderten erfüllen konnte.



    Hinweis: Der Spielcharakter Ludwig III. deckt gleich drei historische Könige ab: Die beiden schwachen Herrscher Ludwig das Kind, der letzte Karolinger auf dem Thron, und Konrad I. aus dem Geschlecht der Konradiner. Nach ihnen folgte historisch Heinrich I., jener König, der sich mit den Herzögen zusammentat, um 933 die Ungarn zu besiegen. Namentlich die Geschichtsschreibung des Dritten Reiches hat in Heinrich „ihren“ deutschen König gesehen. Für sie war er der ungesalbte König, der seinen Herrschaftsanspruch keiner kirchlichen Autorität verdankte. Er hatte nicht den Weg nach Rom angetreten, den man als verderblich, als undeutsch ansah. Es heißt sogar, dass Heinrich Himmler sich selbst als Wiedergänger dieses Königs mit gleichem Vornamen, der tausend Jahre vor seiner Zeit 936 starb, ansah.

    Video: Heinrich I. - Der erste Sachse auf dem Königsthron
    https://www.youtube.com/watch?v=DYpPAqks00Q


    Heinrich I., den ich hier mit Ludwig III. gleichsam „mit abgedeckt“ habe, war zudem Sachse aus dem Geschlecht der Liudolfinger. Jener erstgeborene Sohn Otto (den man später Otto den Großen nennt), den Heinrich I. zu seinem alleinigen Nachfolger wählen ließ, kommt sogar in meiner Partie vor – er bekommt dort aber nicht die Mehrheit der Kurfürstenstimmen. Bei mir sitzen noch immer die Karolinger auf dem Thron.



    In der folgenden Grafik habe ich die geschichtlichen Könige und jene meiner Partie nebeneinander gestellt. In identischer Farbe hervorgehoben sind miteinander solche, die in der Story dem historischen Vorbild meines Spielcharakter entsprechen. Das Problem ist nämlich, dass Crusader Kings 2 im Zeitraum vor 1066 lediglich den Einstieg bei den Jahren 769 und 867 zulässt. Ich muss also ab Ludwig dem Deutschen zweihundert Jahre durchlaufen lassen, da stimmen die Namen nicht immer.

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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  9. #69
    Hamburg! Avatar von [DM]
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    Danke für den Vergleich, das macht es noch etwas anschaulicher.
    Zitat Zitat von Sarellion Beitrag anzeigen
    Hamburg
    "Dänischer Merkantilismus gegen Hamburger Populismus oder wie England uns alle in den Geldbeutel steckt." [DB]

  10. #70
    The passion of lovers Avatar von Mark
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    Heinrich I. der Große (regiert 937 bis 968)

    Anlässlich der Beisetzungsfeierlichkeiten für seinen Vater Ludwig wurde Heinrichs Nachfolge von den anwesenden Großen durch Huldigung bestätigt, die offizielle Wahl erfolgte kurz darauf in Aachen, womit Heinrich an die fränkische Tradition Karls des Großen anknüpfte. Es entbrannte ein Streit darüber, welcher Erzbischof den König krönen durfte. Der von Trier brachte vor, sein Erzbistum sei das älteste im Reich, der von Köln wies darauf hin, dass der Krönungsort Aachen sich in seinem Bistum befinde. Und der von Mainz war de facto einfach der wichtigste unter den Erzbischöfen. Man einigte sich auf einen Kompromiss, der einer gewissen Komik nicht entbehrt: Der Mainzer durfte salben und krönen, der Kölner die Krone halten, der Trierer mit zum Throne gehen. Dass Heinrich den Thron Karls bestieg, war ein erster Hinweis darauf, wie er seine Königswürde verstand und wie er zu regieren gedachte. Überliefert ist auch das Königsmahl, dass sich an die Zeremonie im Aachener Dom anschloss. Da übten die wichtigsten Herzöge des Reiches erstmals die Erzämter aus – Giselbert von Lothringen war als Kämmerer für die ganze Feier zuständig, der Franke Eberhard als Mundschenk für die Getränke, der Baier Arnulf fungierte als Marschall. Alle Stämme waren hier vertreten, Heinrichs Inthronisierung also allgemein anerkannt. Die Ausübung der ehrenvollen, doch mit dienendem Charakter behafteten Erzämter signalisierte zugleich, dass Heinrich I. in den Herzögen nicht Partner bei der Regierung des Reiches ansah (wie es sein Vater getan hatte), sondern sie als Diener des Königs betrachtete, wenngleich auch die obersten Diener. Das war den Herzögen zu diesem Zeitpunkt wohl noch nicht bewusst gewesen.

    Heinrich I. war entschlossen zu zeigen, wie stark seine innenpolitische Position wirklich war. In der Familie war er als Erbe seines Vaters nicht unumstritten. Seine Mutter Mathilde bevorzugte seinen jüngsten Bruder Otto, sein mittlerer Bruder Konrad konnte für sich reklamieren, im Gegensatz zu Heinrich in purpur geboren zu sein. Er war gezeugt worden, nachdem Ludwig III. König geworden war. Nach dieser Sichtweise war Heinrich der Sohn eines Herzogs, Konrad dagegen Sohn eines Königs. Das spielte für die Menschen durchaus eine Rolle, denn dem König haftete ein besonderes Heil an, das ihm von Gott gegeben war.



    Heinrichs Fähigkeiten wurden zunächst von den Slawen und Böhmen auf die Probe gestellt, die ihre Tributpflicht abschütteln wollten. Ein Wechsel auf dem Thron schien dafür ein geeigneter Zeitpunkt zu sein. Der König setzte sich an die Spitze seiner Soldaten, war aber klug genug, sie nicht selbst anzuführen. Das überließ er erfahrenen Berufssoldaten, die im jahrzehntelangen Grenzkrieg erfahren waren, den Gegner und das Land kannten. Eine Szene aus diesem Feldzug zeigte erneut Heinrich Verständnis von seinem Königtum: Selbst in einer verzweifelten taktischen Lage steckte er nicht zurück, im Gegenteil forderte er seinen Gegner sogar zur Kapitulation auf. Alles andere passte nicht zur Ehre seiner Krone.

    In der folgenden Zeit kam es zu mehreren Wechseln in bedeutenden Ämtern. So ernannte Heinrich den Billunger Hermann zum Markgrafen für das Gebiet der Niederelbe. Die sächsischen Großen, die der Meinung waren, dass es ältere, verdienstvollere Anwärter gegeben hätte, reagierten beleidigt. Besonders Hermanns älterer Bruder Wichmann war mit der Entscheidung des Königs gar nicht einverstanden.

    Den mächtigen fränkischen Herzog Eberhard verprellte der König, als er diesen für einen Landfriedensbruch bestrafte. Zwar war Eberhard im Recht (es ging um die verweigerte Dienstpflicht einige seiner Grafen), als er eine Burg der Ungehorsamen stürmen und die Besatzung töten ließ. Heinrich I. entschloss sich, ein Exempel zu statuieren, um das Feuer der Fehde nicht weiter um sich greifen zu lassen.


    Quedlinburg, im Jahre 938

    Eine Dame traf mit einigem Gefolge am Hof des Königs in Quedlinburg ein. Ihr Name war Raginhildis von Helmern, Heinrich I. war ihr noch nie begegnet. Als die Reisegesellschaft in die Halle eintrat, nahmen Heinrich und die seinen Platz. „Hier kommt Verdruss“, ging es Thankmar, dem Halbbruder des Königs, durch den Kopf. Es lag nicht nur an den Blutschieren auf ihrem Kleid und ihrer versteinerten Miene, sondern mehr noch an der trotzigen, geradezu tragischen Art, wie sie ihren schwangeren Bauch vor sich herschob und dem kleinen Mädchen, das sie mit sich führte, die Hand auf den Kopf legte. Vor der hohen Tafel blieb sie stehen und knickste.

    „Ihr seid Raginhildis von Helmern? Was führt Euch her?“, fragte Heinrich. Sie ließ den Blick über die Menschen an der hohen Tafel schweifen, ehe sie sprach. „Wir wurden überfallen. Ohne Vorwarnung fielen sie bei Anbruch der Nacht auf unserer Burg in Helmern ein und töteten alle. Jeden Mann, jede Frau, jedes Kind.“ Heinrichs Hände umklammerten die Armlehnen seines Sessels so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. „Die Ungarn?“ Sie richtete den Blick auf ihn. „Herzog Eberhard von Franken und seine Männer, mein König.“



    Prinz Konrad setze sich ruckartig auf. „Was?“ Es war einen Moment still, dann fragte er nach: „Was ist mit Eurem Gemahl?“ Raginhildis senkte den Kopf. „Tot. Sie haben ihn an einen Baum gehängt. Meinen Jungen auch. Er war neun.“ Alle an der Tafel bekreuzigten sich. Der König stieß hörbar die Luft aus und lockerte seinen Klammergriff an den Sessellehnen. „Euer Gemahl war Bruning von Helmern, nicht wahr? Ich kenne seinen Namen, weil ich auch die Vorgeschichte dieser Bluttat kenne. Der Herzog war der Lehnsherr Eures Gemahls, aber Bruning hat ihm die Vasallendienste verweigert, war es nicht so?“ Raginhildis hielt den Kopf wieder gesenkt, um den König nicht direkt anblicken zu müssen. „Ihr habt ganz recht, mein Herr und König. Bruning glaubte, dass er niemandem Vasallentreue schulde als Euch allein, aber er hätte Euch sein Anliegen vortragen müssen, statt eigenmächtig zu handeln. Ich habe ihm gesagt, er setzt sich ins Unrecht. Doch er wollte nicht auf mich hören.“

    „Wie dem auch sei, Herzog Eberhard hat auf jeden Fall seinerseits gegen das Recht verstoßen, als er Euch überfiel und Euren Gemahl und alle anderen tötete. Auch er hätte sich an mich wenden müssen.“ Thankmar verbesserte den König: „Das hat er getan.“ Heinrich I. nickte: „Auf Umwegen, über Dich. Aber wenn er Gerechtigkeit wollte, hätte er zu mir kommen und Klage erheben müssen. Statt das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen.“ Thankmar konnte der Ansicht seines Halbbruders nicht zustimmen, denn Helmern lag im Hessengau, also war Eberhard dazu berechtigt, seinen treulosen Vasallen zu strafen. Doch die schneidende Stimme des Königs bewog ihn, den Mund zu halten.

    Heinrich wandte sich wieder an die junge Witwe. „Ihr habt recht daran getan, herzukommen, Raginhildis. Ich kann Euch den Gemahl und den Sohn nicht wiedergeben, aber ich schwöre, dass Euch Gerechtigkeit widerfahren soll. Der Kämmerer wird Euch zurück ins Gästehaus geleiten. Wartet dort. Ich lasse nach Euch schicken, wenn ich entschieden habe, wie es weitergehen soll.“ Thankmar wartete, bis die Besucher die Halle verlassen hatten, dann ersuchte er den König darum, sprechen zu dürfen. „Eberhard von Franken ist Graf im Hessengau, ob es uns nun passt oder nicht. Die Grafengewalt liegt bei ihm.“

    Prinz Konrad schaltete sich ein und konterte den Einwand: „Das gibt ihm nicht das Recht, Helmern zu überfallen und alle zu töten. Bruning hat nicht den Preis für eine gefährliche Dummheit gezahlt, sondern er hat vielemehr großen Mut bewiesen. Denn der Hessengau liegt nun mal in Sachsen, und Sachsen gehört dem König. Ich finde, Bruning hatte völlig recht: Kein Herzog von Franken darf seine gierigen Finger nach Königsgütern ausstrecken. Für mich schmeckt das verdächtig nach Verrat.“

    Heinrich I. blickte seinen jüngeren Bruder Konrad eindringlich an. „Das ist ein Wort, das man nicht leichtfertig in den Mund nehmen sollte. Jedoch – ich werde Herzog Eberhard zur Rechenschaft ziehen. Auch wenn er die Grafengewalt im Hessengau hat, hätte er sich dem königlichen Urteilsspruch unterwerfen müssen. Das hat er nicht getan, weil er die Königsgewalt nicht anerkennt und mich für schwach hält.“ Thankmar hielt weiter dagegen: „Aber es ist unklug, ihn zu demütigen. Er ist alt genug, um Euer Vater zu sein, und es ist ein hartes Los, die Krone schon praktisch in Sichtweite zu haben und dann zusehen zu müssen, wie ein anderer sie einem vor der Nase wegschnappt.“

    „Ich sehe nicht, was Eberhards Alter oder seine möglichen damaligen Absichten auf die Krone in dieser Angelegenheit eine Rolle spielen sollten“, erwiderte der König. „Er hat sich gegen mich aufgelehnt, und er hat Frauen und Kinder ermordet. Ich betrachte die Sache nüchtern: Beantworte ich diese Tat mit harter Hand, weil er ein aufsässiger Herzog ist? Rebellion ist wie ein Feuer, das im Keim erstickt werden muss, sonst gerät sie im Handumdrehen außer Kontrolle. Oder bewahre ich besser einen kühlen Kopf, um Eberhard von Franken nicht zu provozieren? Das ungefährlichste Feuer ist jenes, das gar nicht erst ausbricht. Wenn ich die Tatsachen betrachte, muss ich jedoch zu dem Schluss kommen, dass ich Eberhards Verhalten mir gegenüber nicht tolerieren darf.“

    Thankmar sollte bald erfahren, dass diese Meinungsverschiedenheit zwischen ihm und dem König von einer schwerwiegenderen Enttäuschung Heinrichs abgelöst werden sollte.
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

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    Die ersten deutschen Könige

    Magdeburg, im September 938

    „Hundetragen, was soll das sein?“, fragte Tugomir, der slawische Prinz, den König Heinrich I. als Geisel an seinem Hof hielt – eine Art Pfand dafür, dass die Slawen den Frieden mit den Sachsen einhalten. „Eine Strafe“, erklärte Waldered, ein sächsischer Mönch. „Jeder von Eberhards Männern, der an dem Überfall auf Bruning von Helmern beteiligt war, muss einen Hund von der Johanniskirche bis zu der Pfalz tragen. Zu Fuß, natürlich. Einen fetten, alten oder sogar toten Hund. Der Brauch ist uralt und geht auf Zeiten zurück, als es üblich war, treulose und bissige Hunde zusammen mit menschlichen Übeltätern aufzuhängen. Es soll den Franken vor Augen führen, dass sie nur so gerade eben der Todesstrafe entgangen sind. Diese Hunde sind nicht zur Jagd geeignet. Das soll symbolisieren, dass die Träger ihren Adelsstand verwirkt haben. Es ist eine Ehrenstrafe, versteht ihr, und deswegen besonders bitter für Eberhards Männer, die allesamt Edelleute sind.“

    Der slawische Prinz verstand nun. „Ich hörte bereits, dass Eberhard selbst zur Strafe einhundert Pfund in Pferden bezahlen muss. Ich hätte gedacht, Brunings Witwe wäre Silber lieber.“ Der Mönch hob kurz die Hände. „Aber der König braucht die Pferde für den Krieg. Nicht die Witwe wird entschädigt, sondern der König. Er war die geschädigte Partei, weil Herzog Eberhard sich über ihn hinweggesetzt hat, als er eigenmächtig gegen den armen Bruning vorging. Nun hat Eberhard erfahren, dass er sich verrechnet hat, als er den König herausgefordert hat.“

    Das war wohl wahr – der König hatte angedroht, sein Reiterheer nach Franken zu führen. Eberhard war nichts anderes übrig geblieben, als klein beizugeben, denn er konnte nicht hoffen, es zu besiegen. Vermutlich hatte Eberhard darauf gebaut, dass der König derzeit nicht genügend Männer gehabt hätte, um sie gegen ihn zu führen.

    Als die Männer durch die Gassen Magdeburgs schritten, ihre Gesichter vor Ekel vor den Hunden auf ihren Armen sowie vor zornigem Scham verzehrt, da wurden sie von der Menge mit Steinen und Pferdeäpfeln beworfen und beschimpft. Die Stimmung war aufgeladen und hässlich. Vor der Pfalz durften sich die Gedemütigten ihrer Lasten entledigen. Einige Sklaven eilten herbei, um die Kadaver einzusammeln und die lebendigen Hunde mit ein paar Tritten aus der Pfalz zu jagen. Vor dem König, neben dem Herzog Eberhard eine Treppenstufe tiefer stehen musste, sanken die fränkischen Edlen auf die Knie. Heinrich I. sah mit undurchschaubarer Miene auf sie hinab. Schließlich sagte er: „Ihr habt den Frieden gebrochen und schweres Unrecht begangen. Eure Strafe mag Euch hart erscheinen, doch ich kann Euch nur raten: Lasst sie Euch eine Lehre sein. Ein jeder von Euch hat sich gegen mich aufgelehnt und zum Wohle meiner Untertanen kann ich dies nicht dulden. Und darum war es heute das letzte Mal, dass Aufrührer mit dem Leben davongekommen sind.“ Die Männer tauschten unbehagliche Blicke aus, nur ihr Herzog verharrte mit starrem Blick neben dem König. Es war klar, dass Heinrich vor allem ihn meinte, obwohl er vorgab, zu dessen Männern zu sprechen. „Doch nun habt Ihr Eure Strafe verbüßt“, fuhr Heinrich nun lächelnd fort, „und Ihr sollt wissen, dass ich jeden von Euch in Gnaden wieder aufnehme.“

    Eberhard wurde also zu einer Buße von 100 Pfund Silber verurteilt, zahlbar in Pferden der besten Rasse. Seine Unterführer mussten von einem bestimmten Platz in Magdeburg aus Hunde zur königlichen Pfalz tragen. Das war eine der schimpflichsten Strafen überhaupt, denn man war damit buchstäblich „auf den Hund gekommen“.

    Jedoch die Strafen verfehlten ihre Wirkung, sie heizten die Kämpfe im Reich sogar an. Man fragt sich, was konnte Heinrich dazu getrieben haben, die Franken, seine treuesten Verbündeten, so zu demütigen?

    Im Fall des Herzogtums Baiern dagegen war Heinrichs Vorgehen nachvollziehbar. Hier war der Herzog Arnulf gestorben, der gleiche, der damals in Baiern bereits königsgleiche Macht ausübte und von Ludwig III. dazu bewogen werden konnte, auf sein Königtum zu verzichten. Als Ausgleich dafür hatte König Ludwig dem Baiernherzog Königsrechte, zum Beispiel das Recht der Investitur, der Bischofseinsetzung, überlassen. Beim Tod des Herzogs Arnulf betrachtete König Heinrich I. diese Rechte als erledigt und der Krone zugehörig. So kam es zum offenen Konflikt mit Arnulfs Sohn Eberhard. Heinrich wagte einen Feldzug, konnte sich wegen zu geringer Truppenmacht aber nicht gegen den aufsässigen Baiern durchsetzen.

    Eine weitere folgenschwere Entscheidung traf der König nach dem Tode des Grafen Siegfried von Merseburg im Jahre 938. Heinrich I. setzte den Grafen Gero in dieses Markgrafenamt ein, den jüngeren Bruder des Verstorbenen. So weit, so gut. Das Problem bestand darin, dass Heinrichs älterer Halbbruder Thankmar, der Sohn König Ludwigs III. aus seiner ersten Ehe, begründeten Anspruch auf die Markgrafschaft erheben konnte. Zum ersten war er des Königs Halbbruder, zum zweiten hatte er als Sohn der Hatheburg, die die Erbtochter des Grafen von Merseburg gewesen war, Anspruch auf das mütterliche Erbgut. Hatte schon König Ludwig unrecht gehandelt, als er nach der Trennung von Hatheburg (das war die Witwe, die bereits den Schleier genommen hatte) deren merseburgische Erbgüter einbehielt, so wurde an Thankmar erneut Unrecht geübt, indem König Heinrich es unterließ, Thankmar durch Vergabe des Markgrafenamtes wieder in seine Rechte einzusetzen.

    „Auf ein Wort, edler Herzog“, sprach Thankmar aus, nachdem er sich vergewissert hatte, dass er und der Herzog von Franken nicht beobachtet wurden. Während in der Kirche der Magdeburger Pfalz noch die Messe gelesen wurde, hatte Thankmar den Herzog Eberhard zu einem konspirativen Treffpunkt bestellt. Der Franke schloss leise die knarrende Tür des kleinen Hauses, und dann herrschte einen Augenblick Stille. „Wie nett, dass Ihr es einrichten konntet. Willkommen zu unserem kleinen Verschwörertreffen.“ Eberhard von Franken verschränkte die massigen Arme. „Ich kann nicht sagen, dass das Wort mir gefällt.“

    „Vergebt mir. Wie würdet Ihr es nennen, wenn ein gedemütigter Herzog und ein gleichfalls gedemütigter Prinz sich heimlich an einem abgeschiedenen Ort zusammenfinden?“ Eberhard hob seine grauen Augenbrauen an: „Gedemütigt? Ihr? Weil der König Euren Vetter Gero bei der Vergabe der Grafschaft Merseburg und der Ostmark bevorzugt hat, statt Euch zu berücksichtigen? Nichts als Verdruss wird Gero dort mit den verfluchten Slawen haben. Aufstände, Rebellionen, Überfälle aus dem Hinterhalt, keinen Tag Ruhe. Ich hätte Euch für klüger gehalten, als ihn darum zu beneiden.“

    „Ihr versteht mich falsch. Ich bin keineswegs versessen darauf, Heinrichs scharfes Schwert gegen die Slawen zu sein. Aber ich will mein Erbe. So wie Ihr die Unabhängigkeit Eures Herzogtums wollt und freie Grafengewalt im Hessengau. Die der König Euch vorenthält. Und da wir dieses traurige Schicksal teilen, sollten wir uns darüber unterhalten.“ Der Herzog blickte weiterhin misstrauisch Thankmar an: „Das hört sich nach Rebellion an. Woher soll ich wissen, dass Ihr mir nicht im Auftrag des Königs eine Falle stellt? Bislang wart Ihr immer ein Herz und eine Seele.“

    Der Prinz lachte gedämpft auf. „Das ist vielleicht eine Spur übertrieben. Ich stelle Euch keine Falle, ebenso wenig will ich Euch zur Rebellion anstiften. Ja, wir misstrauen uns. Wir beiden mögen einander nicht einmal sonderlich, nicht wahr? Aber ich weiß, dass Ihr ein kluger Mann seid. Nicht verbittert wie Arnulf von Baiern, nicht dumm und eitel wie Giselbert von Lothringen und erst recht kein sanftes Lamm wie Hermann von Schwaben. Ihr seid ein Realist und erkennt, dass Heinrich die Macht des Adels zugunsten der Krone schwächen will. Männer wie wir es sind, will der König zurechtstutzen. Wir hingegen haben ein Interesse daran, unsere Rechte zu wahren und zu verteidigen. Gebt Ihr mir recht?“

    „Ich stimme zu, dass wir hier nur mit Handeln etwas ausrichten können. Doch das ist leichter gesagt als getan“, nickte Eberhard, auf dessen Hals nun rote Flecken der Erregung zu sehen waren. Thankmar verriet ihm seinen Plan: „Fallt mit Euren Truppen in Sachsen ein. Genau gesagt in Westfalen. Ich werde das gleiche Risiko eingehen und mit eintausend Männern von meiner Burg in Teistungen ebenfalls nach Westfalen marschieren und Euch dort erwarten. Dort befindet sich unser Druckmittel, mit dem wir den König gefügig machen werden.“


    Der historische Stammbaum der Ottonen

    Der um sein Erbe gebrachte Thankmar verbündete sich mit dem Herzog Eberhard von Franken und belagerte die Feste Belecke bei Arnsberg. Thankmar nahm die Burg, gab sie seinen Soldaten zur Plünderung frei und nahm als wertvollste Beute Konrad, den jüngeren Bruder Heinrichs, der in der Feste weilte, gefangen. Thankmar lieferte den Königsbruder Konrad an den Frankenherzog Eberhard aus. Dann zog Thankmar gegen die Eresburg weiter, nahm auch diese ein und nutzte sie als Ausgangspunkt seiner Raubzüge in die Umgebung.

    Der König hatte sich nur schwer entschließen können, energisch gegen seinen Stiefbruder einzugreifen, denn er hatte ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen. Aber Milde wäre hier mit Schwäche gleichgesetzt worden, und zu demonstrieren war, dass die eigene Verwandtschaft so wenig Nachsicht erwarten durfte wie jeder andere, der sich gegen den rechtmäßigen Herrscher erhob. König Heinrich I. zog mit einem Heer vor die Eresburg und belagerte sie. Die Besatzung erkannte schnell, dass sie sich gegen die Übermacht des Königs nicht halten konnte. Sie fiel von Thankmar ab und lieferte die Burg aus.
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

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    Eresburg, Juli 938

    Auf der Innenseite des Tores polterte der Sperrbalken und das Tor der Burg öffnete sich vor dem König und seinen Truppen, die in Waffen vor ihr lagerten. „Nein!“, rief Thankmar auf der Balustrade, das Entsetzen in seiner Stimme unüberhörbar. Heinrich I. schaute nicht zu ihm hoch, sondern hielt den Blick unverwandt auf das Tor gerichtet. Langsam schwangen die hohen Flügel nach innen. Der Erste, der heraustrat, war Wichmann Billung. Er war sehr bleich, und er bewegte sich langsam. Man konnte ahnen, wie schwer es ihm fiel, einen Fuß vor den anderen zu setzen und die wenigen Schritte bis zum König zurückzulegen. Doch als er vor ihm stand, zögerte er nicht. Er sank auf die Knie und erflehte Vergebung.

    Heinrich hielt sich nur mit Mühe davon ab, ihn wegzustoßen und ihm den Kopf abzuschlagen. Er hasste Wichmann dafür, dass der Verräter gegen ihn nun auch Thankmar verriet. Aber er hatte keine Wahl, er brauchte diesen Mann auf seiner Seite. „Euch ist vergeben, Wichmann“, antwortete er förmlich, um dem reuigen Sünder klarzumachen, dass noch viel tun musste, bevor aus der Floskel Wahrheit wurde. Der stolze Wichmann Billung wischte sich eine Träne vom Gesicht, beugte sich vor und küsste seinem König den staubigen Stiefel.

    Der Kampf um die Eresburg war vorüber, bevor er richtig begonnen hatte. Die Rebellen ergaben sich den königlichen Truppen, warfen ihre Waffen weg und ließen sich anstandslos festnehmen. Nur nahe der Kapelle am nördlichen Rand der Anlage hatte sich eine kleine, entschlossene Schar zusammengerottet und leistete Widerstand, obwohl sie zahlenmäßig unterlegen war. Thankmar selbst kämpfte mit dem Schwert in der Hand gegen die Soldaten des Königs. Doch bald stand er allein. Die wenigen Überlebenden, die noch bei ihm waren, ließen unsicher Schilde und Schwerter sinken. Ein halbes Dutzend der Königstreuen drang auf Thankmar ein und drängte ihn kämpfend über die Schwelle in das dunkle Innere der kleinen Kirche zurück. Da gebot der König mit einem Ruf Einhalt und der Waffenlärm aus der Kirche verstummte.

    Einen Moment geschah überhaupt nichts, dann kamen fünf von Heinrichs Männern rückwärts ins Freie, zögernd, die Waffen einsatzbereit erhoben. Sechs von ihnen waren hineingegangen, aber einer kehrte nicht zurück. Im Burghof war es still geworden. Man hörte das Stöhnen der Verwundeten und ein gelegentliches Schnauben der Pferde, aber das war alles. Der König trat an die Türöffnung der Kapelle, hinter der nur Schwärze zu liegen schien. „Thankmar. Komm heraus, Deine Rebellion ist tot.“ Heinrich machte keine Versprechungen, und seine Stimme klang nicht so, als sei er zu Milde aufgelegt. Der König ging einige Schritte zurück zu seinen Männern. „Lasst ihm einen Moment. Er wird kommen, aber er wird die Waffen nicht niederlegen. Tötet ihn nicht. Ich will nicht, dass mein Bruder stirbt.“

    Im Inneren der Kirche stand Thankmar vor dem Altar, den Kopf gesenkt, und legte langsam das Schwert ab. Das reich bestickte Tuch, das den Tisch seines Gottes bedeckte, war sogleich blutverschmiert, aber der Prinz beachtete es nicht. Dem Schwert folgte das lange Jagdmesser, das er in der Linken gehalten hatte. Dann hob er beide Hände mit bedächtiger Langsamkeit, und nahm die Goldkette ab. Er ließ die schweren, satt glänzenden Glieder durch die Finger gleiten und legte die Kette, das Zeichen seiner prinzlichen Würde, auf dem Altar ab. Da verdunkelte etwas das Licht, das durch das Ostfenster in die Kirche fiel und Thankmar taumelte einen Schritt nach vorne. Er brach in die Knie und sah ungläubig an sich herab. Eine blutverschmierte Lanzenspitze ragte eine Handbreit unter dem Herzen aus seiner linken Brust.

    Was geschehen war: Thankmar, von allen verlassen, schlug sich mit dem Schwert durch in die Kirche der Eresburg, wo er seine Waffen und seine goldene Halskette auf dem Altar ablegte, die Zeichen des Kriegers und des Thronfolgers. Eine symbolische Handlung, mit der er seine Kapitulation erklärte. Das Allerheiligste galt von alters her als Freistatt, als Asyl, das dem bedrohten Menschen den Frieden Gottes gewährte. Die Verfolger brachen den Frieden, drangen auf den Wehrlosen ein und töteten ihn mit einem Lanzenstoß in den Rücken. Ein Krieger, der Maicia hieß, gab ihm den Fangstoß und plünderte den Toten aus.



    Als man Heinrich das gewaltsame Ende Thankmars meldete, befiel ihn Ekel und Scham. Das hatte er weder befohlen noch gewollt. In der ersten Empörung über die ruchlose Tat wollte der König die Übeltäter bestrafen, ließ aus Gründen der Vernunft dann davon ab. Thankmars kriegerische Tüchtigkeit lobte der König, hielt vor Ort aber Gericht über vier der vornehmsten Anhänger Thankmars und übergab sie am selben Abend dem Henker, der sie, nachdem sie ihr letztes Gebet gesprochen, an den Galgen hängte.

    Dasselbe Schicksal drohte jetzt Herzog Eberhard von Franken, der sich nach dem Tod des mächtigen Komplizen allein gelassen sah. Er wollte Frieden mit dem König, aber das „Pfand“, das ihm Thankmar hinterlassen hatte, brannte jetzt wie Feuer: Konrad lag in Ketten im Turmverlies. Der Plan, den der Franke nun ausheckte, schien aberwitzig, aber er hatte Methode. Er warf sich dem Prinzen zu Füßen, erflehte seine Verzeihung und bat ihn, sich bei seinem großen Bruder Heinrich für ihn zu verwenden. Wenn er Vergebung erlangt habe, würde er später dafür sorgen, dass Konrad auf den Thron käme. Denn Eberhard wusste sehr gut, dass der Purpurgeborene sich nach wie vor für den rechtmäßigen Thronfolger hielt. Konrad ging auf den Pakt ein. Er kehrte nach Quedlinburg zurück, wo ihn Heinrich I. wie einen verlorenen Sohn empfing.




    Magdeburg, August 938

    Eberhards Lippen verweilten nur einen Moment auf Heinrichs Fuß, dann richtete der Herzog sich wieder auf die Knie auf, und der König sah genau, dass es ihn Mühe kostete, sich nicht mit dem Ärmel seines kostbaren, dunkelgrünen Gewandes über die Lippen zu fahren. „Ich höre“, sagte Heinrich.

    „Ich erflehe Eure Vergebung für mein Aufbegehren gegen Euch und Euren Thron, mein König, und gelobe, Euch fortan die geschuldete Treue zu halten.“ Heinrich I. setze demonstrativ nach: „Und wie lange diesmal? Das Gleiche habt Ihr vor einem Jahr schon einmal geschworen.“

    Eberhard war bleich, und feine Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Fast hätte man meinen können, diese neuerliche Unterwerfung bereite ihm körperliche Qualen. „Ich weiß sehr wohl, dass ich hohe Ansprüche an Eure Milde stelle. Aber wessen Milde könnte höher sein als die des Königs?“, brachte er hervor und verlagerte das Gewicht seines Körpers ein wenig zur Seite, weil ihn vermutlich die Knie schmerzten. Heinrich I. dachte nicht daran, ihn aufstehen zu lassen. Er legte die Hände auf die Armlehnen des Sessels und beugte sich vor. „Und was würdet Ihr an meiner Stelle tun, Eberhard?“, fragte er stattdessen.

    Der Herzog verengte die Augen und sah ihm einen Moment direkt ins Gesicht, ehe er demütig den Blick wieder senkte. „Ich bin hier, um ein Urteil zu empfangen, nicht, um eines zu fällen.“, gab er zurück. Der König gab sich damit nicht zufrieden. „Da Ihr indes glaubt, dass eigentlich Euch die Krone zusteht, die ich trage, hätte ich doch zu gern gewusst, wie Ihr an meiner Stelle entscheiden würdet.“ Es wurde noch stiller in der Halle, falls das möglich war. Heinrich I. hatte seinen gesamten Hof versammelt, um möglichst viele Zeugen für Eberhards neuerlichen Treueschwur zu haben, aber auch, um dies hier für den abtrünnigen Frankenherzog so schlimm wie möglich zu machen.

    „Das ist nicht, was ich glaube“, antwortete Eberhard in die Stille hinein. „Ich will aufrichtig sein, mein König.“ Er ignorierte das spöttische Hüsteln, das hier und da zu vernehmen war. „Ich gebe zu, meine Familie und damit ich wäre gern auf den Thron gefolgt. Doch die Herrschaft Eures Vaters war offenbar von Gott gewollt, sonst hätte König Ludwig sich nicht gegen so viele Widerstände durchsetzen können. Nur ein Narr lehnt sich gegen Gottes Willen auf, und ich bin überzeugt davon, dass Gott auch König Ludwigs Sohn als dessen Nachfolger ausersehen hat.“

    „Wenn Ihr so überzeugt davon seid, dann erklärt dem Hof, warum Ihr Euch gegen mich erhoben habt.“

    „Weil ich nicht glaube, dass die Krone das Recht hat, die Macht des Adels zu beschränken. Ich wollte mir das zurück erkämpfen, was Ihr mir genommen habt. Aber ich habe meinem Kampf verloren, darum bleibt mir nichts anderes übrig, als mich Eurem Urteil zu unterwerfen.“ Der König befand, dass er den Herzog nun genug hatte schmoren lassen. „Also hört meinen Richterspruch, Eberhard von Franken. Ich schone Euer Leben noch ein letztes Mal. Das verdankt Ihr allein der Fürsprache des ehrwürdigen Erzbischofs von Mainz, Eures Vetters Hermann von Schwaben und meines Bruders Konrad, die alle drei um Milde für Euch gebeten haben. Doch mein Vertrauen in Euch und Eure Treueschwüre ist erschüttert, und ich verbanne Euch aus dem Herzogtum Franken und schicke Euch bis auf Weiteres nach Hildesheim in Festungshaft. Ihr dürft Euch erheben.“

    Eberhard kam nicht ganz ohne Mühe auf die Füße. Sein Urteil nahm er wortlos auf, mit einer tiefen Verbeugung. Er schwitzte noch ein bisschen mehr als zuvor. Vermutlich war es die Erleichterung, mit dem Leben davongekommen zu sein. Heinrich I. gab den Wachen ein Zeichen, und sie führten den Herzog hinaus. Das Volk draußen bildete bereitwillig eine Gasse, um ihn hindurchzulassen.

    Durch Konrads Fürsprache durfte Eberhard also vor dem König erscheinen, wurde aus Gründen der Staatsräson für ein paar Monate ins Exil geschickt und anschließend wieder, nachdem er erneut Treue geschworen, in seinen alten Ämtern und Ehren bestätigt. Ein Unruheherd war beseitigt, den zweiten, immer noch schwärenden in Baiern erstickte Heinrich I. durch einen raschen Feldzug, und auch die wieder in Sachsen eingedrungenen Ungarn konnte er aufs Haupt schlagen. Alles schien in Ordnung gebracht.

    Sein Bruder Konrad war es, der den erneuten Aufruhr entfachte. Er hatte nichts von der Biederkeit des Königs. Konrad war verschlagen, listig, heimtückisch, arbeitete mit Bestechungsgelder, ließ dem König einmal durch einen Boten „eine lange und gesegnete Regierungszeit“ wünschen, während dem Boten Truppen folgten, die diese Zeit beenden sollten. Die Herzöge von Lothringen und Franken wusste er auf seiner Seite, denn sie erwarteten unter einer Regierung Konrads eine Wiederherstellung ihrer früheren Rechte, wie sie sie unter Ludwig III. ausüben konnten. Außerdem raunte man sich im Volke zu, König Heinrich sei in der Nacht zu Karfreitag wider das göttliche Gebot von seinem Vater gezeugt worden und deshalb vom Teufel verflucht, stets Zwietracht zu säen. Dem König kam dies bald zu Ohren, wie das folgende Bild zeigt:



    Es war im September 939, als Franken und Lothringen vom König abfielen und für ihre Ziele sogar Hilfe suchten bei dem französischen König Ludwig III. dem Flüsterer. Gehetzt von den eigenen Landleuten, bedroht vom Landesfeind, verlassen von Männern, die er für seine Freunde gehalten hatte, sah sich König Heinrich bald in verzweifelter Lage. Sogar Berater legten ihm nahe, abzudanken, da er nur Unglück hatte. Und Unglück, das Fehlen des Königsheils, war dasselbe wie Schuld. Heinrich I. aber glaubte an seine Sendung als Werkzeug Gottes, und Gott hatte ihn nicht auserwählt, um ihn scheitern zu lassen. Exemplarisch war ein Ausspruch Heinrichs, als ihm ein mächtiger Graf drohte, er werde ihn verlassen, wenn er nicht die Einkünfte eines reichen Klosters erhalte: „Es steht geschrieben, man solle das Heiligste nicht den Hunden vorwerfen. Und du, der du so schamlos mich zu erpressen suchst in meiner Not, du wirst von mir nichts bekommen. Willst du mich deswegen im Stich lassen wie die anderen – je eher, desto besser!“

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    Geändert von Mark (06. September 2016 um 11:18 Uhr)
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    Die ersten deutschen Könige

    Die tiefe Religiosität dieses Königs hatte etwas Kindliches und Erschütterndes zugleich. Die himmlischen Heerscharen, die schutzgewährenden Heiligen waren für ihn Mächte, die wirklich existierten, die geradezu verpflichtet waren, ihm zu helfen. In der Nähe von Xanten wurden Heinrichs Truppen während des Übergangs über den reißenden Strom von überlegenden feindlichen Kräften angegriffen. Der Brückenkopf auf dem linken Ufer konnte mangels einer geeigneten Transportflotte nicht verstärkt werden. Eine Katastrophe schien unvermeidlich.


    Birten, März 939

    „Jesus, erbarme dich“, murmelte Vater Widukind, bekreuzigte sich und blickte über den gewaltigen Strom aufs andere Ufer. „Wenn es stimmt, was die Männer sagen, dass der König noch niemals eine Schlacht verloren hat, dann wird es heute das erste Mal sein. Er ist Konrad geradewegs in die Falle gegangen.“ Er wandte den Kopf und blickte zum König hinüber, der keine zehn Schritte entfernt im Sattel saß und ebenso wie sie auf die andere Rheinseite starrte. Nichts regte sich in Heinrichs Gesicht, aber es war so bleich, als habe er eine Wunde erhalten, aus der sein Lebensblut entströmte. Und in gewisser Weise war es so.

    Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. Heinrich I. hatte dank der Warnung der Herzogin Cecilie viel schneller gehandelt, als die Verschwörer in Lothringen sich hätten träumen lassen. Der König hatte den sächsischen Adel zu den Waffen gerufen und bei der Gelegenheit festgestellt, dass die überwältigende Mehrheit nach wie vor auf seiner Seite stand. Gewiss, einige einflussreiche Männer, hatten Konrads Aufruf zum Sturz des Königs ignoriert, aber zusammen mit den Panzerreitern hatte Heinrich ein Heer von beängstigender Größe aufgeboten und in Eilmärschen nach Westen geführt. Wieder einmal hatte seine Detailversessenheit und sein Organisationstalent sich als segensreich erwiesen. Trotz der Eile und der Größe der Truppe mangelte es weder an Proviant noch an Waffen, Zelten oder Pferden. Und je weiter sie nach Westen kamen, desto milder wurde die Witterung. Sie waren den Hellweg entlanggezogen, der sie schließlich auch zu Konrads Burg in Dortmund führte. Als deren Garnison die königlichen Truppen sah, erinnerte sie sich an Thankmars Schicksal, öffnete die Burgtore und unterwarf sich Heinrich. Der König hatte die strategisch wichtige Festung Dortmund einem vertrauenswürdigen Kommandanten unterstellt und war dann weitermarschiert, bis sie an das Ufer des gewaltigen Rhein gekommen waren.

    Der Rhein durchschnitt ein weites Flachland, das auf der Ostseite dicht bewaldet war. Am anderen Ufer lag indessen ein Dorf, und nachdem die Flößer und Fischer, die es bewohnten, einmal begriffen hatten, dass es ihr leibhaftiger König war, der über den Fluss wollte, hatten sie alles an Booten und Kähnen herübergebracht, was sie hatten. Die meisten dieser Gefährte waren aber zu klein, um mehr als drei Panzerreiter aufzunehmen, und es dauerte über eine Stunde, auch nur die ersten zehn Dutzend von ihnen herüberzuschaffen. Und dann war selbst diese mühselige und langsame Flussüberquerung zum Erliegen gekommen, weil die Bootsführer plötzlich nicht mehr herübergerudert waren, ihre Boote am anderen Ufer vertäut und sich in Luft aufgelöst hatten.

    „Das scheint nichts Gutes zu bedeuten“, argwöhnte Widukind, und er täuschte sich nicht. Die gut einhundert königlichen Panzerreiter am anderen Ufer hatten sich noch nicht formiert, als aus dem Wald jenseits des Dorfes eine langgezogene Reihe mit Feldzeichen zum Vorschein kam, gefolgt von Fußsoldaten in unordentlichen Knäueln. Ein seltsam gedämpfter Aufschrei des Entsetzens, wie ein Stöhnen aus tausend Kehlen, ging durch die Reihen der königlichen Truppen am diesseitigen Ufer. „Giselbert und Konrad...“, flüsterte Widukind erschüttert.

    Der Strom von Feinden dort drüben versiegte nicht. Wer immer gesagt hatte, Giselbert von Lothringen habe eine große Truppe aufgeboten, hatte nicht übertrieben. Und nun saßen Heinrich und die Seinen hier auf der falschen Rheinseite fest und konnten nicht anderes tun als mit ansehen, wie die Panzerreiter niedergemetzelt wurden. Der König erkundigte sich, wie tief der Fluss sei und ob Pferde hindurchwaten oder -schwimmen könnten. „Nie und nimmer“, musste ihm sein Kommandant sagen. „Der Rhein ist tief, seine Strömung tückisch. Eine Stück nördlich von hier gibt es nördlich ein Dorf namens Xanten. Dort könnten wir gewiss Boote und sogar Schiffe finden, aber wir kämen niemals rechtzeitig, um die zu retten, mein König.“ Der Mann bekreuzigte sich.

    Heinrich I. sah von seinem Pferd auf ihn hinab und nickte, scheinbar versonnen. Die königlichen Soldaten am anderen Ufer gerieten in Panik, als sie sahen, welch feindliche Übermacht aus dem Wald hervorbrach, und sie liefen durcheinander wie Ameisen. Pferde stiegen und gingen durch, aber auf am Ostufer hörte man kein Wiehern. Dort hörte man überhaupt nichts, es war einfach zu weit weg. Und die Lautlosigkeit, mit der das Schicksal am anderen Ufer seinen Lauf nahm, machte es nur noch schrecklicher. „Gottfried, reite nach Xanten und bring so viele Schiffe und Boote hierher, wie Du kannst. Beeil Dich.“

    „Ja, mein König.“ Gottfried stieg auf sein Pferd, winkte zwei Männer zu sich, und im nächsten Moment preschten sie in nördlicher Richtung davon. Da stieg Heinrich I. vom Pferd und ließ sich die Heilige Lanze reichen, stieß sie in die Erde, kniete nieder und riss sich den Helm vom Kopf. Mit zum Himmel gereckten Armen betete er um den ihm zustehenden göttlichen Beistand. „Gott, Schöpfer und Lenker aller Dinge!“, rief Heinrich mit klarer Stimme, das Gesicht zum wolkenlosen Himmel emporgehoben. „Sieh hinab auf Dein Volk, an dessen Spitze Du mich gestellt hast. Entreiße es seinen Feinden, auf dass alle Völker erkennen, dass gegen Deinen Willen kein Sterblicher etwas vermag. Denn Du bist allmächtig und lebst und herrscht in Ewigkeit. Amen.“ Er küsste die Lanze und ließ sie dann sinken, während er über den Fluss schaute. Er machte keinerlei Anstalten, wieder aufzustehen, und schließlich trat Widukind zu ihm und kniete an seiner Seite nieder. Zwei oder drei der berittenen Soldaten saßen ab und folgten seinem Beispiel, dann ein Dutzend, dann noch eines, bis es schließlich an die fünfzig gerüstete Krieger waren, die sich niedergeworfen hatten und stumm Gottes Beistand erflehten.



    Es mussten an die zweitausend Mann sein, die Konrad und Giselbert am westlichen Ufer positioniert hatten, um den königlichen Truppen beim Überqueren des Rhein aufzulauern. Das war eine Übermacht von zwanzig zu eins. Niemand konnte Heinrichs Männer retten. Die hatten ihre anfängliche Verwirrung inzwischen überwunden , hatten sich darauf besonnen, dass die königliche Panzerreiter waren, und sich formiert. Ein länglicher Fischteich lag zwischen ihnen und Konrads Truppe und bot ihnen ein wenig Aufschub, denn offenbar war er zu tief oder zu sumpfig, um ihn zu durchwaten, und für eine kurze Zeit geriet der Aufmarsch der Lothringer ins Stocken. Das klägliche Häuflein Panzerreiter setzte sich mit einem Mal in Bewegung. Sie hatten sich aufgeteilt und ritten in entgegengesetzten Richtungen um den Fischteich herum. Vielleicht noch hundert Schritte von dem ungeordneten, riesigen Heerhaufen entfernt, galoppierten sie an, ihre Linien zogen sich auseinander, und exakt im selben Moment stießen die Panzerreiter in die Flanken ihrer Feinde.



    Wurflanzen und Pfeile flogen, Panzereiter stürzten getroffen aus dem Sattel, die reiterlosen Pferde gerieten in Angst und machten kehrt, sodass sie den nachfolgenden in die Quere kamen. Doch die dezimierten Panzereiter brachten sich unbeirrt in Keilformation und stießen wie Lanzenspitzen in die feindlichen Reihen. Das Heer der Lothringer begann nach links und dann nach rechts zu wogen wie die Wellen auf einem See an einem windigen Tag. Sie prallten gegeneinander, als versuchten sie, widersprüchliche Befehle zu befolgen, und die Panzereiter setzten ihren Flanken so schwer zu, dass die Lothringer immer weiter zur Mitte drängten, wo es so eng wurde, dass sie anfingen, übereinander herzufallen. Wieder gingen Pfeilhagel auf beide Abteilungen von Heinrichs Männern nieder, wieder wurden sie ausgedünnt. Aber Reiter und Pferde waren so gut geschult, dass der todbringende Keil, den sie bildeten, nicht kleiner zu werden schien. Immer größer wurde die Unordnung unter den Lothringern. Niemand schien sie mehr zu führen – waren vielleicht Giselbert und Konrad womöglich gefallen? Und dann geschah das Wunder.

    Erst vereinzelt, dann waren es ganze Scharen der Lothringer, die kehrt machten und geduckt bis zum Rand des Waldes liefen, aus dem sie so siegesgewiss herausgetreten waren, und verschwanden. Und schließlich wurde ihr Rückzug ein Dammbruch. Allesamt kehrten sie den herannahenden Reitern den Rücken, warfen die Waffen von sich und rannten um ihr Leben. Nicht wenige rannten vergebens, denn die königlichen Truppen machten jeden nieder, den sie einholten. Doch waren sie klug genug, den Flüchtenden nicht in den Wald zu folgen. Als das ganze stolze Heer der Lothringer verschwunden war, als hätte Gott selbst es mit einer beiläufigen Handbewegung vom Angesicht der Erde gefegt, kehrten die Panzereiter dem Waldrand den Rücken, ritten wieder in zwei Gruppen um den Fischteich herum, formierten sich am Ufer des Rheins zu einer Linie und legten die rechte Faust auf die linke Brust, um ihren König zu grüßen.

    Dieser König war der Auserwählte Gottes. Tränen rannen den ergriffenen Kriegern, die im Beisein des Königs waren, über die Wangen. Wenig später kamen die Schiffe aus Xanten und setzten Heinrichs Heer über den Rhein. Heinrichs Gebet, mit der Heiligen Lanze in der Hand, war offenkundig von Gott erhört worden! Dem kleinen Haufen Gewappneter auf dem linken Ufer, vielleicht hundert an der Zahl, war es durch Kriegslist gelungen, die Übermacht zu zersprengen, wobei Prinz Konrad einen Schwerthieb auf sein Kettenhemd kassierte, an dessen Folgen er sein ganzes Leben lang zu leiden hatte. Herzog Giselbert von Lothringen war unverletzt geblieben, und beide waren entkommen. Der König befahl die Verfolgung der geflüchteten lothringischen Armee.

    Obwohl der König nach der Schlacht sofort die Verfolgung aufgenommen und stundenlang die Wälder durchkämmt hatte, waren Giselbert und Konrad ihm entwischt. Aber dank der Boten, die er ins ganze Reich aussandte, verbreitete sich die Kunde über das „Wunder von Birten“ wie ein Lauffeuer. Hundert königstreue Panzereiter hätten zweitausend lothringische Soldaten in die Flucht geschlagen und den abtrünnigen Prinzen verwundet, erzählten sich die Leute von Köln und in Aachen, doch als die Nachrichten nach Magdeburg und Regensburg gelangten, hieß es bereits, ein Dutzend Panzereiter hätte zehntausend Lothringern den Garaus gemacht, und Prinz Konrad zähle zu den Gefallenen. Die sächsischen Grafen, die sich den Empörern angeschlossen hatten, gerieten in Panik, und Heinrich konnte ihre Burgen kaum so schnell belagern, wie sie ihm die Tore öffneten.

    Verwundet, aber äußerst lebendig war Konrad auf Giselberts Drängen hin nach Sachsen zurückgekehrt, um die Bündnisse mit den Grafen zu retten, ohne deren Unterstützung ihre Revolte gegen den König keine Zukunft haben konnte. Doch aus Konrads Heimkehr war eine Flucht geworden, und nun fand er sich seit beinahe zwei Monaten mit einer Handvoll Getreuer in der letzten ihm verbliebenen Burg, der Pfalz von Merseburg, eingeschlossen. Vor den Toren der Burg lagerte am Ufer der Saale Heinrich I. mit seinem Heer, reglos und geduldig wie eine Katze vor dem Mauseloch. Bis auf die Wachen war in ihrem Lager niemand zu sehen. Sie griffen weder das Tor noch die Palisaden an, sondern hockten in ihren Zelten und warteten in aller Seelenruhe.

    Konrad und seinen Männern gingen in der Festung die Vorräte aus. Den Soldaten sank vor Hunger die Moral und Konrad sah sich einer Rebellion seiner eigenen Truppen kurz bevor. Sollte er die Pferde schlachten lassen, die in einem Kampf doch so entscheidend sein würden? Der Prinz hoffte daraus, dass von Westen Herzog Giselbert mit seinem Heer zu seiner Entsetzung anrücken würde. Doch der wartete lieber ab, wie sich die Dinge entwickeln würden. Er wollte sich nach dem Fall von Merseburg die Option offenhalten, sich wieder mit dem König versöhnen zu können. In auswegloser Situation gelang es Prinz Konrad jedoch, aus der Merseburg Richtung Lothringen zu fliehen.
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    Geändert von Mark (08. September 2016 um 17:51 Uhr)
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  14. #74
    The passion of lovers Avatar von Mark
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    Die ersten deutschen Könige

    Andernach, Oktober 939

    Bei Andernach ging der Kampf weiter gegen die beiden aufsässigen Herzöge, Giselbert von Lotharingien und Eberhard von Franken. Sie waren über den Rhein gegangen, um östlich des Flusses zu brandschatzen. Das Heer der beiden Herzöge traf auf wenig Widerstand, machte reiche Beute und kehrte schwer beladen wieder über den Rhein nach Westen zurück. Die beiden Herzöge und ein kleines Gefolge waren noch am Ostufer geblieben und tafelten dort. Vor dem Übersetzen wollten sie bei einem Mahl ihr weiteres Vorgehen für das Frühjahr 940 besprechen. Auch Prinz Konrad weilte bei ihnen, doch er war machtlos geworden, nur noch das dritte Rad am Karren. Ihm war bei einem Erfolg der Revolte wohl ein Dasein als königliche Marionette bestimmt.

    „Die Fracht und ein Großteil der Männer sind drüben“, vermeldete ein Soldat den beiden Herzögen, die in einem prächtigen Zelt saßen. „Wenn wir klug agieren, ist der Krieg bald vorüber“, führte Herzog Giselbert nach dieser kurzen Unterbrechung fort. Eberhard von Franken hatte dazu seine eigene Meinung: „Die Moral von Heinrichs Truppen ist inzwischen schlecht, berichten meine Späher. Jede Nacht desertieren Dutzende seiner Soldaten und die sächsischen Grafen wollen nur noch nach Hause, seit sie gehört haben, dass wir in Sachsen plündern. Wir sollten nach Süden ziehen und Heinrich in den Rücken fallen.“

    Giselbert nahm einen Zug aus seinem Becher und widersprach. „Ich denke, dass wir uns nach Lothringen zurückziehen sollten. Die Kriegssaison ist fast vorbei, der Winter kommt. Das gibt uns ein halbes Jahr, um neue Truppen auszuheben, und im Frühjahr versetzen wir Heinrich den Todesstoß.“ Die Meinungsverschiedenheit war offenkundig, denn Eberhard widersprach. „Heinrich wird den Winter auch nicht ungenutzt verstreichen lassen. Wir müssen ihn jetzt erledigen, da er am Boden liegt. Solch eine Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder, glaub mir.“

    Da erschollen draußen Hörner. Giselbert reagierte mit einem fragenden Stirnrunzeln, aber Eberhard sprang umgehend auf: „Mein Kettenpanzer! Beeil Dich!“, schnauzte er einen seiner Diener an.

    Zwei königstreue Grafen, die vorher mit ihren Truppen zu schwach für einen Angriff gewesen waren, hatten von den schwach geschützten Herzögen auf der Ostseite des Rheins erfahren und ritten einen Angriff auf das weitgehend aufgelöste Lager ihrer Feinde. Rasch zeigte sich, dass die Schlacht für die beiden Herzöge und den Prinzen verloren war. Eberhard von Franken stemmte sich kämpfend der Niederlage entgegen. Ihn traf eine Wurflanze in die Kehle und er wurde von den jubelnden Königstreuen umzingelt und niedergemacht.

    Mit knapper Not flüchtete Prinz Konrad vom Schlachtfeld und rettete sich auf ein Floß am Rheinufer, das er umgehend ablegen ließ. Johlend standen die Soldaten des Königs am Ufer und machten die letzten Männer, die Konrad bis hierhin verblieben waren, nieder. Stück für Stück hauten sie ihnen die Gliedmaßen ab und grölten: „Komm zurück, Konrad Hasenfuß, Du kleiner Scheißhaufen von einem Prinzen!“ Entsetzt beobachtete Konrad vom Floß aus das Gemetzel und hörte das Schreien seiner Männer.

    „Da scheint ein Boot gekentert zu sein, mein Prinz“, sagte einer der Flößer und wies mit dem Finger stromabwärts, wo sich in einiger Entfernung von ihnen ein paar Männer an Fässer und Planken klammerten und verzweifelt winkten, um das Floß herbeizulocken. „Grundgütiger!“, stieß Konrad hervor, „Es ist Giselbert! Schnell, dorthin!“ Behutsam drehten die Flößer das überladene Gefährt in die Strömung und warfen Ballast ab. Doch die Strömung erlaubte ihnen nicht, an den Herzog heranzukommen. Giselbert hatte das Winken eingestellt. Er schien vollauf damit beschäftigt, sich an sein Fass zu klammern. Die Strömung des Rheins war tatsächlich stark, sie schleuderte ihm wie die Hand Gottes das Fass aus den Fingern und er ging unter.

    Das mit gepanzerten Männern überladene Boot des Herzogs war gekentert, und die Ritter, mit ihnen der im schweren Kettenhemd steckende Giselbert, ertranken im Rhein. Eine andere Quelle berichtet, Herzog Giselbert habe sich mit seinem Rosse in den Rhein gestürzt und sei im Strudel der Wellen ertrunken. Also geschehen am 2. Oktober des Jahres 939.




    Breisach, Oktober 939

    Ein einzelner Reiter galoppierte dem König und seinen Begleitern entgegen. Dieser Reiter bemerkte nicht, dass sich zwei Wachen ihm in den Weg stellten, und konnte sein Pferd kaum anhalten. Schaum tropfte vom Maul des erschöpften Tieres. „Wo finde ich den König?“, keuchte der Mann. „Ich bringe Nachricht von Herzog Hermann von Schwaben.“ Heinrich gab sich zu erkennen, obwohl Misstrauen gegenüber dem Fremden angebracht gewesen wäre. Die Augen des Boten wurden groß. Er rutschte aus dem Sattel, strich sich über das Haar und trat auf ein Zeichen der Erlaubnis hin vor den König. Vor ihm sank er auf die Knie und räusperte sich. „Gott schütze und bewahre Euch, edler König. Hermann, der Herzog von Schwaben, sendet Euch Segenswünsche und ehrerbietige Grüße.“ Der König unterbrach ihn: „Wir alle hier warten sehnsüchtig auf Deine Nachricht. Darum sei so gut und lass sie uns sofort hören.“

    „Ein Sieg, mein König“, sagte der Bote und ein Lächeln stand nun in seinem erschöpften Gesicht. „Ein Sieg, wie er vollkommener kaum sein könnte. Eberhard von Franken ist gefallen, Giselbert von Lothringen ertrank auf der Flucht über den Rhein.“

    Wieder hatte Gott dem König ermöglicht, mit seiner Hilfe die Wenigen zum Sieg über die Vielen zu führen. Zwei der gefährlichsten Gegner des Königs waren vernichtet. Als der König von dem Ereignis erfuhr, stieg er vom Pferde und dankte unter Tränen seinem Siege schenkenden Gott.

    Die Situation war grundlegend verändert. Eben noch in auswegloser Lage, war der König jetzt Herr der Lage. Nach dem Fall der starken Festung Breisach war die Sache der Rebellen verloren. Konrad, der Königsbruder und Thronprätendent, stand allein. Er versuchte sich auf die Festung Chevremont zu retten, aber seine Schwester Richardis, die Witwe des Lotharingerherzogs Giselbert, trat ihm mit den Worten entgegen: „Pfui! Hast du nicht genug an dem Jammer, der durch meines Gatten Tod über mich gekommen ist? Willst du dich auch noch in meine Festungen einschließen, damit sich des Königs Zorn wie eine Flut über dieses Land ergießt? Ich werde es nicht dulden, nicht ertragen, nicht zulassen, so töricht bin ich nicht geboren, dass du aus meinem Unglück dir Vorteile für dich verschaffst.“

    In seiner Verzweiflung suchte Konrad Zuflucht beim französischen König Ludwig, der in Lotharingien eingefallen war, um das Stammland der Karolinger wieder an sich zu bringen. Zur Festigung seiner Ansprüche heiratete Ludwig die eben erwähnte, sieben Jahre ältere Richardis, die Schwester König Heinrichs und Witwe Giselberts. Sie wurde in Reims durch den Erzbischof zur französischen Königin gesalbt. In der Ausweglosigkeit seiner Lage unterwarf sich Konrad nun doch seinem königlichen Bruder. Er warf sich vor Heinrich zu Boden und flehte um Gnade. Der König entgegnete ihm: „Dein unwürdiger Frevel verdient kein Erbarmen. Da ich dich aber vor mir gedemütigt sehe, so will ich das Unglück nicht über dich sehen.“

    Diese Worte waren bezeichnend für den König. Durch die Unterwerfung und Demütigung des Bruders war die Würde seines Königtums, nach dem Konrad gegriffen hatte, wiederhergestellt. Nun konnte der König verzeihen. Konrad wurde in ehrenvolle Haft genommen. Ja, im Jahre 940 wurde ihm das Herzogtum Lotharingien verliehen. Offenbar hatte der König erkannt, dass dem Bruder ein Anteil an legitimer Macht zustand.



    Konrad konnte sich aber nicht gegen die lotharingischen Großen durchsetzen und musste das Land wieder verlassen. In seiner Bitternis versuchte er im Jahre 941 nochmals, den Bruder vom Throne zu stoßen, ja, er schreckte vor Brudermord und Königsmord nicht zurück. Beim Osterfest in Quedlinburg sollte einer der Verschwörer den König auf dem Weg zur Kirche erdolchen. Der Anschlag auf das Leben des Königs wurde jedoch entdeckt, einer der Mitwisser fiel im letzten Augenblick um. Die Beteiligten waren fast ausnahmslos Angehörige des sächsischen Adels, die für ihren harten Grenzdienst in den trostlosen Sumpfgebieten jenseits der Elbe den Lohn vermissten. Heinrich I. wurde jetzt gedrängt, die Feierlichkeiten abzusagen. Das aber hätte er als Eingeständnis der Furcht gesehen, und Feigheit schien im unvereinbar mit Würde. Er beharrte starr auf Einhaltung von Protokoll und Programm, ließ lediglich die Zahl seiner Leibwächter verdoppeln. Das genügte, um die Täter zu warnen.



    Der Mord fand nicht statt, dafür ein blutiges Strafgericht, das in Magdeburg zu einem öffentlichen Schauspiel wurde. Auch hier verfuhr Heinrich I. nach dem Grundsatz, die Kleinen zu hängen und die Großen laufen zu lassen. Lediglich Konrad wurde wieder verschont. Zumindest war er ein Bösewicht von Format: Er floh dank eines bestechlichen Priesters aus der Kerkerhaft, in die der König ihn genommen hatte – jedoch nicht, um zu fliehen, sondern um Gnade zu erlangen. Er ritt nach Frankfurt zu seinem Bruder, um einen großen Auftritt zu zelebrieren. Am Weihnachtstag des Jahres 941 warf er sich im Büßergewand dem König zu Füßen und erlangte erneut Gnade und Verzeihung. Auch hier war die Unterwerfung Voraussetzung für die Wiederaufnahme in die königliche Huld. Der König war, das muss man feststellen, von jeglicher Rachsucht frei. Allerdings gehörte zum Tugendkatalog des mittelalterlichen Königs gelebte Milde und Gnade. Das war Konrads letzter Aufstand gegen den Bruder. Fortan gehörte er zu den treuesten und entschiedensten Vasallen des Königs.

    Von tiefer Zerknirschung und ehrlicher Reue des Geschlagenen dürfte in Wahrheit wohl kaum die Rede gewesen sein, es war wohl eine Mischung aus Berechnung und Sentimentalität. Demutsrituale wie der Fußfall gehörten im Mittelalter zum politischen Handwerkszeug. Diese Form der Selbstdemütigung machte es dem Angesprochenen nicht leicht, an dem Bittsteller vorüberzugehen, vor allem wenn dieser von hohem Stande war. Der Angesprochene musste das Anliegen anhören und dann bescheiden. Das wusste Konrad, so wie Heinrich erkannt hatte, dass er dessen Ehrgeiz nur mit ihm und nicht gegen ihn befriedigen konnte. Als es 948 galt, die ledig gewordene Stelle des Herzogs von Baiern neu zu besetzen, bot sich kein Geeigneterer an als Konrad (seine Gemahlin war eine bairische Fürstin). Gewiss, gegen seinen König hatte er nicht mehr intrigiert, dafür aber gegen des Königs Sohn Georg (historisch: Liudolf), den Liebling des Vaters. Eine Intrige, die mit daran schuld war, dass das Land wieder in einen Krieg gestürzt wurde: in den Krieg des Sohnes gegen den Vater. Heinrichs Rechnung, jede führende Position im Reich mit einem Verwandten zu besetzen, sollte nicht aufgehen.
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  15. #75
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    Schöne Idee mit dem MII-Bild (auch wenn die Panzerreiter ohne Schabracken und bunte Lanzen noch besser gepasst hätten ). Fesselnd erzählt wie immer

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