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Thema: [CK2/EU4] Schwer ruht das Haupt, das eine Krone drückt

  1. #46
    The passion of lovers Avatar von Mark
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    Alfred der Große

    „Drei Wochen später kam König Sigfrid mit seinen dreißig bedeutendsten Heerführern nach Aller, das nahe Athelney liegt, und der König war dort sein Taufzeuge. Seine Ölung fand in Wedmore statt. Und er war zwölf Tage beim König und ehrte ihn und seine Gefährten sehr mit Geschenken.“ Der Dänenherrscher Sigfrid nahm den angelsächsischen Taufnamen Aethelstan an, um seinen Religionswechsel deutlich zu machen.

    Allerdings gingen die Wikinger mit der christlichen Taufe grundsätzlich recht ungezwungen um und sahen oftmals im Gekreuzigten nicht mehr als einen zusätzlichen Gott ihres Vielgötterglaubens. Auch war es nahezu unmöglich, die Krieger auf einen länger währenden Friedensschluss einzuschwören. Doch trotz solcher Einschränkungen hatte König Alfred einen wichtigen Sieg errungen, der dem großen Heer der Normannen die Grenzen zeigte. Hinzu kam, dass im Februar 899 der mächtige Wikingerfürst Ivar der Knochenlose (inzwischen aus der Gefangenschaft aus Deutschland zurückgekehrt) sein Leben aushauchte. Die Normannen verloren in der Folge zunächst einmal an Schlagkraft.



    Einige Monate später folgte auf das Ivars Ableben der Tod von Lothar II. von Italien, der mit nur 31 Jahren starb. Damit verlor König Aelfgar von Northumbria seinen wichtigsten Verbündeten. Dieses Ereignis bot Alfred von Wessex, der sowieso den Feldzug gegen das nordenglische Reich anstrebte, die unvergleichlich günstige Gelegenheit zum Losschlagen.



    Der Feldzug von 902 wurde unter diesen Bedingungen zu einem Triumphzug für König Alfred. Gemeinsam mit den Truppen seiner Vasallen aus Mercia und York besetzte und plünderten die Westsachsen Nordengland und belagerten die Festungen. Nach Ablauf eines Jahres fielen diese dann rasch eine um die andere an Alfreds Heere. Die Lage war aussichtslos für Aelfgar, der im Januar 904 (nach dem Verlust ausgerechnet jenes Bistums Lindisfarne, dessen Plünderung durch die Wikinger im Jahre 793 so bekannt wurde) bei Alfred um Frieden ersuchen musste. Die Bedingungen des Vertrages waren vergleichbar mit den vorherigen, die Alfred geschlossen hatte: Gestellung von Geiseln und Anerkennen der Tributpflicht gegenüber dem Königreich Wessex.



    Mit dem Ende der Unabhängigkeit des Wikingerreiches von York sowie der Unterwerfung der angelsächsischen Königreiche Cornwall, East Anglia, Mercia und Northumbria brach eine Blütezeit relativer Ruhe für die britische Insel an. Zwar musste Alfred erleben, wie Verbände des berüchtigten großen Dänenheeres aus Frankreich zurückkehrten und sofort wieder plündernd in Südengland einfielen. Doch inzwischen war man vorbereitet und die weitsichtige Politik des Königs von Wessex zeigte ihre Wirkung. Alfred hatte weiterhin befestigte Orte anlegen lassen, hinter deren Verschanzungen die Bevölkerung ausharren konnte.



    Von dort unternahmen die angelsächsischen Krieger gezielte Angriffe gegen die Wikinger. Deren Scharen stellten fest, dass sie kaum noch auf das Überraschungsmoment bauen konnten und dass ihnen mehr und mehr Widerstand geleistet wurde. Nach herben Verlusten und immer weniger Beute zogen sie sich ins ostenglische Danelag zurück. Dort favorisierten sie das ruhigere Bauerndasein vor der mittlerweile riskanten Kriegertätigkeit, vorerst jedenfalls. Sofern Normannen an den Küsten der britischen Inseln noch auf Beutezüge oder Eroberungen aus waren, mussten sie ihren Blick auf Irland richten. Da lagen hunderte von Clans miteinander in tief verwurzelten Fehden, eine gute Voraussetzung für Invasionen und politischen Einmischungen von außen.

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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  2. #47
    The passion of lovers Avatar von Mark
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    Alfred der Große

    In England stand nach Jahrzehnten chaotischer Verhältnisse letztlich der König von Wessex als Sieger fest. Lediglich der Norden blieb als eigenständiges Wikingerreich bestehen. Die großen dänischen Gebiete in East Anglia und Mittelengland standen unter angelsächsischer Kontrolle. Was immer der Bindung an die englische Krone diente, unternahm Alfred. Er verlobte Ende 905 seinen Sohn Eduard mit der Tochter des Königs Aelfgar von Northumbria, gegen den er zwei Jahre zuvor noch Krieg geführt hatte. Seine Tochter Ethelgiva wurde nach längeren Verhandlungen die Braut des ostfränkischen Königs Ludwig III. (historisch: Ludwig IV. das Kind).



    Durch die Verlobung der weiteren Tochter Elfthryd mit dem walisischen Thronfolger erkannte auch dieses Königreich im Südwesten Englands das benachbarte Wessex als dominante Ordnungsmacht Englands an. Einzig der walisische Fürst Anarawd der Verfluchte widersetzte sich der Unterwerfung, wurde aber von den gemeinsam aufgestellten Heeren Alfreds und seiner walisischen Verbündeten schließlich im Sommer 909 unterworfen. Alfred war damit Herrscher über ein England, das in Form eines geeinigten Königreiches zwar noch nicht existierte, durch Tribut- und Heiratsverträge aber unter der Führung von Wessex vereint war.



    Im September 907 wurde Alfreds Sohn und designierter Nachfolger Eduard mit sechzehn Jahren regierungsfähig. Schon früh zeigte der Prinz, dass er sich dank seiner Fähigkeiten, seiner Ausbildung und seiner charakterlichen Züge zum Herrscher über England eignete. König Alfred vertraute seinem Sohn die Regierung über das Herzogtum Cornwall an.



    Die Zeit der Kriege war für Alfred nun Vergangenheit, er konnte sich der kulturellen Förderung zuwenden. Nach dem Vorbild Karls des Großen ließ Alfred zahlreiche Klöster gründen. Durch die Neuschaffung von Schulen förderte er das kulturelle und geistige Leben seines Reiches. Im hohen Alter lernte er selbst Latein und lud zahlreiche Gelehrte aus dem Frankenreich zu sich nach England ein; er selbst übersetzte Boethius' Trost der Philosophie. Die Franken und angelsächsische Juristen begannen unter seiner Regierung mit der Niederschrift des Common Law in einer Gesetzessammlung mit der Bezeichnung Domboc. Nicht umsonst erhielt Alfred von seinen Untertanen lobende Beinamen wie „Der Gerechte“. Alfred besaß noch im betagten Alter hervorragende Werte in Politik, Militär und Wirtschaft. Als er im Jahre 918 starb, wurde er schon bald nach seinem Tod „der Große“ genannt. Er ist der einzige König der englischen Geschichte, der diesen Beinamen erhalten hat. Offiziell wurde er nie heiliggesprochen, dennoch verehrten ihn schon bald viele Menschen, und ein Heiligenkult, der sich bis heute überliefert hat, entstand um seine Grablege in der Kathedrale von Swithun.




    … und wie ging es weiter?

    Alfreds Sohn Eduard (der Ältere) bestieg den Thron und regierte bis zu seinem Tod im Jahre 924. Eduard musste zunächst seinen Vetter Ethelwold besiegen, der selber Anspruch auf die Krone erhob. Über die Regierungszeit von Eduard ist mangels Quellen bzw. Urkunden wenig bekannt. Er marschierte gegen die Wikinger im Norden Englands und fügte ihnen eine schwere Niederlage zu. Zwar kontrollierte Eduard bis 920 Wessex, Mercia und auch den Norden bis zum Humber, doch König von ganz England, wie es sein Vater war, wurde Eduard niemals offiziell. Eduards Sohn Ethelweard folgte ihm auf den Thron, überlebte ihn aber nur um vier Wochen, dann starb auch er im August 924.

    Also wurde ein weiterer Sohn Eduards zum König gekrönt, nämlich Ethelstan. Der führte die Politik Alfreds fort und unterwarf die Schotten und Waliser in die Tributpflicht, York annektierte er in das Königreich Wessex. Ethelstan wurde wie Alfred zum König über England gekrönt, obwohl er nicht über die gesamte britische Insel gebieten konnte. Seine Macht war aber groß genug, um zu einem gewichtigen Faktor in der französischen Politik zu werden. Nach fünfzehn Jahren Regierung starb Ethelstan im Jahre 939 und ihm folgte sein Halbbruder Edmund I. auf den Thron. Der verbrachte seine sieben Jahre auf dem Thron hauptsächlich damit, die durch die Wirren der Thronfolge entstandenen Wirren zu beenden und seine Herrschaft über York und Northumbria wiederherzustellen.

    Na ja, und so weiter. Ich denke, interessant wird es sein, gut einhundert Jahre später noch einmal nach England zurückzukehren: Denn 1066 werden dort gleich drei Parteien um die Krone kämpfen, der Ausgang dieses Ringens zu DEM entscheidenden Ereignis der folgenden englischen Geschichte werden. Jetzt aber geht es zurück auf den Kontinent, zum Werden der Deutschen.


    Verwendete Literatur:
    • Krause: Die Welt der Wikinger
    • Gable: Von Ratlosen und Löwenherzen
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  3. #48
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    Die ersten deutschen Könige



    1. Frühmittelalter (ab 769)
    Karl der Große (ab 769)
    1. Wie man einen König macht
    2. Bruderzwist
    3. De bello saxonici
    4. Eine Schlappe wird zum Heldenlied
    5. Die Krönung zum Kaiser
    6. Die Nachfolgeregelung
    Das byzantinische Kaiserreich (ab 769)
    1. Konstantin V. (769-780)
    2. Leo IV. (780-797)
    3. Romylia (797-801)
    4. Konstantin VI. (801-810)

    2. Das Zeitalter der Wikinger (ab 867)
    Alfred der Große (ab 867)
    1. Ethelred (867-884)
    2. Alfred (884-918)
    Die ersten deutschen Könige (ab 867)
    1. Prolog: Was geschah von 814 bis 867?


    Ludwig der Deutsche
    König von Ostfranken, lebte 806-876
    Startdatum: 1. Januar 867



    1. Prolog: Was geschah vom Tod Karls des Großen 814 bis zum Spielbeginn 867?

    In den gut fünfzig Jahren zwischen dem Tod Karls des Großen (814) bis zum nächsten Spielstart (867) zerlegten sich die Karolinger nach allen Regeln der Kunst selbst. Die Familienstreitigkeiten standen so sehr im Vordergrund, dass es unter der Herrschaft Ludwigs des Frommen kaum Zeit für Außenpolitik gab. Um nicht den Überblick zu verlieren, baue ich eine Grafik auf, die den Verlauf bis 867 abbildet.



    Diese alleine zum Stichtag 867 macht eher konfus. Deshalb der Reihe nach beim Denver... beim Karolinger-Clan.

    Als Karl der Große 814 starb, war Ludwig (der Fromme) sein einzig verbliebener Sohn und Erbe. Ludwig war 778 geboren worden, bei der vollständigen Regierungsübernahme also 36 Jahre alt. Zuvor hatte er bereits über das Unterkönigreich Aquitanien herrschen dürfen, allerdings mit mäßigem Erfolg. Als Ludwig der Fromme nun die Herrschaft über das gesamte Frankenreich übernahm, ließ er sich mit der Machtübernahme Zeit und sicherte die wichtigen Stützpunkte. Ludwig der Fromme verwies seine Schwestern vom Hof, die zum Teil in informellen Verbindungen lebten. Auch nur die geliebten Töchter seines Vaters, auch dessen Berater schickte der neue Kaiser weg.



    Das Leitmotiv der Politik Ludwigs des Frommen war die „Renovatio Regni Francorum“, die Erneuerung des Königreichs der Franken. Unter seiner kaiserlichen Führung regierten Unterkönige. Bernhard – ein Neffe von Ludwig dem Frommen, den Karl der Große zwei Jahre zuvor in Italien eingesetzt hatte - wurde noch 814 in Italien bestätigt, im selben Jahr wurden dem ältesten Sohn Lothar Baiern und dem zweiten Sohn Pippin Aquitanien zugeteilt (der jüngste Sohn Ludwig war noch zu jung). So konnte sich der Kaiser auf das Zentrum des Reiches konzentrieren. Das also war der Stand im Jahre 814:



    Wie erwähnt ließ sich Ludwig der Fromme im Jahre 816 noch einmal vom Papst zum Kaiser krönen. Offenbar wollte der Karolinger so sichergehen, dass sein Kaisertitel ganz sicher legitimiert ist. Als Rechtsakt war das Ereignis bedeutungslos. Allein der Papst zeigte mit der Salbung und Krönung seine Ansprüche an, bei Kaiserkrönungen eine Rolle zu spielen.

    Nachdem Ludwig der Fromme durch einen Unfall schockiert wurde, regelte er sehr früh die Thronnachfolge. Er wollte die Herrschaft für seine Familie frühzeitig ans feste Ufer bringen. Im Thronfolgegesetz von 817 wurden den beiden jüngeren Brüdern Aquitanien (Pippin) und Baiern (Ludwig) zugewiesen. Der Älteste (Lothar) bekam für das Abgeben Baierns die Kaiserwürde zugesprochen. Die Krönung vollzog Ludwig der Fromme selbst, die Großen des Reiches akklamierten. Dies war wiederum eine Kaisererhebung ohne den Papst.

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    Geändert von Mark (17. Juni 2016 um 21:13 Uhr)
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  4. #49
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    Die ersten deutschen Könige

    Bei der Vergabe war Bernhard von Italien unberücksichtigt geblieben, denn Italien gehörte zur zukünftigen Erbmasse des Kaisers, also Lothars. Bernhard war damit nicht einverstanden, erhob sich dagegen und wurde besiegt. Ludwig der Fromme wandelte die zunächst gegen Bernhard verhängte Todesstrafe in Blendung um, doch der Neffe starb an den Folgen der Bestrafung. Italien nahm Ludwig zunächst wieder an sich.



    Im Jahr darauf starb Ludwigs Frau Irmingard und der Kaiser heiratete im Jahre 819 die ehrgeizige Judith aus dem Geschlecht der Welfen. Die Heiratspolitik ging weiter: 821 wurde Sohn Lothar mit Irmingard, Tochter der Etichonen-Familie aus dem Elsass, vermählt. Den Höhepunkt des zunehmenden Einflusses der Welfen bildete schließlich die Hochzeit des jüngeren Kaisersohns Ludwig mit Judiths Schwester Hemma. Die Folgen waren härtere Auseinandersetzungen innerhalb der Karolinger-Familie.



    Von Gewissensbissen geplagt wegen seines Umgangs mit Bernhard, unterzog sich Ludwig der Fromme im Jahre 822 einer Kirchenbuße und übergab die Herrschaft über Italien nun an seinen Mitkaiser Lothar, dem Italien später sowieso als Erbe zufallen sollte.



    Bald darauf änderte sich die Situation in der Familie grundlegend. Nach der Geburt einer Tochter hatte Ludwigs zweite Frau Judith im Juni 823 den Sohn Karl zur Welt gebracht. Es gab nun also einen vierten Sohn. Gleichzeitig wurde der bisher jüngste der Brüder, Ludwig, 825 für alt genug befunden, seine Herrschaft in Baiern anzutreten. Auf einer Reichsversammlung im Jahre 829 verkündete der Kaiser, sein vierter Sohn Karl werde als Erbe das Gebiet von Burgund bis Schwaben erhalten. Da er nicht zum Unterkönig bestimmt wurde, war das Thronfolgegesetz von 817 formal nicht außer Kraft gesetzt.



    Allerdings waren alle älteren Brüder und deren Anhang brüskiert. Am Hof setzte Judith zur Reaktion an und übernahm hier die Macht. Lothar kam als Anführer der Empörer aus Italien und fegte Judith in ein Kloster. Seinen Vater und seinen kleinen Halbbruder Karl setzte Lothar unter Hausarrest. Bis 830 verlor Lothar aber die Unterstützung im Reich und musste seinen Vater, seine Stiefmutter Judith und seinen Halbbruder Karl wieder freilassen. Lothar musste sich nach Italien zurückziehen, die übrigen Anführer der Rebellion wurden bestraft.

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  5. #50
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    Die ersten deutschen Könige

    Nun schlossen sich die anderen beiden Brüder (Pippin und Ludwig) enger gegen ihren Vater zusammen. Der söhnte sich unter diesem Druck mit Lothar in Italien aus, ging anschließend gegen die Brüder Pippin/Ludwig vor und unterwarf die beiden im Jahre 832. Pippin bestrafte der alte Kaiser hart, indem er ihm Aquitanien wegnahm und dem kleinen Karl übergab. Diese endgültige Zerstörung des Thronfolgegesetzes brachte nun alle Gegner zusammen. Die drei düpierten Brüder zogen Papst Gregor IV. auf ihre Seite und riefen die Bischöfe im Reich zum Widerstand gegen Ludwig den Frommen auf. Auf dem Rotfeld bei Colmar standen sich die Heere im Juni 833 gegenüber. Der alte Kaiser verlor nach tagelangen Verhandlungen seine Anhänger und musste sich ergeben. Wegen des vielfachen Eidbruchs wurde das Feld „Lügenfeld“ genannt. Weil sich die erfolgreichen drei Brüder anschließend in die Haare kriegten, blieb es politisch im Wesentlichen beim Status quo.

    Unter dem Einfluss von Judith, die das Erbe ihres Sohnes mehren wollte, verfügte Ludwig der Fromme 837 eine neue Ausstattung Karls mit zentralen Bereichen der Francia. Das Jahr 838 brachte mit der Erhebung Karls zum Unterkönig und dem plötzlichen Tod Pippins einschneidende Veränderungen. Im Jahr darauf stellte der Kaiser in Worms eine neue Hausordnung auf. Der jüngere Ludwig erhielt nur seinen Pflichtteil Baiern. Lothar und Karl teilten Aquitanien in einer westlichen und östlichen Hälfte unter sich auf. Das Problem daran war, dass der verstorbene Pippin Söhne hinterließ, von denen einer (Pippin II.) bereits mündig war. Die Aufteilung von Aquitanien musste also mit Gewalt durchgesetzt werden.



    Während Ludwig der Fromme gegen seinen Enkel Pippin II. in den Krieg zog, starb er am 20. Juni 840 bei Ingelheim. Bei seiner Bestattung in Metz war keiner seiner Söhne anwesend. Und eines war offensichtlich: Ludwig der Fromme hatte keine geordnete Erbfolge hinterlassen. Der neue Kaiser Lothar ließ sich nicht auf zuletzt geschlossene Vereinbarungen mit seinem Halbbruder Karl ein, sondern berief sich jetzt wieder auf das ursprüngliche Thronfolgegesetz in der Fassung von 817. Karl gelang es, seinen Halbbruder Ludwig auf seine Seite zu ziehen, während Lothar mit Pippin II. koalierte. In einer blutigen Schlacht siegten Karl und Ludwig im Juni 841. Lothar floh nach Aachen, war aber längst nicht besiegt, denn die Großen des Reichs standen bei ihm.



    Nach zwei Jahren Verhandlungen schlossen sie 843 gemeinsam den Vertrag von Verdun, in dem das Frankenreich dreigeteilt wurde. Karl erhielt den Westen, Ludwig den Osten. Dazwischen wurde ein neues Mittelreich (Lotharingien) von Friesland über die Provence und runter bis Italien gestaltet, das der Kaiser Lothar mit den Zentren Aachen und Rom regieren sollte.



    In der Folgezeit bekam Lothar in seinem Mittelreich ziemlich Probleme mit den Normannen, die an der Küste und entlang der großen Flussläufe hinauf plünderten. Lothar versuchte es damit, den Normannen Land zu geben, um sie zum Schutz der Küste einzuspannen. Sein Bruder Karl (der Kahle) von Westfranken versuchte es mit Tributzahlungen, was die Wikinger noch mehr zu Raubzügen anstachelte. Auch in Aquitanien war Karl wenig erfolgreich, gegen Pippin II. erlitt er 844 eine derbe Niederlage. Die hiesigen Fürsten wählten 848 Pippin II. sogar zu ihrem König, doch Pippin fiel 852 in die Hände seines Rivalen Karl. Es blieb aber dabei, dass Karl große Gebiete seines Westreichs nicht unter Kontrolle hatte.

    Besser lief es bei Ludwig (dem Deutschen) in seinem Ostreich. Mit den Dänen im Norden schloss er Frieden, die Slawen im Osten hielt er auf Distanz, in Mähren überzeugte er einige Fürsten zur Taufe. Diese Erfolgsbilanz veranlasste 854 einige Fürsten in Aquitanien, Ludwig ihre Krone anzubieten. Ludwig wollte gerne zugreifen und marschierte nach Aquitanien. Doch inzwischen war Pippin II. aus seiner Haft bei Karl ausgebrochen und die Aquitanier scharten sich bevorzugt um ihn. Also kehrte Ludwig wieder um.

    Mehr passierte wieder im Jahre 855. Lothar hatte seinem Sohn Ludwig II. Italien überlassen und ihn vorher schon in Rom zum Mitkaiser krönen lassen. Das war rechtzeitig erfolgt, denn im September 855 starb Lothar. In seinem Testament verfügte er die Dreiteilung seines Gebiets für seine drei Söhne. Ludwig II. erbte den Kaisertitel und Italien, Lothar II. erhielt Lotharingen und Karl ein Unterkönigtum in der Provence.



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  6. #51
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    Die ersten deutschen Könige

    Die Querelen gingen weiter. Im Westen machten Bretonen, Normannen und Aquitanier so viele Probleme, dass eine westfränkische Adelsgruppe Ludwig dem Deutschen 858 erneut die Herrschaft anbot. Karl der Kahle floh nach Burgund, aber wieder erfolgte ein Stimmungsumschwung, und Ludwig der Deutsche zog sich wieder in sein Ostreich zurück. Den Frieden zwischen den beiden vermittelte ihr gemeinsamer kaiserlicher Neffe Lothar II.

    In den übrigen Jahren bis zum Spielstart 867 hatten die beiden Brüder meistens damit zu tun, dass sie ihre Söhne zufriedenstellen oder zurechtweisen mussten. Gleichzeitig behielten sie die Entwicklung im Mittelreich Lotharingen im Auge. Dort wollte Lothar II. seine kinderlose Ehe mit Theutberga annullieren und seine Verbindung mit Waldrada, mit der er vier Kinder hatte, legalisieren lassen. Doch Papst Nikolaus I. verwarf nach sechsjährigem Ringen dieses Ansinnen. Lothar II. würde ohne legitime Nachkommen sein, wenn er nun starb.

    Und das ist dann die Situation, wie sie sich zum Spielstart 867 darstellt. War doch ganz einfach, oder?




    2. Ludwig der Deutsche (regiert 840-873)

    Die sechs fränkischen Teilreiche werden also aktuell von diesen Personen regiert:

    • Westfranken – Karl der Kahle
    • Aquitanien – Ludwig der Stammler
    • Lothringen – Lothar II.
    • Ostfranken – Ludwig der Deutsche
    • Bayern - Karlmann
    • Italien – Ludwig II.





    Detail zu Ostfranken. Ludwig der Deutsche hat seine drei Söhne folgendermaßen an der Macht beteiligt: Karlmann herrscht in Baiern und ist Erbe der väterlichen Krone, Ludwig der Jüngere ist Herzog von Franken, Karl der Dicke der Herzog von Schwaben. Bedeutendster Herzog im Ostfrankenreich ist übrigens Otto Liudolfinger, der Herzog von Sachsen.



    Im Westen sind die Verhältnisse übersichtlicher. Karl der Kahle hat nur noch einen lebenden Sohn, nämlich seinen Erben Ludwig den Stammler, der bereits die Herrschaft über Aquitanien ausübt. Karls zweiter Sohn Karl (das Kind) starb 866, ein Jahr vor dem Spielbeginn.

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  7. #52
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    Die ersten deutschen Könige

    Der Friede der Brüder im Karolinger-Reich währte mal wieder nicht lange. Erster Streitpunkt wurde Anfang 870 die Neubesetzung des Erzbistums Trier. Den Anlass bot der Tod des bisherigen Erzbischofs Theutgaud, der zwanzig Jahre hier gewirkt hatte. Er war 847 seinem Onkel in das Amt des Erzbischofs gefolgt. Es hieß über ihn, dass im Herbst 857 ein schweres Unwetter über der Stadt getobt habe, während er den Gottesdienst feierte. Da sei ein großer Hund in die Kirche eingedrungen und sei um den Altar gelaufen. Das hielt man für ein Vorzeichen für einen schlechten Verlauf von Theutgauds Episkopat.

    Es war wohl eher Theutgauds Entscheidung, das Scheidungs- und Wiederheiratsersuchen von Lothar II. beim Papst zu unterstützen. Der wollte seine unehelichen Kinder ja durch eine Ehe mit seiner Geliebten legitimieren, da er in erster Ehe keine erbberechtigten Kinder hatte. Damit machte sich der Erzbischof schließlich in Rom unmöglich und der Papst entkleidete ihn seiner bischöflichen Gewalt. Mehr noch: Nikolaus exkommunizierte Theutgaud und übertrug das Amt einem Kandidaten, der Karl dem Kahlen nahestand und in der Scheidungssache von Lothar II. eine klar papsttreue Haltung einnahm. Theutgaud reagierte verbittert auf die unerbittliche Reaktion des Heiligen Vaters, enthielt sich zuhause aber geistlicher Funktionen. Selbst das Eingreifen Lothars II. zugunsten des Kirchenmannes bewegten Papst Nikolaus nicht zu einer Wiedereinsetzung. Aber immerhin durfte Theutgaud das Abendmahl wieder empfangen. Als er im November 869 starb, wollte Lothar II. das Amt neu besetzen lassen, doch der Papst verwies auf die bereits erfolgte Neubesetzung mit dem Kandidaten Karls. Theutgaud sei durch die Aufhebung der Exkommunikation wieder in die Gemeinschaft der Gläubigen, nicht jedoch in sein Amt als Erzbischof zurückgelangt.

    Lothar II. setzte nun ein Heer von 2.000 Mann in Marsch und zog nach Trier, um die Neubesetzung des Erzbistums zu erzwingen. Nun setzte Karl der Kahle seinerseits über 4.000 Soldaten in Gang, um eben dies zu verhindern. Der König von Lothringen musste angesichts dieser Tatsache auf die Neubesetzung des Erzbistums verzichten – auch, weil er auf einen Hilferuf des Kölner Erzbischofs reagieren musste, der von seiner Bevölkerung aus der Stadt gejagt worden war.



    Ludwig der Deutsche konnte sich 870 nicht in den Streit um die Besetzung des Trierer Erzbistums einschalten. Er rückte im Frühjahr 870 zur Elbe vor, um den Slawen Swietopelk wieder zum Gehorsam zu zwingen.



    Swietopelk unterwarf sich Mitte 872 und schwor Treue. Er strebte weiter nach politischer Unabhängigkeit und versuchte, sich der deutschen Oberhoheit zu entziehen. Nur ein kleiner Teil seines slawischen Stammes bekannte sich zum Christentum und Swietopelk trachtete nach einer vom deutschen Kirchenverband separaten Landeskirche. Er verlangte christliche Missionare, die seinem Volk das Evangelium „in seiner Sprache predigen könnten“ und wandte sich in dieser Frage sogar an den byzantinischen Kaiser.



    Von Seiten der lateinischen Priester fehlte es nicht an Anfeindungen, doch Ludwig der Deutsche ging für einen Übergangszeitraum auf die Forderung ein, um seine Ostgrenze befrieden zu können. Denn Ludwig erkrankte Ende 871 so schwer, dass seine Umgebung und er selbst mit seinem baldigen Tod rechneten.



    Ludwig machte sich an das Erstellen eines Testaments, über dessen Inhalt bald in aufgeregter Form Gerüchte kursierten. Alle drei Söhne befürchteten, dass sie bei diesen Verfügungen zu kurz kommen könnten die jeweils anderen oder die deutsche Kirche bevorzugt werden könnten. Auf dem Höhepunkt dieser Krise wurde der König von seinem Ältesten Karlmann sogar gefangen genommen. Doch Ludwig der Deutsche erholte sich wieder, ein drohender Bürgerkrieg war abgewendet.

    In diese Phase fällt eine erhebliche Verschiebung der Machtkoordinaten in Europa. Im September 871 starb der italienische König Ludwig II. überraschend während einer Rückreise von Rom. Er wurde nur 46 Jahre alt und war wie sein Bruder Lothar II. ohne eigenen Erben – Ludwig hatte nur Tochter, die nach italienischem Rechte nicht auf den Thron folgen konnten.

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    Die ersten deutschen Könige

    Lothar II. nutzte die offene Situation sofort und nahm Besitz von Reich und Titel. Der Papst rief noch Karlmann von Baiern um Hilfe, Lothar den Weg durch die Alpen abzuschneiden. Doch Karlmann war wie erwähnt damit beschäftigt, sich auf die Durchsetzung seiner ostfränkischen Ansprüche im Falle des Todes seines Vaters vorzubereiten.

    Als König über Lothringen und Italien unternahm Lothar II. nun einen zweiten Anlauf, den Papst zu der gewünschten Scheidung und Wiederverheiratung zu zwingen. Doch Nikolaus konnte auf die Unterstützung der west- und ostfränkischen Fürsten stützen, die allesamt den hohen Infamie-Wert des Lothringers, seine geballte Macht in der Mitte Europas, fürchteten. Nikolaus verschleppte die Verhandlungen in der Scheidungssache weiter bis zu seinem Tod im Juni 872. Auf ihn folgte in einer tumultartigen Erhebung Benedikt IV., der eine genauso feindselige Haltung gegen Lothar einnahm.



    Dass die Wahl der Römer auf Benedikt IV. fiel, war kein spontaner Zufall. Die Kurie wurde angetrieben von ihrer Sorge vor Umklammerung ihres Kirchenstaats durch den Lothringer König. Sie strebten eine Fortsetzung der bisherigen Politik an, dank des Rückhalts der anderen Karolinger-Könige die Angelegenheit um die Scheidung aussitzen zu können. Das wollte Lothar II. nicht akzeptieren. Jahrelang hatte er mit Nikolaus gefeilscht und verhandelt in einer für ihn eminent wichtigen Angelegenheit. Und nun sollte es mit einem neuen Papst damit wieder von vorne losgehen? Der Lothringer entschied sich für die schnelle Variante: Er setzte einen eigenen Papst ein, einen, der sich gefälligst entgegenkommender zeigen sollte: Innozenz II.



    Unterdes war im Osten eine neue Gefahr aufgetaucht. Die Mährer erhoben sich gegen die deutsche Herrschaft. Auf das Gerücht, ihr Herzog sei getötet worden sei, zwangen sie dessen Verwandten Sclagamar, einen Priester, die herzögliche Würde zu übernehmen. Mit ihm an der Spitze eröffneten sie den Kampf gegen die deutschen Besatzer. In Baiern sollte sich der deutsche Heerzug gegen die Mährer sammeln, doch König Ludwig erschien nicht mit Truppen bei Karlmann. Der Herrscher der Baiern schickte Männer los, um die Gründe für das Nichterscheinen seines Vaters herauszufinden. Sie waren noch nicht weit gekommen, als sie erfuhren, dass der deutsche König gestorben sei. Sie kehrten wieder um.



    Die Kunde war richtig. Am 18. September 873 verschied Ludwig der Deutsche, schon seit einiger Zeit kränkelnd und von der Last der Jahre gebeugt, zu Frankfurt. Am nächsten Tag wurde seine Leiche im Kloster Lorsch beigesetzt. Bis zum Jahre 1615 sah man seinen marmornen Sarkophag dort in der Gruft der Kirche, seither ist jede Spur davon verschwunden. Zwei Jahre waren nach dem Tod von Italiens Ludwig II. (825-871) vergangen, nun war ihm sein Onkel Ludwig der Deutsche (806-873) in das Grab nachgefolgt. Unter dem Zepter Ludwigs des Deutschen wurden die deutschen Stämme zum ersten Mal vereinigt. Strenger Gerechtigkeitssinn sicherten die Ruhe im Inneren, rechtzeitiges und versöhnliches Eingreifen lähmte die Empörungsversuche seiner Söhne. Doch als Ludwig sein vielbewegtes Leben schloss, war die Lage des Reichs düster.

    Der Tod seines Bruder befreite Frankreichs Karl den Kahlen von dem Alpdruck großer Sorge. Man erzählte sich sogar, dass er die Todesnachricht mit Jubel aufgenommen habe. Denn Ludwig wäre der alleine Erbe ihres gemeinsamen Neffen Lothar II. von Lothringen gewesen. Ganz Lothringen mitsamt des Unterkönigtums Burgund, sowie das Königreich Italien wären an den Deutschen gefallen.



    Wie das Gerücht ging, fasste dagegen Lothar II. den Plan, sich weiteres rechtsrheinisches Gebiet in sein Mittelreich zu holen. Immerhin war das ostfränkische Reich herrenlos geworden, zur Zerschlagung in Teilreiche bestimmt. Die Erben des deutschen Königs standen sich in neidischem Groll gegenüber.

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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  9. #54
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    Leider schaffen es die Magyaren seit dem Nomaden-DLC nicht mehr nach Ungarn. Die Ostgrenze wird so sehr unhistorisch.

  10. #55
    The passion of lovers Avatar von Mark
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    Ja, solche Sachen sind der Grund, warum ich mich für ein "portionsweises" Spielen entschieden habe, um eine historisch nahe Story schreiben zu können. Bei einer durchgängigen Partie gibt es über die Jahrhunderte hinweg womöglich nicht einmal ein englisches oder französisches Königreich.
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  11. #56
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    Die ersten deutschen Könige

    3. Karlmann von Baiern (regiert 873-886)

    Karlmann von Baiern als der älteste Sohn reagierte unverzüglich auf den Tod des Königs. Der Feldzug gegen die Mähren wurde abgesagt, er schickte sogar die in Baiern festgehaltenen Geiseln nach Mähren zurück. Die deutsche Herrschaft war hiermit abgeschüttelt worden. Für Karlmann war das ein verschmerzbarer Preis im Ringen um die ostfränkische Krone. Beherzt sicherte er sich die Thronfolge und verwies seine jüngeren Brüder auf ihre Plätze im Herzogtum Franken bzw. Schwaben.

    Die gefährlichsten Reichsfeinde waren neben den Mährer noch immer die Normannen. Die Normannen erschienen 874 wieder in Lothringen. Ihre Raubscharen hatten sich unterdes im ergiebigeren Westreich herumgetrieben, ohne dass sie wirksam zurückgeschlagen werden konnten. Im Winter 875 schlugen sie ihr Quartier in Noyon auf. Ohne Verzug dehnten sie ihre Streifzüge bis zur Maas aus, Im Frühjahr zogen sie von der Oise an die Küste und liefen abermals in die Maas ein. Karlmann ließ Streitkräfte aufbieten. Bevor diese noch an ihrem Sammelpunkt Maastricht anlangten, setzten die Normannen in ihrem Rücken bei Lüttich über die Maas, drangen plündernd und mordend bis in die Nähe von Aachen und erbeuteten viele Proviantwagen. Die Führer des deutschen Heeres hielten Kriegsrat. Ihrer Überlegenheit sicher, waren sie nur darauf bedacht, die Normannenscharen nicht entschlüpfen zu lassen.

    Am folgenden Morgen, es war der 25. Juni 875, brach das Heer mit fliegenden Fahnen zu ihrer Verfolgung auf und marschierte am rechten Ufer der Maas stromabwärts. Nach Überschreitung des bei Meeren mündenden Seulenbaches stieß es auf feindliche Vorposten. Ohne Befehl drängten die ungeordneten Haufen ihnen nach und prallten an die Schlachtreihen des normannischen Fußvolkes, das die wirre Masse zurückwarf und, nach ihrer Sitte mit lautem Schlachtgeschrei und Köcherrasseln zum Angriff vorgehend, in die Flucht jagte. Die einsprengende normannische Reiterei vollendete die Niederlage. Der Führer, der Erzbischof Sunderold von Mainz, und eine unzählige Menge edler Männer deckten die Walstatt. Die Sieger plünderten das deutsche Lager und kehrten beutebeladen zu ihren Schiffen zurück.

    In dieser Krise schlug die Nachricht ein, dass Lothringens König Lothar II. am 12. Mai 875 verstorben war. Aus seiner Ehe war kein legitimer männlicher Nachkomme hervorgegangen, doch es gab die illegitimen Söhne Wido und Berengar. Beide waren in Italien aufgewachsen und hatten hier ihre Anhängerschaft. Es begann ein Kampf der Prätendenten um die Herrschaft in Italien. Karlmann konnte nach Lothars Tod ebenfalls Anspruch auf Lothringen, Burgund und Italien erheben und wurde nördlich der Alpen auch anerkannt, während er in Italien als barbarischer Ausländer gering geschätzt wurde. Wegen der Niederlage an der Maas konnte sich Karlmann zunächst nicht um die Lage im Süden kümmern.



    Diese schwer empfundene Niederlage zu rächen und das deutsche Reich von der Normannenplage zu befreien, bot Karlmann den Heerbann der Franken und Schwaben auf. Im folgenden Frühjahr 877 tauchten die dänischen Normannen wieder auf, dieses Mal drangen sie über die Elbemündung ein. Der König selbst übernahm die Führung des deutschen Heeres. Unerwartet rasch rückte es an die normannischen Verschanzungen heran. Zweifelnd zögerte Karlmann noch, ob er einen Angriff wagen könnte: ein Sumpf auf der einen, der Fluss auf der anderen Seite bot keinen Raum zur Entwicklung der Reiterei, und den Soldaten war die Kampfart der fränkischen Fußsoldaten bereits ungewohnt. Hohngelächter und Spottrufe auf die Niederlage am Seulenbach, die sich jetzt wiederholen werde, tönte ihnen aus den Verschanzungen der Normannen entgegen. Sie weckten den Zorn, spornten die Wut.

    „Männer“, rief der König, „denkt an Gott, unter Gottes Schutz waret ihr unüberwindlich in der Verteidigung des Vaterlandes. Fasset Mut, denkt an das von den grausamen Feinden vergossene Blut eurer Verwandten, schuat auf die zerstörten Gotteshäuser eurer Heimat, seht die erschlagenen Diener des Herrn. Vorwärts Soldaten, ihr habt diese Missetäter vor euch, ich selbst steige vom Pferd und trage euch die Fahne voran. Mir nach, ihr rächt nicht unsere, ihr rächt die Gott angetane Schmach – vorwärts auf den Feind in Gottes Namen!“ Alt und jung sprang von den Pferden, zur Deckung des Rückens wurde eine Abteilung Reiterei detachiert. Mit lautem Schlachtruf stürmten die Deutschen gegen die Verschanzungen, mit lautem Geschrei empfingen sie die Normannen. Es wurde ein harter, wütender Kampf. Die Normannen, früher nie in ihren Verschanzungen überwunden, leisteten tapfere Gegenwehr. Bald aber blieb der Sieg den Deutschen, die Normannen flohen. Die Elbe in ihrem Rücken wurde ihr Verderben, sie wurden von den vordringenden Siegern in den Fluss gedrängt, haufenweise stürzten sie hinein, stauten ihn mit einer Vielzahl von Leichen. Der Sieg war ein vollständiger, im Kampf waren zwei Könige der Normannen gefallen. Fünfzehn Feldzeichen waren erobert worden, die dann nach Baiern gesandt wurden. Von der Masse der Feinde war kaum ein Mann übrig, der die Unglückskunde zu ihrer Flotte bringen konnte. Auf dem Schlachtfeld aber feierte das siegreiche Heer eine Dankesprozession für die Bewahrung des bedrohten Bremen vor den Normannen.



    Es war ein glänzender Sieg, den die Deutschen errangen, die deutsche Waffenehre war wieder hergestellt. Aber nicht sofort wurden die deutschen Lande von der Normannennot befreit. Durch die Schlacht bei Bremen war nicht das ganze normannische Invasionsheer, nicht einmal die ganze Feldarmee, besiegt worden. Wie die Flotte waren die auf Beutezügen befindlichen Streifcorps noch intakt. Man verstand zu siegen, man verstand aber oder vermochte es vielmehr damals mit den nur kurz an die Fahne gebundenen Aufgeboten nicht, den Sieg voll auszunutzen. Die Normannen landeten immer wieder an den Küsten der Nordsee und der Flussläufe, brandschatzten und verschwanden in aller Eile wieder.

    Zugleich mit der Normannengefahr sah man im Osten drohende Wolken aufsteigen. Das Großmährische Reich hatte unter Zwentibold einen bedeutenden Umfang gewonnen. Der Papst nannte Zwentibold bald daher auch in einem Schreiben „König der Slawen“. Mit dem Papst stand Zwentibald, so wenig Beschwerden ihm auch sonst sein Christentum machte, auf gutem Fuß. Das Verhältnis zu dem deutschen König Karlmann musste sich dagegen zwangsläufig trüben. Der nationale Gegensatz zwischen dem deutschen und slawischen Reich war zu scharf, die immer nur noch schwer behauptete Oberhoheit des deutschen Königs war doch nur eine Formsache, der Herr des großmährischen Reichs war in Wirklichkeit unabhängig – und mächtig genug, seine Unabhängigkeit mit Waffen zu behaupten. Als Karlmann sich der normannischen Invasion erwehren musste, eröffnete auch Zwentibold die offenen Feindseligkeiten: Er verweigerte, vor dem deutschen König zu erscheinen.

    Über diese Unbotmäßigkeit erzürnt, beschloss Karlmann ihn mit Krieg zu überziehen. Die Franken, Baiern und Schwaben wurden aufgeboten. Böhmen wurde durch vier Wochen mit Feuer und Schwert verheert. Auch hier war der Sieg der Deutschen deutlich, nur der kriegslustige Bischof Arn von Würzburg – der auf eigene Faust einen bewaffneten Streifzug durch Böhmen unternahm – wurde auf dem Rückweg von den Sorben angegriffen und mit dem größten Teil seiner Schar erschlagen. Militärisch waren die Mähren beileibe nicht geschlagen, der politische Wert des Feldzugs fraglich.

    Karlmann war aber im Glück: Just in dieser Zeit starb Zwentibold, das deutsche Reich war eines gefährlichen Gegners ledig. Mit seinem Tod ging die Entschlossenheit der Mähren verloren. Seine Söhne Moimir und Zwentibald, die ihm in der Regierung folgten, beeilten sich, mit dem deutschen Reich Frieden zu schließen, wohl unter Bedingungen, welche die deutsche Oberhoheit wieder anerkannten. Böhmen wurde in diesem Zug dem Reich angegliedert und zum Teil zu den Herzogtümern Sachsen und Österreich gefügt.

    Jetzt erst konnte Karlmann den Italienfeldzug wagen. Im Kampf der beiden Brüder hatte Wido das Kriegsglück bei sich. Er beseitigte Berengar und ließ sich in Pavia nach erfolgter Wahl der italienischen Fürsten zum König von Italien krönen. Durch das Anwachsen der Macht Widos fühlte sich Benedikt IV. bedroht und sah nach einem Retter aus. Hilfe sollte der deutsche König bringen. Benedikts Sorgen waren berechtigt, denn Widos Anhänger vertrieben den Papst aus Rom und hievten ihren eigenen Kandidaten auf den Heiligen Stuhl – Papst Formosus.

    Nicht allein die Bedrängnis des Papstes, mehr noch forderte das Königtum Widos, welches die deutsche Oberhoheit abwies, ein Eingreifen zur Aufrechterhaltung der deutschen Machtsphäre. Karlmann entließ die Gesandten Benedikts mit der Zusage, ihrer Bitte zu willfahren. Sogleich wurde der Feldzug nach Italien vorbereitet. Mitten im Winter 875/76 zog Karlmann mit einem starken Heer über die schneebedeckten Alpen. Er hatte die Schwaben aufgeboten, da die Baiern die Grenze gegen die Mährer zu hüten hatten. Erst vor Bergamo kam das deutsche Heer in Italien zum Stehen, denn die Stadt verschloss ihre Tore. Den Befehl über die Stadt führte Graf Ambrosius, ein Parteigänger Widos. Als das Heer schließlich Bergamo einnahm, ließ Karlmann Gericht über die Feinde halten und den Grafen Ambrosius in seiner Rüstung an einen Baum hängen.

    Das Strafgericht über Bergamo, das als rebellische Stadt behandelt worden war, erweckte solchen Schrecken in Italien, dass kein Widerstand sich zu regen mehr wagte. Selbst große Städte wie Mailand und Pavia ergaben sich dem deutschen Heer vor ihren Toren. Der Widerstand um Wido brach zusammen, Karlmann errichtete eine neue Ordnung in Italien. Rom jedoch leistete Gegenwehr, die Karlmann gewaltsam brechen ließ. Es war nicht die Treue zu Papst Formosus, denn der war in der Zwischenzeit bereits gestorben. Nein, Roms Bürger widersetzten sich den einem Pulk bewaffneter Invasoren aus dem Norden und pochten auf ihr Recht, selber einen Kandidaten für die Papstwahl zu benennen. Den ungeliebten Benedikt IV. wollten sie nicht zurückhaben. Für Karlmann war das eine nicht annehmbare Bedingung, immerhin hatte Benedikt ihm die Kaiserkrönung zugesagt, sobald sie gemeinsam in Rom eingezogen sein würden. Die Stadt wurde auf Befehl des Königs getürmt und von den deutschen Truppen geplündert. Dieses Ereignis erregte in der ganzen Christenheit ungeheures Aufsehen und Abscheu, in den Augen vieler war Rom erneut einem Barbarensturm zum Opfer gefallen.

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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  12. #57
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    Die ersten deutschen Könige

    Am nächsten Tag hielt Karlmann feierlich Einzug in Rom, Benedikt im Schlepptau. Im weiten Vorhof der Peterskirche führte der alte/neue Papst ihn in einer Prozession in die Kirche. Hier setzte er Karlmann die Kaiserkrone aufs Haupt und begrüßte ihn als Caesar Augustus. Es war dies im Oktober 876.



    Wido selbst war dem Kaiser nicht in die Hände gefallen, doch mit der Krönung in Rom hatte Karlmann sein Ziel erreicht. Trotz der Gefahr eines Wiedererstarkens seines Gegners zog sich das deutsche Heer zurück über die Alpen. Wieder schlug das Schicksal zugunsten von Karlmann zu: Wido strebte zwar danach, erneut Anhänger um sich zu scharen und nach Pavia zu marschieren, doch er verunglückte 877 auf der Jagd tödlich. Für Karlmann war Italien vorerst gesichert.

    In Rom nahm Benedikt IV. Rache an seinem Gegenspieler Formosus und seinen Anhängern. Er ließ die Leiche seines Vorgängers wieder ausgraben, als dieser über neun Monate tot war. Bei der später so benannten Leichensynode kleidete er die stinkende Leiche in volles päpstliches Ornat, setzte sie auf den Thron im Lateran und schritt dann persönlich zum Verhör. Formosus wurde beschuldigt, widerrechtlich und in schismatischer Weise Papst geworden zu sein. Laut Benedikt IV. waren deshalb all seine Beschlüsse ungültig, besonders seine Ordination. Ein schnatternder Diakon antwortete für Formosus. Für schuldig befunden, wurde die Leiche als Gegenpapst verdammt, aller Kleider beraubt bis auf ein härenes Hemd, das an dem verwesten Fleisch klebte, und – minus der beiden Finger, mit denen sie ihren falschen apostolischen Segen erteilt hatte – in den Tiber geworfen. Die Leiche wurde von dem härenen Hemd wie konserviertes Fleisch zusammengehalten, von einigen Bewunderern des Formosus aufgefischt und still begraben.



    Das Volk war durch diese Scheußlichkeiten empört, es sah in dem misshandelten Toten bald einen Heiligen: Wunder sollen sich an seinem Grab mit der angeblich unversehrten Leiche ereignet haben. Die Römer erhoben sich in wildem Aufruhr. Benedikt IV. wurde festgenommen und im Gefängnis erwürgt. Sein Nachfolger Sergius III. verurteilte die Krönung Karlmanns zum Kaiser als unrechtmäßig, doch er starb zu bald, als dass sich seine Auffassung entfalten konnte.



    Bei Karlmanns Bruder, dem Schwabenherzog Karl der Dicke, zeigte sich 878 erneut die mysteriöse Krankheit, die die Karolinger Familienmitglieder des öfteren befiel. Zunehmend geplagt von epileptischen Anfällen, wurde Karl über die Jahre hinweg gesundheitlich schwächer und des Regierens überdrüssig. Schließlich starb er am 20. Januar 878 im Alter von 39 Jahren und hinterließ das Herzogtum seinem fünfjährigen Sohn Ludwig, genannt das Kind.



    In den folgenden Jahren hielt sich Karlmann in seinem bairischen Herzogtum auf, erneut geben nur wenige Dokumente Aufschluss über Regierungsaktivitäten in dieser Zeit. Es ist wahrscheinlich, dass auch Karlmann in dieser Zeit bereits schwer erkrankt und regierungsunfähig war. Offenbar wird dies durch den Umstand, dass die deutschen Fürsten bereits 884 seinen unehelichen Sohn Arnulf zur Regierungsübernahme einluden. Der Kaiser widersetzte sich seiner Quasi-Absetzung und marschierte mit seinem Heer Richtung Frankfurt, wo sich auch Arnulf zur Huldigung einfinden wollte.

    Offenbar war Karlmann bereits vom nahenden Tode gezeichnet. Jedenfalls liefen seine Anhänger binnen weniger Tage in das Lager seines Sohnes, zur Seite des aufstrebenden Mannes, über. Arnulf gelangte nach Frankfurt und wurde dort im März 886 zum König „gewählt“. Alle deutschen Großen leisteten ihm die Huldigung. Von allen verlassen sah sich der Kaiser völlig ratlos und gebrochen. Er sandte Arnulf die Kreuzesreliquie – auf welche der Sohn ihm einst die Treue geschworen hatte - und ließ ihn mahnen, „eingedenk seines Schwurs nicht so wild und barbarisch gegen ihn zu handeln“. Arnulf soll zu Tränen gerührt gewesen sein, doch der vollendeten Tatsache gegenüber musste auch das persönliche Gefühl zurücktreten. Karlmann zog sich entthront nach Baiern zurück. Hier überlebte er seinen Sturz nur wenige Tage. Die genauen Umstände seines schnellen Todes am 24. März 886 wurden bald Gegenstand von Gerüchten, es ging umher, Karlmann sei erdrosselt worden. Im Volk erzählte man sich in der folgenden Zeit, dass sie den seiner irdischen Würde entkleideten Kaiser erblickt hätten, geschmückt mit der Krone des Himmels.

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  13. #58
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    Die ersten deutschen Könige

    4. Arnulf von Kärnten (regiert 886-898)

    Die Erhebung Arnulfs wurde von entscheidender Bedeutung. Sie setzte nicht direkt die Wahlmonarchie an Stelle des Erbreichs. Nicht ein fremdes Geschlecht wurde auf den Thron berufen, Arnulf war ein Karolinger. Aber er war ein außerehelicher Spross des Herrscherhauses. Seine uneheliche Geburt nahm ihm das Erbfolgerecht. Jetzt, da eheliche Nachkommen fehlten, trat Arnulfs Familienzugehörigkeit in den Vordergrund. Er wurde von den Fürsten als geeigneter Nachfolger edlen Blutes gesehen, deshalb wurde er zum König gewählt. Die Wahl ergänzte nur den Mangel an Erbrecht, die Huldigung anerkannte ihn als Herrn. Was die deutschen Fürsten in eigener Regie taten, konnte natürlich nicht bindend sein für die Westfranken. Das war ein entscheidender Schritt von einem geteilten Frankenreich zu zwei separaten Königreichen, nämlich dem der Deutschen und dem der Franzosen. Nur nach einer Seite griffen Arnulfs Ansprüche weiter, nach Italien. Und hier war es das verlockende Streben nach der Kaiserkrone, das ihn dazu bewog, das auch später das deutsche Reich nach diesem verhängnisvollen Erbstück des Karolingerreichs langen ließ.

    Andererseits waren es die Fürsten des Reiches, nicht die Karolinger Könige, die für ein Ende des unumschränkten Erbrechts sorgten. Das traditionell geteilte Erbe wurde durch ihr Betreiben durch das Wahlrecht nicht nur ergänzt, sondern schließlich auch ersetzt. Denn die Teilbarkeit des Reichs und die unheilvollen Folgen dieses Erbrechts mussten sich jedem aufdrängen. Die Macht der Großen war gewachsen, es bildeten sich bereits territoriale Gewalten im Gegensatz zur Krone.

    Die wichtigsten Fürsten des Reiches waren jene, die sich den Titel des Dux, des Herzogs, erworben hatten. Bedeutende waren zu dieser Zeit jene von Sachsen, von Schwaben, von Baiern und von Franken. Für den Karolinger Arnulf bildete Baiern sein Stammland, hier regierte er von Regensburg aus. Schwaben war mit dem Tod seines Onkels Karl dem Dicken (839-878) an dessen Sohn Ludwig das Kind (873) gefallen. Er war zu dieser Zeit der neben dem Frankenherzog Ludwig der Jüngere (835) – auch er ein Onkel Arnulfs – der einzig verbliebene Karolinger im Ostreich. Der Franke war mit 51 Jahren allerdings bereits betagt und hatte keine Kinder.

    Eine besondere Rolle spielte das Herzogtum Sachsen - ausgerechnet Sachsen war zu einem starken Pfeiler des Reiches geworden. Das war erstaunlich angesichts der Tatsache, dass noch Arnulfs Ururgroßvater Karl der Große Sachsen in einem ersten „Dreißigjährigen Krieg“ mit Feuer und Schwert unterworfen und das Christentum aufgezwungen hatte.

    Zusammengefunden unter eine starke Führung hatte Sachsen unter Graf Liudolf (806-866), einem politisch sehr aktiven Mann. Es gelang ihm schon damals, für die unerlässliche Grenzsicherung gegen die Däneneinfälle aus dem Norden den gesamten Adel Ostfalens zu einen. Wenig später stieß auch der Adel Engerns dazu. Ebenso garantierte Liudolf die Sicherung der Ostgrenze im sächsischen Bereich. Sein Name erhielt dadurch in kurzer Zeit weit über sein eigenes Territorium hinaus einen außergewöhnlichen Klang, seine Zeitgenossen sprachen von ihm vereinfachend als dem Dux, dem Herzog von Sachsen. Ein solcher Titel war damals noch nichts Feststehendes. Liudolf konnte so benannt werden, weil er die Markgrafschaft gegenüber den Dänen innehatte oder weil er als Befehlshaber das gesamte Heer führte. Schließlich wurde er auch förmlich von König Ludwig dem Deutschen als „Dux orientalum Saxonum“ bezeichnet. Der Zusammenhalt Sachsens unter Liudolf stand im Kontrast zum Niedergang der Karolinger – wohl ein Grund, warum Sachsen innerhalb von wenigen Jahrzehnten eine so bedeutende Rolle im Reichsverband einnehmen konnte. In einer anderen Form eine Besonderheit war Liudolfs Frau Oda aus dem Geschlecht der Billunger, die er 836 geheiratet hatte: Nachdem Liudolf im Jahre 866 starb, überlebte seine Gemahlin ihn um über fünfzig Jahre. Sie wurde nachweislich 107 Jahre alt.



    Liudolfs ältester Sohn Brun wird in den Fuldaer Annalen ebenfalls als Herzog bezeichnet. Ähnlich wie bei seinem Vater braucht diese Titelzuweisung nicht anderes zu bedeuten, als dass Brun Inhaber der herzoglichen Gewalt in Sachsen gewesen ist. Mehr ist nicht bekannt über ihn, auch von Nachkommen ist nirgends die Rede. Trotzdem war er offenbar ein Mann von Format, sonst hätte ihn die Legende wohl kaum mit der Gründung von Bruns-wiek, Braunschweig, in Verbindung gebracht und zum Ahnherrn des Adelsgeschlechts der Brunonen erhoben.



    An der Spitze der Familie stand aber sein jünger Bruder Otto. Otto war 877 zum Gaugrafen erhoben worden und galt wie sein Vater Liudolf als vorzüglicher Machtpolitiker. Man traute „dem Erlauchten“ - so sein Beiname - zu, sich unter Arnulf zu einem heimlichen Monarchen aufzuschwingen.



    Im Jahre 889 starb der Karolinger Ludwig der Jüngere ohne Nachkommen. Das Herzogtum Franken wurde damit ledig und zu einer umkämpften Trophäe zweier Geschlechter: Den Konradinern und der Babenberger. König Arnulf bevorzugte hierbei Konrad, den Namensgeber seines Hauses und übertrug ihm Franken. Vermutlich war Arnulfs Frau eine Angehörige der Konradiner. Die beiden edlen Geschlechter der Konradiner und Babenberger standen sich in Franken bald in unversöhnlicher Feindschaft gegenüber.

    Gehässige Rivalität und erbitterte Eifersucht gaben, „wie aus ganz kleinen Funken ein ganzer Brand entsteht“, den Anlass zur Verfeindung. Jedes der beiden Geschlechter pochte auf den Adel seines Blutes, die Ansehnlichkeit seiner Verwandtschaft, den Reichtum seines Besitzes. Die Babenberger sahen sich gegenüber ihren Nebenbuhlern zurückgesetzt und in ihren Besitzungen und Grafschaften eingeengt. Vom Streit kam es zu blutigen Fehden, die dem Schwert unzählige Opfer lieferten. Gegenseitig verwüstete man sich das Land durch Raubzüge und Brandlegung, bei der auch das Bistum Würzburg verwüstet wurde. Selbst vor scheußlichen Grausamkeiten schreckte man nicht mehr zurück, wie Abhauen der Hände und Füße. In den 890er Jahren brachen beide Familien immer wieder den Landfrieden, so dass sich die Reichsregierung schließlich zu einer Tat aufraffen musste.

    Die Konradiner standen dem königlichen Haus am nächsten. Der Babenberger Adalbert wurde zur Verantwortung auf eine Reichsversammlung in Tribur vorgeladen, erschien aber nicht. Ein Heer aus Franken und Schwaben wurde aufgeboten, der König musste selbst mitziehen, um Adalbert, weil er „in der begonnenen Rebellion hartnäckig verharrte“, in seiner Burg Theres am Main zu belagern. Adalbert leistete tapferen Widerstand, die Belagerung zog sich in die Länge. Als ihn auch Egino, bisher sein treuester Genosse, verriet und zu den Königlichen überging, ließ er den Mut sinken. Er öffnete die Tore der Burg, begab sich mit wenigen Begleitern in das königliche Lager und bot, um Verzeihung für den begangenen Friedensbruch bittend und Sühne gelobend, dem König freiwillig seine Unterwerfung an. Doch man sagte, dass er nur aus Hinterlist so handle. Seine Unterwerfung sei nur ein Trug, um sich aus seiner verzweifelten Lage zu retten und dann wieder zu seinem früheren Treiben zurückzukehren. Er wurde in Haft genommen, mit gefesselten Händen dem Heer vorgeführt und um Tod verurteilt. Sein Haupt fiel unter dem Schwert des Henkers. Seine Besitzungen wurden konfisziert und unter die Herren von hohem Adel aufgeteilt. Auch Egino erhielt für seinen Verrat ein Lehen gegeben. In Franken war jetzt Konrad der unumstrittene Herr und führte seitdem den Titel eines Herzogs.

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  14. #59
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    Die ersten deutschen Könige

    Im Mai 891 starb nach über fünfzigjähriger Herrschaft der westfränkische König Karl II. der Kahle (823-891). Von seinen drei Söhnen lebte zu dieser Zeit nur noch der älteste, Ludwig II. der Stammler (846), den Karl schon vor Jahren mit dem Unterkönigtum Aquitanien belehnt hatte. Der Übergang der Macht von Karl zu Ludwig gestaltete sich weniger glatt, als man das erwarten würde. Denn Ludwigs Anspruch wurde ihm streitig gemacht von der Fraktion der Robertiner, die sich sein Vater bereits zu Gegnern gemacht hatte.



    Dessen Namensgeber Robert der Tapfere war 866 im Kampf gegen die Normannen gefallen. Robert der Tapfere fiel 866 im Kampf gegen die Normannen. Darauf zog König Karl der Kahle die Lehen des Verstorbenen ein, statt ein Erbrecht der unmündigen Söhne anzuerkennen. Das Amt Roberts als Befehlshaber im Raum zwischen Seine und Loire und Organisator der Normannenabwehr übernahm Hugo der Abt, ein Vetter Karls des Kahlen aus dem Geschlecht der Welfen; er erhielt auch Roberts Grafschaften und Klöster und verdrängte damit Roberts Söhne. Erst 882 oder Anfang 883 erhielt Odo die Grafschaft Paris, nachdem deren vorheriger Inhaber, der Welfe Konrad, ein Vetter Hugos des Abtes, gestorben war. Während der Belagerung von Paris (885–886) durch dänische Wikinger organisierte Odo gemeinsam mit Gauzlin, dem Bischof von Paris, die Verteidigung der Stadt, womit er sich großes Ansehen erwarb.

    Der Tod Hugos des Abtes am 12. Mai 886 ermöglichte Odo das Einrücken in die dadurch wieder vakant gewordenen Ämter seines Vaters, die Befehlsgewalt zwischen Seine und Loire und die Grafschaften Angers, Blois, Tours und Orleans. Außerdem wurde er wie schon sein Vater „Laienabt“, das heißt, er erhielt die Einkünfte von Klöstern als Pfründen. Dadurch wurde Odo zum mächtigsten der Großen in Neustrien. Den Titel eines Herzogs hat er aber nicht geführt; in den königlichen Diplomen erscheint er nur mit seinem einfachen Grafentitel.

    Der französische Adel hatte wenig Vertrauen in die Fähigkeiten des Thronerben Ludwig II., seine bescheidenen militärischen Fähigkeiten hatte man bereits in Aquitanien kennengelernt. Angesichts der Normannengefahr hielten sie ihn für ein Risiko. Die Fürsten bevorzugten die Erhebung Odos durch einen Wahlakt und missachteten den Erbanspruch des Karolingers. In Frankreich verfügte Ludwig II. der Stammler mit Erzbischof Fulko von Reims jedoch über einen mächtigen Unterstützer.

    Ein Sieg Odos über die Normannen im Juni 894 konsolidierte jedoch die Macht des neuen Herrschers. In dem Bürgerkrieg erwies sich Odo bald als überlegen. Odo suchte eine Verständigung mit Arnulf und traf im 895 in Worms mit ihm zusammen. Er erkannte einen Ehrenvorrang Arnulfs an, ohne dass dadurch die staatsrechtliche Eigenständigkeit des Westreichs beeinträchtigt wurde. Am 13. November 895 ließ sich Odo in Reims mit einer Krone, die er von Arnulf erhalten hatte, krönen. Nun konnte er die Anerkennung seiner Herrschaft durch die noch zögernden Großen im gesamten westfränkischen Reich erlangen; sogar Fulko fand sich damit ab.

    Als 896/897 Frieden geschlossen wurde, unterwarf sich Ludwig II. der Stammler und anerkannte Odo als König, doch musste Odo Ludwig als seinen künftigen Nachfolger akzeptieren. Denn Odo hatte zwar ein Kind von seiner Gattin Theodrada, das jedoch früh starb. Daher hatte er keinen Thronerben. Aus diesem Grund stärkte er systematisch seinen jüngeren Bruder Robert; er überließ Robert nach seiner Wahl zum König seine bisherigen Grafschaften und verlieh ihm weitere Würden. Diese Stärkung der robertinischen Hausmacht und die auch sonst für willkürlich gehaltene Vorgehensweise Odos rief im Adel Unwillen hervor.

    Graf Balduin II. von Flandern, der sich durch eine Entscheidung Odos benachteiligt fühlte, rebellierte. Odo vertraute die Stadt Laon seinem Vetter Waltger an, der jedoch den König verriet, zu Balduin überlief und ihm die Stadt übergab. Darüber war Odo so erbittert, dass er nach der Rückeroberung von Laon Waltger enthaupten ließ. Dem Verurteilten wurde sogar geistlicher Beistand vor dem Tod und ein christliches Begräbnis verweigert. Die Härte dieses Vorgehens löste weithin Entsetzen aus, und der Aufstand gegen Odo weitete sich aus. Seine Gegner, darunter insbesondere Fulko, erhoben am 28. Januar 898 nun Ludwig II. zum König und suchten bei dem ostfränkischen König Arnulf Unterstützung. Dieser taktierte zunächst herum. Am 1. Januar 898 starb Odo aber, und nach diesem Ereignis fand Ludwig II. allgemeine Anerkennung bei den französischen Fürsten. Auch Arnulf akzeptierte nun seinen karolingischen Verwandten. Die Machtstellung von Odos Bruder Robert blieb weiter erhalten und sollte noch lange ein Problem für Ludwigs Herrschaft darstellen.

    Kaiser Arnulf überlebte Odo nur um einige Monate. Eine Krankheit legte die Tatkraft des Karolingers lahm, noch während er sich von einem Unfall erholte. Während eines Reichstags in Forchheim war das hölzerne Gebäude, in dem sich der Kaiser gerade befand, eingestürzt Arnulf war nebst vielen anderen schwer verletzt worden.



    Unfähig zu größeren Anstrengungen oder Reisen zog er sich zur Linderung seiner Leiden nach Baiern zurück. Die Hoffnung auf Genesung schwand, als ihn im Juni 898 ein Schlaganfall lähmte. Die abergläubische Beschränktheit und medizinische Unwissenheit jener Zeit, die noch an Zaubermittel und -tränke glaubte und für Fortschritt und Wirkung einer Krankheit andere, vor allem den Arzt, verantwortlich machte, forderte ihre Opfer. Man glaubte, dass dem Kaiser „von einigen Frauen und Männern etwas Schädliches gegeben worden sei, wodurch er gelähmt wurde“. Die Kurpfuscher mussten ihren Heilversuch teuer büßen: einer wurde als Majestätsverbrecher in Oetting enthauptet, ein zweiter entkam nach Italien, eine Frau endete am Galgen. Die Lähmung wurde dadurch aber nicht behoben.

    Das einzige, was Arnulf politisch noch zu regeln hatte, war die Frage seiner Nachfolge. Da er selbst ohne Nachkommen geblieben war, forderte er die deutschen Fürsten auf, seinen Cousin Ludwig das Kind – der letzte der deutschen Karolinger – zum König zu wählen. Ludwig war bereits Herzog von Schwaben und wurde in seinem Thronanspruch unterstützt von Herzog Reginar von Brabant, den Konradinern in Franken sowie dem Salier Werner II. von Niederlothringen. Unter den Befürwortern des jungen Karolingers fand sich nicht der Sachse Otto der Erlauchte.



    Es war das letzte Aufflackern der Tatkraft Arnolds gewesen. Am 24. Juli 898 erlag er in Regensburg seinem Siechtum. Arnulfs Regierung bildete für Deutschland einen Markstein: durch seine Erhebung endete der automatische Erbanspruch der karolingischen Monarchie, das ostfränkische Reich wurde zum deutschen Reich. Mit der nominellen Oberherrlichkeit über die losgelösten Reiche (Ostfranken, Italien und Burgund) sich begnügend, konnte er sich auf die wichtigen Aufgaben in den deutschen Landen konzentrieren. Er schlug die Normannen zurück, hielt die Slawen untertänig und schuf im Inneren mit fester Hand für Ordnung. Ob sein Cousin Ludwig der Bürde der Krone gewachsen sein würde, war noch unklar.

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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

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    Die ersten deutschen Könige

    5. Ludwig III. das Kind (regiert 898-937)

    Quälende Sorgen mögen Arnulf in seinem Siechtum gedrückt haben, wenn er an die Zukunft des Reichs und seines Cousins dachte, dem als junger Mann eine Krone zufiel und mit der Krone Aufgaben, deren Bewältigung die volle Kraft eines weitsichtigen Mannes erfordert hätte. Ludwigs Beiname „das Kind“ wird ihm schon von den Geschichtsschreibern der nächsten Folgezeit gegeben. In der Reihe der deutschen Könige in dieser Partie ist er Ludwig III. (historisch: Ludwig IV.).

    Als der einzige verbliebene Karolinger war Ludwig der unbestrittene Erbe des Reichs. Am 4. Oktober 898 empfing er in Forchheim erneut die Huldigung der Großen des Reichs. Bald schon zeigte sich, dass Ludwig ein leicht zu beeinflussender Mann war, dem die persönliche Reife für dieses Amt fehlte. Urkunden wurden stets in seinem Namen ausgestellt, und ihre Verfasser hatten größten Einfluss auf die Reichsgeschäfte. Offiziell traten diese Personen als „Intervenienten“ auf, die Fürsprache beim König eingelegten. Ludwig wurde von ihnen bei seinen Entscheidungen „beraten“. Unter den „Fürsprechern“ nahm die hohe Geistlichkeit die erste Stelle ein. Ihr Einfluss, ihre Macht, nun nicht mehr durch die Macht der Krone eingeengt, hob sich mehr und mehr. Unter der Geistlichkeit waren es wieder die beiden Taufpaten des jungen Königs, Bischof Adalbero von Augsburg, sein „lieber Lehrer“ und „eifriger Erzieher“, und Erzbischof Hatto von Mainz, sein „teuerster geistlicher Vater“, dessen Rat und Unterstützung der König nicht entbehren könne. Von den weltlichen Fürsten tauchten die Grafen seiner bairischen Heimat auf, dazu die Konradiner Frankens, solchermaßen an der Seite Ludwigs auf. Die geistlichen Herren, wahrscheinlich auch die weltlichen, vergaßen keineswegs dabei für sich selber und ihre Kirchen zu sorgen. Es gab reichlich Schenkungen zu Lasten des Kronguts. Der Eindruck drängte sich auf, dass gewisse Herren die Geschäfte unter sich ausmachten, von denen der König auf dem Thron nicht viel verstand.

    Es war nur eine Frage von wenigen Monaten, bis sich die zurückgesetzten weltlichen Fürsten mit ihren Beschwerden an den König selbst wandten und ihn in unverschämt nachdrücklicher Weise zur politischen Kurskorrektur aufforderten.



    Zu Ludwigs Bestürzung konnte er sich nicht auf seine bairischen Grafen stützen, als es darum ging, die innere Krise des Reichs zu bewältigen, nachdem er die Forderungen der Herzöge schroff zurückwiesen ließ. Denn die östliche Grenze von Baiern sah sich einer Gefahr ausgesetzt, die in seiner Wucht bisher nicht dagewesen war. Dort zeigten sich Feinde, wie sie vordem nicht einmal die Normannen gewesen waren: die Ungarn.

    Die Ungarn, oder Magyaren, wie sie sich selbst nannten, gehörten der ural-altaischen Völkerfamilie an, und zwar dem finnisch-ugrischen Zweig derselben. Von ihren ursprünglichen Wohnsitzen an der mittleren Wolga und am Ural waren sie, noch ein Nomadenvolk, gleich den ihnen blutsverwandten Hunnen und Awaren gen Westen gezogen und hatten sich in den weiten Steppen zwischen Don und Dnjepr niedergelassen. Ihr Oberhaupt kam aus der Familie der Arpaden, daneben behielten die einzelnen Stämme ihre Häuptlinge. Im Jahre 862 erschienen sie erstmals an der deutschen Ostgrenze, in den folgenden Jahrzehnten bedrängten und plünderten sie vor allem Mähren und Pannonien.

    Nachdem die Magyaren 893 von den Bulgaren geschlagen worden waren, zogen sie mit ihren Reiterscharen notgedrungen weiter nach Westen und nahmen Pannonien in ihren Besitz. In den folgenden Jahren ließen sie sich im Tiefland zu beiden Seiten der Theiß nieder, das Land kannten sie von ihren früheren Raubzügen. Diese entvölkerte Gegend hieß seit der Niederwerfung und Verwüstung durch Karl den Großen die „Awarenwüste“, sie war quasi kampflos einnehmbar. Das nomadische Leben der Ungarn und ihr Kampfstil waren den Deutschen fremd und unheimlich. Während die Deutschen mit dem Schwert Mann gegen Mann kämpften, waren die Ungarn kühne Reiter, die mit Schwert, Wurfspieß und Bogen bewaffnet waren. Sie überschütteten ihre Feinde mit Pfeilen und zogen sich auf ihren schnellen Pferden zurück. Durch verstellte Flucht lockten sie ihn aus fester Stellung, immer hatten sie eine starke Reserve im Hinterhalt. Wenn die Niederlage entschieden schien, stürmte diese plötzlich auf den nachdrängenden Feind ein und durchbrach seine Reihen. Auf der Walstatt gaben sie kein Pardon, auf ihren Raubzügen erschlugen sie die Männer und alten Weiber und schleppten die jungen Frauen mit sich fort. Gehöfte zündeten sie an und raubten, was mitzunehmen war. So schlimm waren sie, dass die Deutschen sie gelegentlich mit den prophetischen Völkern Gog und Magog verglich, die am Ende der Welt erscheinen sollen, um allen Tod und Verderben zu bringen.



    So lange Arnulf lebte, blieb das deutsche Reich noch von den Ungarn verschont. Mit ihrer ganzen Streitmacht waren sie in den 890ern in Italien eingefallen und brachen bis Pavia vor. Nachdem sie die Lombardei geplündert hatten und Venedig erfolglos zu nehmen versuchten, zogen sie sich nach Pannonien zurück. Das deutsche Grenzland sah nun, an der Jahrhundertwende, die gleichen Gräuel. Zunächst hatten die Grenzmarken an Donau und Enns Schlimmeres verhütet, das entmutigte die Ungarn jedoch nicht. Kaiser Arnulf war nun tot, das Deutsche Reich in der Krise und die Ennsburg wurde zu einer überwindbaren Hürde. Jetzt rächte sich nicht nur, dass man die Awarenwüste sich selbst überlassen hatte. Auch der Niedergang des von den Deutschen bekämpften mährischen Reichs bedeutete, dass ein wichtiger Puffer zu den Ungarn entfallen war. In den folgenden zehn Jahren wurden die Ostmark und Baiern immer wieder Ziel der ungarischen Einfälle – eine Schwächung des bairischen Hausguts von König Ludwig mit bedeutenden Konsequenzen.

    Das Glück war Ludwig III. beim Kampf gegen die Fürstenopposition im Reich hold, denn die Sachsen blieben dem Aufstand fern. Der Grund dafür lag in der Krankheit des Herzogs Otto des Erlauchten, des mächtigen Fürsten im Norden des Reiches. Ihm boten die weltlichen Fürsten, die gegen Ludwig III. standen, die Krone an. Otto jedoch wies dies zurück und verwies auf sein Alter bzw. seine bereits schlechte Gesundheit. Um die Machtübertragung in Sachsen auf seinen kleinen Sohn Heinrich nicht zu gefährden, blieb der Liudolfinger dem Abenteuer des Aufstands fern. Tatsächlich starb Otto der Erlauchte im März 901.



    Auch von westfränkischer Seite griff man nicht in den deutschen Bürgerkrieg ein. Für Ludwig II. den Stammler wäre die Gelegenheit günstig gewesen, denn unter den deutschen Fürsten vor allem im linksrheinischen Bereich gab es manchen, der ein Eingreifen des Karolingers begrüßt hätte. Lieber wollten sie einen energischen Nachfahren Karls des Großen auf dem deutschen Thron sehen - auch wenn dieser von Paris aus regierte - als den schwachen Ludwig III. als König zu akzeptieren. Hier scheint noch einmal der Gedanke des einheitlichen Frankenreichs durch. Ähnlich wie bei dem Hoffnungsträger Otto von Sachsen schlug auch hier das Schicksal zugunsten des deutschen Königs zu: Ludwig der Stammler starb einen Monat nach Otto im April 901. Gemäß seiner Verfügung erbten seine beiden seine beiden Söhne Jourdain (*879) und Bouchard (*882) die Teilreiche Westfranken bzw. Aquitanien. Die mit dem Regierungswechsel verbundene Teilung bedeutete, dass von dieser Seite vorerst nicht mit einem Eingreifen in die deutsche Politik zu rechnen war.



    Während Ludwig III. dank dieser Ereignisse im Kampf um den Erhalt seiner Macht die Oberhand gewann, rief er einen Heerbann der Schwaben, Franken und Baiern gegen die Ungarn zusammen. Das Aufgebot bedrohte jeden mit dem Galgen, der sich der Dienstpflicht entziehen würde. Zuerst stießen die Schwaben mit den Ungarn zusammen, sie wurden unter großen Verlusten geschlagen. Auf dem Lechfeld bei Augsburg stellte sich das Hauptheer den Ungarn entgegen. Die Deutschen kämpften wacker, schon schien ihnen der Sieg zu winken, als sie sich durch verstellte Flucht der Ungarn zur Verfolgung und zur Lockerung der Reihen verleiten ließen. Die im Hinterhalt gehaltene Reserve stürmte auf sie ein, die Fliehenden wandten sich zurück und richteten unter den Deutschen ein Blutbad an. Die Schlacht war verloren, die Ungarn zogen unbehelligt mit ihrer Beute heim.

    Die Niederlage auf dem Lechfeld machte deutlich, dass der Sieg, den Ludwig III. schließlich gegen seine deutschen Gegner davontrug, nicht über die grundsätzliche Schwäche des Deutschen Reiches hinwegtäuschen konnte. Im Januar 902 unterwarfen sich die Empörer dem König und erhielten von ihm Gnade. Die Befestigungen der Ostgrenze aber waren in den Kriegswirren verfallen, das Reich wies eine offene Flanke auf, in die die Ungarn von nun an Jahr für Jahr ungehindert einfallen konnten.

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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

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