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Thema: [CK2/EU4] Schwer ruht das Haupt, das eine Krone drückt

  1. #31
    The passion of lovers Avatar von Mark
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    Byzanz

    Leo IV. (regiert 780 bis 797)

    Am 2. April 780 starb der Kaiser nach einem über einjährigem Siechtum. Konstantin V. war offensichtlich ein militärisch fähiger und erfolgreicher Kaiser, der die Grenzen des Reiches sicherte und verlorene Territorien zurückeroberte. Militärische Erfolge vermochten ihm sogar seine Gegner, die ansonsten nichts Gutes über den Kaiser zu berichten wussten, in ihren historischen Werken nicht gänzlich abzusprechen. Nur in Italien musste Konstantin den Verlust byzantinischer Autorität hinnehmen. Genauere Aussagen über seine Innenpolitik sind aufgrund der tendenziösen Quellenlage sehr schwierig, doch scheint er keine harte ikonoklastische Politik betrieben zu haben; vielmehr ging er gegen politische Opposition entschieden vor und versuchte religionspolitisch, gegen Aberglauben vorzugehen. Er reformierte die Armee und die Verwaltung und kümmerte sich auch um theologische Fragen. All dies ergibt das Bild eines Kaisers, der seine politischen Pflichten ernst nahm und ihnen vor allem gewachsen war.



    Nach Konstantins Tod blieb die Eintracht der Brüder zwar zunächst gewahrt, aber das hielt nicht lange. Wie erwähnt war der Nachfolger Leo IV. ein schwächlicher Mann, charakterlich zugleich zaghaft wie grausam. Zum Zeitpunkt der Thronbesteigung war Leo IV. dreißig Jahre alt und hatte einen sechsjährigen Sohn.



    Leo IV. erkannte in den verwandtschaftlich begründeten Thronansprüchen die größte Gefahr für seine Herrschaft und machte sich daran, sie zu entmachten. Noch im April 780 warf er seinem Bruder Nikephoros – wohl zu recht – Hochverrat vor und erhob seinen eigenen Sohn Konstantin VI. zum Mitkaiser. Leo IV. scheint sich seiner Macht und persönlichen Konstitution nicht allzu sicher gewesen zu sein. Im Gegensatz zu seinem Vater und Großvater zog er nicht persönlich ins Feld, sondern blieb in Konstantinopel.



    Nikephoros gelang vor den Häschern des Kaisers die Flucht aus Konstantinopel, er setzte sich in sein Herzogtum ab und rüstete sich für einen Umsturz. Sein Bruder Niketas hatte weniger Glück, er geriet in die Gewalt von Leo IV., der ihn in den Kellern des Palastes einsperren ließ.



    Dort verblieb Niketas zunächst, denn Leo IV. widmete sich in den folgenden Monaten dem erfolgreichen Abschluss der Eroberung des serbischen Ohrid, das er im Juli 780 dem Byzantinischen Reich einverleiben konnte.

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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  2. #32
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    Byzanz

    Im November 780 wurde dem unglücklichen Niketas der Schauprozess gemacht. Erwartungsgemäß wurde er des Hochverrats verurteilt und zur Strafe sein Augenlicht geblendet. Als Thronprätendent war dieser Bruder des Kaisers damit keine Gefahr mehr, denn nach Meinung der Leute konnte von einem körperlich offensichtlich versehrten kein göttliches Heil für das Reich ausgehen.



    Der Kaiser ging ganz sicher und ließ seinen Bruder weiter verfolgen. Im August 781 meuchelten gedungene Mörder den Prinzen, als sie ihn während eines Umritts in einen Hinterhalt tappen ließen. Einige Monate zuvor hatte der lange Arm des Kaisers bereits den älteren Bruder von Nikephoros und Niketas ereilt: Christophorus war klassisch durch vergifteten Wein umgekommen. Anthimos folgte ihm im Juni 783 ins Grab, als er bei einem verdächtigen Unfall ums Leben kam.



    All jene Fürsten, die mit der Herrschaft des Kaisers nicht einverstanden waren, sammelten sich nun hinter Nikephoros, der ihnen für ihre Hilfe beim Erringen des brüderlichen Throns wohl weitreichende Privilegien versprochen hatte. Im Januar 782 kam es zum Bruch zwischen Leo IV. und den Herzögen von Nicäa sowie jenen der westlichen Teile des Reiches, die seit jeher eine untergeordnete Aufmerksamkeit der Machthaber in Konstantinopel zu bemängeln hatten.



    Prinz Nikephoros musste aus Nicäa fliehen, weil die Anhänger des Kaisers hier die Oberhand gewannen. Er ging nach Westen und bereite von Italien aus seinen Marsch auf die Hauptstadt des Byzantinischen Reichs vor.



    Für Leo IV. war diese Situation bedrohlich. Im Osten drängten die Araber gegen die Grenzen, unterstützt von den Paulikianern – eine Gruppe der orthodoxen Kirche, die als häretisch verurteilt und aus Byzanz vertrieben worden war. Ihre Lehre enthielt Züge der Gnostiker und kann als Vorläufer der Katharer, die später in Westeuropa auftauchten, bezeichnet werden. Sie lehnten kirchliche Hierarchien, Bilder- und Reliquienverehrung sowie das Symbol des Kreuzes ab. Der Kalif gab ihnen Schutz und wies den Paulikianern Dörfer in Syrien zu, in denen sie leben konnten.

    Die Westpolitik des Kaisers zeigte angesichts der Schwierigkeiten im Inneren wenig Aktivitäten. Von Belang war lediglich die Flucht des langobardischen Prinzen Adalgis vor der fränkischen Übermacht an den Hof Leos IV., wo man ihn freundlich aufnahm. Man benannte ihn um in Theodotos und hielt ihn als potentiellen Prätendenten in Bereitschaft. Es war wie die Bedrohung durch den in Italien weilenden Nikephoros, nur unter umgekehrten Vorzeichen.



    Leo IV. hatte erkannt, dass nach der Einnahme Pavias durch Karl den Großen nicht länger die Langobarden, sondern die Franken die größte Bedrohung des byzantinischen Einflusses in Italien darstellten. Da es Papst Hadrian I. mit den Franken hielt, nahmen die Byzantiner nicht mehr große Rücksicht auf ihn. Papst Hadrian seinerseits vollzog endgültig die Abkehr von Ostrom, datierte jetzt nicht mehr nach den Kaisern, sondern nach seinen eigenen Pontifikatsjahren und prägte Münzen mit seinem eigenen Bild. Die Griechen waren für ihn, wie aus seinen Briefen hervorgeht, „gottverhasst und verbrecherisch“, der byzantinische Statthalter von Sizilien der verbrecherischste von allen. Von Sizilien aus operierten byzantinische Piraten vor Italiens Küste.
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  3. #33
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    Byzanz

    Wenn überhaupt etwas geschehen sollte, musste man sich mit der neuen Großmacht in Italien auseinandersetzen, den Franken. Man musste herausfinden, was sie wollten, und dann nach Möglichkeit zu einem Modus vivendi gelangen, dem die anderen, vergleichsweise kleinen Mächte Italiens sich würden beugen müssen. Genau dies geschah 785, als Leo IV. Gesandte zu Karl dem Großen schickte, damit sie über ein Bündnis der beiden Mächte verhandelten, das durch eine Eheverbindung zwischen Karls Tochter Hildegardis und Leons Sohn Konstantin VI. bekräftigt werden sollte. Die Angelegenheit blieb lange ergebnislos, weil Karl mit dem Krieg gegen die Sachsen alle Hände voll zu tun hatte. Dann ereilte im Juni 788 Leos Bruder Nikephoros überraschend der Tod.



    Karl der Große hatte einen Faustpfand und die byzantinischen aufständischen Fürsten ihre Galionsfigur verloren. Für Leo IV. verminderte sich die Notwendigkeit, sich umfassend mit den Franken zu einigen. Die Opposition gegen den Kaiser brach nach diesem Ereignis rasch zusammen, weil sich die militärisch bedrängten Fürsten nun mit Leo IV. verständigten.



    Nachdem sich Leo IV. mit seinen Fürsten geeinigt hatte und sie gegen Strafzahlungen in ihren Ämtern beließ, war es um den letzten verbliebenen Bruder und Prätendenten Eudokinos geschehen. Ohne den Schutz der Fürsten geriet er schnell in die Gewalt des Kaisers, der ihn 790 blenden und somit als Thronanwärter ausscheiden ließ.



    Erstmals in den zehn Jahren seiner bisherigen Herrschaft war Leos Position jetzt ungefährdet, er konnte sich der Umsetzung seiner politischen Agenda zuwenden. Im Dezember 790 berief der Patriarch von Konstantinopel eine Synode nach Hiereia (heute: Fenerbahce) ein, auf der die Bilderverehrung in aller Deutlichkeit als Häresie verurteilt und die Bischöfe Johannes von Damaskus sowie Germanus von Konstantinopel exkommunizierten. Ob es zu Verfolgungen von Bilderverehrern kam, ist unklar. Die historischen Quellen beschreiben dies, doch sie stammen aus späterer Zeit, in der die Ikonodulen wieder die Oberhand gewonnen hatten und die Zeiten der Bilderstürmer in den schwärzesten Farben beschrieben. Vermutlich war der Kaiser kein gnadenloser Bilderstürmer.



    Die Durchsetzung des Ikonoklasmus lag Leo IV. aber ganz offenbar am Herzen, denn er zwang im Jahre 791 den byzantinischen Patriarchen zum Rücktritt und ersetzte ihn durch den kompromissloseren Polykarpos. Mit ihm wurde nicht nur ein gewiefter Politiker, sondern auch ein enger Gefolgsmann des Kaisers neuer Patriarch, dessen wichtigste Aufgabe es war, die Beschlüsse der Synode von 790 durchzusetzen.

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  4. #34
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    Byzanz

    Das galt auch für die gewünschte Abgrenzung zum römischen Papst. Auf der Synode war der katholische Kirchenführer durch zwei Legaten vertreten gewesen, die Haltung des Papstes in dieser Frage war klar, die Katholiken befürworteten die Bilderverehrung. Die erneute Vertiefung der Spaltung zwischen West- und Ostkirche bewog den Papst dazu, freudig auf das Angebot des bulgarischen Königs Boris einzugehen: Der war zum Christentum übergetreten und ersuchte den Heiligen Vater um die Entsendung von katholischen Missionaren. Für Leo IV. war das eine Provokation, denn er betrachtete Bulgarien klar als Teil der byzantinischen Einflusssphäre. Die katholische Missionarstätigkeit in Bulgarien blieb deshalb Episode, Konstantinopel setzte sich in dieser Frage durch. Bulgarien wurde orthodox. Die Hoffnung der Byzantiner, die Bulgaren könnten nach der Annahme des Christentums weniger kriegerisch und übergriffig werden, erfüllte sich indes nicht.

    Veränderungen im Arabischen Reich führten zu einer günstigen Lage für Leo IV. im Osten. Im Mai 791 stürzten die Ashiden unter ihrem Anführer Abu-Bakr die Dynastie der Abbasiden und übernahmen das Kalifat. Die zwangsläufig folgende Phase innerer Unruhen im Kalifat minderte den Druck, den die Araber jahrelang auf Kleinasien ausgeübt hatten. Abu-Bakr führte zu seinem Schutz übrigens eine Leibwache ein, die Mameluken, die bald zu einer einflussreichen Größe am Hof des Kalifen heranwuchsen.



    Leo IV. nutzte die Schwäche der Araber und fiel in Kilikien ein und besetze Tarsus, Lykandos und Adana. Der kilikische Scheich Ishaq, der bisher auf den Schutz der Araber hatte zählen können, musste Tarsus verlorengeben und an Byzanz übergeben.

    Im Dezember 791 wurde Leos Sohn Konstantin der Ältere volljährig. Er war der Erstgeborene unter den Söhnen, war aber vor der Thronbesteigung des Kaisers zur Welt gekommen. Daher war der zweite Sohn, Konstantin der Jüngere (Konstantin VI.), als Purpurgeborener der Erbe des Byzantinischen Reiches. Konstantin der Ältere hatte da also zurückzustehen. Es zeichnete sich ab, dass der junge Mann sich anschickte, nach militärischem Ruhm zu streben, was für einen Mann von sechzehn Jahren verständlich sein mag. Dem Reich bekam es aber nicht gut. Zu Beginn der 790er Jahre zeigten die Bulgaren sich erholt und begannen byzantinische Grenzprovinzen zu beunruhigen. Der Kaiser übergab Konstantin dem Älteren den Oberbefehl über die militärischen Kräfte (wobei ein großer Teil noch in Kleinasien gebunden blieb), der gegen die Unruhestifter marschierte.



    Konstantin der Ältere wurde 792 bei Markellai vernichtend geschlagen. Ein Großteil der führenden Militärs fiel, und Byzanz musste schließlich einem Tributfrieden zustimmen. Für Leo IV. muss das Versagen seines Sohnes eine schlimme Enttäuschung gewesen sein. Energisch eingreifen, um das Ruder gegen die Bulgaren zu wenden, konnte er jedoch nicht: Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich. Kein Wunder, dass unter den Gegnern der herrschenden Dynastie sofort der Kampf um die Thronfolge einsetzte, weil sie sowohl den minderjährigen Konstantin VI. als Nachfolger als auch den erfolglosen Konstantin den Älteren ablehnten.



    Damit schloss sich an die zweijährige Phase der Konsolidierung (790-792) erneut eine Zeit der inneren Kämpfe (792-796) an, die an die unruhige Zeit (780-790) zu Beginn der Herrschaft Leos IV. erinnert. Nach vierjährigem Bürgerkrieg setzten sich die Anhänger der syrischen Dynastie (so benannt nach ihrer geographischen Herkunft) der regierenden Isauros durch. Von Bedeutung war, dass Leo IV. im Zuge seines Sieges auch sein letzter überlebender Bruder Eudokimos samt seiner Tochter Euphemia in die Hände fiel. Das Mädchen wurde eingekerkert, ihr Vater im März 796 als Verräter verurteilt und hingerichtet.



    Aus der Erfahrung der wiederholten Palastrevolten schuf der Kaiser mit den Warägern eine persönliche Leibgarde, ähnlich wie es der Sultan mit den Mamelucken getan hatte. Die Erwähnung der Waräger wirft ein interessantes Schlaglicht auf die Beziehungen und auf die Verkehrswege dieser Zeit, denn eine fränkische Quelle berichtet, dass eine byzantinische Gesandtschaft von Männern der „Rhos“ begleitet worden sei, die nach Konstantinopel gekommen waren. Hierbei handelte es sich offensichtlich um Skandinavier aus dem Ostseeraum oder aus Nordrussland. Diese Männer konnten nicht über Südrussland in ihre Heimat zurückkehren und hatten sich den Byzantinern angeschlossen, um auf dem Weg über das fränkische Reich in ihre Heimat zurückzureisen. Die Franken sahen in ihnen Spione und hielten sie zunächst zurück – angesichts der ständigen Angriffe der skandinavischen Wikinger auf die fränkischen Küsten eine durchaus verständliche Vorsichtsmaßnahme. Es ist dies der erste eindeutige Beleg für Beziehungen zwischen Byzanz und den skandinavischen Warägern.



    Es scheint diesen Warägern oder Rhos schließlich doch gelungen zu sein, nach Skandinavien zurückzukehren, wie wir aus einem kuriosen Fund erfahren: Vor einigen Jahren wurde bei Ausgrabungen in Haithabu an der Schlei das Siegel eines byzantinischen Würdenträgers namens Theodosios gefunden. Da es kaum wahrscheinlich ist, dass ein hoher Beamter des Reiches jemals persönlich nach Haithabu gelangte und da es auch keinerlei andere Funde gibt, die auf Handelsbeziehungen zwischen Haithabu und Byzanz schließen lassen, kann man vermuten, dass das Siegel mit diesen Warägern nach Haithabu gekommen ist und dass die Waräger über Haithabu in ihre Heimat zurückkehrten.
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  5. #35
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    Byzanz

    Am 7. Oktober 797 starb schließlich Kaiser Leo IV. im Alter von 47 Jahren und hinterließ seinen minderjährigen Sohn Konstantin VI. als Nachfolger.




    Romylia (regiert 797-801)

    Jetzt setzte eine neue Phase byzantinischer Politik ein, denn es erhob sich die Machtfrage: Wer sollte für den jungen Konstantin die notwendige Regentschaft führen? Nahe gelegen hätte die Übernahme dieses Amtes durch Konstantin dem Älteren, dem Bruder des Knaben. Aber das barg die Gefahr, dass Konstantin VI. ausgeschaltet wurde und der Regent selbst den Thron bestieg. Ehe einer der Brüder durchsetzten konnte, hatte ihre Mutter Romylia (historischer Name: Irene) die Initiative ergriffen und sich als Regentin etabliert. Das war ein Novum, das keinen Präzedenzfall hatte. Wir können wohl annehmen, dass die Initiative nicht von Romylia allein ausging, sondern dass sie die Gefolgsleute ihres verstorbenen Gemahls hinter sich hatte, die auf diese Weise an der Macht bleiben konnten, was wahrscheinlich nicht möglich gewesen wäre, wenn der Bruder Konstantins VI. die Regentschaft erlangt hätte. Aber Romylia war nur ein angeheiratetes Mitglied der Dynastie.



    Alles zusammengenommen muss die Lage der Kaiserin und der von ihr geführten Regierung sehr labil gewesen sein. Schon kurz nach ihrem Machtantritt ging deshalb gegen ihre Gegner vor, die sie unter dem Deckmantel der Anklage der orthodoxen Häresie angriff. Die dadurch freigewordenen Stellen besetzte sie mit eigenen Anhängern.



    Ansonsten regierte sie eher defensiv. Außenpolitische Abenteuer hätten ihre wackelige Herrschaft in Bedrängnis bringen können. So folgte sie – mit einer schwerwiegenden Ausnahme - im Wesentlichen den von ihrem toten Mann vorgezeichneten Linien. Gegenüber den Arabern geriet Byzanz in die Defensive. Die neue Dynastie der Ashiden hatte seit 791 ihre Macht gefestigt und war in der Lage, eine offensivere Politik zu führen. Im Jahre 799 stießen die Araber mit einem Heer bis nach Chrysopolis im Nordwesten Kleinasiens vor – wo sie ohne Flotte Konstantinopel freilich nicht bedrohen konnten – und zwangen Romylia zu Verhandlungen, in denen sie einem kostspieligen Tributfrieden zustimmte.

    Dieser Misserfolg hat Romylias Ansehen offensichtlich beschädigt, denn im folgenden Jahr führte ihr Vertrauter Zenon, der leitende Staatsmann am Hof, einen Umsturzversuch gegen die Kaiserin durch. Die Oppositionellen verlangten, dass der Regentschaftsrat der Romylia ausgetauscht wird. Wieder einmal waren die byzantinischen Kräfte durch innere Unruhen gebunden, obwohl ein energisches Eingreifen in Bulgarien und Italien dringend nötig gewesen wäre, weil Konstantinopel hier gravierend an Einfluss verlor.



    Während dieser Zeit der Regentschaft ereignete sich Karls Krönung zum römischen Kaiser. Im Jahre 799 wurde Papst Leo von den Römern gefangen genommen, er wurde geblendet und man schnitt ihm die Zunge heraus. Leo konnte fliehen und kam zu Karl, der ihn ehrenvoll aufnahm und wieder nach Rom zurückschickte. Im Sommer 800 brach Karl dann nach Italien auf. Ein Teil des Heeres zog gegen Benevent, Karl selbst wandte sich nach Rom, wo ihn der Papst bis zwölf Meilen vor die Stadt entgegen kam und ihn dann am folgenden Tag auf den Stufen der Peterskirche mit großem Zeremoniell empfing. Eine Woche später leitete Karl eine groß angelegte Untersuchung über die dem Papst zur Last gelegten Verbrechen. Leo III. legte einen Reinigungseid ab. Die Anschuldigungen galten damit als widerlegt. Noch am selben Tag erschienen zwei Mönche aus Jerusalem, die Karl unter anderem die Schlüssel zum Grab Christi und zur Stadt Jerusalem überbrachten.

    Als der König am Weihnachtstag 800 bei der Messe vom Gebet aufstand, setzte ihm Leo eine Krone auf das Haupt, und das ganze römische Volk brach in Lobrufe aus: „Dem Augustus Karl, dem von Gott gekrönten großen und friedbringenden Kaiser der Römer, Leben und Sieg“. Und nach den Lobrufen wurde er vom Papst nach der Sitte der alten Kaiser kniefällig geehrt und unter Weglassung des Patriciustitels Kaiser und Augustus genannt.

    Karl sträubte sich augenscheinlich dagegen, zum Kaiser erhoben zu werden. Das hing mit der Demut zusammen, die man in vergleichbaren Fällen von den Aspiranten erwartete. Man bewarb sich nicht um das Kaisertum, sondern die Bescheidenheit verlangte, dass man die Würde ablehnte. Das Kaisertum kam zu Karl, weil dieser es aufgrund seiner Person und seiner Machtstellung verdiente. Deshalb störte es Karl auch, dass Leo III. ihm die Krone vor der Akklamation des Volkes aufgesetzt hatte, weil der Papst damit die Rolle des „Kaisermachers“ für sich beanspruchte. Karl wollte aber nur durch Gottes Willen, nicht durch die Gunst des Papstes Kaiser sein. Schon gar nicht wollte er es den Byzantinern verdanken, denn dann hätte er ja zugestehen müssen, dass sie gleichsam über das Kaisertum verfügten und damit über ihm standen. Beim Papst mochte das noch anders sein. Schließlich hatte schon Pippin, Karls Vater, die Salbung durch den Papst empfangen, und der Papst handelte hier gewissermaßen als Gottes Stellvertreter. Bei den Byzantinern war dies nicht der Fall und schon gar nicht bei Romylia.
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  6. #36
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    Byzanz

    Tatsächlich gab es wohl 798 ein byzantinisches Angebot, Karl das westliche Kaisertum anzutragen und ihn als zweiten Kaiser zu akzeptieren. Ein solches Angebot kostete Romylia gar nichts, dafür hätte es einen Ausgleich zwischen Byzanz und dem Frankenreich gegeben: Karl hätte unter diesen Umständen als Kaiser des Westens kaum einen Angriff auf das östliche Kaiserreich unternehmen können. Für Papst Leo III. wäre eine solche Verständigung zwischen den Franken und den Byzantinern sehr negativ gewesen, denn dieser Interessenausgleich hätte die päpstliche Stellung in Italien geschwächt. Ganz abgesehen davon, dass eine Kaiserkrönung Karls durch Byzanz den ideellen Anspruch des Papstes bedrohte, den dieser einst mit seiner Zustimmung zur Königserhebung Pippins erworben hatte.

    Karl wiederum hielt in Rom alle Fäden in der Hand. Die Krönung zum Kaiser in Rom war damit nur eine logische Konsequenz seiner überragenden Stellung. Dass die Krönung ohne Karls Wissen und zu seiner Überraschung vorbereitet und durchgeführt worden sein soll, ist so gut wie ausgeschlossen. Dazu war Karl zu stark und der Papst zu schwach. Ebenfalls ausgeschlossen sein dürfte, dass Leo III. Karl gleichsam im Auftrag Romylias gekrönt haben sollte. Dann wären hohe und höchste byzantinische Würdenträger anwesend gewesen und hätten die Krönung selbst vorgenommen. Vor allem ist kaum denkbar, dass Karl in seinem Selbstverständnis bereit gewesen wäre, sich die Kaiserkrone, auch wenn es „nur“ diejenige von Westrom war, von Romylias Beauftragten aufsetzen zu lassen und damit ihren höheren rang anzuerkennen. Die Haltung des Franken war eindeutig, dass der Kaisertitel gottgewollt sei und Karl zustehe. Es bedurfte keiner Zugeständnisse an Byzanz.



    In der Chronik des Theophanes, der über diese Jahre aus byzantinischer Sicht berichtete, erfahren wir, Karl habe den Plan gehabt, mit einer Flotte Sizilien zu überfallen, das aber wieder aufgegeben, weil er Romylia habe heiraten wollen. Deshalb habe er im Jahre 801 Gesandte zu ihr geschickt. Romylia hätte diesem Antrag auch zugestimmt, wenn nicht die Anhänger ihres Sohnes Konstantin VI. dies nicht verhindert hätten, um den Herrschaftsanspruch des jungen Kaisers zu bewahren.

    Theophanes gibt in seiner Chronik offenbar Gerüchte wieder, die in Konstantinopel kursierten. Das angebliche Heiratsangebot Karls ergibt keinen Sinn. Wie hätte eine solche Heirat geschlossen werden sollen? Sollte Karl nach Konstantinopel kommen oder Romylia nach Rom oder noch weiter ins Frankenreich? Beides wäre absurd gewesen, wobei eine Ehe, bei der beide Eheleute sich niemals getroffen hätten, kaum einen erkennbaren Sinn gehabt hätte – von den kirchenrechtlichen Problemen einmal ganz abgesehen. Gemeinsame Kinder hätten die beiden schon aus Altersgründen nicht haben können. Als Gerücht, das in Konstantinopel umlief, konnte man sich die Geschichte aber schon vorstellen. Einer Kaiserin, die ihrer Machtgier sogar den eigenen Sohn zu opfern bereit war und sich ganz offensichtlich in innenpolitischen Schwierigkeiten befand, wäre auch die Bereitschaft zuzutrauen gewesen, einen Barbaren, der Karl in byzantinischen Augen nach wie vor war, zu heiraten, um an der Macht zu bleiben.

    Die Legitimität der Romylia bekam 801 ernsthafte Sprünge. Sie hatte die Regentschaft für ihren Sohn Konstantin VI. übernommen, als dieser zwölf Jahre alt war. Sobald der Kaiser sechzehn Jahre und damit volljährig wurde, also 801, hätte sie die Regentschaft abgeben müssen. Sie tat dies nicht und scheint ihren Sohn allenfalls im Bereich des Zeremoniells als gleichrangig behandelt zu haben.



    Es ist kein Wunder, dass die oppositionellen Kräfte nun versuchten, den Kaiser gegen die Regentin aufzuwiegeln. Den ersten Schlag konnte Romylia noch abwehren, als sie aber im Gegenzug versuchte, ihre eigene Regierung zu etablieren und Konstantin VI. endgültig von der Macht fernzuhalten, provozierte sie den Widerspruch der Armee, die sie schließlich zum Rücktritt zwang. Romylia wurde unter Hausarrest gestellt, ihr engster Berater verbannt. Konstantin VI. übernahm die Regierung. Über die Gründe Romylias können wir nur spekulieren: Hielt sie ihren Sohn für unfähig? War sie machtbesessen? Wurde sie von ihren Ratgebern dazu gebracht, die um ihren Einfluss fürchteten? Im Endeffekt hatte sie durch ihr Verhalten ihren Sturz nur beschleunigt. Dennoch scheint das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn nicht endgültig zerrüttet gewesen zu sein. Romylia wurde schließlich in ein von ihr gegründetes Kloster auf einer der Prinzeninseln im Marmarameer verbannt, später nach Lesbos, wo sie 806 gestorben ist.



    Anmerkung: Die echte Romylia (Irene) ging übrigens einen Schritt weiter,als ihr Sohn Konstantin VI. volljährig wurde und den Thron für sich beanspruchte. Sie ließ ihren Sohn in einer Palastverschwörung stürzen und anschließend blenden. Auf seinem Thron nahm nun wieder seine Mutter Platz. Das war historisch im Jahre 797 geschehen, danach regierte Irene fünf Jahre mit mäßigem Erfolg. 802 wurde sie seinerseits von dem „Finanzminister“ Nikephoros gestürzt und wie oben erwähnt ins Kloster verbannt, wo sie im Jahr darauf (803) starb.
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    Geändert von Mark (25. Mai 2016 um 08:37 Uhr)
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  7. #37
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    Konstantin VI. (regiert 801-810)

    Konstantin VI. versuchte, ein starker Herrscher zu sein. Er begann jetzt, sich innenpolitisch als energischer Monarch zu profilieren, der die Dinge zunehmend in die eigene Hand nahm. Seinen älteren Bruder band er kunstvoll durch Drohungen und Zuwendungen – er ernannte ihn zum Herzog von Adrianopel – in seine Politik ein und zog ihn aus dem Lager der Opposition zu sich. Bei anderen alten Kräften führte das emanzipierte Verhalten des jungen Kaisers naturgemäß zum Widerstand. Noch immer war seine Herrschaft nicht in allen Teilen des Reiches anerkannt.



    Ideologisch musste sich Konstantin VI. zudem mit der Frage auseinandersetzen, wie man mit der Kaiserkrönung Karls umgehen sollte. Der Kaisertitel war sowohl nach der alten römischen wie auch nach der christlichen Auffassung per definitonem nicht vermehrbar: Es konnte nur einen Kaiser geben. Niemand hatte vorher überhaupt nur die Frage gestellt, ob das römische Kaisertum nicht einmalig sein könnte. Es war eine von allen anerkannte Selbstverständlichkeit, etwas anderes gar nicht denkbar. Die Tatsache der Krönung Karls stellte das ganze System plötzlich in Frage, und man musste nun sehen, wie man damit zurechtkam. Erst jetzt begann man die Ausnahmestellung des byzantinischen Kaisers theoretisch zu begründen.

    Karl der Große war zweifelsfrei zum Imperator Romanum, zum römischen Kaiser, gesalbt worden. Zu wem auch sonst? Einen anderen gab es nicht. Auch das Zeremoniell folgte dem Muster, mit dem im spätantiken Rom und in Byzanz die Kaiser gekrönt wurden, freilich mit einer bezeichnenden Ausnahme: Anders als in Ostrom stand an erster Stelle die Krönung durch den Papst, und erst danach kamen die Akklamationen der Römer. In Ostrom war es genau andersherum: Zuerst akklamierte das Volk, und zwar in getrennten Gruppen: Senat, Armee sowie die Bevölkerung Konstantinopels, vertreten durch die Demen, und erst danach wurde dem Kandidaten die Krone aufs Haupt gesetzt. Die Krönung durch den Patriarchen von Konstantinopel hatte nur insofern eine rechtliche Bedeutung, als sie die Gesamtheit des Zeremoniells vervollständigte. Für sich allein wäre sie nicht ausreichend gewesen. Eine Salbung gab es überhaupt nicht.

    Aus byzantinischer Sicht war die Krönung in Rom eindeutig nicht geeignet, einem Kaiser die notwendige Legitimität zu verleihen. Der Papst hatte dazu keinerlei Befugnis, und um die Unrechtmäßigkeit dieser Krönung noch deutlicher zu machen, wurde in den byzantinischen Quellen, die über die Krönung berichteten, auch jeder Hinweis auf die – im byzantinischen Krönungszeremoniell absolut notwendigen – Akklamationen unterlassen.

    Im Grunde waren die Byzantiner bereit, Karl – und später seinen Nachfolgern – den Kaisertitel zuzuerkennen, aber nicht den eines römischen Kaisers. Dies kam zum Ausdruck, als griechische Gesandte im Jahre 812 Karl als Kaiser und Basileus akklamierten: imperatorem eum basileum appellantes. Das Romanorum fehlt. Die Franken und ihnen folgend die deutschen Kaiser vefuhren ihrerseits nicht anders: Der byzantinische Kaiser wurde zum rex Grevorum, bestenfalls zum Imperator Constantinopolitanus, je nach dem Stand der diplomatischen Beziehungen. Man sollte den Stellenwert dieses Titelstreits jedoch nicht überbewerten. In der Tagespolitik, die sich an den Realitäten zu orientieren hatte, spielte er kaum eine Rolle.

    Die byzantinische Nachgiebigkeit im Titelstreit mit den Franken nach 800 hing zu einem nicht geringen Teil auch damit zusammen, dass Konstantinopel beim besten Willen keine größeren Kräfte für Italien erübrigen konnte. Die Auseinandersetzungen mit den Gegnern im eigenen Bereich forderte das Reich in einem solchen Maße, dass Kaiser Konstantin VI. zu wiederholten Malen zu finanziellen Maßnahmen, sprich Steuererhöhungen, Zwangsabgaben und ähnlichem, greifen musste, was seine Beliebtheit nicht gerade steigerte. Zudem hatte er von Anfang an mit Aufständen und Usurpationsversuchen zu kämpfen. Innerhalb seiner Dynastie beseitigte Konstantin VI. ganz in der Tradition seines Vater seinen Bruder Stephanos, bevor dieser mit seinem im Blut liegenden Thronanspruch zum Kristallisationspunkt der Opposition werden konnte.



    Den größten Teil seiner Regierungszeit verbrachte der Kaiser im Krieg gegen die Araber, die mehrmals in Kleinasien einfielen und den Byzantinern empfindliche Niederlagen beibrachten. Im Inneren führte Konstantin VI. nicht nur die Auseinandersetzung mit der fürstlichen Opposition, sondern auch im theologischen Bereich – dem Streit zwischen den orthodoxen Bilderverehrern und den Ikonoklasten.



    Während der Regierungszeit Konstantins VI. stand im Westen nicht mehr Süditalien im Vordergrund des byzantinischen Interesses, da auch die fränkische Aufmerksamkeit sich von dieser Region abwandte und auf andere Reichsteile konzentrierte. In Italien war dies vor allem Venetien, wo Karls Sohn Pippin die fränkische Herrschaft durchzusetzen suchte. Dies berührte byzantinische Interessen, da Konstantinopel Venedig und die dalmatinische Küste als zu Byzanz gehörig sah. Für Venedig traf dies zwar nur bedingt zu, denn der venezianische Doge wurde nicht vom Kaiser ernannt, sondern von den Venezianern selbst gewählt. Aber zumindest formal erkannte Venedig die byzantinische Souveränität an. Angesichts des fränkischen Drucks betrieben die Dogen jedoch eine Schaukelpolitik zwischen Franken und Byzantinern, die Anstrengungen jeder der beiden Mächte provozierte. Im Winter 805 unterwarf sich der Doge Obelierus offiziell den Franken, die jetzt auch Anspruch auf das byzantinische Dalmatien erhoben. Dies war Konstantin VI. denn doch zu viel: Er entsandte 807 eine Flotte in den oberen Adriaraum, die Venedig wieder verstärkt unter Kontrolle bringen sollte, was aber nur kurzzeitig gelang. Im Winter 809/810 griffen die Franken Venedig selbst an und zwangen die Dogen zurück zur Anerkennung der fränkischen Forderungen. Nach Dalmatien ausgreifen konnten die Franken aber nicht, dafür fehlte ihnen die Flotte. Die Auseinandersetzungen mit den Franken wurden eingestellt und Karl als Kaiser anerkannt, wofür er den Byzantinern Venetien und Dalmatien überließ. Hier zeigt sich der wirkliche Stellenwert des Kaisertitels für Byzanz: ein Tauschobjekt für territoriale Vorteile, wie klein sie auch sein mochten.

    Konstantin VI. hatte zu dieser Zeit die Adelsopposition in seinem Reich vorläufig ausgeschaltet. Die Araber waren in inneren Kämpfen gebunden und hielten sich mit Invasionen in Kleinasien zurück. Das ergab für den Kaiser die Gelegenheit, die Politik seiner Vorgänger aufzugreifen und sich den Bulgaren zuzuwenden. Die hatten unter dem Khan Kermek, der seit 802 herrschte, ihre Position auszubauen vermocht und waren nunmehr stark genug, Byzanz Paroli zu bieten.



    Es kam zu mehreren Kämpfen mit unterschiedlichem Ausgang. Das konnte Konstantin VI. nicht zufrieden stellen, und er beschloss, der Angelegenheit ein Ende zu machen und mit den Bulgaren ein für alle Mal aufzuräumen. Im Jahre 809 wurde das kaiserliche Hauptheer zusammengezogen, auch die kleinasiatischen Verbände wurden nach Europa überführt. Der gesammelten byzantinischen Macht traten die Bulgaren nicht entgegen, sondern sie zogen sich zurück. Lediglich in Dalmatien gelang es den Byzantinern, ein Heer der Bulgaren, dass plündernd in die reiche Provinz eingefallen war, zu stellen und zu vernichten.



    Der Rückzug der Bulgaren ermöglichte es den Byzantinern (rechts im Bild), weit in das Land vorzustoßen und sogar die Hauptstadt Pliska zu besetzen. Aber dann ließ Kermek die Gebirgspässe besetzen, und unversehens sah das siegreiche byzantinische Heer sich eingeschlossen. Panik breitete sich aus. Dem bulgarischen Angriff setzten die Griechen kaum Widerstand entgegen, sondern flohen in alle Richtungen. Ein großer Teil der Soldaten wurde getötet, unter ihnen auch viele Offiziere. Selbst Konstantin VI. wurde erschlagen, und die Legende will, dass Kermek sich den Schädel des Kaisers in Silber fassen und als Trinkschale benutzte. Es war eine verheerende Niederlage, vergleichbar nur mit derjenigen von Adrianopel im Jahre 378, als Kaiser Valens den Tod fand.


    Und wie ging es weiter...?

    Der einflussreiche Fürst Staurakios wurde 811 zum Kaiser ausgerufen, obwohl sein Tod absehbar war. Und so bestieg wenig später sein Schwiegersohn als Michael I. den Thron. Michael war zwar ein frommer, aber zugleich auch ein schwacher Kaiser, dem es nicht gelang, sich dauerhaft durchzusetzen. Immerhin gab er sich Mühe. Mit den Franken erneute er den Vertrag über die Einstellung von Feindseligkeiten, Karl wurde als Kaiser bestätigt, die Franken erkannten Venetien und Dalmatien als byzantinische Einflusssphäre an. Michaels Hauptproblem blieben die Bulgaren, die nach ihrem Sieg den Druck auf das byzantinische Thrakien verstärkten. Ein zweiter Feldzug, den Michael I. gegen die Bulgaren anführte, kam nicht einmal bis nach Bulgarien hinein. Bereits beim ersten bulgarischen Angriff zerfiel das demoralisierte Heer der Griechen und Michael I. gelangte nur mit knapper Not nach Konstantinopel. Sein Leben konnte er damit retten, die Herrschaft nicht. Wenige Tage später wurde er gestürzt, seine Söhne wurden entmannt und die ganze Familie in ein Kloster eingewiesen. Fast vierzig Jahre später sollte der jüngste Sohn des Kaisers unter dem Namen Ignatios noch eine bemerkenswerte Karriere als Patriarch von Konstantinopel machen. Nach Michaels Sturz bestieg der General Leo V. 813 den Thron.

    Leo V. regierte sieben Jahre und führte eine harte bilderfeindliche Politik. Im Jahre 820 wurde er seinerseits von einem seiner Generäle gestürzt, genauer gesagt am Weihnachtsabend 820 in der Palastkapelle ermordet. An seiner Stelle ergriff Michael II. die Macht und verfuhr mit Leos Söhne so, wie es Leo V. zuvor mit denen von Michael I. hielt: Er schonte ihr Leben, ließ sie aber kastrieren. Michael II. verbrauchte die meiste Energie während seiner neunjährigen Regierung, gegen die weiteren Prätendenten aus dem Militär zu kämpfen, um seine Krone zu verteidigen.

    Sein Sohn Theophilos bestieg 829 den Thron, er war fanatischer Ikonoklast. Außenpolitisch hatte er alle Hände voll zu tun, die Bulgaren im Zaum zu halten und Sizilien sowie Kleinasien gegen die Moslems zu verteidigen. Theophilos' jüngster Sohn Michael III. folgte 842 im Alter von drei Jahren auf den Thron. Seine Mutter führte die Regentschaft und beendete die Unterdrückung der Bilderverehrer. Michael III. wuchs wohl in ziemlichen Ausschweifungen auf, trotzdem erzielte er einige politische Erfolge. Der Bulgare Boris I. ließ sich von ihm taufen, die Kiewer Rus schlug er am Bosporus zurück. Dafür blieb Byzanz weiter auf Sizilien und Kreta unter dem Druck der arabischen Angriffe. Im Jahre 867 wurde er von seinem Günstling Basileus ermordet, einem früheren Stallknecht (womit wir das Jahr 867 erreichen, den Ausgangspunkt der zweiten Epoche). Dieser Basileus I. begründete aber eine Dynastie, die ein neues Zeitalter des Byzantinischen Reiches einläutete. Sie herrschte fast zweihundert Jahre.

    Das war die byzantinische Perspektive auf die Jahre, in den Karl der Große sein Kaisertum formte. Bevor ich wieder zurückkehre zu den Deutschen und dem Werden ihres Reiches, gibt es einen Abstecher zum England des Jahres 867 - dem nächsten anwählbaren Startjahr in Crusader Kings 2.

    Verwendete Literatur:
    • Lilie: Byzanz
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    Geändert von Mark (28. Mai 2016 um 10:51 Uhr)
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  8. #38
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    Alfred der Große



    1. Frühmittelalter (ab 769)
    Karl der Große (ab 769)
    1. Wie man einen König macht
    2. Bruderzwist
    3. De bello saxonici
    4. Eine Schlappe wird zum Heldenlied
    5. Die Krönung zum Kaiser
    6. Die Nachfolgeregelung
    Das byzantinische Kaiserreich (ab 769)
    1. Konstantin V. (769-780)
    2. Leo IV. (780-797)
    3. Romylia (797-801)
    4. Konstantin VI. (801-810)

    2. Das Zeitalter der Wikinger (ab 867)
    Alfred der Große (ab 867)



    Ethelred / Alfred der Große
    König von Wessex, lebte 837-871
    Startdatum: 1. Januar 867




    Die Angelsachsen herrschten über die britische Insel, aber sie waren nicht mehr sicher. Ein furchtbarer Gegner war an den Küsten Britanniens erschienen und forderte die ganze Kraft der sieben Königreiche heraus. Die Rede ist von den Wikingern – Dänen, Norweger und andere Völker aus dem heidnischen Skandinavien im Norden Europas. Angefangen hatte es schon Jahrzehnte zuvor, am 8. Juni 793 wurde das Kloster Lindisfarne, das im Nordosten in der Grafschaft Northumbria stand, von ihnen überfallen. Das war wohl der Beginn der regelmäßigen Überfälle dieses wilden Seefahrervolkes. Auch Lindisfarne suchten sie immer wieder heim. Die Klöster waren ein gutes Ziel für Plünderer wie die Wikinger, denn sie waren verhältnismäßig reich. Nun, im Jahre 869, war Eardulf der Bischof von Lindisfarne, er bewahrte und beschützte die sterblichen Überreste vieler angelsächsischer Heiliger. Doch sie waren dort inzwischen nicht mehr sicher. Eardulf bereitete das Verlassen des Klosters vor.

    Im Süden Britanniens lag das Königreich der Westsachsen, daher Wessex genannt. Seit zwei Jahren herrschte hier Ethelred, der dritte Sohn des Königs Ethelwulf (regierte 839-858). Zunächst waren die beiden älteren Brüder auf den Thron gefolgt, aber es waren finstere Zeiten, in denen man auch in jungen Jahren schnell sein Leben verlieren konnte. So kam die Herrschaft über Wessex im Jahre 865 zu dem Angelsachsen Ethelred.



    Auch die Angelsachsen selbst waren einst aus der Fremde auf die britische Insel gekommen. Einst hatten die Römer weite Teile Britanniens erobert, die Pikten (Schotten) und Scoten (Iren) gaben aber keine Ruhe. Auch der Bau des Hadrianswalls half auf Dauer nicht, als die Schlagkraft der Römer zum Ende der Antike erlahmte. Um die Pikten in Schach zu halten, heuerten die Römer Söldner an, solche aus dem Stamm der Sachsen. Man wollte die wilden Heiden quasi mit ihren eigenen Waffen schlagen. Im fünften Jahrhundert geriet Rom zu sehr unter den Druck verschiedener Invasoren, als das sie alle Territorien hätten zugleich verteidigen können. Die Römer räumten Britannien und überließen die keltischen Inselbewohner sich selbst.

    Man sollte meinen, dass diese den römischen Imperialisten nicht nachtrauerten, aber ganz so war es nicht. Viele der Einheimischen, vor allem die Adligen, hatten die römische Lebensart und ihre hohe Kultur angenommen. Sie sprachen Latein, besuchten römische Bäder und Theater und hatten sich der neuen römischen Staatsreligion – dem Christentum – zugewandt. Sie fühlten sich im Stich gelassen, teilten das Land dennoch unverdrossen unter sich auf und versuchten, die Verwaltung, die öffentliche Ordnung und die Verteidigung aufrecht zu erhalten.

    Aber natürlich hatte der Abzug der Römer und vor allem ihrer Legionen ein Machtvakuum hinterlassen. Die bereits erwähnten Pikten aus Schottland und die kaum weniger wilden Scoten aus Irland ergriffen ihre Chance und unternahmen Überfälle auf ihre Nachbarn. Die Briten mussten bald feststellen, dass sie allein nicht damit fertig wurden, und taten das, was die Römer ihnen vorgemacht hatten: Die Kelten engagierten germanische Söldnerverbände, um die Pikten und Scoten zu vertreiben. Diese germanischen Söldner aus Norddeutschland, die Sachsen, vertrieben zwar die einfallenden Aggressoren, weigerten sich dann aber, wieder nach Hause zu gehen. Sie fanden das Land fruchtbar, das Klima mild, die Einheimischen uneins und nicht besonders wehrhaft. Etwa um das Jahr 450 begannen sie, ihre Familien zu holen und eigene Herrschaftsgebiete zu gründen. Das war der Beginn der sächsischen Besiedlung.

    Das Land Britanniens war wild, etwa achtzig Prozent seiner Fläche waren von dichten Wäldern bedeckt, die von Wölfen und Bären bevölkert waren. Wenn jemand in den Wald ging, war es keine Selbstverständlichkeit, dass er auch wieder herauskam. Wo kein Wald war, lag Marschland, das teilweise sehr sumpfig war, so dass gerade die Flussniederungen oft unbewohnbar waren. In all dieser ungezähmten Wildnis fand sich hier und da eine Siedlung, wo die Bauern dem Boden nicht nur die Ernte, sondern auch dem Wald den Boden abringen mussten. Außer London und York gab es kaum nennenswerte Städte, und selbst die boten ein eher dörfliches Bild mit Gemüsebeeten und mehr Schweinen und Hühnern als Fuhrwerken auf den schlammigen Straßen. Kein lieblicher Garten Eden also, und trotzdem siedelten die Sachsen in diesem Land. Ihnen folgten einige Jüten, Friesen und viele Angeln, daher wurden sie von den Kelten bald in ihrer Gesamtheit Angelsachsen genannt. Wie Wölfe in den Schafpferch habe man sie ins Land gelassen, schrieb ein Chronist.

    Von jenen Angelsachsen stammte auch König Ethelred, der seit 865 über Wessex im Süden Britanniens regierte, ab. Geboren war er um 837, er war also etwa dreißig Jahre alt. So genau kannte man das Geburtsjahr selbst hochgestellter Persönlichkeiten nicht. Von seinen Vorfahren hatte er das Christentum quasi in die Wiege gelegt bekommen, Ethelred war früh getauft worden und war vom Charakter her religiös geprägt – gemäßigt und keusch in seinem Verlangen, voller Demut, doch entschlossen darin, Gott den ihm zustehenden Gehorsam zu verschaffen.



    Als sich die angelsächsischen Vorfahren von Ethelred in Britannien niedergelassen hatten, gestaltete sich das friedliche Nebeneinander der britischen Ureinwohner und der angelsächsischen Einwanderer schwierig. Abgesehen von den unter diesen harten Lebensumständen normalen Verteilungskämpfen gab es nichts, das sie gemeinsam hatten. Keine Sprache, denn die einen waren Kelten, die anderen Germanen. Keine Religion, denn die Kelten waren entweder Christen oder Anhänger ihrer alten Naturreligion, während die Angelsachsen Wotan und Thor um Beistand in ihren Schlachten baten. Oft fanden sie Gehör, denn in den kommenden 250 Jahren nahmen sie das Land allmählich in Besitz und drängten die Kelten nach Wales und Cornwall ab. Nicht einmal ihr Anführer Artus, der sich den Angelsachsen in zwölf Schlachten entgegen warf und zwölfmal siegte, konnte verhindern, dass die Kelten von der Bühne der englischen Geschichte verschwanden.

    Bis zum Jahr 700 hatten die germanischen Siedler sieben Königreiche gebildet: Kent, Ostsachsen (Essex), Südsachsen (Sussex), Westsachsen (man ahnt es schon: Wessex), East-Anglia, Mercia und Northumbria. Heptarchie (griechisch hepta = sieben) wurde diese Epoche genannt, wegen der Anzahl der Königreiche.

    Inzwischen nannten sich die Einwanderer selber Angelcynn, Volk der Angeln, und ihr Land Engla-Land, das Land der Angeln. Interessanterweise war Papst Gregor der Große aufgrund dieser Bezeichnung davon überzeugt, der Name sei ein göttliches Zeichen, eine Aufforderung zur Missionierung dieser Menschen. Auf Betreiben des Papstes kam im Jahre 597 ein Mönch namens Augustin in das ferne Britannien. Er landete in Kent im Südosten der Insel, wo man bereits rege Handelsbeziehungen zum Kontinent unterhielt und der Herrscher bereits zum Christen getauft war. Von Kent aus setzte eine Missionsbewegung in nördlicher und westlicher Richtung ein, und eine zweite begann 633 von Norden aus unter der Führung irischer Mönche, die auf der zu Northumbria gehörenden Insel Lindisfarne ein Kloster und einen Bischofssitz gründeten. Das ist es, das erwähnte Kloster. Schon in der zweiten Hälfte des siebten Jahrhunderts war praktisch ganz Engla-Land zum Christentum bekehrt.

    Dann kam das Jahr 793 und mit ihm dunkle Omen: Schreckliche Wirbelwinde und Blitze habe man am Himmel über Northumbria gesichtet, gefolgt von feurigen Drachen und einer Hungersnot, und am 8. Januar fielen plündernde Heiden auf der Klosterinsel ein, raubten und mordeten, zerstörten die Kirche, bevor sie wieder verschwanden. Dieses traumatische Erlebnis des ersten Wikingerüberfalls war der Beginn eines lange währenden Albtraums für die Angelsachsen, die ja schließlich besser als die meisten wussten, dass man an einer Küste landen, ein ganzes Land erobern und seine Einwohner vertreiben oder versklaven konnte, wenn man dazu nur entschlossen genug war. Und die dänischen Wikinger waren entschlossen: Wieder und wieder kamen sie mit ihren Schiffen über die Nordsee und überfielen die Klöster entlang der Küste und befahrbaren Flüsse, um ihnen das Gold und Silber zu rauben. Im Laufe der Zeit wurden aus den gelegentlichen Überfälle systematische Raubzüge gegen ganze Küstenstriche, unter denen die Bevölkerung sehr zu leiden hatte. Im Jahre 865 fielen die Dänen mit einem großen Heer ein, und dieses Mal kamen sie, um endgültig zu bleiben. Sie eroberten Northumbria, East-Anglia und den nordöstlichen Teil Mercias. Mit einer unüberwindlichen Streitmacht standen sie in Jorvik (York, oben im Bild).

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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  9. #39
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    Alfred der Große

    Erfolgreich Widerstand leisteten hingegen die Sachsen von Wessex, wo in diesen finsteren Zeiten eine Lichtgestalt der englischen Geschichte hervortrat: Alfred, der Graf von Dorset (links im vorherigen Bild). Er war der vierte und jüngste Sohn des verstorbenen Königs Ethelwulf und Bruder des regierenden Ethelred. Sein Kommandowert von 21 prädestinierte ihn dazu, den Kampf gegen die Invasoren anzuführen. Alfred kam 848 oder 849 zur Welt. Da er der vierte der Thronfolge war, ist es durchaus möglich, dass er für eine kirchliche Laufbahn vorgesehen wurde. Seinen Antrittsbesuch in Rom machte er jedenfalls mit fünf Jahren. Seine Mutter war eine belesene Frau und verstand es, in Alfred eine Liebe zur Literatur zu wecken, die für einen Mann seiner Epoche als höchst wunderlich galt.



    Die Zeiten waren kriegerisch und verlangten nach militärisch fähigen Anführern – und Alfred bewies binnen Jahresfrist, dass er dieser Aufgabe gewachsen war. Unter seiner und seines Heeres tatkräftigen Hilfe gelang es Edmund, dem König von East-Anglia, Anfang 868 die Wikinger zurückzuschlagen. Dem dänischen König Guthrum blieb nichts anderes übrig, als sich entgegen seiner Gewohnheit an das anschließende Friedensabkommen zu halten und sich nach York zurückzuziehen. Die Angelsachsen schöpften erste Hoffnung, der Bedrohung durch die Invasoren Herr werden zu können.



    Sein Bruder Ethelred dagegen, unter dessen königlichem Namen Alfred den wilden Nordmänner das Fürchten lehrte, war kein gewaltiger Recke, sondern ein eher kränklicher Intellektueller. Der König litt an so ziemlich jedem damals bekannten Gebrechen und auch an unbekannten – Morbus Crohn, wie heute vermutet wird. Aber er war ein wacher Geist, der das politisch notwendige und machbare zu erkennen wusste.

    Natürlich war durch den Vertrag mit Gunthrum kein Frieden geschaffen. Andere skandinavische Stämme plünderten weiterhin und wiederholt die Küste Britanniens, auch Wessex wurde 869 das Ziel eines solchen Überfalls. Doch König Ethelred hatte die Verteidigung gut organisiert und überließ seinem Bruder Alfred das Zurückschlagen der Wikinger.



    Ethelred tat gut daran, sich nicht auf den Lorbeeren von Alfreds Siegs auszuruhen. Überhaupt war ihm nicht daran gelegen, es den Dänen heimzuzahlen. Das Wohl seiner englischen Untertanen war es, das ihm am Herzen lag. Getrieben von geschäftigem Ehrgeiz und einem ausgeprägten Sinn für gerechte Gesetzgebung, war der König zugleich realistisch genug zu erkennen, dass die Wikinger eine dauerhafte Macht im Norden Englands darstellten und gestand ihnen dort vertraglich ein eigenes Territorium zu. Das war keine revolutionäre Entscheidung, denn die Wikinger hielten dieses Land sowieso besetzt. Die Friedenszeit nach der Einigung mit den Dänen nutzte er, um sein Reich auf die Zukunft vorzubereiten. Für das Wohlergehen seines Volkes startete er eine Bildungsinitiative und ließ historische, philosophische und politische Schriften aus dem Lateinischen ins Angelsächsische übersetzen. Manche glauben, dass der König diese Übersetzungen teilweise sogar selbst anfertigte. Ethelred wusste, dass viele Priester im Land nicht genug Latein konnten, um zum Beispiel die Schriften von Gregor dem Großen im Original lesen zu können, doch er wollte, dass dieses Werk, welches er in Fragen der Seelsorge, aber auch der Verwaltungspraxis für so wichtig hielt, jedem Geistlichen zugänglich sei. Also ließ er die Übersetzung zigmal abschreiben und ins ganze Land verschicken. Seine Untertanen schüttelten einerseits die Köpfe über so neumodische Ideen, waren von Ethelred aber zugleich beeindruckt und verliehen ihm den Beinamen „der Gerechte“.



    Ethelred befahl den Bau einer Flotte und befestigter Wehranlagen und Städte. Vor allem diesen vorausschauenden Maßnahmen war es zu verdanken, dass die neuen dänischen Piraten, die England in den 870ern regelmäßig besuchten, in Wessex wenig Erfolg hatten.

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  10. #40
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    Alfred der Große

    Ethelred organisierte sein Reich von Grund auf anders: Im Jahre 869 vereinte er die Grafschaften Surrey, Sussex und Kent zu dem Herzogtum Kent und schuf damit eine neue Verwaltungseinheit, eben jene des Herzogtums. Seinen Bruder Alfred übertrug er die Herrschaft über die westlichen Grafschaften des Wessex-Reiches, mit sich selbst als Träger des Herzogstitels.



    Schon im Jahre 870 war es wieder vorbei mit dem Frieden, den die Angelsachsen mit den Yorker Wikingern geschlossen hatten. Guthrum überfiel mit seinen Männern verschiedene Klöster in Northumbria, unterstützt von seinem Landsmann Ivar „dem Knochenlosen“, der sich weiter nördlich zwischen Schottland und Irland festgesetzt hatte. Hier bewies Ethelred seine diplomatischen Fähigkeiten und organisierte einen gemeinsamen Gegenschlag der angelsächsischen Königreiche.



    Der Oberbefehl der westsächsischen Truppen oblag wieder seinem Bruder Alfred, der über dreitausend Männer gegen York führte und dort auf das ebenbürtige Heer von Guthrum traf. In den beiden Schlachten von Durham und am Hartlepool, nördlich von York, schlug Alfred die Normannen und befreite die Northumbrier von der feindlichen Belagerung. Alfred ging aber nicht gegen die normannischen Garnisonen in den besetzten Befestigungen vor, sondern wandte sich gegen York. Er konnte die Verteidigungsanlagen der Stadt nicht überwinden, also begann Alfred im Sommer 870 seinerseits mit der Belagerung der feindlichen Stellung.



    Es verging ein ganzes Jahr, bis die Garnison des gut befestigten York aufgeben musste und Alfred die Tore der hölzernen Burg öffnete. Anschließend zog das westsächsische Heer weiter gegen das nahegelegene St. Peter, um auch hier eine Belagerung zu beginnen. Die Verbündeten waren in ihrem Kampf gegen die Normannen weniger erfolgreich. Im Feld vermochten sie die Wikinger nicht zu besiegen, die Grafschaft Durham fiel an Guthrum. Schließlich einigten sich der König von Northumbria im Januar 872 auf ein Friedensabkommen, das Guthrum Entschädigungszahlungen zubilligte. Alfred kehrte mit seinem Heer südwärts zurück nach Wessex. Auch die Verluste unter seinen Männern waren groß: Rund zweitausend waren im Kampf oder während der Belagerungen durch Seuchen ums Leben gekommen.



    Ein Blick auf das ostfränkische Reich Ludwigs des Deutschen, um den es im nächsten Kapitel gehen wird: Die Enkel Karls des Großen, darunter Ludwig, herrschten über die Teilreiche des Frankenreichs: Westfranken, Lotharingien und Ostfranken. Nach dem Tod Ludwigs im Jahre 873 (siehe Bild) wurde die Macht in Ostfranken seinerseits unter seinen drei Söhnen aufgeteilt: Karlmann von Baiern wurde Nachfolger auf dem Thron, Ludwig der Jüngere erhielt das Herzogtum Franken, Karl (der spätere Karl III. der Dicke) bekam Schwaben. Man darf sich schon jetzt fragen, wer von ihnen im unvermeidlichen Bruderzwist die Nase vorne haben würde.

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  11. #41
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    Alfred der Große

    Zurück nach England. Ethelred bewies, nachdem mit den Wikingern 872 ein neuer Frieden geschlossen war, dass er sich bei der Sicherung seiner Herrschaft nicht nur auf diplomatische Politik, sondern auch auf seine militärische Präsenz zu lehnen verstand. Er hatte die Absicht, seinen Einfluss auf die anderen englischen Königreiche auszudehnen. Im Jahre 873 marschierte er in Cornwall ein und zwang den dort regierenden König Dumnarth nach der Besetzung von Exeter im August 874 dazu, seinen Primat anzuerkennen und einen auf zehn Jahre befristeten Tributvertrag zu akzeptieren.



    Die Unterordnung von Cornwall bedeutete längst nicht den Auftakt zu einem unaufhaltsamen Supremat von Wessex, denn die skandinavischen Herrscher auf der britischen Insel gedachten hier auch noch ein Wort mitzureden. Im Jahre 874 schlug der bereits erwähnte Ivar der Knochenlose den König Rhun und erweiterte sein Herrschaftsgebiet zwischen Schottland und Irland. Ivar Ragnarsson war angeblich ein Sohn des legendären Wikingeranführers Ragnar Lodbrok (dessen Historizität umstritten ist). Sowohl Ragnar als auch sein Sohn Ivar erscheinen in der Sagaliteratur als Heldengestalten, doch diese Quellengattung ist mit einem deutlichen zeitlichen Abstand zu den berichteten Ereignissen entstanden. Wenngleich unklar bleibt, ob Ivars Vater tatsächlich ein Wikingerführer namens Ragnar war, wird Ivar das erste Mal in irischen Annalen im Zusammenhang mit einem Sieg im Jahr 857 über andere skandinavische Angreifer erwähnt, wo er Imhar genannt wird. Die folgenden Jahre stand er im Bündnis mit anderen Wikingeranführern (so mit Olaf dem Weißen) in Irland.



    Im Jahre 877 durchquerte Ivars Flotte den St. Georgs Kanal, der Irland von Wales trennte und landete mit seinen Männern in Cornwall, um es zu unterwerfen. Das war eine bewusste Entscheidung des Normannen, der mit diesem Feldzug nicht unbedingt Dumnarth treffen wollte, sondern seinen stärksten Widersacher, den König von Wessex. Man musste einsehen, dass sich diese Normannen nicht einfach auf alles stürzten, was sie an Land sichteten. In diesem Fall kam es zu Verhandlungen zwischen den Kelten Cornwalls und den Nordmännern. Erstere fürchteten, ihre Unabhängigkeit an das erstarkte Wessex zu verlieren, und waren daher König Ethelred nicht wohlgesonnen. Den normannischen Kriegern lag anscheinend an Verbündeten, die ihnen bei einem Sieg reiche Beute zusicherten.

    Ethelred erlitt im Juni 877 eine Niederlage, als sein Bruder Alfred mit einem Heer gegen die angelandeten Normannen zu Felde zog. Cornwall musste daraufhin verloren gegeben werden und Ivar konnte sich hier auf Dauer festsetzen. Die Wikinger lernten aus diesem Präzedenzfall: Sich in innenpolitische Auseinandersetzungen einzumischen und dafür bezahlen zu lassen, konnte noch ergiebiger sein, als Klöster zu brandschatzen – wobei sie in England und Frankreich keine von beiden Möglichkeiten prinzipiell ausschlossen!

    Ethelred musste seine Aufmerksamkeit zu dieser Zeit auf East Anglia richten, wo die Normannen ebenfalls einfielen und das Land verwüsteten. Andere Wikingerverbände eroberten die an der Themsemündung gelegene Insel Sheppey und bauten diese zu einem Stützpunkt aus, da sie von dort noch einfacher ihre Raubzüge unternehmen konnten. Es war damit zu rechnen, dass sie weitermarschieren und in Wessex eindringen würden. Es wäre bei voller Konzentration der verfügbaren Kräfte vielleicht möglich gewesen, Ivar aus Cornwall zu vertreiben, doch Ethelred konnte nicht beide Gegner zugleich bekämpfen.



    In East Anglia errichteten die Wikinger in Thetford Ende 877 ihr Winterlager. Edmund, der König von East Anglia, griff sie an und verlor dabei sein Leben. In einer späteren Schrift aus dem Jahre 945 erfahren wir, dass Edmund nicht in der Schlacht sein Leben verlor, sondern den Märtyrertod gestorben sei. Die Normannen forderten nach seiner Gefangennahme, dass er seinem christlichen Glauben abschwöre. Als er sich weigerte, wurde er geschlagen, mit Pfeilen gefoltert und schließlich enthauptet. Bald nach seinem Tod wurde er als Märtyrer verehrt. Mit dem Tod Edmunds verlor East Anglia seine Eigenständigkeit, denn Ivar der Knochenlose bestimmte einen gewissen Ethelred II. zum König. Über diesen Ethelred II. ist nichts weiter bekannt, er war vermutlich ein subregulus (Unterkönig) Ivars. Unser Charakter Ethelred geriet durch diese Entwicklung in eine unkomfortable Lage, weil Ivar jetzt im Westen Cornwall und im Osten East Anglia als Aufmarschgebiet gegen Wessex benutzen konnte. Zudem hielten sie weiter die Insel Sheppey, von wo aus Jahr für Jahr Wikingerflotten aufbrachen und in den Sommermonaten vor den südenglischen Küsten erschienen. Sie schreckten nicht einmal davor zurück, die Themse hinaufzufahren und London anzugreifen.

    Bevor Ethelred gegen East Anglia die Entscheidung suchte, sicherte er sein Territorium gegen Ivar sowie gegen die ständigen Wikingereinfälle an den Küsten von Wessex ab. Im Jahre 877 errichtete er die Burg Farnham, bei der es sich um eine beeindruckende Motte handelte, die ständig bewohnt war. Der große Mound der Feste entstand rund um die massiven Fundamente eines Turms und wurde dann mit einem Shell-Donjon (eine Art Bergfried) komplett eingeschlossen, der Strebewerktürme und ein niederes Torhaus besaß. Angeschlossen an den Mound war eine dreieckige Kernburg mit einer Reihe von Wohngebäuden und einem Eingangsturm.



    Die Normannen drangen kurze Zeit darauf tatsächlich in Wessex ein, indem sie mit ihren Schiffen die Themsemündung flussaufwärts fuhren und London erreichten. Hier machten sich die Arbeiten der vergangenen Jahre bezahlt, den die errichteten Verteidigungsanlagen der Städte zwangen die Wikinger dazu, London zu belagern.
    Im Frühjahr 878 ergriff Ethelred unter dem Eindruck dieser Ereignisse die Initiative und forderte die Herrschaft über East Anglia für sich. Der dort regierende Ethelred II. war vielleicht ein Herrscher von Ivars Gnaden, muss aber eine Legitimation für den Thron besessen haben, denn die Ostangeln widersetzten sich dem Anspruch des westsächsischen Ethelred.

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  12. #42
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    Alfred der Große

    Wieder war es Alfred, des Königs Bruder, dem die Führung des Feldzugs anvertraut wurde. Das dreitausend Mann starke westsächsische Heer schlug den Gegner am 20. Juli 878 in der Schlacht bei Lynn, wo etwa 500 Ostangeln ums Leben kamen, während Alfred so gut wie keine Verluste zu beklagen hatte. Alfred verfolgte den geschlagenen Feind und vernichtete das Heer der Ostangeln schließlich in der Nähe von Warwick.



    Da man in Wessex kurz zuvor bereits die Belagerungsfertigkeit der Stufe Zwei entwickelt hatte, fielen die wichtigen Festen von East Anglia Alfred rasch in die Hände: Ipswich in Suffolk, sowie Thetford und Norwich in Norfolk wurden binnen eines Jahres eingenommen. Im September 879 unterwarf sich der Unterkönig Ethelred II., der vergeblich auf normannische Verstärkung gehofft hatte. East Anglia wurde nun ein Teil des Königreichs Wessex, der Westsache Ethelred formte 880 aus den beiden Grafschaften das Herzogtum East Anglia.



    Diese Zeit um das Jahr 880 markiert die Bildung des frühen englischen Imperiums, des Oberkönigtums der Wessexer Dynastie von Ethelred. Unter seiner Führung nahm sein „Königreich der Engländer“ die Hürde von einem ideologischen Konstrukt zu einer existierenden Tatsache.



    Sich eine Krone aufzusetzen, war das eine, und nicht einmal ungewöhnlich. Wie erwähnt gab es in England sieben angelsächsische Königreiche, deren tatsächliche Macht eher mit einem Herzogtum kontinentaler Prägung vergleichbar war. Ethelred war in der Lage, den entscheidenden Schritt zu machen und Mittel- sowie Nordengland zu erobern und bzw. oder verwaltungsmäßig einzugliedern. Seine Gegenspieler waren nicht alleine die anderen angelsächsischen Kleinkönige, es waren mehr noch die normannischen Führer in Nordengland, die eine heidnische Hegemonie herstellen wollten. Ivar der Knochenlose spielte damit Ethelred in die Karten, denn der Angelsachse konnte die anderen christlichen Fürsten der Insel hinter sich vereinen. Das Argument, gegen ein Volk des Teufels müssten alle rechten Christen vereint kämpfen, setzte einen Anführer dieser Allianz voraus. Eine Rolle, um die sich Ethelred mit Nachdruck bewarb.



    Spät, mit 44 Jahren, ging der aus religiöser Überzeugung keusche Ethelred eine eheliche Verbindung ein. Eine königliche Dynastie benötigte einen Erben, und der König dafür eine standesgemäße Ehefrau. Die in dieser Hinsicht wohl edelste Partie war die Tochter des byzantinischen Kaisers Basileios (regierte historisch von 867 bis 886, im Spiel bereits verstorben), des Begründers der makedonischen Dynastie in Konstantinopel. Ethelred hatte wegen der Heirat mit dem Nachfolger auf dem Thron, Leo VI. (886-912), zu verhandeln. Schließlich, im Jahre 884, war der Vertrag perfekt. Ethelred heiratete die blaublütige Byzantinerin Anastasia, eine enorme Aufwertung für den Westsachsen.

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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  13. #43
    The passion of lovers Avatar von Mark
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    Alfred der Große

    Nur kurze Zeit darauf starb Ethelred überraschend und zum Entsetzen seines Hofes am 3. März 884. Knapp zwanzig Jahre hatte seine Regierung Bestand gehabt, nun ging sie reibungslos auf Alfred, dem jüngsten der vier Brüder des Königs Etehlwulf, über. Es gab sonst niemanden, der ernsthaft Anspruch auf den Thron hätte erheben können – weder innerhalb der Dynastie noch ein anderes Haus. Alfred hatte in den zurückliegenden Jahren seine prominente Stellung als oberster Befehlshaber von Wessex genutzt, um sich eine eigene Hausmacht aufzubauen. Diese hatte er nie gegen seinen Bruder Ethelred eingesetzt, aber nun war sie das Fundament, auf dem seine eigene Regierung fußen sollte.



    Alfred zeigte sich bei der Übernahme der Regierung recht „pragmatisch“ - erst einige Wochen zuvor hatte sein nun verstorbener Bruder die byzantinische Prinzessin Anastasia geheiratet, jahrelange Verhandlungen waren dem vorangegangen. Der neue König behielt die verwitwete Griechin prompt an seinem Hof und nahm erneut Kontakt mit dem Kaiser in Konstantinopel sowie dem Papst in Rom auf. Mit Leo VI. wurde Alfred bald handelseinig, die Gespräche in Rom waren schwieriger.



    Der bis dahin amtierende Papst Marinus war nämlich gestorben, am 17. Mai 884 bestieg der Kandidat des römischen Hauses Colonna den Heiligen Stuhl. Von ihm wurde erwartet, dass er die Unruhen in der Stadt Rom beendet – ironischerweise waren die Colonna eine bedeutende Partei in eben jenen Streitigkeiten, die blutig in den Straßen ausgefochten wurden. Für die Anfrage eines fernen westsächsischen Königs blieb dem Papst da wenig Zeit. Zudem war auch ein Abgesandter des fränkischen Königs mit einer Familienangelegenheit vor Ort, hier ging es um die Anerkennung des unehelichen Sohns des Kaisers, der durch eine Legitimation zum Kronprinzen aufsteigen sollte.

    Alfred blieb während dieser Zeit natürlich nicht untätig, er ordnete die Machtverhältnisse in England nach seinen Vorstellungen. Das kleine Nachbarreich Cornwall hatte nach Alfreds Ansicht durch den Verlust seiner gleichnamigen Grafschaft an die Normannen seine Bedeutung als Vasall verloren. Dumnarth herrschte noch über Devon, aber es war gewiss, dass er zwischen Normannen und Westsachsen auf Dauer kaum eine Schaukelpolitik würde betreiben können. Bevor Devon an die Normannen fiel, griff Alfred selber nach der Grafschaft.



    Im Jahre 885 folgte Stephan V. seinem Vorgänger Hadrian III. auf den Heiligen Stuhl, nachdem Hadrian während der Reise zu einer deutschen Synode gestorben war. Seine Wahl war ohne Absprache mit dem ostfränkischen König abgelaufen, daher brauchte Stephan V. andere Verbündete. Die päpstliche Zustimmung zur Ehe zwischen Alfred und der Witwe seines Bruders wurde damit zu einer Formalität. Außenpolitisch war es ausgerechnet der deutsche Gegner des Papstes, der Alfred zur Realisierung einer offensiven Politik verhalf: Der mächtige Normanne Ivar der Knochenlose geriet bei einem Beutezug an der friesischen Küste in Gefangenschaft und wurde an den ostfränkischen König Karlmann ausgeliefert, der ihn in Baden in Haft hielt. Ivars Besitz in Cornwall war damit deutlich weniger wehrhaft und Alfred nutzte dies und schloss die Grafschaft schließlich im Jahre 888 seinem Königreich an.



    Rund drei Jahre später, im März 891, verstarb der bereits seit einiger Zeit regierungsunfähige Karlmann und hinterließ den Thron von Ostfranken seinem karolingischen Bruder Karl, der jedoch ebenfalls nicht gesund und ein schwacher König war – Karl III. litt vermutlich an Epilepsie. Er hatte alle Hände voll zu tun, seinen Herrschaftsanspruch über die deutschen und italienischen Gebiete gegen Widersacher in- und außerhalb seiner Familie zu verteidigen.

    Einige Monate später war es, da Alfred von Wessex den nächsten Schritt zur Herrschaft über England tat: Im August 891 marschierte er mit sechstausend Mann in das nördlich angrenzende Mercia des Königs Burghred ein und schlug im Oktober dessen Heer in der Schlacht von Buckingham. Alfreds Truppen konnten nach diesem Sieg ungehindert Mercia plündern und dessen Festungen belagern. Offenbar erholte sich Burghred nicht von diesem Schlag, er starb einige Zeit darauf im Alter von 63 Jahren und vermachte die Regierung seinem Sohn Beornred. Dem blieb im Juni 894 aber auch nichts anderes übrig, als den Wessexer Vormachtanspruch über Südengland zu akzeptieren und mit Alfred einen Frieden zu unterzeichnen, in dem Beornred Mercia an Alfred von Wessex Tribut zu leisten hatte. Das Ironische an der ganzen Sache war, dass Beornred ein Neffe von Alfred war, denn Beornred war ein Sohn von Alfreds Schwester Ethelwith, die mit dem König von Mercia verheiratet worden war.

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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  14. #44
    Hamburg! Avatar von [DM]
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    Vielen Dank für deine Mühen.

    Zitat Zitat von Sarellion Beitrag anzeigen
    Hamburg
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  15. #45
    The passion of lovers Avatar von Mark
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    Alfred der Große

    Danke ... abseits der deutschen Geschichte muss ich mir diese Sachen tatsächlich zu einem guten Teil anlesen. Ist also auch für mich ein Wissensgewinn. Lesen, Spielen, Schreiben - mach ich dann in einem "portionierten Gleichschritt", um mich möglichst nah an der Historie entlang zu schlängeln. Vielleicht könnte ich noch hervorheben, was genau sich nur in der Partie ereignet hat und was wirklich geschichtlich ist.


    Nun wollte Alfred – mit Unterstützung von Hilfstruppen aus Mercia – als nächstes gegen das Königreich Northumbria vorgehen. Dessen Herrscher Aelfgar war zwar auch ein Angelsachse, betrieb aber eine eigenständige Politik im Umgang mit den Normannen. Doch 895 kam es in dieser Frage in Wessex zu einem innenpolitischen Eklat, als der königliche Rat, bestehend aus weltlichen und geistlichen Fürsten, sich gegen Alfreds Absicht stellte, Northumbria auch gewaltsam in die Tributpflicht zu zwingen.



    Kritisieren konnten sie in der Tat, dass der König lieber die Normannen bekämpfen solle, statt die angelsächsischen Nachbarn zu attackieren. Dem entgegnen konnte Alfred jedoch, dass diese Nachbarn sich bereits mit den Normannen arrangierten und teilweise sogar Bündnisse schlossen. Eine dominierende Stellung unter den Angelsachsen war nach Ansicht des Königs nötig, um diese Reiche unter einem Banner zu vereinen und gemeinsam gegen die Wikinger marschieren zu lassen. Aber auch jene im Rat, die dem König in dieser Hinsicht recht gaben, mussten warnend auf das Bündnis zwischen Aelfgar von Northumbria und dem italienischen König Lothar II. aus dem mächtigen Geschlecht der Karolinger hinweisen. Es war bekannt, dass Lothar II. zehntausend Mann zu den Waffen zu rufen vermochte. Der Rat stimmte deutlich mit fünf zu zwei Stimmen gegen Alfreds Feldzug gegen Aelfgar.

    Der König verwendete seine Energie im weiteren Verlauf des Jahres 895 darauf, die Zustimmung der Fürsten doch noch zu gewinnen - oder sie schlicht von der Beteiligung an einer solchen Entscheidung auszuschließen. Einen nicht unerheblichen Einfluss darauf bekam der Umstand, dass dem König am 22. Oktober 895 ein männlicher Thronfolger geboren wurde, der auf den Namen Eduard getauft wurde. Entscheidend waren aber wohl mehr die finanziellen und politischen Zuwendungen (sprich: Schmiergelder und Gefallen), die Alfred den stimmberechtigten Fürsten zukommen ließ.



    Der Kompromiss in dieser Frage wurde im März 896 gefunden: Der Rat übertrug die Entscheidung über Kriegserklärungen dem König, der im Gegenzug versprach, zunächst die Wikinger von York (die für einen guten Teil der Beutezüge in Südengland verantwortlich waren) auszuschalten, bevor er den Feldzug gegen Northumbria beginnen würde.



    York war 866 – ein Jahr vor Beginn dieses Kapitels – von den Wikingern besetzt worden. Vorher war es die Hauptstadt des northumbrischen Reiches gewesen. Die alte Römerstadt war eigentlich gut befestigt, aber sie fiel damals ohne nennenswerten Widerstand an die Wikinger. Der Grund dafür war der Streit zweier Thronaspiranten um die Macht, die sich wohl so sehr misstrauten, dass sie sich nicht gegen ihre Feinde zu verbünden vermochten. Als sich York erst einmal in der Hand der Normannen befand, kam der Schulterschluss der beiden Konkurrenten zu spät – ihre Heere erlitten an den Mauern der Stadt eine blutige Niederlage. Unter den Gefallenen befanden sich auch die beiden Thronaspiranten.

    Damit blieb York nach 866 in der Hand der Wikinger, die von dort zu ihren zahlreichen Feldzügen aufbrachen. Selbst zu Lande brachten sie militärisch einiges zustande: Hier operierten sie mit schnellen Reiterverbänden und der Stationierung verschiedener Garnisonen, um England in Schach zu halten. In den dreißig Jahren bis zu dem aktuellen Feldzug Alfreds war aus den plündernden Seeräubern in vielen Teilen Englands eine kleine, aber tonangebende Minderheit geworden, die sowohl große schlagkräftige Heere aufstellte als auch eigene Bauern ansiedelte (natürlich an jenen Höfen, von denen sie zuvor die angelsächsischen Bauern vertrieben hatten).

    Die Angelsächsische Chronik schildert, wie der König Alfred 896 zum Gegenschlag ausholte. In der siebten Woche nach Ostern sei er zu einem Ort namens Egberts Stein, östlich von Selwood, geritten. Dort habe er zahlreiche Menschen getroffen: Bewohner Somerset, Wiltshire und einem Teil Hampshires, die sich freuten, ihn zu sehen. Mit einem großen Heer zog Alfred nordwärts gegen das Hauptlager der Normannen in Chippenham. Schon vorher stießen sie bei Edington auf die Wikinger. Dazu der Chronist: „Dort kämpfte er gegen das ganze Heer der Dänen und schlug es in die Flucht. Er verfolgte es bis zur Festung York und belagerte es viele Tage.“ Am 13. September 897 gab der König der Nordmänner, Sigfrid, auf und ersuchte um Frieden.



    Dies entsprach keiner bedingungslosen Kapitulation, dafür waren seine Krieger noch zu stark. Aber Sigfrid erkannte, dass er sich zum jetzigen Zeitpunkt gegen Wessex nicht halten konnte und man sich mit König Alfred arrangieren musste. Deshalb stimmte er dessen Bedingungen zu: Die Dänen hatten den Angelsachsen Geiseln zu stellen, eine übliche Methode zur Einhaltung von Verträgen. Außerdem sollten sie Alfreds Reich verlassen, Sigfrid sollte sich taufen lassen und seines heidnischen Glaubens entsagen.

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