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Thema: [CK2/EU4] Schwer ruht das Haupt, das eine Krone drückt

  1. #481
    Benutzter Registrierter Avatar von jeru
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    Sehr schön geschrieben und auch sehr gut nachvollziehbar dargestellt.
    Ich bin schon gespannt auf das nächste Kapitel!

  2. #482
    The passion of lovers Avatar von Mark
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    Der unheimliche Papst



    Der unheimliche Papst

    Alexander VI.
    Papst und Oberhaupt der katholischen Kirche von 1492 bis 1503, lebte 1431-1503
    Startdatum: 11. November 1444


    Als die gelungenste Inkarnation des Teufels auf Erden wurde Rodrigo Borgia bezeichnet. In der Tat ist es schwierig, ein Verbrechen oder Laster zu finden, das nicht mit Alexander VI., so sein Name als Papst, oder seinen Kindern Cesare und Lucrezia in Verbindung gebracht worden ist. Der Name Borgia steht gleichermaßen für hemmungslose Macht und Geldgier, Mordlust, Korruption und sexuelle Ausschweifungen. Dieser Papst Alexander war ein Prototyp des modernen Mafia-Paten, Cesare ein Vorbild für Machiavellis perfekten Fürsten der Renaissance, dem die Staatsräson mehr zu gelten hatte als die Moral.

    Dass sie über die Jahrhunderte eine solche Berühmtheit erlangen würde, war den Borgia gar nicht in die Wiege gelegt worden. Die Borgia gehörten Anfang des 15. Jahrhunderts lediglich zum mittleren Adel Kataloniens, ihre spanische Schreibweise ist Borja. Man munkelte später, die Borja seien ursprünglich Juden gewesen, die zum Christentum übergetreten waren. Welches Blut auch immer in den Adern der Borgia geflossen sein mag, sie fühlten sich jedenfalls als Spanier. Begonnen hatte der historische Aufstieg der Familie im Sommer 1429 auf Peniscola, einer gewaltigen, von den Templern errichteten Festung bei Valencia. Hier sollte der 50jährige Alonso Borgia im Auftrag des Königs von Aragon den letzten Gegenpapst des Avignon-Schismas zum Rücktritt bewegen. Dieser Gegenpapst nannte sich Clemens, der Milde, was der Realität überhaupt nicht entsprach. Eher zeichneten Grausamkeit und Stolz den Charakter von Clemens aus. Wir kennen die Situation mit dem spanischen Gegenpapst aus dem Kapitel über Sigismund und dessen Konstanzer Konzil von 1415: Einer der drei konkurrierenden Päpste (Benedikt XIII.) hatte sich geweigert, sein Amt niederzulegen und sich nach Peniscola zurückgezogen. Der Kaiser und die christliche Welt hatten den halsstarrigen Alten schließlich ignoriert, und Benedikt tat bis zu seinem Tod 1423 einsam weiter so, als sei er der rechtmäßige Papst. Sein Nachfolger wurde eben jener Clemens, den nun Alonso Borgia bequatschen sollte. Und er hatte Erfolg, Clemens erklärte 1429 seinen Rücktritt als Papst. Die letzte Fußnote des Abendländischen Schisma hatte ein Ende gefunden.

    Der amtierende Papst Martin V. dankte es Alonso Borgia mit dem Amt des Bischofs von Valencia. Das war das Sprungbrett für den Aufstieg. Alonso übte das Amt 15 Jahre lang vorbildlich aus, bis er 1444 zum Kardinal ernannt und an den päpstlichen Hof gerufen wurde. Dies wiederum war die Belohnung des Borgia für eine erfolgreiche Vermittlung in einem Streit zwischen Papst Eugen IV. und dem König von Aragon.



    Wir sind also bereits in dem Jahr, in dem EU4 beginnt: Eugen IV. ist Papst, Alonso Borgia einer jener namenlosen Kardinäle im Menüfenster des Heiligen Stuhls. In Rom machte Alonso einen ordentlichen Job und trat bescheiden auf. Das war auch klug so: Wirklich Macht hatte er als Katalane in Rom nicht, die alten römischen Familien der Colonna und Orsini bestimmten über Wohl und Wehe in der Stadt.

    Diese beiden Familien wollten natürlich auch den Heiligen Stuhl mit einem ihrer Angehörigen besetzen. Die Wahl eines neuen Papstes wurde im März 1455 notwendig, weil Papst Nikolaus V. verstarb. Doch bei den Wahlgängen konnte sich keine der beiden Seiten mit ihren Kandidaten durchsetzen. Man einigte sich schließlich auf einen Kompromisskandidaten: auf Alonso Borgia, den rechtschaffenden Kardinal von Valencia ohne Hausmacht und – angesichts seines Alters von 76 Jahren – mutmaßlich überschaubar langen Amtszeit. So mancher Römer argwöhnte, dass ein Ausländer auf dem Heiligen Stuhl Platz nahm. So unrecht hatten sie nicht, denn Calixt III. (so nannte sich Alonso Borgia nun) besorgte hunderten Familienmitgliedern und Anhängern Posten an der Kurie, auf einmal mehrten sich hier die katalanischen Namen.



    Natürlich vergaß Calixt nicht, seine beiden Neffen zu berücksichtigen: Don Pedro Luiz wurde Präfekt sowie Herzog von Spoleto, Rodrigo Borgia erhielt 1457 den einflussreichen Posten des Vizekanzlers an der Kurie. Die Amtszeit von Calixt fiel in die Zeit unmittelbar nach dem Fall von Konstantinopel an die Osmanen, man kann sich also vorstellen, was seine Politik bestimmte. Sein Pontifikat war wie erwartet nicht von langer Dauer, schon 1458 lag er im Sterben.

    Für die Borgia, darunter Rodrigo, eine gefährliche Situation, denn es hatte schon Tradition, dass nach dem Tod eines Papstes die Karten in Rom neu gemischt und mit den Günstlingen des alten Papstes aufgeräumt wurde. Die Orsini organisierten in Rom schwere Unruhen, die Pedro Luiz zur Flucht aus der Stadt veranlassten (natürlich mit prall gefüllten Schatztruhen). Rodrigo hingegen beschritt den entgegengesetzten Weg: Er kam zurück nach Rom, um seinem Onkel bei dessen Agonie persönlich beizustehen. Eine mutige Entscheidung, die einiges von Rodrigos ausgeprägtem Familiensinn zeigt, hier im positiven Sinn. Das Schicksal bestrafte den geflohenen Pedro Luiz prompt: Während Rodrigo die Unruhen ohne Schaden an Leib und Leben überstand, kam Pedro Luiz um. Es ist nicht sicher, ob es die Malaria oder der lange Arm der Orsini gewesen ist.

    Rodrigo Borgia musste nach dem Tod von Calixt III. zusehen, was aus ihm werden würde. Wie gesagt, noch immer hatten neue Päpste auch einen neuen Kanzler ernannt. Das forderten natürlich auch jetzt die Gegner der Borgia, doch sie fanden keine Mehrheit im Kollegium der Kardinäle: So mancher fürchtete, dass dieselben Korruptionsvorwürfe, die man gegen den Borgia erhob, anschließend auch gegen einen selber verwendet werden könnten. In der anschließenden Papstwahl gab es harte Auseinandersetzungen zwischen dem italienischen Kandidaten Piccolomini und dem Franzosen Estouteville, es herrschte ein Patt zwischen den rivalisierenden Lagern. Mit demselben kaltblütigen Mut, durch den sich Borgia nach dem Tode von Calixt in Rom behauptet hatte, erklärte er in dieser Situation, für Piccolomini zu stimmen. Das war die Entscheidung, die zur Wahl des Italieners zu Papst Pius II. führte. Man kann sich vorstellen, dass Piccolomini dem Borgia dafür ziemlich dankbar war und ihm erneut den Verbleib auf dem Posten des Vizekanzlers antrug. Die Amtsenthebung, die noch wenige Tage zuvor diskutiert worden war, war damit vom Tisch. Der 26jährige Borgia hatte mit Abstand am höchsten gespielt und dabei alles gewonnen, er überstand den Wechsel an der Kirchenspitze politisch ohne Schaden.

    Pius II. war anschließend von 1458 bis 1464 Papst, ein bedeutender Humanist, Poet und Gelehrter. Die Wahl seines Namens war eine Reminiszenz an „pio Enea“ des antiken Schriftstellers Vergil. In CK2 wäre er wohl einer mit den grünen Eigenschaften (Tugenden) und einem hohen Frömmigkeitswert. Politisch versuchte er, dem Papsttum die alte Geltung zu verschaffen, sorgte sich um die Türkengefahr (einen Kreuzzug vermochte auch er nicht auf die Beine zu stellen) und stritt sich mit dem böhmischen König Georg von Podiebrad, der seiner Meinung nach den hussitischen Kräften in Böhmen allzu nahe stand. Pius II. interessierte sich auch für Baumaßnahmen, wie sie typisch war für die Mäzen der Renaissance. Hier konnte ihm sein Vizekanzler Rodrigo Borgia gerne behilflich sein. Borgia nutzte die Jahre natürlich, um seine Position an der Kurie abzusichern. Nur einmal geriet er mit seinem Vorgesetzten, dem Heiligen Vater, aneinander, der Grund sollte typisch sein für das Naturell Rodrigos: Es ging um eine luxuriöse Feier, die Borgia in Siena abhielt, als er dort zu Gast war. Die Nacht über vergnügte er sich gemeinsam mit anderen ausgiebig mit den Sieneser Damen, für deren Anwesenheit Borgia gesorgt hatte. Die ausgesperrten Männer aus Siena kochten vor Wut, es waren ihre Frauen, Schwestern und Töchter, die auf der Lustparty benutzt wurden. Bei Gott, wenn alle diejenigen, welche innerhalb eines Jahres in Siena geboren werden, in den Kleidern ihrer Väter zur Welt kämen, müssten sie alle Priester oder Kardinäle sein“, schimpften sie.

    Gegenüber Pius II. war das Verhalten Borgias und der anderen Geistlichen schlicht eine Frechheit, er schrieb dem Vizekanzler eine zornige Rüge. Pius war zwar selber eine Lebemann, aber er stammte aus keinem anderen Ort als Siena. Kein Wunder also, dass die Beschwerden aus seiner Heimatstadt in persönlich betrafen. Innerhalb Italiens war das Bündnisgeflecht schon so kompliziert genug. Wie bei einem Schachbrett waren die Städte kreuzweise untereinander verbündet, um sich jeweils gegen ihre verhassten Nachbarn abzusichern. Der Papst hielt es zu dieser Zeit mit Mailand und Urbino gegen Neapel und der Romagna.

    Zu der Zeit, als Pius II. 1468 starb, war auch Borgias Leben in Gefahr. Er hatte sich offenbar eine Geschlechtskrankheit zugezogen, ein ungünstiger Zeitpunkt für das bevorstehende Konklave, auf dem der neue Papst gewählt werden musste. Mit der ihm eigenen Zähigkeit überwand er die Krankheit und platzierte einen Kandidaten zur Wahl und hatte wieder Erfolg: Am 30. August 1464 wurde es der Venezianer Barbo, der den Borgia in der schweren Zeit nach dem Tod „ihres“ Calixt III. geholfen hatte. Selbst der Wahlakt an sich war ein Erfolg, denn er musste unter den berüchtigten Unruhen in Rom vonstatten gehen, wie sie wieder einmal im Anschluss an den Tod eines Papstes ausbrachen. Barbo war 48 Jahre jung und bei guter Gesundheit, und er zeigte bald nach der Wahl, dass er nicht das willfährige Instrument sein sollte, wie man sich das vorgestellt hatte. Barbo nahm nach einigen Diskussionen den Namen Paul II. an und war in gewisser Weise das Gegenteil seines Vorgängers Pius, denn er konnte kein Latein, war überhaupt kein Freund der Bildung, und lehnte die Renaissance ab. Trotz seines eher jungen Alters regierte Paul II. nur sieben Jahre lang, das mag an seiner Leidenschaft für Prunk liegen. Das fanden die Römer nicht weiter schlimm, mehr irritierte sie, dass Paul sich weigerte, Todesurteile zu unterzeichnen: „Das Leben ist eine zu herrliche Sache, als dass es der Mensch selbst vernichten dürfte.“ Selbst Franz von Assisi hätte dies nicht schöner sagen können. Politisch interessierte Paul II. sich für administrative Fragen, da war er fähig, streng und gerecht. Mit den Osmanen dagegen mochte er sich nicht beschäftigen. Er müsste in EU4 also als 4-2-1 Herrscher oder ähnliches auftreten.
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  3. #483
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    Der unheimliche Papst

    Nachdem Paul II. im Jahre 1471 überraschend an einem Schlaganfall starb, erlebte Borgia bereits die dritte Papstwahl seines Lebens, und immer noch hielt er sich auf dem Posten des Vizekanzlers. Auf den vornehmen und verschwenderischen Venezianer Barbo folgte nun mit Francesco della Rovere ein aus bescheidenen Verhältnissen stammender Fischersohn aus Savona als Sixtus IV. auf den Papstthron. Der neue Papst galt als hochintelligent, tatkräftig und charaktervoll. Vielen erschien er als der geeignete Mann, um mit den Missständen in der Kirche aufzuräumen. Auch die Römer hatten derartige Befürchtungen, und so flogen bei dem Umzug nach der Papstkrönung, die Rodrigo Borgia vorgenommen hatte, Steine nach der päpstlichen Sänfte. Auch Borgia war über die Wahl von Sixtus wenig erfreut, aber er hatte in der Konklave mit Gespür rechtzeitig die Kräfteverhältnisse durchschaut und war in das Lager der della Rovere gewechselt. Natürlich gegen die Zusicherung des Kandidaten, ihn im einträglichen Amt des Vizekanzlers zu bestätigen.

    Sehr bald sollte sich zeigen, dass della Rovere zwar über die ihm nachgesagte Intelligenz und Tatkraft verfügte, mit den charakterlichen Fähigkeiten entwickelte sich sein Pontifikat dagegen anders. Mehr als je einer seiner Vorgänger widmete er sich der Familienpolitik, hievte zahlreiche Verwandte in wichtige Ämter, sechs von ihnen wurden Kardinäle. Die weiblichen Angehörigen seiner Familie verheiratete Sixtus IV. mit den Fürstenfamilien von Mailand, Urbino, Neapel sowie den Orsini. An Verwandte gingen auch die Ämter des römischen Stadtpräfekten und des Kommandanten der Engelsburg, der Festung des Vatikans. Die Sippschaft verstand es, die Gunst der Stunde zu nutzen. Einer von ihnen, Kardinal Pietro Riario, der als leiblicher Sohn des Papstes galt, soll bis zu seinem frühzeitigen Tod im Alter von 28 Jahren 200.000 Goldgulden verprasst haben.



    Sixtus' Nepotismus führte auch zu einer blutigen Verschwörung gegen die Medici in Florenz. Die waren zunächst seine Hausbankiers, er überwarf sich aber mit ihnen, als er seinem Neffen Girolamo die Romagna als Herzogtum zuschanzen wollte. Einen so stark protegierten und mächtigen Herzog mochten Florenz, Mailand und Venedig aber nicht hinnehmen. Der Papst tat sich 1474 seinerseits mit Neapel gegen die drei nördlichen Städte zusammen. Das reichte aber nicht, um die Medici in die Knie zu zwingen, und so kam es ausgerechnet im Dom von Florenz zu einem Mordanschlag auf die Medici. Den Attentätern gelang es während der Messe lediglich, den Bruder des Lorenzo Medici zu erstechen, Lorenzo selbst konnte in die Sakristei entkommen. Die Bevölkerung von Florenz hielt zu den Medici und räumte mit den papstfreundlichen Familie Pazzi auf, so mancher von ihnen wurde neben dem verhassten Erzbischof in den Fenstern des Palastes der Signoria aufgehängt. Nachdem Sixtus IV. Lorenzo mit Mordwaffen offenbar nicht aus dem Wege räumen konnte, besann sich der Papst auf seine geistlichen Waffen. Er belegte Lorenzo und die Florentiner Signoria mit dem Bann und drohte der gesamten Bevölkerung von Florenz mit dieser Maßnahme, wenn sie die Medici nicht binnen eines Monats aus der Stadt verjagen würde.



    Als auch das nichts half, rief Sixtus die gefürchteten Schweizer Söldner ins Land und bewog seinen Verbündeten Ferrante von Neapel zu einen Kriegszug gegen Florenz. Daraufhin hielt auch der Mailänder Regent Ludovico il Moro den Zeitpunkt für gekommen, das Bündnis mit Florenz und Venedig aufzugeben und in das Lager des Papstes überzuwechseln. Florenz schien militärisch verloren.

    Doch da entschloss sich Lorenzo di Medici zu einer mutigen Tat: Mit nur wenigen Begleitern ritt er im Dezember 1479 an den Hof Ferrantes nach Neapel. Um diesen Schritt zu würdigen, muss man wissen, dass Ferrante in seiner Zeit als einer der grausamsten und verschlagensten Herrscher galt. Zu Galeerenstrafen verurteilte Gegner pflegte er persönlich anzuschmieden. Auch wurde ihm nachgesagt, dass er gerne zwischen den Kerkern seiner Gefangenen spazieren ging, um sich an deren Leid zu erfreuen. Selbst nach dem Tod seiner Feinde soll sich Ferrante ungern von diesen getrennt haben. Angeblich bewahrte er ihre Leichen einbalsamiert auf, um sie besichtigen zu können. In Italien staunte man daher nicht schlecht, als Lorenzo Neapel nach drei Monaten Aufenthalt in Ehren und als Verbündeter Ferrantes verließ. Lorenzo war es gelungen, den Herrscher Neapels davon zu überzeugen, dass der durch einen Sieg über Florenz gestärkte Kirchenstaat seinem Königreich sehr viel gefährlicher werden konnte, als das Fortbestehen eines unabhängigen Florenz. Damit war der Kampf mit einem Schlag entschieden, denn die vor Florenz stehenden Truppen Neapels wurden plötzlich zur Schutzmacht der Stadt. Dass die Medici nach Lorenzos mutigen Kunststück fest im Sattel saßen, versteht sich von selbst. Sixtus konnte das Vorhaben, seinen Neffen Girolamo als Herzog der Romagna zu installieren, vergessen. Lediglich die kleineren Städte Imola und Forli blieb in der Hand von Girolamo.

    Was tat Sixtus IV. sonst so als Papst? Er förderte die Kunst und die Wissenschaft, sowie die Inquisition in Spanien. Ungefähr in dieser Reihenfolge. Als theologischer Denker oder Reformer trat er jedenfalls nicht hervor. Mit seinem Tod 1484 brachen in Rom die üblichen Unruhen aus, Orsini und Colonna wollten beide die Nase vorn haben, wenn die Karten neu gemischt wurden. Auf Seiten der Colonna wollte der erwähnte Neffe Girolamo mitmischen, er ritt nach Erhalt der Nachricht vom Tode des Papstes direkt nach Rom. Dort aber hielten die Kardinäle die Tore vor Leuten wie ihn verschlossen, um die bürgerkriegsähnlichen Unruhen in der Stadt nicht noch mehr zu befeuern. Niemand von den Kardinälen hatte jedoch an Girolamos ungestüme Ehefrau Caterina Sforza gedacht. Obwohl sie im siebten Monat schwanger war, stürmte sie mit einigen Leuten kurzerhand die Engelsburg und versetzte diese unter den Augen der verblüfften Römer in Verteidigungsbereitschaft. Als es ihr auch noch gelang, im Schutze der Nacht 150 Mann in die Burg einzuschleusen, blieb den Kardinälen nichts anderes übrig, als Girolamo und Caterina gegen die Zusicherung einer weiteren Belehnung mit Imola und Forli sowie der Zahlung einer erheblichen Geldsumme zum Abzug in ihre Besitzungen in der Romagna zu bewegen. Erst danach konnte am 26. August 1484 das Konklave beginnen.



    An dem Wahlakt nahmen 21 Kardinäle teil, von denen lediglich vier nicht aus Italien stammten: Die Spanier Borgia und Moles sowie der Portugiese da Costa und der Franzose Hugonet. Gleichwohl hielt Borgia seine Stunde für gekommen und geizte nicht mit Versprechungen für den Fall seiner Wahl. Auf seine Seite konnte er seinen Landsmann Moles und Giovanno d'Aragona, einen Sohn Ferrantes von Neapel, sowie Ascanio Sforza, den Bruder des mailändischen Regenten Ludovico Sforza und den Kardinal Orsini ziehen. Sein Hauptgegner war Giuliano della Rovere, der seinerseits zwei seiner Verwandten sowie den Genuesen Cibo und den Kardinal Colonna auf seiner Seite hatte.

    Die Zusammensetzung der beiden Lager muss auf den ersten Blick überraschen. Vor allem hätte man nicht die Unterstützung von della Rovere durch den Kardinal Colonna erwartet, nachdem dessen Geschlecht nicht nur Sixtus bekämpft hatte, sondern nach dessen Tode eben noch an der Spitze der gegen die Rovere gerichteten Ausschreitungen in Rom gestanden hatte. Ebenso erstaunlich ist es aber, den Kardinal Orsini plötzlich an der Seite von Borgia zu sehen. Es ist nicht erwiesen, aber hier zeichnete sich bereits die Fraktionsbildung ab, wie sie später dem Einfluss der Herrscherhäuser von Spanien und Frankreich entsprach. Im Konklave von 1484 wollte allerdings die Mehrheit der Kardinäle weder für Borgia noch für della Rovere Partei ergreifen. Vielmehr schnitt im ersten Wahlgang Kardinal Barbo, der Nepot Pauls II., mit fast der Hälfte aller Stimmen am besten ab. Trotzdem hatte Barbo keine wirkliche Chance, zum Papst gewählt zu werden, weil man ihm zutraute, ernsthaft die Kirche reformieren und von der Korruption säubern zu wollen.

    In Anbetracht der Aussichtslosigkeit ihrer eigenen Kandidatur versuchte nun jeder die Mehrheit für einen Kandidaten aus dem eigenen Lager zu erlangen. Borgia versuchte es mit seinem Landsmann Moles, während della Rovere den Genuesen Battista Cibo vorschlug. Della Rovere war in diesem mit reichlichen Bestechungsgeldern geführten Kampf der Erfolgreichere. Am 12. September 1484 wurde Cibo als Innozenz VIII. zum Papst gekrönt. Für Borgia bedeutete das einen Machtverlust an der Kurie, wenngleich er nicht völlig beiseite geschoben werden konnte. Dazu hatte er die fast 30 Jahre, die er als Kardinal und Vizekanzler an den Schalthebeln der katholischen Kirche verbracht hatte, zu gut genutzt. Die Mächte, die hinter Borgia standen, waren zu stark, als dass es della Rovere oder gar Innozenz gewagt hätten, ihm das Amt des Vizekanzlers zu nehmen.

    Innozenz VIII. widmete sich in den acht Jahren seiner Amtszeit mit Leidenschaft der Förderung der Inquisition und Hexenverfolgung. Zu dem Thema veröffentlichte er eigens eine Bulle, die vor allem in Deutschland die Hexenprozesse zunehmen ließ. Begleitend kam 1487 der Hexenhammer heraus, in dem Heinrich Institoris und Jakob Sprenger erklärten, welche Machenschaften der Teufel und seine Jünger treiben, wie man sie erkennen kann und wie ihnen der Prozess zu machen ist. Weniger folgenschwer, aber nicht weniger kleingeistig war die Exkommunikation des Philosophen Mirandola, der in seiner Schrift mit 900 Thesen den Versuch unternahm, die Gemeinsamkeiten von Christentum, Heidentum und der Philosophie des Orients herauszustellen. Die geistige Kraft, sich mit diesen Thesen auseinanderzusetzen, hatte die Kirche offenbar nicht, so dass man es vorzog, sie kurzerhand zu verbieten.

    Ansonsten war Innozenz ein wenig selbständiger Papst. Das lag daran, dass er ständig pleite war. Unter anderen Geldquellen hatte er eine besonders pikante aufgetan, nämlich die Hohe Pforte. Aus dem Osmanischen Reich erhielt der Papst jährliche Zahlungen und Geschenke, im Gegenzug sorgte Innozenz dafür, dass seine Geisel Cem, der Bruder des Sultans, im Vatikan blieb und Bayezid II. nicht zur Gefahr wurde. Als Gegner guckte sich Innozenz den weitaus mächtigeren König Ferrante von Neapel aus, als er dem vorwarf, den Lehnszins nicht pünktlich bezahlt zu haben. Pech nur für Innozenz, dass der französische König Charles VIII. ihm nicht wie versprochen gegen Neapel zur Hilfe kam. Ruhe in die Angelegenheit kam erst durch die politischen Hochzeiten, die der Papst mittels einem seiner Söhne und einer Enkelin mit Mailand und Neapel schloss. Diese Entwicklung war ein Dämpfer für della Rovere an der Kurie.

    Aus Florenz wetterte der charismatische Bußprediger Girolamo Savonarola gegen den Sittenverfall der Kirche, und sagte das Todesdatum von Papst Innozenz VIII. voraus – übrigens korrekt, was Savonarola enormen Zulauf in Florenz einbrachte. Dort in Florenz starb zunächst am 7. April 1492 Lorenzo di Medici, was sogar König Ferrante zu anerkennenden Worten über den Verstorbenen veranlasste. Über Innozenz VIII. sind keine Worte überliefert, die seinen Tod beklagen. Es war der 25. Juli 1492, der 60jährige Papst lag bereits im Sterben. Man versuchte noch einmal alles, um das Leben des Heiligen Vaters zu retten: Da wurde ein jüdischer Arzt in den Vatikan gebeten – beherrschten denn die Juden nicht geheime Zauber, die hier helfen konnten? Man holte drei junge Männer herbei, denen man jeweils einen Dukaten reichte, auf dass sie dem Papst mit ihrem Blut auch ihre Lebenskraft spenden mögen. Die Jünglinge wussten nicht, dass sie ihr gesamtes Blut zur Verfügung stellen mussten. Den drei Toten entnahm man darauf ihre Bezahlung aus den leblosen Händen. Geholfen hat ihr Opfer nichts: Kurz nachdem der Heilige Vater das noch warme Blut getrunken hatte, starb auch er.


    Innozenz VIII. stirbt im Jahre 1492, sein bisheriger Vizekanzler, der Kardinal Borgia, schickt sich an, sein Nachfolger zu werden

    Am 6. August 1492 war es mal wieder soweit, das Konklave hatte einen neuen Papst zu wählen. Jetzt unternahm Borgia den nächsten ernsthaften Anlauf, selber auf den Heiligen Stuhl zu gelangen, obwohl im keine große Chancen eingeräumt wurden. Favoriten waren eigentlich der Portugiese da Costa sowie die Italiener della Porta, Ascanio Sforza und della Rovere. Gezielt für die Wahl von della Rovere stellten Frankreich und Genua 100.000 Dukaten zur Verfügung, auf dass der Heilige Geist das Votum der Kardinäle lenken möge. Borgia hatte sein langjähriges Amt als Vizekanzler und Kardinal aber auch genutzt, um sich eine spezielle Kasse anzulegen. Im Verlauf von vier Wahlgängen schaffte er es, sich die notwendige Mehrheit zu beschaffen. Der dickste Brocken waren die Stimmen von Ascanio Sforza nebst seiner „anhängigen“ Kardinalsstimmen. Sforza bekam von Borgia dafür das Amt des Vizekanzlers angeboten und griff zu. In der Nacht vom 10. auf den 11. August 1492 wurde Borgia somit mit der Mehrheit der Stimmen zum neuen Papst Alexander VI. gewählt. Della Rovere kochte vor Wut, ein Kardinal stöhnte, nun habe man selbst einem Wolf das Amt des Heiligen Vaters verschafft. Borgia hatte mit hohem Einsatz gespielt und wohl sein gesamtes Vermögen in die Waagschale geworfen – und gewonnen.




    Wahlakt Alexander VI.
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  4. #484
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    Die römischen Bürger waren zufrieden mit der Ernennung von Borgia, denn er galt als lebensfroher Mann. Den Leuten war ein großzügiger Papst, der Partys zugeneigt war, lieber, als einer, der von ihnen strenge Frömmigkeit einforderte oder kostspielige Kriege führt. Von Alexander VI. waren solche Zumutungen nicht zu erwarten. Man kannte seine Neigung zu Frauen und seine Fürsorge für seine Familie, aber das hielt man für lässlich. Es war ja nicht ungewöhnlich, dass auch er nun seine Kinder und andere Verwandte mit Posten versorgte. Alexander VI. hatte eine junge Geliebte namens Giulia Farnese, außerdem hatte er mit seiner früheren Geliebten Vanozza de Catanei vier gemeinsame Kinder. Diese vier Kinder erkannte Alexander sogar als seine eigenen an, sie waren ausnahmsweise nicht die üblichen „Neffen und Nichten des Papstes“.



    Die vier Kinder hießen Cesare (1475), Juan (1476), Lucrezia (1480) und Joffre (1481). Der erstgeborene Sohn Perdo Luiz (1460) war bereits tot, er war ursprünglich als Erbe vorgesehen gewesen. So ist es zu erklären, dass Cesare bereits in eine kirchliche Laufbahn geschickt worden war, und – nach dem Tod von Perdo Luiz – nun der jüngere Juan der Erbe des spanischen Borgia-Herzogtums Gandia war. Cesare erhielt zügig einen Kardinalsposten (obwohl er erst 17 Jahre alt war), Juan wurde Oberbefehlshaber der päpstlichen Armee. Die ganze Richtung passte dem ehrgeizigen Cesare gar nicht, er hatte keine Lust auf die kirchliche Karriere und neidete dem arroganten Juan dessen vorzüglichen Perspektiven auf weltlichen und militärischen Ruhm. Mit wem man Lucrezia gewinnbringend verheiratet, konnte der Papst sich noch in Ruhe überlegen. Charakterlich auffällig in dem Reigen der temperamentvollen Borgia war das jüngste der vier Kinder, Joffre. Er war (auch sexuell) wohl so phlegmatisch, dass man nicht recht glauben mochte, dass er wirklich ein Borgia sei. Auch für Joffre war noch auszumachen, wohin er politisch klug verheiratet werden konnte. Neben zahlreichen anderen Verwandten, die Alexander VI. mit Posten an der Kurie versorgte, dachte er auch an seine Geliebte Giulia, indem er deren Bruder Alessandro einen Kardinalshut verlieh. In Rom spottete man über den Farnese, er sei der „Unterrock-Kardinal Farmöse“. Aber er sollte später einmal ordentlich Karriere machen, er wurde nämlich 1534 unter dem Namen Paul III. selber Papst.

    Um es vorneweg zu nehmen: Alexander VI. hatte eine Strategie, ein langfristiges Ziel. Zum einen wollte er eine eigene Borgia-Dynastie, ein eigenes, vererbliches Fürstentum in Italien schaffen. Denn für seine Nachkommen sollte gesorgt sein, wenn er einmal stirbt und das Amt des Papstes dann durch Wahlakt an jemand anderes wandern würde. Andauernde Sicherheit konnte da nur ein erblicher Besitz bieten. Das zweite Ziel (das mit dem ersten zusammenhing) war, dass die fremden Großmächte aus der italienischen Politik rausgehalten werden mussten, namentlich Spanien und Frankreich, damit Italien nicht weiter ein Spielball dieser Kräfte bleibt. Eines war klar, Alexander VI. musste dazu eine umsichtige Schaukelpolitik im In- und Ausland betreiben.



    Los ging es mit der Vermählung von Lucrezia. Die Wahl des Borgia zum Papst hatte bei Frankreich und Spanien, aber auch bei Neapel und Venedig Argwohn erregt. Mailand mit seinen Sforza war aber gut gelaunt, immerhin war ein Sforza nun zum Vizekanzler bei Alexander aufgestiegen. Also ging Lucrezia an einen Sforza, auch wenn für die Tochter eines Papstes nur ein illegitimer Spross der Familie drin war, der hieß Giovanni Sforza. Die Ehebindung zu Mailand verärgerte Neapel und die römischen Orsini zusätzlich. Das war nicht ungefährlich, weil die Orsini wichtige Festungen im Norden von Rom hielten und Neapel von Süden militärisch dazustoßen konnte – Rom konnte so in die Zange genommen werden. König Ferrante von Neapel wurde aber geschmeidiger, als Mailand ein Bündnis mit dem Kirchenstaat und Venedig auf die Beine stellte und beim französischen König Charles VIII. anklopfte, ob der sich nicht um den alten französischen Anspruch auf Neapel kümmern wolle.



    Ratzfatz wurde eine Ehe zwischen Alexanders Sohn Joffre mit einer Angehörigen des neapolitanischen Hauses diskutiert. Für Juan wurde bei dieser Gelegenheit eine spanische Partie ausgesucht, denn Spanien hielt es mit Neapel und wollte die Franzosen nicht Richtung Neapel marschieren sehen. Damit sich jede Macht beteiligt fand, verteilte der Papst einige Kardinalshüte in jede Richtung. Lediglich Neapel und Florenz kamen bei dieser Vergabe nicht vor, das konnte sich Alexander VI. erlauben.

    Della Rovere, Alexanders größter Rivale an der Kurie, stöhnte mal wieder vor Wut. Der neue Papst war offenbar kein Leichtmatrose. In die Karten von Alexander VI. spielte dann noch der Tod von Neapels König Ferrante am 25. Januar 1494, ein gefährlicher Politiker war damit vom Spielfeld. Jetzt stieg aber ein weitaus mächtigerer Akteur in den Ring: Frankreichs König Charles VIII. beanspruchte den freien Thron von Neapel für sich und vergaß dabei nicht, dem Papst Konsequenzen anzudrohen, wenn der nicht seinen Segen dazu geben würde.



    Der Sohn von Ferrante, Alfonso, beeilte sich, die Vermählung von Joffre mit seinem Haus anzubieten, wenn ihm dafür die Rechtmäßigkeit auf die Krone bestätigt werden würde. Hinter Alfonso stand die Macht von Spanien. Alexander VI. hatte als Papst die Aufgabe zu entscheiden, und er musste entweder Frankreich oder Spanien verprellen. Nur: Auf Drohungen, von wem auch immer, pflegte Alexander VI. nicht zu reagieren, vielmehr wollte er wissen, was denn jeweils für ihn herausspringen würde. Neapel versprach also, neben der Hochzeit, auch ordentliche Tributzahlungen zu leisten sowie die Orsini an die Leine zu nehmen. Frankreich hingegen gab in keiner Frage nach, Charles wollte die Krone von Neapel und fertig. Wie der Papst sich entschied, dürfte der Leser bereits ahnen.

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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

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    Der unheimliche Papst

    Della Rovere setzte folgerichtig auf die französische Karte und verließ Rom, um mit Charles VIII. Kontakt aufzunehmen. Roveres Plan war, dass König Charles nach Neapel einmarschiert und auf dem Weg dorthin in Rom, quasi auf der Wegstrecke, Alexander VI. absetzen lässt. Irgendein Anklagepunkt wegen Simonie und Korruption würde sich schon verwenden lassen. Als Nachfolger auf dem Heiligen Stuhl sah sich della Rovere natürlich selbst, er würde Charles dann die Krone von Neapel aufsetzen. Alexander VI. musste also zusehen, was er der überlegenden Militärmacht von Frankreich entgegensetzen konnte. Spanien musste Neapel und den Papst beschützen, die waren mächtig genug.



    Es stand sowieso eine anderweitige Entscheidung an, bei der Spanien auf den Papst angewiesen war. Es ging um den Streit zwischen Spanien und Portugal, wer von den beiden Anspruch hatte auf die ganzen neuentdeckten Ländereien in Afrika und Amerika. Denn Portugal hatte als erstes Land seine Expeditionen nach Süd und West (in den Atlantik) gestartet und beanspruchte nun auch die Entdeckungen des Kolumbus für seine Krone. Zur Untermauerung dieser Ansprüche hatte Portugal bereits seine Kriegsflotte startklar gemacht, es musste also eine Lösung her, um eine blutige Krise zu verhindern. Hier sollte Alexander VI. als Schiedsrichter fungieren, eine Gelegenheit, Spanien eine Nettigkeit zukommen zu lassen.

    Obwohl man an der Kurie gar keine Ahnung von Geographie hatte, besaß Alexander VI. das Selbstbewusstsein, kurzentschlossen auf einer Weltkarte zwei getrennte Interessensphären zu definieren. Buchstäblich mit einem Federstrich vom Nordpol zum Südpol teilte der Papst die Welt auf. Die Linie verlief rund einhundert Meilen westlich der Kapverdischen Inseln. Alle überseeischen Gebiete westlich davon sollten Spanien, die östlichen Portugal zufallen. Der spanische König war über diese Aufteilung hocherfreut, sein portugiesischer Kollege entschieden weniger. Alexander VI. war nicht kleinlich und verschob die Linie noch einmal zu Gunsten Portugals um 900 Kilometer nach Westen. Aus diesem Grund geriet die südamerikanische Ostküste (die erst sechs Jahre nach dieser Einteilung überhaupt erst entdeckt wurde!) in Portugals Bereich – das heutige Brasilien. Das war der Vertrag von Tordesillas von 1494. Mit seinem beherzten Auftreten hatte der Papst einen Krieg zwischen den beiden Kolonialmächten verhindert. In EU4 taucht das Motiv immer wieder auf, wenn der Papst eine Kolonialregion einer konkreten Nation zuspricht, sobald diese Nation dort erst einmal einige Besiedlungen vorgenommen hat. Verstöße dagegen werden mit empfindlichen Meinungsabzügen beim Papst bestraft.



    Spaniens König Fernando war also am Start, um für Neapel und den Papst einzuspringen. Die Antwort des französischen Königs ließ nicht lange auf sich warten. Charles VIII. hatte das hässliche Äußere, aber nicht das staatsmännische Format seines genialen Vaters Louis XI. geerbt, er wollte wegen Neapel mit dem Kopf durch die Wand. Vermutlich litt Charles an einer degenerativen Krankheit, derer er sich bewusst war. Das versuchte er, durch eine verträumte Hinwendung zum Rittertum des Mittelalters wettzumachen, Eroberungen und ein eigener Kreuzzug nach Jerusalem, das waren seine Ideale.



    Neapel sollte das Sprungbrett in das Heilige Land darstellen, und darin bestärkte ihn Mailand, um den lästigen Konkurrenten Neapel aus dem Weg zu räumen. Dass sich der dümmliche Charles VIII. auf Dauer in Neapel würde halten können, davon gingen die Sforza nicht aus. Mailand bot Frankreich also Geld für eine französische Invasion, das schob die warnenden Stimmen in Paris, die vor einem solchen italienischen Abenteuer abrieten, zur Seite. Charles VIII. rüstete ein Heer aus und machte sich im August 1494 auf den Weg.



    In Italien merkte man schnell, was da auf die zukam, denn die Söldner in französischen Diensten machten bei der ersten Eroberung, der von Rapallo, kurzen Prozess sowohl mit der Garnison als auch der gesamten Zivilbevölkerung. Zum Widerstand gegen dieses riesige Heer war trotzdem keiner bereit, mit Ausnahme von Neapel und dem Papst. Mailand begrüßte die Invasoren, Venedig erklärte sich wieder einmal neutral, der Rest sah zu, dass die Franzosen rasch südwärts durchmarschierten.



    In Florenz hieß der Bußprediger Savonarola die Franzosen als prophezeite Befreier vom päpstlichen Übel willkommen, die Machthaber der Medici konnten nur noch versuchen zu verhandeln. Als Charles VIII. die Forderungen kühl abblitzen ließ, blieb Florenz nur noch die Kapitulation. Diese Schmach kostete die Medici die Macht, die Florentiner jagten sie aus der Stadt und öffneten den Franzosen die Tore und zahlten Charles 120.000 Gulden.
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

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    Der unheimliche Papst

    Der Weg nach Neapel war für Charles VIII. quasi frei, in Rom machte man sich schon bereit für das Eintreffen der Franzosen, die Alexander VI. sicherlich absetzen und anklagen würden. Für den Papst wurde die Situation echt bedrohlich. Charles hatte bereits einen Begleiter für den weiteren Zug nach Neapel im Blick: Djem, den in Rom festgehaltenen Bruder des osmanischen Sultans. Den wollte der König als Druckmittel gegen Sultan Bayezid in die Hände bekommen. Djem führte in Rom ein angenehmes Leben, er verbrachte die Zeit mit Essen, Trinken, Jagen und dem Verprügeln seines Gefolges. Doch er musste stets in Furcht sein vor den Nachstellungen seines mächtigen Bruders. Der Sultan zahlte jährlich eine Gebühr an den Papst, damit Djem auch ja dessen sicher verwahrte Geisel blieb. Zugleich hatte Bayezid wohl das Angebot unterbreitet, eine deutlich höhere Einmalzahlung zu leisten, wenn Djem im Vatikan ein Unfall zustoßen würde. Die Aussicht für Djem, im Windschatten des französischen Königs dessen Platz einzunehmen, wenn auch als Marionette des französischen Königs, war also nicht so übel.

    Frankreichs Truppen waren stramm auf den Weg nach Rom. Von den Spaniern war noch nichts zu sehen, der römisch-deutsche Kaiser Maximilian ließ sich höflich entschuldigen. Das Maximale, das Alexander VI. in dieser Situation angeboten wurde, kam von Venedig: Wenn der Papst sich aus Rom absetzen würde, bekäme er in Venedig Asyl. Mehr aber auch nicht. Zur Verteidigung Roms standen Alexander nur 6.000 Mann zur Verfügung, und innerhalb der ewigen Stadt wetzten schon die Gegner ihre Messer zur Abrechnung. Was also tun, aufgeben? Alexander VI. entschloss sich, in Rom zu bleiben und Charles VIII. auf dem diplomatischen Parkett die Stirn zu bieten.



    Am 31. Dezember 1494 zog Charles VIII. mit seinen Truppen in Rom ein. Seine Astrologen hatten diesen Tag als besonders günstig für die Besitzergreifung der Stadt bezeichnet. Die römischen Bürger staunten bei dem Einmarsch, die Soldaten des französischen Heeres waren furchterregend. Zwischen dem König und dem Papst begann nun jene Auseinandersetzung, von der viele glaubten und hofften, dass sie das Ende Alexanders herbeiführen würde. Besonders die Kardinäle della Rovere, Sforza, Peraudi, Savelli und Colonna, die sich ständig beim König aufhielten, bedrängten Charles, ein Konzil einzuberufen und den Papst abzusetzen, da dieser sein Amt nur durch Simonoe erlangt habe. Ironischerweise war es Sforza, der sich seine Stimme für Borgia am besten hatte bezahlen lassen. Es war also kaum moralische Entrüstung, die die Kardinäle lenkte. Charles VIII. schreckte vor einer Absetzung des Heiligen Vaters zurück, er wollte vom Papst lieber einfach erhalten, was er wollte: Die Investitur in Neapel, die Übergabe der Engelsburg, die Auslieferung Djems und die Teilnahme von Cesare als Geisel am Feldzug gegen Neapel. Alexander VI. weigerte sich und verschanzte sich in der Engelsburg.


    Charles VIII. befragt Juan und Lucrezia, wo sich ihr Vater, der Papst, in Rom versteckt hält

    Als der französische König drohte, die Burg mit Gewalt zu nehmen – dank der Artillerie wäre das wohl kein großes Problem gewesen – ließ der Papst ihm ausrichten, er selber werde sich auf die Mauer des Kastells stellen, wenn man dieses angreifen sollte. Also, einen Papst von den Zinnen zu schießen, das konnte ein König nicht machen. Charles bevorzugte einen Vergleich mit Alexander.



    Inhaltlich ist es schnell gesagt: Charles bekam das, was er will – mit Ausnahme der ausdrücklichen Investitur Neapels. Dazu sagte die Vereinbarung schlicht nichts. Trotzdem war der König zufrieden, der Rest der Verhandlungen beschäftigte sich mit protokollarischen Fragen. Also so wichtige Sachen, wie „zufällig“ die beiden in einem Garten aufeinandertreffen sollten, damit keiner zum anderen gehen musste. Oder wie tief und lang der Kniefall des Königs und wie innig der Friedenskuss des Papstes auszufallen hatte. Die anderen Kardinäle waren enttäuscht über die Einigung, denn Alexander VI. wurde nicht abgesetzt. Die übrigen Zugeständnisse des Papstes waren nicht auf Dauer bindend, denn es ging lediglich um das Überlassen von Djem und Cesare an den französischen König. Charles VIII. wollte, dass Cesare im Namen des Papstes die Krönung vornimmt, wenn Neapel erst einmal eingenommen ist. Der französische Heerwurm verließ Rom und zog weiter nach Süden. Dann der Eklat: Auf dem Weg nach Neapel gelang Cesare die Flucht aus dem französischen Lager, und Djem starb an einer mutmaßlichen Lebensmittelvergiftung. Beides wohl kein spontaner Zufall, sondern gut geplant. Natürlich bestritt Alexander VI. inbrünstig, etwas davon zu wissen, Cesare blieb vorläufig abgetaucht.

    Da stand Charles VIII. nun da mit seinem Heer vor Neapel, ohne seine beiden Geiseln und ohne Anerkennung des Papstes. Aber egal, militärisch war Neapel auch so im Sack, Charles zog ohne Probleme in das Königreich und seine Hauptstadt ein. Verzögerungen im französischen Vormarsch traten lediglich aufgrund der im Heer grassierenden Syphilis auf, eine neue Geschlechtskrankheit, die in Italien bevorzugt „die französische Krankheit“ genannt wurde. Der Möchtegernkönig Alfonso hatte seinen Thronanspruch rasch an seinen Sohn Ferrantino abgetreten und die Flucht angetreten.

    In Italien, wo sich die Mächte bisher so kläglich verhalten hatten, setzte plötzlich ein Umdenken ein. Keiner wollte ernsthaft, dass sich die Franzosen in Süditalien festsetzten. Auf einmal fand Alexanders Haltung Gehör in Venedig und Mailand. Spanien war eh gegen die Franzosen, nun regte sich auch Kaiser Maximilian im Reich. Binnen weniger Wochen schmiedete Alexander VI. aus den genannten Ländern die Heilige Liga, die sich gegen Frankreichs Präsenz in Neapel richtete. Charles VIII. saß wie eine Maus in der Falle.



    Ganz aufgeben wollte er Neapel nicht. Er teilte seine Streitmacht, die eine Hälfte blieb als Besatzung in Neapel, mit der anderen trat er den Heimmarsch an. Und wieder führte der Weg über Rom, jetzt in der Gegenrichtung. Dem Papst konnte kaum daran gelegen sein, dem französischen König noch einmal zu begegnen. Aber jetzt hatte er, anderes als zu Beginn des Jahres, eine Koalition im Rücken. Eine Amtsenthebung brauchte er nicht mehr zu befürchten, er konnte Charles einfach ausweichen und Rom vorläufig verlassen. Da konnte Charles jetzt auch großzügig mit Geld winken, um seine Investitur mit Neapel durch den Papst zu erreichen – nein danke, ließ Alexanders ausrichten.

    Am 6. Juli 1495 kam es zum Aufeinandertreffen der Franzosen mit dem alliierten Heer der Mailänder und Venezianer, es gab ein Unentschieden. Das reichte, die Franzosen nach Hause anzutreiben. Die Besatzungstruppen im Süden gerieten ebenfalls unter Druck: Mit spanischer Hilfe kam Ferrantino zurück, um Neapel wieder für sich in Besitz zu nehmen. Besonders der berühmte spanische Heerführer Gonsalvo de Cordoba war der Garant für den Erfolg der spanischen Truppen. Als im August die Truppen des Kaisers Maximilian in Italien eintrafen, war der Kampf schon zu Ende. Diejenigen, die ihn zur Unterstützung herbeigerufen hatten, überlegten schon, wie sie ihn so schnell wie möglich wieder loswerden könnten. Einmal mehr enttäuscht verließ Maximilian noch 1495 Italien. Und Charles VIII. hatte sich in Italien eine blutige Nase geholt. Ich kann seinen Unmut nachvollziehen: Da steht man mit zwei Heeren in Italien, hat den Warscore beinahe voll, und dann fällt einem eine Koalition aus fünf Mächten an.

    Alexander VI. hatte nicht vergessen, wie vor allem Mailand und die römischen Orsini hatten hängenlassen, als es eng für ihn geworden war. Für die Orsini wurde es dank spanischer Unterstützung etwas ungemütlich. Und was Mailand anging, zeigte der Papst dem Vizekanzler Sforza nicht nur die kalte Schulter, er ließ gleich die Ehe seiner Tochter mit dem Sforza Giovanni lösen. Die Mailänder Sforza weigerten sich, einer Annullierung der Ehe zuzustimmen, von wegen zu nahe Verwandtschaft. Außerdem schien Giovanni seine Lucrezia tatsächlich geliebt zu haben. Also zog Alexander VI. einen anderen Grund die Nichtigkeit der Ehe aus dem Ärmel, über den bald ganz Rom schallend lachte: Der Papst ließ erklären, Giovanni sei impotent und habe die Ehe mit seiner Tochter nie vollziehen können. Wenn er den Vorwurf entkräften wolle, möge er seine Zeugungsfähigkeit doch öffentlich unter Beweis stellen. Das war pure Ironie und natürlich wurde die Ehe dann am 20. Dezember 1497 aufgelöst. In ohnmächtiger Wut schlug Giovanni zurück und behauptete seinerseits, die Ehe sei in Wirklichkeit aufgelöst worden, damit der Papst und Cesare ungestört Blutschande mit Lucrezia treiben könnten. Der Sforza schuf damit die Grundlage für jene Verdächtigungen, die sich bis heute mit dem Namen Borgia verbinden. In der Tat gibt es einige Anhaltspunkte, dass der Vorwurf zumindest hinsichtlich der Person Cesares, nicht völlig abwegig war.

    Man kann nicht gerade sagen, dass Alexander VI. die fremden Großmächte aus Italien heraushalten konnte, nach den Franzosen waren es jetzt die Spanier, die im Land waren. Immerhin hatte er es geschafft, sich im Amt zu halten und seinen Konkurrenten della Rovere zu düpieren und zur Flucht nach Frankreich zu veranlassen. Dann jedoch ereilte ihn im Juni 1497 ein schrecklicher Schicksalsschlag: Sein Lieblingssohn Juan wurde in Rom ermordet. Abends hatte er sich in den Straßen noch von seinem Bruder Cesare verabschiedet, weil er ein Bordell aufsuchen wollte. In seiner Begleitung befand sich, wie schon seit Wochen, ein unbekannter maskierter Mann, offenbar in seinen Diensten. Am nächsten Tag blieb Juan verschwunden. Man dachte zunächst, er würde sich den Tag über im Haus einer Geliebten aufhalten, um dieses erst wieder im Schutze der Dunkelheit zu verlassen. Aber dann fand man seine Leiche im Tiber, die Hände am Rücken gefesselt. Man hatte ihn erdolcht und erdrosselt. Ein Mann gab später an, er habe beobachtet, wie des nachts einige Männer die Leiche von einem Pferd in den Fluss hatten gleiten lassen. Der Zeuge lebte auf einem Kahn auf dem Tiber. Auf die Frage, warum er dem Gouverneur der Stadt hierüber nicht sofort Anzeige gemacht habe, antwortete er: „Ich habe in meinen Lebtagen an jener Stelle wohl 100 Leichen in den Fluss werfen sehen, ohne dass sich einer darum gekümmert hatte, deswegen habe ich auch dieser Sache keine besondere Bedeutung zugemessen.“ Juan war von seinen Mördern nicht ausgeraubt worden, in der Kleidung des Toten befanden sich noch seine Wertsachen.

    Wie von Sinnen schloss sich der Papst tagelang in Trauer in seinen Gemächern ein. Dann trat er vor die versammelten Kardinäle des Konsistoriums und verkündete, der Tod seines geliebten Sohnes sei eine Strafe Gottes für sein sündiges Leben und er wolle die Kirche nun von Grund auf reformieren. Die Kardinäle waren verdutzt bis beunruhigt bei dieser Ankündigung. Aber um es kurz zu machen: Der Reformeifer des Papstes flachte bald wieder ab und Alexander VI. war wieder der Alte. Aber die Mörder bzw. die Auftraggeber dieses Mordes blieben unbekannt, bis heute. Feinde hatte der arrogante und verwöhnte Juan zur Genüge, doch als besonders verdächtig ausgerechnet sein Bruder Cesare. Gut möglich, dass auch Alexander VI. davon ausging, dass sein Sohn Brudermord begangen hatte. Jedenfalls erklärte Alexander, er kenne die Identität des Mörders. Cesare war sehr ehrgeizig und dazu neidisch auf Juan. Die weiteren Ereignisse sollten bald zeigen, welchen Vorteil Cesare aus dem Tod seines Bruders ziehen konnte.

    Eine kleine nette Aufmunterung für den Papst, bevor sich ein nächstes Problem auftat, war die zweite Hochzeit seiner Tochter Lucrezia. Nach der Annullierung ihrer Ehe mit Giovanni Sforza trat sie am 20. Juni 1498 mit Don Alfonso von Bisceglie, dem Prinzen von Salerno und Sohn von Neapels zurückgetretenem König Alfonso, vor den Altar. Nach Mailand also eine Ehe mit Neapel. Die neue Partie war eine bessere, weil Lucrezia die Aussicht hatte, zur Herzogin aufzusteigen.

    Die Borgia boten allgemein reichlichen Gesprächsstoff. Da waren manche in Furcht vom päpstlichen Hof geflohen, die erste Ehe von Lucrezia skandalös aufgelöst worden, der Sohn Juan ermordet, der Kämmerer von Lucrezia niedergemetzelt worden (er hatte wohl eine Affäre mit Lucrezia). Vor allem der sich immer deutlicher abzeichnende Verzicht auf hegliche Kirchenreform verstärkten die Empörung jenes Florentiner Mönches, der bald zum schärfsten und gefährlichsten Ankläger der Borgia werden sollte: Savonarola.



    Wir erinnern uns, Savonarola war der Bußprediger in Florenz, der die Laster der Kirche so flammend verurteile und das Kommen des französischen Heeres begrüßt hatte. Nach der Vertreibung der ungeschickt agierenden Medici aus Florenz war Savonarola der Mann der Stunde. Er wurde als Heiliger und Prophet angesehen, denn sogar Alexander VI. zunächst schätzte. Auf die Anklagen, die Savonarola in seinen Predigten gegen den sündhaften Papst erhob, reagierte Alexander zunächst gelassen. Savonarola hörte aber nicht auf mit seinen Predigten, und seine Stimme hatte großes Gewicht in Florenz, selbst die Stadtregierung musste sich gut mit ihm stellen. Savonarola war der wahre Herrscher, der sogar Todesurteile gegen einige Medici anordnete und vollstrecken ließ. Aus Florenz machte der flammende Prediger einen Gottesstaat.



    Die Situation zwischen Papst und Prediger schaukelte sich hoch: Einfordern der Gehorsamspflicht – dazu sagte Savonarola sinngemäß, er diene der Kirche als Institution, nicht dem Papst als Person. Vorläufiges Predigtverbot – das ignorierte Savonarola. Vorladung zum Papst – die verhöhnte Savonarola und geißelte weiter die korrupte Kirche. Im Juni 1497 (zu der Zeit von Juans Ermordung) schließlich die schärfste Waffe des Papstes: Er exkommunizierte Savonarola. Auch das ignorierte der Prediger, er hielt munter weiter die Messe, alleine zu Weihnachten 1497 drei an einem Tag, immer im Schutz seiner vielen Anhänger in Florenz. Darin bezeichnete er den Papst als Anführer von Satans Reich.

    Mit Florenz blieb Alexander VI. gleichwohl im Gespräch. Er betonte, die Exkommunikation sei nicht wegen der Kritik, die Savonarola predigte, erfolgt, sondern weil dieser mit seiner offenen Weigerung, den Weisungen des Papstes Folge zu leisten, die Autorität des Heiligen Stuhls untergrabe. Da war immerhin Raum für Verständigung. Der Papst beauftragte seinen Sohn Cesare, als sein Legat nach Florenz zu reisen und die Sache mit Savonarola zu regeln.

    Cesares erster Schritt in Florenz war es, Savonarola einen Kardinalshut anzubieten. Das war schon attraktiv, bei dem ganzen Einkommen und Einfluss, der damit einherging. Savonarola lehnte verächtlich ab, er war nicht käuflich. Was tun? Der Prediger hatte viele Anhänger, ein Vorgehen gegen ihn hätte bürgerkriegsähnliche Konsequenzen gehabt.




    Cesare bediente sich der Franziskaner, um Savonarola bei seiner Glaubwürdigkeit anzugreifen. Die waren nämlich nicht einverstanden mit dessen Ansichten und führten eine theologische Diskussion gegen ihn. Der Streit gipfelte in der Aufforderung der Franziskaner, ein Gottesurteil herbeizuführen. Ein Vertreter beider theologischen Lager solle öffentlich durch das Feuer gehen, Gott würde dem Träger der Wahrheit kein Leid zustoßen lassen. Natürlich sollten nicht die Wortführer der Parteien das machen, auch Savonarola bestimmte einen Anhänger als Vertreter für die Feuerprobe. Unter großer öffentlicher Beteiligung warteten die Menschen gespannt auf das Spektakel, das am 7. April 1497 auf der zentralen Piazza della Signoria stattfinden sollte. Ein Scheiterhaufen war wie ein Tunnel aufgebaut worden, dort sollten die beiden Geistlichen durch die Flammen marschieren. Aber die Aktion zog sich hin, Der Franziskaner wollte mit einer Hostie in seinen Händen durch die Flammen gehen, was die Anhänger Savonarolas als Frevel verurteilten und verweigerten. Über Stunden stritt man über die Formalitäten, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Als bereits der Abend dämmerte, und noch immer nichts geschah, wurde die Menge murrig. Die Signoria beendete das Gewürge schließlich und löste die ganze Versammlung schließlich auf.

    Das versetzte dem Ansehen von Savonarola einen empfindlichen Schlag. Nicht nur, dass Savonarola sich geweigert hatte, sich persönlich der Feuerprobe zu unterziehen, die ganze Sache war in einer Farce geendet. Den Florentinern wurde bewusst, dass sie den Gottesstaat des Predigers leid waren. Ihre eigenen Söhne und Töchter waren in den vergangen Jahren zu besonders eifrigen Anhängern des Predigers erzogen worden und fungierten als eine Art Kinderpolizei in der Stadt. Sie denunzierten jede tatsächliche und vermeintliche Sünde, in den Straßen wurden regelmäßig die „Fegefeuer der Eitelkeiten“ entzündet, in denen Schriften, modische Kleidung, Schmuck und Gemälde verbrannt wurden, die nicht der strengen Sittsamkeit entsprachen. Auf Dauer waren die Bürger von Florenz aber zu lebenslustig, sich ewig dem Regiment eines Gottesstaates zu unterwerfen. Sie wollten wieder auch mal einen trinken gehen oder Partys mit Musik feiern. Die Stimmung drehte sich, und darauf hatten Cesare und die anderen Gegner Savonarolas gesetzt.

    Savonarola versuchte sich am folgenden Tag in einer Predigt zu rechtfertigen, die er entgegen einer der Signoria gegebenen Zusage hielt. Die Signoria beschloss nun die Verbannung Savonarolas, das war dessen Gegnern jetzt aber nicht mehr genug. Da griff die Signoria durch und ließ Savonarola festnehmen. Alexander VI. verlangte die Auslieferung des Predigers nach Rom, was Florenz nicht mit seiner Würde vereinbar hielt. Man einigte sich auf einen Prozess, geleitet von dem Dominikaner Turriano sowie dem zwielichtigen spanischen Bischof Remolino aus der Umgebung Cesares. Der Angeklagte hatte in dem Prozess nicht die geringste Chance, dem Todesurteil zu entgehen. Savonarola wurde so lange gefoltert, bis er gestand, was man hören wollte. Er sei ein Betrüger und Hochstapler etc., und soweit dies den Richtern nicht genügte, fälschte man zusätzlich die Vernehmungsprotokolle.

    Am 22. Mai 1497 wurde Savonarola gemeinsam mit zwei seiner Mitstreiter wegen „der ungeheuren Verbrechen, der sie überführt worden sind“, zum Tode verurteilt. Tags darauf wurden sie öffentlich gehängt. Ihre Leichen wurden verbrannt und die Asche in den Arno geworfen, um ihren Anhängern keine Reliquien zu lassen. In seiner Geschichte von Florenz schrieb der scharfsichtige Augenzeuge Machiavelli über die Wochen vor dem Untergang Savonarolas: „Er predigte wieder, weil die neue Signoria zu erwählen war und er schon den Scheiterhaufen roch. Die Stadt, seinen Ungehorsam gegen den Papst erfahrend, und seiner Prophezeiungen, die nichts als Unheil enthielten, bis zum Überdruss müde, fing an, sich gegen ihn zu wenden. Deshalb wollte er sein schlimmes Los hinausschieben.“
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  7. #487
    Ewig unbezähmbar! Avatar von LegatBashir
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  8. #488
    The passion of lovers Avatar von Mark
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    Der unheimliche Papst

    Danke.

    Nur wenige Wochen nach der Ermordung seines Bruders begann Cesare seinen Plan zu verwirklichen, den ungeliebten Kardinalspurpur abzulegen und eine militärische Laufbahn anzustreben. Bereits im August 1497 erwähnten Gesandtschaftsberichte dieses Vorhaben, das schon deshalb großes Aufsehen erregte, weil bislang noch nie ein Kardinal auf seine Würde verzichtet hatte. Bald sickerte durch, dass der Papst Cesare zum Befehlshaber der päpstlichen Truppen machen wolle und ihn mit Joffres Frau Sancia verheiraten wolle. Joffre sollte dafür die Nachfolge von Cesare im Kardinalskollegium antreten. Ein skandalöser Plan.



    Cesare erklärte im versammelten Kollegium tatsächlich den aufgebrachten Kardinälen seinen Rücktritt vom Amt eines Kardinals. Die Ehe mit Sancia wurde dagegen nicht weiter verfolgt, die uneheliche Tochter eines neapolitanischen Königs erschien den Borgia nicht mehr standesgemäß. Wenn ihr meint, sagten Neapel und dessen Schutzmacht Spanien. Da gab es sowieso Vorbehalte, eine ihrer Frauen mit „dem Sohn eines Pfaffen“ zu verheiraten, und Spanien hatte kein Interesse daran, dass die Borgia Einfluss in Neapel gewannen.

    Da eröffneten sich den Borgia durch einen Todesfall neue vielversprechende Möglichkeiten. Am 17. April 1498 stieß der französische König Charles VIII. in seinem Schloss so unglücklich mit seiner Stirn gegen einen Türbalken, dass er an den Folgen seiner dabei erlittenen Verletzungen starb. Da seine Ehe kinderlos geblieben war, bestieg sein Vetter und Schwager Louis von Orleans als Louis XII. den französischen Thron.



    Dieser hatte mit Johanna, der Schwester des Königs, eine unglückliche Ehe geführt, die zudem kinderlos geblieben war (siehe voriges Kapitel „Die universelle Spinne“, Louis XI. hatte Louis absichtlich und aus Bosheit in diese Ehe gezwungen). Nach der Thronbesteigung wollte sich Louis XII. von Johanna scheiden lassen. In der Wahl seiner Gründe war er nicht gerade zimperlich. Einmal machte er seine Frau für die Kinderlosigkeit der Ehe verantwortlich. Dann behauptete er, die Ehe gar nicht vollzogen zu haben, weil seine Frau ihm durch ihre Missgestalt, Kränklichkeit und Unsauberkeit stets einen unüberwindlichen Widerwillen eingeflößt habe. Ob Louis, wie behauptet wird, die Königin auch gezwungen hat, sich zum Beweis der Richtigkeit seiner Behauptungen vor einem Gremium von 20 Männern zu entkleiden, ist nicht einwandfrei belegt.

    Louis war an der Scheidung deshalb so viel gelegen, weil er unbedingt die Witwe des verstorbenen Königs, Anne de Bretagne, heiraten wollte. Der Adel des Herzogtums fühlte sich nur ihr verpflichtet und wünschte, dass sie nach dem Tode ihres Mannes in die Bretagne zurückkehre. Wollte Louis XII. die wichtige Bretagne der französischen Krone erhalten, so musste er ihre schöne Herzogin heiraten. Die hierzu notwendige Auflösung seiner bestehenden Ehe war jedoch ohne einen Dispens des Papstes nicht möglich. Alexander VI. nutzte sofort die Gunst der Stunde. Der Preis, den Louis XII. für den Dispens zu zahlen bereit war, war zu hoch, um zu widerstehen. Cesare wurden die Grafschaften Valence und Diois als Lehen versprochen, wobei Valence in den Rang eines Herzogtums erhoben werden sollte. Als Ehefrauen wurden Cesare die Nichte des Königs und Tochter des Grafen von Foix (Anne de Candale) sowie die Schwester des Königs von Navarra (Charlotte d'Albret) angeboten. Cesare entschied sich für die letztere. Die Braut war nicht begeistert, ein Pfaffensohn mit Syphilis, danke schön. Aber keiner fragte Charlotte nach ihrer Meinung. König Louis XII. hatte seine Ehe mit Anne de Bretagne, ihr Land endlich unter Frankreichs Kontrolle.



    Der Einzug von Cesare in Frankreich geriet derart pompös aufgeblasen, dass die in Fragen der Etikette sachkundigen Höflinge in Paris bei dem Anblick des parvenuhaft herausgeputzten Aufzuges des Papstsohnes in Gelächter ausbrachen. Begleitet wurde Cesare von dem alten Erzfeind della Rovere, der in Avignon zu ihm gestoßen war. Da die Borgia mit Frankreich nun gute Beziehungen unterhielten, war es eine logische Konsequenz, dass sich Borgia und della Rovere vordergründig aussöhnten. In Rom wollte Vizekanzler Ascanio Sforza dem Papst wegen dessen Hinwendung zu Frankreich heftig kritisieren, doch der entgegnete kühl: „Wissen Sie wohl, Monsignore, dass es Ihr Bruder gewesen ist, der die Franzosen nach Italien gerufen hat.“ So etwas konnte der Papst vielleicht zu dem Mailänder Sforza sagen, aber die Spanier fanden Alexanders Wechsel zu Frankreich auch nicht witzig. Plötzlich machte das Gespenst der Absetzung wieder die Runde. Alexander reagierte gereizt auf den Druck auch weil die Verhandlungen zu der Heirat seines Sohnes nicht voran kamen: Der Vater der Braut stellte so unverschämt hohe Forderungen, dass sie sowohl den Borgia als auch dem französischen König unannehmbar waren. Louis XII. hielt zur Vorsicht Cesare in Frankreich als seinen geschätzten Gast fest, damit der Papst nicht womöglich wieder zu Spanien und Mailand umschwenkt. Am Ende kassierte der Graf von Foix 300.000 Dukaten, eine wahrhaft fürstliche Summe. Zum Vergleich: Der Klingelbeutel zur Finanzierung eines Feldzugs gegen die Türken brachte 46.000 Dukaten ein. Nachdem Alexander auch einen Bruder des Grafen zum Kardinal erhoben hatte, fand die Hochzeit am 12. Mai 1498 statt. Der Papst war nun fest an der Seite Frankreichs und bezeichnete die Mailänder Dynastie der Sforza als vernichtungswürdig. Das war das Zeichen für alle in Rom weilenden Sforza, rasch die Stadt zu verlassen, auch der Vizekanzler Ascanio machte sich aus dem Staub. Die Colonna zogen sich aus Rom zurück, und auch der Ehemann Lucrezias, Alfonso von Aragon, hielt es für sicherer, heimlich nach Neapel zu gehen.

    Die Interessen Frankreichs und der Borgia waren nun kompatibel. Louis XII. wollte seine Ansprüche zumindest in Mailand durchsetzen und hatte dazu jetzt gute Voraussetzungen. Der Papst war freundlich, Venedig ein Verbündeter und ebenfalls bei dem nun erfolgenden Einmarsch in Mailand dabei. Cesare ritt an der Seite des französischen Königs in den Feldzug, er durfte darauf hoffen, im Windschatten des französischen Heeres eigene Erfolge in der Romagna zu erzielen. Das war das Vorhaben der Borgia: Ein eigenes Herzogtum im mittleren Italien. Neapel rührte für Mailand auch keinen Finger, hier hatte man nicht vergessen, dass die Sforza die Franzosen vorher selbst ins Land gerufen hatten, damit sie Neapel erobern. Florenz war durch das Versprechen Louis' XII. gewonnen, der Republik bei der Unterwerfung von Pisa zu helfen. Wer jetzt noch beiseite stand (z.B. Genua, Ferrara, Mantua, Siena), beeilte sich, mit Louis zu verhandeln, um nicht seinem Heer zum Opfer zu fallen. Mailand fiel wie ein reifer Apfel in Louis' Hände. Er war so sehr vom Siegeszug auf Neapel überzeugt, dass er nach Paris zurückkehrte und das übrige seinen Kommandeuren überließ. Für Cesare hatte der König eine klare Ansage: Er durfte nur gegen die sforza-freundlichen Herrscher der Romagna vorgehen und wünschte, dass Cesare dabei nichts unternimmt, das die Beziehungen zu Venedig belasten würde.

    Cesare konnte jetzt endlich seinen persönlichen Traum erfüllen, als Heerführer losziehen. Louis gab ihm mit 10.000 Mann eben so viele Truppen zur Verfügung, dass er die kleineren Gegner in der Romagna wegräumen konnte, aber nicht auf zu ehrgeizige Ideen kam.



    Und Cesare ging umsichtig vor: Er suchte sich zunächst jene Herrscher aus, die nicht zu stark waren, ihm einen langwierigen Krieg aufzuzwingen. Und die bei ihrer eigenen Bevölkerung unbeliebt waren. Die Ehre, als erstes Opfer ausersehen zu werden, traf die einzige Frau unter den Fürsten der Romagna, Caterina Sforza, die resolute Herrin über Imola und Forli. Ein juristischer Vorwand für einen Angriff ließ sich immer fingieren. Von nicht bezahltem Lehnszins an den Kirchenstaat und ähnlichem war die Rede. Während der heuchlerischen Verhandlungen schob Alexander VI. die nächste Beschuldigung hinterher: Caterina habe versucht, ihn mit einem pestvergifteten Brief, den sie ihm sendete, zu ermorden. Die Stadt Imola hatte unter ihrem drakonischen Regiment jahrelang gelitten und war schnell bereit, sich Cesare zu unterwerfen.



    Mit der Verteidigung der Zitadelle von Imola hatte Caterina ihren besten Kondotierre Dionigi da Naldi beauftragt. Um sich völlig abzusichern, hatte sie Naldis Familie in ihre Gewalt gebracht. Das war keine Bosheit von Caterina, nichts Besonderes. Vielmehr war es in der Renaissance üblich, dass sich die Auftraggeber der Kondotierri deren Treue dadurch zu versichern suchten, dass sie deren Familien in einen goldenen Käfig steckten. Von den Söldnerführern ging immerhin eine nicht unerhebliche Gefahr aus. Es bestand ja nicht nur die Möglichkeit, dass die Kondotierri bei entsprechenden Angeboten die Fronten wechselten (was in EU4 nicht vorkommt). Noch gefährlicher war unter Umständen ein erfolgreicher Söldnerführer, musste man doch dann befürchten, dass er sich mit seinen Machtmitteln zum Herrn über die Auftraggeber aufschwingen würde. Dass Caterina, in deren Adern das Blut von Francesco Sforza floss, diese Gefahren sah, kann nicht verwundern. Kennzeichnend für diese zwiespältigen Beziehungen zwischen den Kondotierri und ihren Auftraggebern ist die Anekdote von jenen Sienesen, die sich einem Kondotierre zu Dank verpflichtet fühlten und sich den Kopf zerbrachen, wie sie ihn auszeichnen könnten. Nach langen Beratungen schlug einer vor, den wegen seiner Erfolge geschätzten und gefürchteten Verbündeten hinrichten und ihm dann ein Denkmal errichten zu lassen.

    Probleme dieser Art hatte Caterina mit Naldi nicht. Er verteidigte die Burg mit Tapferkeit, obwohl ihn Cesare vor die Wahl stellte, zu kapitulieren oder im Falle einer Niederlage mit seinem Leuten umgebracht zu werden. Naldi ließ dem Papstsohn standesgemäß antworten, der Tod schrecke ihn nicht, er habe bereits die Sterbesakramente empfangen. Diese Vorsichtsmaßnahme erwies sich als verfrüht, denn der Belagerungskrieg entwickelte sich für Cesare alles andere als günstig. Die Wälle der Festung hielten seiner Artillerie stand, und die Artillerie der Belagerten zeigte ihrerseits eine nicht geringe Wirkung in den Reihen von Cesares Truppen. Also so etwas wie dreimal gewürfeltes Belagerungsergebnis „Status quo“. Erst als ein Handwerker aus Forli, der an den Wällen gearbeitet hatte, Cesare deren Schwachstellen verriet, kam die Wende. Als Naldi erkannte, dass die Festung aufgrund des Artilleriebeschusses nicht mehr zu halten war, vereinbarte er mit Cesare einen dreitägigen Waffenstillstand und schickte mit dessen Einverständnis einen Boten an Caterina, um ein Entsatzheer anzufordern. Sollte dieses nicht binnen drei Tagen eintreffen, so ließ Naldi mitteilen, werde er kapitulieren. Diese Erklärung war im Grunde schon die Kapitulation, denn woher sollte die politisch isolierte Caterina noch ein Heer nehmen. Naldi übergab dann auch nach Ablauf der drei Tage die Festung an Cesare, der von ihm so beeindruckt war, dass er ihn später in seine Dienste nahm und auf diese Weise einen seiner besten und treuesten Söldnerführer gewinnen sollte.

    Nur eine Woche nach Imola fiel auch Forli in Cesares Gewalt. Caterina aber zog sich, noch immer kampflustig, in ihre Burg zurück. Wie unerschrocken sie war, zeigt die frühere Episode, als ihre Kinder als Geiseln genommen und ihr aus der Ferne vorgeführt wurden, um sie gefügig zu machen. Sie trat auf die Zinnen ihrer Festung, hob vor den erstaunten Belagerern die Röcke und schrie: „Schaut her ihr Idioten, glaubt ihr, ich könnte nicht noch andere Kinder haben?“ Das traf ihre unerschrockene Haltung, auch 1499 wies sie jedes Kapitulationsangebot zurück und schimpfte, jeder sei ein Narr, der auf das Wort eines Borgia etwas gebe.



    Mit einer vorgetäuschten Verhandlungsbereitschaft gelang es Caterina sogar beinahe, Cesare gefangenzunehmen. Das wäre echt peinlich für ihn geworden. Freilich half auf Dauer gegen 10.000 feindliche Soldaten und dem andauernden Kanonenbeschuss nichts, am 12. Januar 1500 konnten Cesares Truppen in die Festung eindringen. Die Söldner gingen gnadenlos vor, töteten die Besatzung und schlitzten die Bäuche der Toten auf, um zu sehen, ob sie irgendwelche Wertsachen verschluckt hatten. Arg erging es einem jungen Geistlichen, der sich bei einem Söldner freikaufen musste. Direkt danach lief er einem zweiten Söldner in die Arme, der ebenfalls Geld für die Freilassung verlangte. Irgendwie trieb der Priester ein zweites Mal Geld auf, und wurde von einem dritten Söldner gefangengenommen. Dabei kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen den Landsknechten, bis sie beschlossen, den Priester töteten, um dem Streit ein Ende zu machen. Streit gab es auch um die Gefangennahme von Caterina Sforza. Natürlich beanspruchte Cesare sie für sich, um an ihr Rache zu üben für ihre herausfordernde Haltung. Doch ein französischer Söldner, der sich das fette Lösegeld nicht entgehen lassen wollte, weigerte sich, sie an den Borgia zu übergeben. Das zeigt, dass die Franzosen die wahren Herren in Cesares Heer waren. Schließlich durfte Cesare die gefangene Fürstin von dem Söldner abkaufen, sie war nun in seiner Gewalt. Bereits einen Tag später prahlte Cesare, Caterina habe es verstanden, ihre Festung besser zu verteidigen als ihre Tugend. So die überlieferten Worte, die tatsächlichen Worte waren sehr viel vulgärer. Caterina landete im Verlies des Vatikans, bis sie nach einem Jahr von dem französischen Söldnerführer von Imola rausgeholt wurde, weil er auf ihre Freilassung bestanden hatte.
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    Geändert von Mark (30. März 2019 um 13:08 Uhr)
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

  9. #489
    Registrierter Benutzer Avatar von Fimi
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    Zitat Zitat von Mark Beitrag anzeigen
    Am 17. April 1498 stieß der französische König Charles VIII. in seinem Schloss so unglücklich mit seiner Stirn gegen einen Türbalken, dass er an den Folgen seiner dabei erlittenen Verletzungen starb.
    Kannste dir nicht ausdenken
    Zitat Zitat von Goethe
    Wenn das Gewölbe widerschallt,
    fühlt man erst recht des Basses Grundgewalt.
    Zitat Zitat von Markus1978 Beitrag anzeigen
    Ich schreibe keinen Blödsinn

  10. #490
    The passion of lovers Avatar von Mark
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    Der unheimliche Papst

    Der zweite Streich ging gegen Giovanni Sforza, den angeblich impotenten einstigen Schwager, der über Pesaro herrschte. Von ihm war kein großer Widerstand zu erwarten, aber Cesares Heer wurde just vor der Stadt durch einen französischen Boten im Auftrag des französischen Königs abberufen. Louis XII. brauchte die Truppen, um Mailand gegen einen Gegenangriff von 20.000 Schweizer und deutschen Söldnern zu verteidigen. Mailand war nach vier Monaten arroganter französischer Besatzung rebellisch geworden und musste gewaltsam befriedet werden. Cesare blieb nur, nach Rom zurückzukehren. Glück für Giovanni Sforza, Pech für Caterina, für die die Wende zwei Wochen zu spät gekommen war. Natürlich zog Cesare mit allem Pomp eines Siegers in Rom ein, auch wenn seine Erfolge in der Romagna ziemlich bescheiden waren.

    Offenbar unterhielten sich Alexander VI. und sein Sohn Cesare, dass es notwendig sei, frisches Geld und neue Allianzen zu finden, um den Feldzug in der Romagna besser aus eigenen Kräften fortsetzen zu können. Sich auf die Gunst des französischen Königs allein zu verlassen wäre töricht gewesen. Und wieder gaben die Borgia ihrer Umgebung zahlreiche Anlässe, über sie zu tuscheln. Da wurde der Papst beinahe Opfer eines losbrechenden Sturms, der genau den Teil der Decke des päpstlichen Palastes zum Einsturz brachte, unter dem er sich aufhielt. Bereits einen Tag zuvor war ein schwerer Leuchter unmittelbar vor Alexander niedergestürzt. Alleine diese Geschichten regten die Phantasie der Römer an. Dazu waren sie allerdings nicht auf Naturereignisse und herabfallende Leuchter angewiesen. Cesare genügte hierfür vollauf: Nur gut zwei Wochen nach dem Unfall Alexanders wurde Alfonso von Bisceglie (er war aus Neapel wieder nach Rom zurückgekehrt) von mehreren Personen, die als Pilger auf dem Petersplatz lagernd sich blitzschnell in bewaffnete Banditen verwandelten, angegriffen. Dank seiner guten soldatischen Ausbildung gelang es Alfonso schwerverletzt in den päpstlichen Palast zu entkommen. In den Räumen seiner Frau Lucrezia fand er Zuflucht und Pflege, bewacht von der päpstlichen Garde. Wer hatte den Angriff veranlasst? Der venezianische Botschafter orakelte am 19. Juli 1500: „Man weiß nicht, wer den Herzog verwundet hat, aber man sagt, es sei dieselbe Person gewesen, welche den Herzog Juan ermordete und in den Tiber warf.“

    Bald darauf bekam der genesende Alfonso Besuch von seinem Schwager Cesare. Kalt lächelnd sagte der: „Was nicht am Mittag geschehen ist, kann am Abend geschehen.“ Am 18. August wurde der Herzog in seinem Bett von Cesares Henker Michelotto erwürgt, nachdem er an seinen eigenen Wunden nicht sterben wollte. Die Tat geschah vermutlich ohne Billigung des Papstes, was waren also die Motive Cesares? Angeblich wollte er durch diese Tat Alexander VI. eine Annäherung an Spanien unmöglich machen und die Verbindung der Borgia mit Frankreich festigen. Allerdings verhandelten Spanien und Frankreich zu dieser Zeit bereits über die Vernichtung und Aufteilung des neapolitanischen Königshauses (die im November 1500 dann auch beschlossen wurde). Hinzu kam, dass die Franzosen sowieso schon in der Lombardei standen und zweifellos bald über Rom nach Neapel weitermarschieren würden. Bestimmt kein kluger Zeitpunkt für Alexander, sich mit den Franzosen zu entzweien. Möglich war,dass Cesare die Verbindung der Borgia zu dem Königshaus von Neapel als politische Belastung empfand, nun, da Spanien und Frankreich über dessen Zerschmetterung sprachen. Allerdings kam der Mord dann etwas voreilig, über Neapel hatten Fernando und Louis ja noch gar nicht entschieden. Das abschließende Motiv, den Mord ausführen zu lassen, könnte ein irrationales gewesen sein: Man munkelte über die allzu große Geschwisterliebe zwischen Cesare und Lucrezia.

    Unbeschadet des neuen blutigen Familiendramas im Hause Borgia kam diesen bei der Verfolgung ihrer Pläne in der Romagna das Glück in Gestalt der Türken zu Hilfe. Diese bedrängten Tiramisus Venezianer im Mittelmeer mit zunehmender Heftigkeit und konnten am 9. September 1500 sogar Mondone erobern. Erschreckt von der Aussicht auf einen Zweifrontenkrieg gab Venedig daraufhin seinen Widerstand gegen die Pläne der Borgia in der Romagna auf. Der Weg für Cesare war somit frei. Zur Finanzierung des neuen Feldzugs bedienten sich die Borgia großzügig bei den Geldern der in diesem Jubeljahr besonders reichlichen kirchlichen Einnahmen. Darüber hinaus ernannten sie am 28. September 1500 gleich dreizehn Kardinäle, die für ihre Ämter insgesamt 120.000 Dukaten bezahlten.

    So konnte Cesare am 1. Oktober 1500 mit 10.000 Mann zu seinem zweiten Feldzug in die Romagna aufbrechen. In seinen Reihen befanden sich die angesehen Kondotierri Paolo Orsini, Gianpaolo Baglioni, Vitellozzo Vitelli und Oliverotto da Fermo. Wie beim ersten Feldzug ging Cesare zunächst gegen seinen schwächsten Gegner vor, der Marsch ging auf Pesaro und Rimini, wo Giovanni Sforza und sein von Venedig fallengelassener Kollege Pandolfaccio Malatesta regierten. Beide waren politich isoliert und bei ihren Untertanen unbeliebt. Da hatte Cesare leichtes Spiel, durch seine Agenten Unruhen in Pesaro und Rimini zu provozieren. Die gerieten so heftig, dass sowohl Sforza wie Malatesta aus ihren Städten flüchten mussten. Malatesta gab direkt auf, nachdem ihm Cesare einen gewissen Preis für die Überlassung von Rimini und dessen Artillerie zahlte. Auch Pesaro öffnete dem Borgia seine Tore. Anfang November 1500 konnte Cesare den Erfolg verbuchen, dass sich die Familie di Naldo (die mit dem tapferen Kondotierre von Caterina) sich ihm anschloss und ihm ihre elf Burgen zur Verfügung stellte.

    Weiter ging es nach Faenza, hier wurde es kniffliger. Der junge Feudalherr dieser Stadt war Astorre Manfredi, der bei seinen Bürgern sehr beliebt war. Hier öffneten sich Cesare keine Stadttore, er musste trotz des bevorstehenden Winters zur Belagerung übergehen. Cesare befahl deshalb für 50 Militärpunkte, mit der Artillerie eine Bresche in die Mauern zu schlagen und ließ die Söldner einen Sturmangriff in die Stadt führen. Doch die unerschrockenen Bürger Faenzas schlugen die Söldner wieder zurück und brachten ihnen schwere Verluste bei. Als zwei Tage später der Schneefall einsetzte, war klar, dass die Belagerung sich hinziehen würde. Grollend zog Cesare sein Heer ab und verteilte die Truppen auf die umgebenden Städte. Immerhin hatte der Borgia so viel Autorität, seiner Soldateska zu verbieten, die hiesige Bevölkerung zu belästigen oder auszurauben. In der Führungsmannschaft der Kondotierri war die Stimmung mies, die Söldnerführer stritten sich untereinander und mit Cesare.

    Und der schnappte sich zum Zeitvertreib über den Winter die durchreisende Ehefrau des angesehenen venezianischen Kondotierre Caracciolo. Die hübsche Dame wurde entführt und diente Cesare wohl als willige Geliebte. In Venedig wurde die Aktion als Provokation Cesares aufgefasst, was sie wohl auch war. Natürlich bestritten der Papst und Cesare, dass sie etwas mit der Entführung der Dame zu tun haben. Hinter den Kulissen aber war Alexander VI. über die sinnlose Provokation Venedigs entsetzt. Zu dem Gesandten der Republik äußerte er, wenn Cesare dies tatsächlich getan habe, müsse er den Verstand verloren haben. Zum Ende des Winters tauchte die Dame von ganz alleine wieder in der Öffentlichkeit auf und erklärte, sie wolle lieber in ein Kloster als zurück zu ihrem Mann. Sie überlegte es sich dann anders und schenkte ihrem Mann noch vier Kinder.

    Im Frühjahr 1501 erfolgte der zweite Sturmangriff auf Faenza, wieder holten sich Cesares Söldner eine blutige Nase, sie verloren 400 Mann bei der Attacke. Anerkennend äußerte Cesarte, mit einem Heer bestehend aus Bürgern Faenzas könne er ganz Italien erobern. Er musste den französischen König um Hilfe anpumpen. Erst mit den 2.000 Männern, die Louis XII. schickte, gelang die Niederwerfung von Faenza. Die Bürger hatten den Jähzorn des Siegers gefürchtet, aber Cesare zeigte sich ungewohnt milde. Offenbar war er gekommen, um zu bleiben, sie sollten von nun an seine Untertanen sein. Diese Milde hatte jedoch seine Grenzen, auf den beliebten Astorre Manfredi erstreckte sie sich nicht. Cesare behandelte ihn mit ausgesuchter Höflichkeit, doch Astorre stellte ein dauerhaftes Risiko für Cesares Herrschaft dar. Nüchtern notierte der päpstliche Schreiber Burchard: „Am Donnerstag, 9. Juni 1501, fand man im Tiber erstickt und tot mit einer Armbrust am Hals den Herrn von Faenza, einen jungen Mann von etwa 18 Jahren, so schön an Aussehen und Gestalt, dass man unter 1000 Altersgenossen keinen seinesgleichen hätte finden können, ferner zwei junge Leute, die mit den Armen aneinander gebunden waren, einer von 15, der andere von 25 Jahren, bei ihnen eine Frau und viele andere.“

    Im Jahre 1501 kassierte Cesare weitere Festungen in der Romagna ein und verband auf diese Weise seine räumlich voneinander getrennten Stadteroberungen allmählich zu einem einheitlichen Herrschaftsgebiet. Alexander VI. betrachtete es mit väterlichem Wohlwollen und erhob Cesare am 15. Mai 1501 zum Herzog der Romagna und damit zum erblichen Herrscher über die von ihm eroberten Gebiete. Die Säkularisierung des Kirchenstaates war damit eingeleitet, die Borgia kamen ihrem strategischen Ziel näher.



    Bald darauf brach Cesare mit seinen Truppen Richtung Florenz aus, was dort Entsetzen auslöste. Man beeilte sich, ihm Geld zu geben, verbunden mit der Erlaubnis, das bisher unter dem Schutz von Florenz stehende Piombino zu erobern. Cesare konnte damit sehr zufrieden sein. Dumm war nur, dass Florenz seinerseits unter dem Schutz von Frankreich stand. Louis XII. meldete sich aus Paris düster zu Wort und ermahnte den Borgia, mit seinen Truppen das Gebiet um Florenz zu räumen. Apropos Frankreich: Wie erwähnt einigten sich Frankreich und Spanien darauf, Neapel unter sich aufzuteilen. Im Jahre 1501 gingen sie daran, diese Abmachung zu realisieren. Der Grundsatz von Alexanders Politik, keine fremde Großmacht in Italien Fuß fassen zu lassen, geriet ins Wanken. Nun drohte plötzlich die Gefahr, dass sich gleich zwei Großmächte in Süditalien unmittelbar an der Grenze des Kirchenstaates festsetzten. Alexander, der schon miterlebt hatte, welche Schwierigkeiten ein Herrscher wie Ferrante dem Kirchenstaat machen konnte, sah genau die Gefahren, die dem Kirchenstaat drohten, wenn sich Neapel nun zwei Mächte vom Kaliber Frankreichs und Spaniens niederlassen würden.

    Politisch fügte sich der Papst in das Unvermeidbare. Am 25. Juni 1501 segnete er in einer Bulle die im Vertrag von Granada beschlossene Teilung Neapels ab. Louis XII. sollte als König von Neapel die Lavoro und die Abruzzen erhalten. Fernando wurden Apulien und Kalabrien als päpstliches Lehen zugesprochen. Die Bulle bezeichnete das gesamte Königreich als päpstliches Lehen, das dem vertriebenen König Frederigo mit der Begründung entzogen wurde, er habe verräterische Verbindungen zu den Türken aufgenommen. Als Herzog von Valence war Cesare dem französischen König verpflichtet, ihn auf seinem Feldzug gegen Federigo zu begleiten. Dabei besudelte Cesare seinen Ruf ein weiteres Mal, als seine Truppen die Stadt Capua einnahmen und 4.000 Einwohner, vom Kind bis zum Greis, niedermetzelten. Ein Blutbad, wie es die Renaissance noch nicht erlebt hatte. Federigo musste nach dieser Tragodie aufgeben, Louis XII. wurde König, und Alexander VI. zog die Lehen der Colonna, Savelli und Gaetani in Neapel für sich ein.



    Die Borgia waren jetzt so stark geworden, dass selbst ihre Gegner in Rom den Schulterschluss zu ihnen suchten. Sogar die noch unbezwungenen Orsini boten einen Ehemann für Lucrezia an, um das Verhältnis zu verbessern. Alexander trat dem Angebot der Orsini scheinbar aufgeschlossen entgegen, in der Sache selbst unternahm er aber nichts. Er hatte mit Lucrezia andere Pläne. Selbst eine Ehe Lucrezias mit dem englischen König Henry VIII. (der mit den vielen Ehefrauen) stand zur Debatte. Die dritte Ehe Lucrezias wurde am 30. Dezember 1501 mit Alfonso d'Este, dem Sohn und Erben des Herzogs von Ferrara geschlossen. Die Übergabe der stattlichen Mitgift verzögerte sich um einige Tage, weil die Beamten Ferraras in dem Schatz, den die Borgia ihnen vorgelegt hatten, zu leichte Münzen und Falschgeld fanden. Sie prüften nun alles noch einmal in Ruhe durch. Erst am 6. Januar 1502 konnte Lucrezia ihre Reise unter diesen peinlichen Umständen von Rom nach Ferrara antreten. Sie wurde zunächst skeptisch in Ferrara aufgenommen, weil sie ja als Borgia einen schlechten Ruf hatte. Doch Lucrezia war persönlich gereift und es gelang ihr, mit umsichtigen und gerechtem Verhalten das Vertrauen und die Zuneigung ihrer neuen Untertanen zu gewinnen.



    Nach dem Ende des Winters konnte Cesare seinen dritten Feldzug in der Romagna in den Blick nehmen. Die Güter der römischen Barone waren, mit Ausnahme der Orsini, von den Borgia an sich gerissen worden. In Ferrara war Lucrezia mit dem zukünftigen Herzog verheiratet. Nur die Herren von Bologna, Urbino, Camerino und Sebigallia sowie die von Cesares drei Söldnerführern beherrschten Gebiete waren innerhalb des Kirchenstaates noch nicht in Gewalt der Borgia. Doch Alexander VI. hatte Probleme, seinem Sohn den Feldzug zu finanzieren, zu teuer war die Mitgift für die Eheschließung gewesen. Mit solchen Herausforderungen fertig zu werden, war dem Papst aber noch nie schwergefallen, im Sommer 1502 bekam Cesare jedenfalls wieder genügend militärischen Nachschub. Einige Zeit zog Cesare mit seinem Heer umher, um unter den potentiellen Opfern Verwirrung zu stiften, gegen wen sich sein nächster Angriff denn nun richten würde.



    Cesare zog sein Heer auseinander und mit einer plötzlichen Bewegung umstellten seine Truppen Urbino. Herzog Guidobaldo von Montefeltro sah zu, dass er rasch die Flucht ergreift. Bald darauf hatten Cesares drei Kondotierri nicht nur Urbino, sondern auch Camerino erobert. Im Jahre 1502 hielten sich wichtige Persönlichkeiten in der Umgebung Cesares auf, zum Beispiel Niccolo Machiavelli und Leonardo da Vinci. Cesare war der Mann der Stunde, der perfekte Fürst der Renaissance. Selbst Florenz musste nun wieder befürchten, von ihm überrollt zu werden. Und erneut war es der französische König, der den Borgia zurückpfiff.

    Cesare verdoppelte in nur zwei Wochen die Zahl seiner Truppen, und er warb nur die besten Soldaten an: Schweizer Söldner, Infanteristen des Kondotierre di Lamone sowie einige hundert Gascogner. In Italien wurde den Fürsten klar, dass die Borgia kaum noch zu bändigen waren, außer durch ihren Schutzherren Frankreich.Sie fragten sich, ob es nicht höchste Zeit war, die Borgia zu vernichten, bevor sie dieser Drache alle verschlingen würde. Wenn sie gemeinsam gegen Cesare standen, war er bezwingbar, aber man hatte Angst vor dessen Schutzherren Louis von Frankreich, mit dem Cesare trotz allem ein wohl gutes Verhältnis hatte. Cesare witterte jeden möglichen Verrat in seiner Umgebung und ging daran, die Front seiner Gegner zu spalten, sei es mit Drohungen, Erpressungen oder Schmeicheleien. Da ging er ganz nüchtern dran: Cesare kalkulierte mit kühlem Kopf, ob es vorteilhafter sei, seinen Gegenüber herzlich zu umarmen oder ihm die Kehle durchzuschneiden. Das war für ihn einerlei.

    Viele bekamen es angesichts dieses skrupellosen Gegners mit der Angst zu tun und suchten den Ausgleich mit Cesare. Mittlerweile hieß es, sogar Papst Alexander VI. habe Furcht vor seinem Sohn. Es waren dann die Kondotierri, die den Mut zusammennahmen und einen Beistandspakt gegen Cesare schlossen, freilich ohne über einen Plan oder eine abgestimmte Strategie zu verfügen, wie sie ihm beikommen sollten. Offenbar bekam Cesare Wind von den Verschwörern, aber er verhielt sich militärisch erst einmal ruhig. Während ganz Italien rätselte, welchen Schritt er als nächstes unternehmen würde, schaffte er Ordnung in seinem Herzogtum. Ein übermäßig harter Statthalter wurde am Morgen des 25. Dezember 1502 auf dem Markplatz von Cesena aufgefunden, seine Leiche im vollen Brokatgewand war zweigeteilt. Tja, gibt ja die Evententscheidung mit dem harten Statthalter – minus zehn Prestige oder minus eins Stabilität. Wir sind uns wohl einig, welche Wahl Cesare da getroffen hatte.

    Plötzlich ging Cesare militärisch gegen die verschwörerischen Kondotierri vor und zerschlug ihre Streitkräfte. Die Gefahr für ihn war gebannt, er lud die drei Kondotierri zu einem Gespräch ein, bei dem die Versöhnung verhandelt werden sollte. Das Treffen fand am 31. Dezember 1502 statt, und Cesare tat seinem fürchterlichen Ruf alle Ehre: Entgegen seiner Garantien ließ er die drei Kondotierri verhaften und zwei von ihnen direkt erdrosseln. Lediglich bei dem verbliebenen Orsini musste Cesare sich erst in Rom rückversichern, was er tun solle. Die Orsini hatten schließlich einige Macht in Rom. Alexander VI. reagierte, indem er den Orsini-Kardinal verhaften und in den Kerker des Vatikans werfen ließ. Auf die Nachricht von der gelungenen Gefangennahme des Kardinals Orsini ließ Cesare dann am 18. Januar 1503 auch den dritten Kondotierre erwürgen. Die Rebellion der Söldnerführer war grausam niedergeschlagen. Einen Monat nach seiner Verhaftung starb der Kardinal Orsini in seinem Gefängnis, vermutlich hatte Alexander VI. ihn vergiften lassen.

    Wer in der Toskana bis jetzt noch Widerstand geleistet hatte, sah zu, dass er sich gut stellte mit den Borgia. Die unabhängigen Städte Italiens gab es nicht mehr, sie waren politisch aufgesaugt worden: Mailand und Florenz standen unter dem Einfluss Frankreichs, ebenso die Romagna Cesares als Teil des Kirchenstaats. Neapel war zwischen Frankreich und Spanien aufgeteilt worden. Lediglich Venedig, Bologna und Ferrara hatten eine gewisse Unabhängigkeit bewahren können. Aber Ferrara war ja über Lucrezia mit den Borgia verbündet. Die ganze Macht über die Toskana lag zum Greifen nahe. Nächstes Opfer sollte Siena werden. Cesare beschuldigte dessen Herrscher Petrucci, Teil der Verschwörung gewesen zu sein und erzwang so, dass die Bürger ihn ins Exil schickten. Großmütig ordnete Cesare an, dass Lucca den abgesetzten Petrucci wohlwollend aufnehmen solle. Petrucci war nicht doof und ließ sich nicht täuschen. Cesares Schergen warteten vergeblich auf ihn an dem Weg, den er von Siena nach Lucca hätte nehmen müssen, Petrucci hatte eine andere Route gewählt.
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

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