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Thema: [CK2/EU4] Schwer ruht das Haupt, das eine Krone drückt

  1. #481
    Benutzter Registrierter Avatar von jeru
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    Sehr schön geschrieben und auch sehr gut nachvollziehbar dargestellt.
    Ich bin schon gespannt auf das nächste Kapitel!

  2. #482
    The passion of lovers Avatar von Mark
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    Der unheimliche Papst



    Der unheimliche Papst

    Alexander VI.
    Papst und Oberhaupt der katholischen Kirche von 1492 bis 1503, lebte 1431-1503
    Startdatum: 11. November 1444


    Als die gelungenste Inkarnation des Teufels auf Erden wurde Rodrigo Borgia bezeichnet. In der Tat ist es schwierig, ein Verbrechen oder Laster zu finden, das nicht mit Alexander VI., so sein Name als Papst, oder seinen Kindern Cesare und Lucrezia in Verbindung gebracht worden ist. Der Name Borgia steht gleichermaßen für hemmungslose Macht und Geldgier, Mordlust, Korruption und sexuelle Ausschweifungen. Dieser Papst Alexander war ein Prototyp des modernen Mafia-Paten, Cesare ein Vorbild für Machiavellis perfekten Fürsten der Renaissance, dem die Staatsräson mehr zu gelten hatte als die Moral.

    Dass sie über die Jahrhunderte eine solche Berühmtheit erlangen würde, war den Borgia gar nicht in die Wiege gelegt worden. Die Borgia gehörten Anfang des 15. Jahrhunderts lediglich zum mittleren Adel Kataloniens, ihre spanische Schreibweise ist Borja. Man munkelte später, die Borja seien ursprünglich Juden gewesen, die zum Christentum übergetreten waren. Welches Blut auch immer in den Adern der Borgia geflossen sein mag, sie fühlten sich jedenfalls als Spanier. Begonnen hatte der historische Aufstieg der Familie im Sommer 1429 auf Peniscola, einer gewaltigen, von den Templern errichteten Festung bei Valencia. Hier sollte der 50jährige Alonso Borgia im Auftrag des Königs von Aragon den letzten Gegenpapst des Avignon-Schismas zum Rücktritt bewegen. Dieser Gegenpapst nannte sich Clemens, der Milde, was der Realität überhaupt nicht entsprach. Eher zeichneten Grausamkeit und Stolz den Charakter von Clemens aus. Wir kennen die Situation mit dem spanischen Gegenpapst aus dem Kapitel über Sigismund und dessen Konstanzer Konzil von 1415: Einer der drei konkurrierenden Päpste (Benedikt XIII.) hatte sich geweigert, sein Amt niederzulegen und sich nach Peniscola zurückgezogen. Der Kaiser und die christliche Welt hatten den halsstarrigen Alten schließlich ignoriert, und Benedikt tat bis zu seinem Tod 1423 einsam weiter so, als sei er der rechtmäßige Papst. Sein Nachfolger wurde eben jener Clemens, den nun Alonso Borgia bequatschen sollte. Und er hatte Erfolg, Clemens erklärte 1429 seinen Rücktritt als Papst. Die letzte Fußnote des Abendländischen Schisma hatte ein Ende gefunden.

    Der amtierende Papst Martin V. dankte es Alonso Borgia mit dem Amt des Bischofs von Valencia. Das war das Sprungbrett für den Aufstieg. Alonso übte das Amt 15 Jahre lang vorbildlich aus, bis er 1444 zum Kardinal ernannt und an den päpstlichen Hof gerufen wurde. Dies wiederum war die Belohnung des Borgia für eine erfolgreiche Vermittlung in einem Streit zwischen Papst Eugen IV. und dem König von Aragon.



    Wir sind also bereits in dem Jahr, in dem EU4 beginnt: Eugen IV. ist Papst, Alonso Borgia einer jener namenlosen Kardinäle im Menüfenster des Heiligen Stuhls. In Rom machte Alonso einen ordentlichen Job und trat bescheiden auf. Das war auch klug so: Wirklich Macht hatte er als Katalane in Rom nicht, die alten römischen Familien der Colonna und Orsini bestimmten über Wohl und Wehe in der Stadt.

    Diese beiden Familien wollten natürlich auch den Heiligen Stuhl mit einem ihrer Angehörigen besetzen. Die Wahl eines neuen Papstes wurde im März 1455 notwendig, weil Papst Nikolaus V. verstarb. Doch bei den Wahlgängen konnte sich keine der beiden Seiten mit ihren Kandidaten durchsetzen. Man einigte sich schließlich auf einen Kompromisskandidaten: auf Alonso Borgia, den rechtschaffenden Kardinal von Valencia ohne Hausmacht und – angesichts seines Alters von 76 Jahren – mutmaßlich überschaubar langen Amtszeit. So mancher Römer argwöhnte, dass ein Ausländer auf dem Heiligen Stuhl Platz nahm. So unrecht hatten sie nicht, denn Calixt III. (so nannte sich Alonso Borgia nun) besorgte hunderten Familienmitgliedern und Anhängern Posten an der Kurie, auf einmal mehrten sich hier die katalanischen Namen.



    Natürlich vergaß Calixt nicht, seine beiden Neffen zu berücksichtigen: Don Pedro Luiz wurde Präfekt sowie Herzog von Spoleto, Rodrigo Borgia erhielt 1457 den einflussreichen Posten des Vizekanzlers an der Kurie. Die Amtszeit von Calixt fiel in die Zeit unmittelbar nach dem Fall von Konstantinopel an die Osmanen, man kann sich also vorstellen, was seine Politik bestimmte. Sein Pontifikat war wie erwartet nicht von langer Dauer, schon 1458 lag er im Sterben.

    Für die Borgia, darunter Rodrigo, eine gefährliche Situation, denn es hatte schon Tradition, dass nach dem Tod eines Papstes die Karten in Rom neu gemischt und mit den Günstlingen des alten Papstes aufgeräumt wurde. Die Orsini organisierten in Rom schwere Unruhen, die Pedro Luiz zur Flucht aus der Stadt veranlassten (natürlich mit prall gefüllten Schatztruhen). Rodrigo hingegen beschritt den entgegengesetzten Weg: Er kam zurück nach Rom, um seinem Onkel bei dessen Agonie persönlich beizustehen. Eine mutige Entscheidung, die einiges von Rodrigos ausgeprägtem Familiensinn zeigt, hier im positiven Sinn. Das Schicksal bestrafte den geflohenen Pedro Luiz prompt: Während Rodrigo die Unruhen ohne Schaden an Leib und Leben überstand, kam Pedro Luiz um. Es ist nicht sicher, ob es die Malaria oder der lange Arm der Orsini gewesen ist.

    Rodrigo Borgia musste nach dem Tod von Calixt III. zusehen, was aus ihm werden würde. Wie gesagt, noch immer hatten neue Päpste auch einen neuen Kanzler ernannt. Das forderten natürlich auch jetzt die Gegner der Borgia, doch sie fanden keine Mehrheit im Kollegium der Kardinäle: So mancher fürchtete, dass dieselben Korruptionsvorwürfe, die man gegen den Borgia erhob, anschließend auch gegen einen selber verwendet werden könnten. In der anschließenden Papstwahl gab es harte Auseinandersetzungen zwischen dem italienischen Kandidaten Piccolomini und dem Franzosen Estouteville, es herrschte ein Patt zwischen den rivalisierenden Lagern. Mit demselben kaltblütigen Mut, durch den sich Borgia nach dem Tode von Calixt in Rom behauptet hatte, erklärte er in dieser Situation, für Piccolomini zu stimmen. Das war die Entscheidung, die zur Wahl des Italieners zu Papst Pius II. führte. Man kann sich vorstellen, dass Piccolomini dem Borgia dafür ziemlich dankbar war und ihm erneut den Verbleib auf dem Posten des Vizekanzlers antrug. Die Amtsenthebung, die noch wenige Tage zuvor diskutiert worden war, war damit vom Tisch. Der 26jährige Borgia hatte mit Abstand am höchsten gespielt und dabei alles gewonnen, er überstand den Wechsel an der Kirchenspitze politisch ohne Schaden.

    Pius II. war anschließend von 1458 bis 1464 Papst, ein bedeutender Humanist, Poet und Gelehrter. Die Wahl seines Namens war eine Reminiszenz an „pio Enea“ des antiken Schriftstellers Vergil. In CK2 wäre er wohl einer mit den grünen Eigenschaften (Tugenden) und einem hohen Frömmigkeitswert. Politisch versuchte er, dem Papsttum die alte Geltung zu verschaffen, sorgte sich um die Türkengefahr (einen Kreuzzug vermochte auch er nicht auf die Beine zu stellen) und stritt sich mit dem böhmischen König Georg von Podiebrad, der seiner Meinung nach den hussitischen Kräften in Böhmen allzu nahe stand. Pius II. interessierte sich auch für Baumaßnahmen, wie sie typisch war für die Mäzen der Renaissance. Hier konnte ihm sein Vizekanzler Rodrigo Borgia gerne behilflich sein. Borgia nutzte die Jahre natürlich, um seine Position an der Kurie abzusichern. Nur einmal geriet er mit seinem Vorgesetzten, dem Heiligen Vater, aneinander, der Grund sollte typisch sein für das Naturell Rodrigos: Es ging um eine luxuriöse Feier, die Borgia in Siena abhielt, als er dort zu Gast war. Die Nacht über vergnügte er sich gemeinsam mit anderen ausgiebig mit den Sieneser Damen, für deren Anwesenheit Borgia gesorgt hatte. Die ausgesperrten Männer aus Siena kochten vor Wut, es waren ihre Frauen, Schwestern und Töchter, die auf der Lustparty benutzt wurden. Bei Gott, wenn alle diejenigen, welche innerhalb eines Jahres in Siena geboren werden, in den Kleidern ihrer Väter zur Welt kämen, müssten sie alle Priester oder Kardinäle sein“, schimpften sie.

    Gegenüber Pius II. war das Verhalten Borgias und der anderen Geistlichen schlicht eine Frechheit, er schrieb dem Vizekanzler eine zornige Rüge. Pius war zwar selber eine Lebemann, aber er stammte aus keinem anderen Ort als Siena. Kein Wunder also, dass die Beschwerden aus seiner Heimatstadt in persönlich betrafen. Innerhalb Italiens war das Bündnisgeflecht schon so kompliziert genug. Wie bei einem Schachbrett waren die Städte kreuzweise untereinander verbündet, um sich jeweils gegen ihre verhassten Nachbarn abzusichern. Der Papst hielt es zu dieser Zeit mit Mailand und Urbino gegen Neapel und der Romagna.

    Zu der Zeit, als Pius II. 1468 starb, war auch Borgias Leben in Gefahr. Er hatte sich offenbar eine Geschlechtskrankheit zugezogen, ein ungünstiger Zeitpunkt für das bevorstehende Konklave, auf dem der neue Papst gewählt werden musste. Mit der ihm eigenen Zähigkeit überwand er die Krankheit und platzierte einen Kandidaten zur Wahl und hatte wieder Erfolg: Am 30. August 1464 wurde es der Venezianer Barbo, der den Borgia in der schweren Zeit nach dem Tod „ihres“ Calixt III. geholfen hatte. Selbst der Wahlakt an sich war ein Erfolg, denn er musste unter den berüchtigten Unruhen in Rom vonstatten gehen, wie sie wieder einmal im Anschluss an den Tod eines Papstes ausbrachen. Barbo war 48 Jahre jung und bei guter Gesundheit, und er zeigte bald nach der Wahl, dass er nicht das willfährige Instrument sein sollte, wie man sich das vorgestellt hatte. Barbo nahm nach einigen Diskussionen den Namen Paul II. an und war in gewisser Weise das Gegenteil seines Vorgängers Pius, denn er konnte kein Latein, war überhaupt kein Freund der Bildung, und lehnte die Renaissance ab. Trotz seines eher jungen Alters regierte Paul II. nur sieben Jahre lang, das mag an seiner Leidenschaft für Prunk liegen. Das fanden die Römer nicht weiter schlimm, mehr irritierte sie, dass Paul sich weigerte, Todesurteile zu unterzeichnen: „Das Leben ist eine zu herrliche Sache, als dass es der Mensch selbst vernichten dürfte.“ Selbst Franz von Assisi hätte dies nicht schöner sagen können. Politisch interessierte Paul II. sich für administrative Fragen, da war er fähig, streng und gerecht. Mit den Osmanen dagegen mochte er sich nicht beschäftigen. Er müsste in EU4 also als 4-2-1 Herrscher oder ähnliches auftreten.
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    Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten.

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